Humanistische Grundforderungen für einen zeitgemäßen Schulunterricht

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722px-Garner_beim_UnterrichtHermann Geyer stellt uns einen Text aus seiner Denkfabrik zur Verfügung mit der folgenden inspirierten Einleitung (zu dem wb  dies inspirierende Bild spendiert, Xocolatl, Wikimedia Commons):

Damit es nicht dauernd so ausschaut, als würde ich nur lamentieren über die bejammernswerten Zustände allenthalben: Nachdem zuletzt mehrfach Indoktrinierung Diskussionsthema war habe ich mich davon zur Formulierung von abhelfenden Richtlinien inspirieren lassen. (Oder vielleicht bin ich auch einfach inspiriert worden, das weiß man bei all den Spiritussis, von denen angeblich manche wehen, wo sie wollen, ja nie so ganz genau.)

Dahinter stehen natürlich Strategieüberlegungen, wie man den Religionen ein bisschen am Zeug flicken könnte. Aber ich glaube, am besten geht das, wenn solche Richtlinien nicht nur seriös aussehen, sondern auch sind. Hier also mein erster Vorschlag:

 

Humanistische Richtlinien für einen zeitgemäßen Schulunterricht

entsprechend den Paradigmen des heutigen Standes des Wissens, des Erkenntniszuganges, der Wissenschaften sowie der Menschen- und Kinderrechte

und zur Abwehr ideologisch indoktrinierender Wissensvermittlung

1. Ob bzw. wie sehr ein schulisch vermittelter Inhalt weltanschaulich oder wissenschaftlich umstritten ist muss begleitend thematisiert werden.

2. Dem Kind soll nahegebracht werden, dass es vor Grundfragen steht, die Grundentscheidungen nötig machen (werden):

2.1 Traue ich mehr dem eigenen Denken – oder mehr dem, was mir andere sagen?

2.2 Wie gehe ich um mit Behauptungen, die ich nicht nachprüfen kann?

2.3 Will ich mir für solche Grundentscheidungen ausreichend Zeit lassen?

2.4 Was mache ich, wenn jemand, der mir etwas einreden will, dabei einen Nutzen für sich anstrebt?

2.5 Wie stufe ich es ein, wenn schwer verständliche Inhalte suggestiv immer neu wiederholt werden?

2.6 Wie stufe ich es ein, wenn sich das Gottesbild, das mir im Lauf der Zeit geschildert wurde, stark verändert hat?

Dazu erst einige allgemeine Anmerkungen:

Dass alle Punkte dazu angetan sind, Religion (oder Ideologie) kritisch zu sehen, ist klar. Die Schwachstellen der religiösen Vermittlung sind ja ziemlich direkt angesprochen. Dennoch stehen dahinter neutrale, auch von Religionen (zumindest als Lippenbekenntnis) vertretene Werte wie Offenheit oder umfassende Darstellung der Lebenswirklichkeit. Dazu gehört ja auch Religion, die meiner Überzeugung nach in der Schule nicht totgeschwiegen werden sollte, sondern über die so vollständig informiert – also mit ausreichend kritischen Gegenargumenten – werden sollte, dass für die dann anstehende Grundentscheidung eine gute Basis gelegt ist. Und natürlich stehen dahinter auch Werte bzw. Ziele wie Mündigkeit, selbstständiges kritisches und vernünftiges Denken, Balance zwischen Vertrauen und kritischer (Grund-)Haltung, Fähigkeit zur persönlichen Urteilsbildung, selbstbestimmte Lebensführung.

Taktische Gesichtspunkte: 

Seriös und neutral formulierte Forderungen (noch dazu teilweise als bloße Fragen, auf die die Kinder und natürlich auch deren Eltern aufmerksam gemacht würden) machen es den Religionen schwer, sie abzulehnen. Meiner Einschätzung könnten dem auch viele Kirchenmitglieder, sogar manche Pfarrer, zustimmen und bloß die Bischöfe und erzkonservative Kreise würden eine durchgehende Mauer machen. Und wenn auch nur ein Teil davon umgesetzt würde wäre es ein Riesenfortschritt, aber wenn es abgelehnt (und öffentlich darüber diskutiert) wird, droht den Religionen ein Gesichtsverlust.

Um die Hürde für die Religionen nicht allzu hoch zu machen tendiere ich dazu, 2.4 bis 2.6. zunächst überhaupt wegzulassen.  (Sogar Punkt 1. allein würde schon vieles ändern.)

Neben der Schule sollten solche Richtlinien dann natürlich auch für öffentlich-rechtliche Medien gelten.

Und jetzt noch konkret zu den einzelnen Punkten:

Punkt 1 sollte im Unterricht in verschiedenen Fächern etwa bewirken:

In Rechnen / Mathematik kann / soll von Schuleintritt an nebenbei gelegentlich erwähnt werden, dass es /sie praktisch universell gültig ist (das würde vielleicht sogar die allgemeine „Begeisterung“ für Mathe ein bisschen anheben).

Bei Sprachen: es gibt auch andere, ….

In Naturwissenschaften: Das Wissen ist im Fluss, aber hier in der Schule lernt ihr meistens etwas, worüber schon lang nicht mehr diskutiert wurde, was also recht gut gesichert erscheint.

In Religion (bzw. über Religion in anderen Fächern, wenn die Konfessionen das selber so nicht aussprechen wollen): Ob es "diesen" Gott tatsächlich "so" gibt etc. ist umstritten, viele glauben ganz anderes, …

ad 2.1: Das sehe ich durchaus als Gratwanderung für Kinder wie für Erwachsene, weder Selbstüberschätzung noch Hörigkeit ist anzustreben, ganz generell.

ad 2.2: Erster sinnvoller Schritt ist wohl, die Vielfalt der Meinungen anzuschauen.

Generell gehört natürlich gut überlegt, was jeweils in welcher Form (altersgerecht) Kindern zugemutet werden kann, das ist selbstverständlich. Das müssten dann im Detail ohnehin Fachleute ausarbeiten.

Jetzt wäre schön, wenn es einige Kommentare dazu gäbe. Es in meinem eigenen Saft weiterschmoren zu lassen bringt nicht viel. Vielleicht gibt es so was eh schon irgendwo? Oder was sollte man ändern, ergänzen, ….?? Oder ganz andere Aspekte??? „Pferdefüße“????

Dr. Hermann Geyer (Jahrgang 1951) ist Systemanalytiker und Gründungsmitglied einer Initiative gegen religiös motivierte psychische Gewalt.

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5 Antworten auf Humanistische Grundforderungen für einen zeitgemäßen Schulunterricht

  1. Aus dem Parteiprogramm der Initiative Humanismus zu Bildung und Ausbildung:

    http://wiki.initiativehumanismus.de/doku.php?id=parteiprogramm:bildung_und_ausbildung

  2. Was ist von diesem religiösen Glauben, der zum großen Teil noch die Welt regiert, zu halten? Für einen Gläubigen im religiösen Sinne kennzeichnet das Wort Glaube seine innere Haltung, es drückt sein völliges Vertrauen in die Gültigkeit der religiösen Thesen, nach denen er lebt, aus. Er glaubt fest daran, dass es den Gott, wie ihn die Religionsgemeinschaft beschreibt, wirklich gibt, auf den er sich völlig verlassen kann, auf dessen Aufrichtigkeit er jederzeit bauen kann.

    Ein Gläubiger ist also von etwas überzeugt, das sich, und das gibt er auch unumwunden zu, jeglicher rationaler Beweisfähigkeit entzieht. Ist er dadurch zugleich unangreifbar geworden? Nein, denn ein gläubiger Mensch weiß von dem, was er eigentlich als Wahrheit ansieht, nichts, sondern er glaubt nur, zu wissen. Er schaltet beim Thema Religion seinen ansonsten eher vernunftgesteuerten Verstand einfach aus. In seinem Glauben glaubt er dann Dinge, die er nur aus dem Mund der Religionsvertreter kennt, und damit glaubt er unbesehen, was ihm fremde Menschen erzählen. Er glaubt an einen Gott, den er noch nie im Leben gesehen hat, der noch nie irgendetwas zu ihm gesagt hat, und der nachweislich nichts für ihn getan hat. Obwohl sicherlich einige das Gegenteil behaupten werden, weil sie die Bedeutung des Wortes "nachweislich" offenbar nicht kennen. Genauso gut könnte er felsenfest davon überzeugt sein, dass auf dem Planeten Mars eine hellgrüne Mauer steht.

    Das ist letztlich das Niveau eines religiösen Glaubens. Man glaubt an Heilige, an Engel, an Dämonen, an den Teufel und natürlich im Christentum an die drei Götter. Diese sollen Wesen sein, aber auch Personen. Dabei ist die Person Heiliger Geist besonders interessant, weil sich  jeder sofort etwas darunter vorstellen kann. Es macht eigentlich traurig, dass der denkende Mensch gegen so etwas antreten muss, denn beleidigt dieser religiöse Glaube nicht den Verstand?

  3. Hermann Geyer sagt:

    @ Frank Berghaus:

    Ich sehe meine Idee nicht in Konkurrenz zu diesem Parteiprogramm (das ich für gut halte) oder anderen ausführlichen humanistischen Grundsatzerklärungen. Solche Programme sind

    a) langatmig. Das geht nicht anders, aber es macht eine allgemeine öffentliche Diskussion darüber praktisch kaum möglich, weil die wenigsten (Journalisten und Bevölkerung) sich ausreichend damit befassen. Und sie enthalten

    b) einige Forderungen, die unter derzeitigen Verhältnissen praktisch einfach nicht durchsetzbar sind. Kirchen reden mit und sehen im Versuch, Religion aus der Schule zu verdrängen etwas, dem sie nicht zustimmen können, auf das sich ihre Abwehrreaktion sofort konzentriert und festbeißt. Sollte es trotz der Bedenken unter a) dennoch eine öffentliche Diskussion geben – sie würde nur mehr um b) kreisen.

    Eine öffentliche Diskussion wäre eher möglich, wenn eine Forderung gestellt wird, die kurz ist und deren Sinn bzw. Vorteil unmittelbar einsehbar ist. Dass es große Bedeutung hat, ob Lehrinhalte umstritten sind, ist bisher offenbar allzu vielen gar nicht aufgefallen. Wenn nur dieser eine Punkt mit Nachdruck zur Diskussion gestellt würde hätte es schon einigen Einfluß auf die allgemeine Bewußtseinslage. Und die Kirchen wären gezwungen, genau zu diesem Punkt sachlich Stellung zu beziehen, statt sich sofort als arme, ach-so-Verfolgte in Szene setzen zu können.

     

    @ Prof. Hillebrand

    Natürlich halte ich Religion auch für eine Beleidigung des Verstandes und bin dafür, dass sie nicht mehr so bevorzugt behandelt wird und reine Privatsache werden soll. Noch ist die Realität aber eine andere, Sie selbst schreiben vom  ... religiösen Glauben, der zum großen Teil noch die Welt regiert…

    Aber auch wenn Religion einmal Privatsache sein sollte halte ich es für richtig, Kinder darüber zu unterrichten, aber natürlich nicht konfessionell. So wie Sexualität ja auch Privatsache ist, und Sexualkunde dennoch Sinn macht. (Unterricht über Religion sähe ich dann eher als Schutzmaßnahme, denn religiös Gläubige werden sich nicht abhalten lassen, zu missionieren.)

    Die Erfüllung meiner Forderungen wäre weitgend möglich ohne bestehende Gesetze zu ändern. Konkordat, konfessionellen Religionsunterricht – das alles wird man nicht so schnell abschaffen können. Theoretisch könnten meine Forderungen dennoch verwirklicht werden, indem bloß Lehrpläne ergänzt werden.

    Ich erwarte jedoch eher nicht, dass das so schnell gehen kann. Aber eine breite Diskussion darüber, was es für Argumente gegen Religion gibt, wäre erreichbar.  Ich kenne die deutsche Situation natürlich nicht so genau, aber in Österreich hat es bisher eine solche Diskussion nicht gegeben.

  4. @Hermann Geyer:

    Wenn wir in Berlin 2016 zur Wahl antreten, werden wir das sicherlich nicht mit diesen grundsätzlichen Erwägungen tun, sondern uns zwei drei griffige Punkte (angepasst an die Berliner Situation) herausgreifen und propagieren.

    Das ist eben der Unterschied zwischen einem (ausführlichen) Parteiprogramm und einem Wahlprogramm. Da machen Sie sich bitte keine Sorgen. Wir denken schon an griffige Formulierungen.

    Ich habe übrigens unser Programm auch nicht im Gegensatz zu Ihren Überlegungen gesehen. :-)

  5. Hermann Geyer sagt:

    @ Frank Berghaus 21. März 2014 um 21:41

    Meine Sorgen sind vorrangig aus der Beobachtung österreichischer Abläufe entstanden. Da gab es voriges Jahr das Volksbegehren gegen Kirchenprivilegien, einerseits ein Riesenerfolg angesichts langjähriger Stagnation vorher. Die Euphorie, die sich bei der Vorbereitung des Volksbegehrens einstellte, hat aber dazu geführt, dass unrealistische Ziele (Konkordat kündigen, …) hinausposaunt wurden, wodurch es den konservativen Gegenkräften ein Leichtes war, eine Gegenpropaganda zu führen. So wurde das Ganze eher als unübersichtliches, unsachliches und unnötiges Getue wahrgenommen. Eine Fokussierung auf wichtige und niederschwellige Grundforderungen hätte eher eine Chance für eine breitere seriöse Diskussion gehabt. Tatsächlich ist aber letztlich eher der Eindruck einer Niederlage (zu geringe Zustimmung fürs Erzwingen einer parlamentarischen Behandlung) geblieben.

    Insgesamt (praktisch weltweit nach meinem Eindruck) hat es doch trotz erdrückender Argumente gegen religiöse Weltsicht in den letzten Jahren kaum irgendwo einen Durchbruch gegeben. Dass die religöse Seite an den Hebeln der Macht sitzt und mit Gott, Papst und Dalai Lama hervorragende Sympathieträger und Integrationsfiguren hat mag ein Grund sein. Aber falsche Taktik und Strategie kann eben auch einer sein.

    Zum Wahltermin 2016 denke ich, es wäre durchaus förderlich, sich schon im Vorfeld als Partei "griffig" (und realitätsbezogen!) in den Köpfen einzunisten.

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