Schule für Zauberei gesucht – Suchen Sie nicht weiter; gehen Sie nach Traunstein!

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AprilfbarnstarDr. Peter Hank (GWUP, Volkshochschule München) nimmt für wissenbloggt Stellung zu einem Thema, das nur am 1. April öffentlich werden dürfte (Bild: CommonsFromAfar3196, Wikimedia Commons). Entsprechend ist die Stimmungslage unseres Autors:

„Bei skeptischem Licht besehen“

Heute muss ich mir was von der Seele schreiben, was mich jetzt schon seit Monaten ärgert oder – wie Prof. Harald Lesch so schön sagte –

„Ich krieg so einen Hals!“

Bei mir ist es, dass ich erfahren habe, dass in Traunstein nicht nur eine Schule sondern gar eine „Hochschule“ für Zauberei Homöopathie eröffnet werden soll.

Zu meiner Zeit hat man an einer Uni (abgesehen vom Studentenleben) noch nach wissenschaftlicher Erkenntnis getrachtet.

Was es an meiner Uni nicht gab, waren Studiengänge zum Brauen von Zaubertränken nach Ritualen der „Potenzierung“ und der „Dynamisierungen“ (ist auch nur Verdünnen und Schütteln, aber hört sich gleich magischer an).

Uns wurden solche mystischen Vorstellungen vorenthalten wie

  • Krankheiten werden nicht durch nachweisbare Ursachen wie Bakterien, Viren, krebsauslösende Stoffe oder genetische Defekte verursacht, sondern sind „dynamischen (geistartigen) Ursprungs“ (siehe Organon der Heilkunst, Hahnemann 1833 [1]) und
  • zu den Ingredenzien der Tränke gehören Tyrannosaurus rex[2], Mondlicht[3] oder Vakuum[4], aber auch Hundehaufen[5] (Excrementum caninum) oder Eiterflüssigkeit aus dem Krätzebläschen[6] (Psorinum) und
  • beim Schütteln kommt es darauf an, dass man positive Gedanken denkt [7].

Hand hoch, wer wird da nicht an einen
Harry Potter Roman erinnert wird?

Fehlt nur noch eine Mannschaft für Quidditsch.

Stoff für einen Fantasyroman ist also reichlich vorhanden, hingegen fehlt es an wissenschaftlichen Grundlagen, z. B. überzeugenden Experimenten

  • es fehlt schon jeder experimenteller Nachweis, dass bei den verwendeten Verdünnungen (weit weniger als ein Tropfen auf alle Weltmeere) noch irgendein Unterschied zum Lösungsmittel besteht,
  • hingegen funktioniert Physik und Chemie bestens, gerade weil es für ein Experiment egal ist, ob z. B. Wasser sich daran erinnert, ob es schon einmal durch eine Toilette gespült wurde;
  • als Nichtmediziner verweise ich zum Fehlen von Nachweisen der Homöopathie in placebokontrollierten, randomisierten Studien auf Prof. Edzard Ernst, ehemaliger Leiter der Abteilung für Komplementärmedizin an der Universität Exeter: „Homöopathika sind Placebos“ und Prof. Claudia Witt, Stiftungsprofessorin der Karl und Veronica Carstens-Stiftung (also gesponsort von einer Interessenvertretung zur Verbreitung der Homöopathie) an der Berliner Charité: "Metastudien, die die Wirksamkeit von homöopathischen Arzneien mit Placebo verglichen haben, zeigen widersprüchliche Ergebnisse. Demzufolge spielt die Wirkung der homöopathischen Medikamente nur eine geringe Rolle.“.

Bei der Theorie sieht es auch nicht besser aus, gleich zwei Voraussetzungen für eine wissenschaftliche Theorie werden verletzt:

  • Falsifizierbarkeit: Es fehlen prüfbare Aussagen, die zumindest im Prinzip eine Widerlegung zulassen: (Dagegen gibt es eine Vielzahl von Immunisierungsstrategien, die für jedes mögliche Ergebnis eine Erklärung bzw. Ausrede bereitstellen: Geht es dem Patienten besser, wirkt das Mittel; geht es ihm schlechter, war es die Erstverschlimmerung).
  • Widerspruchsfreiheit: So soll sich z. B. die Wirkung der Ursubstanz durch Verschütteln verstärken – nicht erklärt wird, warum das nicht auch für alle Verunreinigungen zutrifft, die ja genau denselben Verschüttelungsprozess durchmachen.
  • Wendet man Occams Razor an, dann liegt vielmehr der Schluss nahe, dass die Wirkung der Homöopathie auf dem gut nachgewiesenem und dokumentierten Placeboeffekt beruht (die meisten Krankheiten werden von allein besser und auch bei chronischen Krankheiten ist der Verlauf häufig von Aufs und Abs beim Befinden gekennzeichnet – man braucht sich nicht zu wundern, wenn eine Erkältung vergeht, egal ob oder womit man behandelt).

Als letztes möchte ich noch ein Argument anfügen, dass ich für mich das Gebrauchtwagenhändlerargument nenne. Wenn Homöopathie so gut funktionieren würde wie behauptet, dann wäre der entsprechende Passus im Sozialgesetzbuch (SGB Fünftes Buch (V) § 34) überflüssig.

Warum also werden Homöopathika im Gegensatz zu anderen Medikamenten davon ausgenommen, ihre Wirksamkeit über randomisierte und doppelverblindete Studien nachzuweisen?

Wie wäre ihr Vertrauen in einen Gebrauchtwagenhändler, der behauptet, seine Wagen würden  nur einen Tropfen Benzin verdünnt in einem Tank mit Wasser verbrauchen – der sie aber nicht Probe fahren lässt?

Und würden Sie einem Gebrauchtwagenhändler für ein kleines Fläschchen mit Zuckerkügelchen Benzintröpfchen dann 10 Euro zahlen?

Dennoch soll nun für Homöopathie nicht nur ein Studiengang angeboten werden, sondern es soll sogar ein Bachelor of Science, also ein akademischer Titel, vergeben werden.

Ich selber bin Physiker und ich habe mir meinen Titel hart erarbeiten müssen. Mir stinkt es gewaltig, dass mein Hochschulstudium jetzt dadurch entwertet werden soll, dass ein findiges Lehrinstitut meint, für Geld Titel in einer Pseudowissenschaft vergeben zu können.

Zum Zweiten wird so gezielt versucht, der Homöopathie den Anschein der Wissenschaftlichkeit zu verleihen. Leider nur gut für die, die mit Homöopathie Geld verdienen, aber schlecht für diejenigen, die eine ernsthafte Krankheit haben und die zugunsten der Homöopathie auf nachgewiesen wirksame Therapien oder Vorbeugemaßnahmen verzichten. Die in Deutschland wieder stärker werdenden Masern sind nur ein Warnzeichen, was passiert, wenn auf sinnvolle Maßnahmen verzichtet wird und leider müssen hier auch oft Unschuldige, die aus medizinisch sinnvollen Gründen nicht geimpft werden können, unter der Fahrlässigkeit anderer leiden.

Aus diesen beiden Gründen,

  • Entwertung der wissenschaftlichen Studiengängen und
  • unberechtigte Aufwertung einer Pseudowissenschaft

habe ich am 2.1.2013 einen Protestbrief an den Bürgermeister der Stadt Traunstein Herrn Kösterke, den Landrat Herrn Steinmaßl und die Wissenschaftsministerien von Bayern und Berlin geschrieben (Berlin, weil die Anerkennung des Studiengangs nicht in Bayern, sondern in Berlin mit Traunstein als Zweigstelle beantragt wurde – ich kann nicht beantworten, ob hier Bayern gezielt umgangen werden sollte).

Eine sehr freundliche und – so weit ich sehe – auch kompetente Antwort habe ich vom bayrischen Kultusministerium erhalten. Leider aber wird mir aus München mitgeteilt, dass für die wissenschaftliche Prüfung Berlin zuständig ist. Anscheinend reicht es aus, wenn ein Studiengang einmal irgendwo in der EU anerkannt worden ist; danach kann nach einer rein formalen Prüfung dieser Studiengang überall angeboten und Titel vergeben werden.

Geantwortet wurde mir auch aus dem Büro von Landrat Steinmaßl. Dort verlautet man mit der Homöopathiehochschule und dem Zulassungsverfahren nichts zu tun zu haben. Einzige Verbindung wäre rein geschäftlich: „Einziger Berührungspunkt der Akademie mit dem Landkreis Traunstein ist, dass der Landkreis Traunstein als Eigentümer eines geeigneten Gebäudes in Traunstein der Akademie Räumlichkeiten vermietet hat. Diese Vermietung erfolgt mit einer ortsüblichen, angemessenen Miete.“

Passt nur überhaupt nicht zu einer Pressemitteilung des Landratsamt Traunstein[8] vom 5.3.2012. Dort wird verlautet: „Landrat Hermann Steinmaßl sieht in der Hochschule einen weiteren wichtigen Baustein für die Bildung und die medizinische Versorgung im Landkreis Traunstein. Die Standort-Entscheidung der EUH war nach mehreren intensiven Gesprächen zwischen ihm und den Stiftungs-Verantwortlichen gefallen.

Das ist mehr als eine rein geschäftliche Beziehung, das ist Kollaboration!

Trotz Nachfrage hat sich der Landrat bzw. sein Büro  auch nicht zu den Widersprüchen zwischen seiner öffentlichen Begeisterung für die Homöopathie und der mir gegenüber vertretenen Position geäußert. 

Keine Antwort auf meinen Brief (auch auf zweites Nachhaken hin) habe ich aus Berlin und vom Bürgermeister von Traunstein Herrn Kösterke bekommen. Ziehen Sie Ihre eigenen Schlüsse daraus, warum eine Stellungnahme vermieden wird.

Öffentlich[9] ist Bürgermeister Kösterke jedenfalls nicht so zurückhaltend: „Der Gesundheitsstandort Traunstein profitiert von dieser Einrichtung."

Schön ist, dass inzwischen die Presse angefangen hat, sich mit der Sache – und auch durchaus kritisch – zu beschäftigen, z. B:

Focus, 01.03.2014: Vince Ebert :  Die Wahrheit über "Flaschengeister"
Cicero, 03.03.2014: Homöopathie als Studiengang
SWR 2, 25.02.2014: Neuer Studiengang für Homöopathie
Spiegel Online, 17.2.2014: Umstrittenes Homöopathie-Studium: Die Globulisierungs-Falle
Süddeutsche Zeitung, 27.3.2014: Ärger um die Kügelchen-Akademie

von vielen kritischen Blogartikeln ganz zu schweigen.

Außerdem gibt es inzwischen eine Online-Petition gegen den Studiengang in Traunstein:

https://www.openpetition.de/petition/online/gegen-die-akkreditierung-des-bsc-msc-homoeopathie-studiengangs-der-homoeo-akademie-traunstein

Wenn Sie auch der Meinung sind, Zauberei hat an einer Hochschule nichts zu suchen, könnten Sie hier mit Ihrer Unterschrift ein Zeichen setzen – ganz nach dem Motto der Alternativmediziner:

„wenn es auch nichts nützt, kann es nicht schaden“

oder wenn Sie statt Zauberei mit Science Fiction bevorzugen:

„Wir schreiben das Jahr 2014. Ich war dabei, als der Krieg mit den Schatten begann."

  1. http://www.homeoint.org/books4/organon/
  2. http://provings.info/liste.html
  3. http://www.remedia-homoeopathie.de/de/homoeopathie/Luna/a3063.html
  4. http://www.sunrise-versand.de/homoeopathie/422/vakuum-vacuum
  5. http://www.sesam-homoeopathie.com/index.php?siteID=30
  6. http://www.homeowiki.org/index.php/PSORINUM
  7. http://www.amazon.de/Kr%C3%A4uterelixiere-Die-selbstgemachte-Hausapotheke-Hausapotheke/dp/390161821X
  8. http://www.chiemgau24.de/chiemgau/traunstein/traunstein/traunstein-wird-hochschulstadt-ch24-1683079.html
  9. http://www.sueddeutsche.de/bayern/bachelor-fuer-homoeopathen-aerger-um-die-kuegelchen-akademie-1.1922649

 

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5 Antworten auf Schule für Zauberei gesucht – Suchen Sie nicht weiter; gehen Sie nach Traunstein!

  1. Peter H. sagt:

    Update:

    Anscheinend tut sich was in der Sache: Es hört sich fast zu gut an um wahr zu sein:
    Nach dieser Meldung bei Spiegel Online: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/steinbeis-hochschule-stellt-plaene-fuer-homoeopathie-studiengang-ein-a-962599.html heißt es

    Privat-Hochschule gibt Homöopathie-Studiengang auf

     

    Wenn es stimmt, dann wäre es ein schöner Erfolg, aber machen wir uns nichts vor:

    Es gibt noch viel zu tun – die Homöopathie ist nicht die einzige Zauberlehre, die Schaden anrichten kann. Es lauern noch viele Schatten im Dunkeln.

  2. Peter H. sagt:

    Update 2:

    Inzwischen hat sich auch die Homöopathie-Akademie selber geäußert.

    http://ratgebernewsblog2.wordpress.com/2014/04/07/homoo-akademie-traunstein-wurde-zum-opfer-der-skeptiker/

    Wenn man der Homöopathie-Akademie glaubt, dann sind die Skeptiker und ihre Verbündeten in Politik, Ärzteverbänden und Presse viel mächtiger, als ich jemals geglaubt hätte.

  3. Wilfried Müller sagt:

    Dazu darf man gratulieren!

  4. Wilfried Müller sagt:

    Noch ein Link dazu: Schule für Zauberei wurde abgeblasen: http://www.laborjournal.de/editorials/830.lasso

  5. pinetop sagt:

    Die gesellschaftlichen Debatten der letzten Monate hinterlassen ihre Spuren. Weiter oben habe ich Homo-Akademie gelesen.

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