Philosophie: Freier Wille I – Quanteneffekte und Freier Wille

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512px-Klassifizierung_von_Interpretationen.svgDieser Artikel erschien schon in anderer Form, zuletzt bei wissenbloggt am 16.4.14. Passend zum Diskurs um den Freien Willen werden hier die physikalischen Grundlagen dargestellt. In Abstimmung mit einem Quantenphysiker wurden sie formuliert und am 18.+20.8.17 überarbeitet (Bild: Klassifizierung von Interpretationen der Quantenmechanik, Belsazar at de.wikipedia):

 

Quanteneffekte und Freier Wille

In einer deterministischen Welt sind alle Entscheidungen gefallen, die Welt wird quasi nur noch abgewickelt. Alles geht nach actio und reactio, die Weltläufte sind in alle Ewigkeit vorherbestimmt. Die Physik sagt aber eindeutig: So ist unsere Welt nicht. Es gibt kein Kismet und keine Vorbestimmung. Das ist gesicherter physikalischer Erkenntnisstand, der auf der Quantenphysik beruht.

Die Quantenmechanik wird durch ein Grundprinzip bestimmt, das sich in der sogenannten Unschärferelation widerspiegelt: Die erforderlichen Größen für eine deterministische Beschreibung der Welt lassen sich auch im Idealfall nicht in Gänze bestimmen. Für die Betrachtungen um Determinismus und Vorherbestimmung ist speziell die Stochastik maßgeblich, die bei den Quantenereignissen waltet, also der Zufall, der da herrscht.

Es geht nicht darum, dass die Welt zu komplex zum Vorausberechnen ist, sondern sie ist dem Zufall unterworfen. Sie ist prizipiell (intrinsisch) nicht bis letzte Detail vorhersehbar. Der Zufall (=Gegenteil von Determinismus) ist normalerweise schwer aufzuspüren, weil die makroskopische Welt immer deterministisch zu sein scheint. Selbst die Chaostheorie, die sich mit dynamischen Systemen befasst (Atmosphäre, Ozeane, flüssiges Erdinneres, Sonne, auch Strömungen aller Art bis hin zu Verkehrsströmen) ist eine mathematische Beschreibung der klassischen Physik. In solchen Systemen herrscht nur scheinbar der Zufall. In Wirklichkeit resultiert die Unvorhersagbarkeit aus der menschlichen Unkenntnis über die gesamten Eigenschaften des thermodynamischen Systems (dort herrscht quasi ein deterministischer Zufall), im Gegensatz zur Quantenphysik, wo es um einen tiefergehenden, intrinsischen, fundamentalen (Quanten-)Zufall geht – und der ist überall.

Quantenereignisse sind weit weg in den Schwarzen Löchern (und im Urknall) zuhause; in unserer Makrowelt werden sie z.B. beim Doppelspaltexperiment oder als Nordlicht sichtbar, ansonsten verstecken sie sich myriadenfach auf atomarer Ebene. Alle Ereignisse im Atomkern und in der Elektronenhülle sind Quantenereignisse. Dazu gehört auch, was die Quarks und Gluonen im Atomkern treiben, auch wenn von dort  nur die Zerfallsereignisse nach außen dringen.

Atomzerfall

Atomzerfall war das erste Quantenereignis, das man beobachtete. Dabei fand man schon heraus, dass Quantenereignisse nicht deterministisch sind, sondern stochastisch (=zufällig), wobei sie einer Wahrscheinlichkeitsverteilung folgen: Nach der Halbwertszeit hat die Hälfte der Zerfallsereignisse stattgefunden, nach zweimal der Halbwertszeit vom Rest wieder die Hälfte usw. Es ist nicht vorhersehbar, wann das einzelne Ereignis stattfindet, aber man kann für jeden Zeitpunkt die Wahrscheinlichkeit angeben.

Dieser Wahrscheinlichkeitsfunktion folgen alle Quantenereignisse, allerdings auf verschiedenen Zeitskalen. Die radioaktiven Atome zerfallen mit Halbwertszeiten von Sekunden, Minuten, Tagen, Jahren. Übrigens hat kein Atom ewig Bestand, die "stabilen" Elemente haben Halbwertszeiten von Jahrmilliarden.

Am anderen Ende der Zeitskala liegt die Elektronenhülle. Die Quantenereignisse der Elektronen haben Halbwertszeiten im Milli-, Mikro-, usw bis Femtosekundenbereich: Photonen senden/empfangen (=der ganze Elektromagnetismus), chemische Reaktionen (sobald die Moleküle auf Reaktionsdistanz sind), Energiebarrieren tunneln in Transistor, Diode, LED (=die ganze Festkörperphysik), das sind alles Quantenereignisse.

Zufall

Deshalb lag es nahe, die Quantenereignisse für die Gewinnung von Zufallszahlen zu nutzen. Mathematische und algorithmische Verfahren liefern zwar auch Zahlen, die schön zufällig aussehen, die aber in Wirklichkeit deterministisch sind. Insofern stehen sie auf derselben Stufe wie der thermodynamische Zufall. Hier taucht also wieder die Unterscheidung vom deterministischen Zufallsereignis und vom Quanten-Zufallsereignis auf. Das eine ist wegen der Komplexität nicht als deterministisch zu erkennen (=Unkenntnis), das andere ist intrinsisch nicht-deterministisch (auch wenn man alles darüber weiß, ist der Zeitpunkt nicht vorhersehbar). Das ist eine maßgebliche Unterscheidung.

Für den nicht-deterministischen Zufallsgenerator nimmt man radioaktives Material und misst die Zerfälle. Daraus berechnet man (auf den Bereich 0…1 normierte) Zufallszahlen. Damit hat man etwas Entscheidendes geleistet, das über den reinen Zahlengenerator hinausgeht. Zugleich hat man nämlich einen Generator für echte nicht-deterministische Entscheidungen erzeugt (unter ½→nein / drüber→ja). So kann man ein einziges Quantenereignis hernehmen, um es mit technischer Unterstützung in eine makroskopische Entscheidung umzusetzen (ja→Strom an, die Rakete geht los, die Welt ändert sich, ohne dass es vorhersehbar wäre).

Die technische Hilfestellung mit dem Atom-Zufallsgenerator soll die Konsequenz verdeutlichen, nämlich die prinzipiell nicht vorhersehbare Entwicklung der Welt. Es gibt diese Zufallsgeneratoren (ohne Rakete hoffentlich), aber die physikalische Welt kann's auch so. Sie hat auch ohne Technik genug Mittel, um derartige Entscheidungen herbeizuführen. Eine willkürliche Aufzählung fängt mit energiereichen Quantenereignissen aus unserer Umwelt an; zum Atomzerfall kommt da die Höhenstrahlung. Beides hat genug Energie, um DNS zu verändern (Gammastrahlung löst Mutationen aus), um Wahrnehmungen im visuellen System zu erzeugen (Gammablitze), um Geruchsempfindungen und hormonelle Reaktionen auszulösen, um elektrische Impulse (Beta-Teilchen vom Atomzerfall=Elektronen) zu erzeugen. Wo hochsensible Bereiche sind, können die energiereichen Quanten direkt in der Makrowelt Einfluss nehmen.

Wenn chemische Reaktionen, die z.B. im Gehirn ablaufen, einen Energieüberschuss hervorbringen, muss der auch irgenwo bleiben. Daraus ergeben sich energetisch angeregte Zustände mit dem Potential zu weiterer nicht-deterministischer Einflussnahme. Und wer wollte garantieren, dass die Myriaden von weniger energiereichen Quantenereignissen ohne Einfluss bleiben?

Auf der Kippe

In dynamischen Systemen gibt es immer Situationen, wo die Entwicklung auf der Kippe steht, wo unentschieden ist, ob es sorum oder sorum weitergeht (in Verkehrsströmen hat das Ergebnis der kippeligen Situation sogar einen Namen: Stau aus dem Nichts). In so einer kippeligen Situation reicht eine Winzigkeit, um den Ausschlag in die eine oder andere Richtung zu geben. Dafür gibt es das beliebte Bild vom Schmetterling auf der anderen Seite der Welt, dessen Flügelschlag unser Wetter bestimmt. Den Schmetterlingseffekt rechnet man der klassischen Physik zu. Also prinzipiell wär's berechenbar, nur kann man den thermodynamischen Zustand und die Befindlichkeit des Schmetterlings nicht bis ins Detail erfassen.

Man kann nun nicht ausschließen, dass die Quantenereignisse mitregieren. Die Wärmebewegung der Moleküle wird ja allemal von Quantenereignissen beeinflusst, und bei instabilen Zuständen werden die allergeringsten Einflüsse maßgeblich. Ein Photon vom Sonnenlicht (=nach dem Quanten-Zufall in der Sonne erzeugtes Lichtteilchen) mag hernieden auf der Erden auf ein Staubpartikel treffen, einen Teil seiner Energie in die Wärmebewegung des Staubteilchens hinein abgeben, und schon geht die Karambolage der Wärmebewegung anders weiter. Daraus resultiert eine minimal andere Druckverteilung, und schon ist der Ablauf geändert.

Dies sind nur ein paar von den denkbaren Szenarien, wie die mikroskopischen Quanteneffekte in makroskopische Entscheidungen hinein verstärkt werden können. Unabhängig davon, wie wahrscheinlich die einzelnen Abläufe sind, ist die Konsequenz unausweichlich. Die Welt ist nicht deterministisch. Man kann bloß mit guter Näherung davon ausgehen, dass sie sich weitgehend deterministisch verhält, zumal sich die Myriaden von Quantenereignissen meistens wegmitteln, so dass wiederum der Eindruck des Determinismus entsteht (das nennt man Quantendeterminismus).

Weltläufte

Aber auf Quantenebene passiert ½ vor der Halbwertszeit, ½ danach, mit definierter Wahrscheinlichkeit, doch absolut zufällig; und das ist nicht dasselbe wie Determinismus. Mehr noch:

Weil die Quanteneffekte das einzige Nicht-Deterministische in der Welt sind, bestimmen diese winzigen Effekte die Weltläufte. Sie tun es, indem sie als nicht-deterministische Entscheidungen bis in die makroskopische Welt hineinregieren.

Als Gegenbeispiel (=Quantendeterminismus) soll nun der Computerchip dienen: Was da drin abläuft, sind lauter Quantenereignisse (Tunneln durch die Energiebarriere); aber jedes Bit wird durch Dutzende Elektronen repräsentiert (=wegmitteln), und die Schaltzeiten liegen um Größenordnungen über den Halbwertszeiten (dann merkt man eh nichts mehr vom Zufall). In der Folge verhalten sich die Chips normalerweise 100% deterministisch, außer wenn besonders energiereiche Quanten dazwischenfunken.

Die interessante Frage ist nun, wie verhält es sich im Hirn? Ist das auch so gut wie 100% deterministisch? Man sollte sich nicht von den Forschungsergebnissen der Neurologie irritieren lassen, die den Neuronen deterministisches Verhalten attestieren. Das bestätigt ja nur die naturalistische Weltsicht, nach der alles mit rechten Dingen zugeht und keine Wunder wirken. Es muss weitestgehend deterministisch sein, sonst würde da das Chaos toben. Aber das bedeutet nicht, dass es gar keine kippeligen Stellen gibt, keine hochsensiblen und instabilen Bereiche (das auszuschließen dürfte unmöglich sein).

Die Frage wäre zum Beispiel: Schafft es ein Impuls über eine Potentialschwelle oder nicht? Schafft es ein Erregungszustand in den Fokus des Bewusstseins und erlangt Durchgriff? Ist es überhaupt möglich, sowas mit den elektrochemischen Mitteln des Gehirns 100%ig deterministisch zu organisieren? Oder gibt es da Fälle, wo es unentschieden steht und der Zufall eine Chance hat? Der Zufall kann dann wiederum mehr als der thermodynamische (deterministische) Zufall sein.

Es lässt sich nicht mal ausschließen, dass Quanteneffekte das Hirn unmittelbar beeinflussen. Schließlich hat das Hirn Raum für eine Unzahl von elektrischen und chemischen Reaktionen, die sich als Objekte dafür anbieten – und selbst wenn das Hirn 100% deterministisch funktionieren sollte, existiert es in einer nicht-deterministischen Welt. D.h. eine mittelbare Einflussnahme ist immer gegeben.

Freier Wille

Deshalb kann man die quantenmechanischen Effekte beim mikroskopischen Bild des Freien Willens nicht ignorieren. Man macht den Freien Willen an unabhängigen Entscheidungen fest. Wenn die Entscheidungen deterministisch zustandekommen, so die Argumentation, ist alles schon vorher entscheiden, und es gibt den Freien Willen nicht. Aber außer den deterministischen Entscheidungen des neuronalen Netzwerks ist die Welt mitbestimmt von nicht-deterministischen Zufallsentscheidungen. Das lehrt uns die Quantenphysik – auch wenn es nicht ihre Sache ist, uns zu sagen, wo genau die sich in einzelnen ereignen, wie das im konkreten Fall vonstatten geht und wie groß der Anteil an welchen Stellen ist.

Sicher ist aber, dass solche quantenmechanische Einflussnahme im Hirn wie auch sonst in der Welt gegeben ist. Wer also der Abfolge Quantenereignisnicht-deterministische EntscheidungFreier Wille widersprechen will, muss beweisen, dass das Hirn nicht von Quanten-Zufallsereignissen zu Entscheidungen veranlasst wird. Das stünde aber im Widerspruch zur Physik, die uns schließlich sagt, dass die ganze Welt davon betroffen wird.

Allenfalls kann die Definition des Freien Willens so gesetzt werden, dass Entscheidungen (und ihre Folgewirkungen) irgendwo in der Welt oder im eigenen Erbgut nicht als Willensentscheidungen anerkannt werden, sondern dass das Nicht-Deterministische immerzu im eigenen Hirn stattfinden muss, oder mindestens im eigenen Körper, der das Denken und Fühlen ja auch beeinflusst. (Genausogut kann man aber sagen, meine Entscheidungen gehören mir, ebenso wie meine Atome mir gehören, obwohl man auch über letzteres diskutieren könnte.) Damit rückt jedenfalls die Frage nach der computermäßigen Zuverlässigkeit der neuronalen Schaltungen in den Fokus: Wie viele nicht-deterministische Entscheidungen gibt es, die auf Quanten-Ereignisse im Gehirn zurückgehen, und welche? Da ist gewiss noch Raum für interessante Erkenntnisse.

 

Anmerkung: Der Begriff Determinismus wird hier im überwiegend gebräuchlichen engen Sinn verstanden. Z.B. bei Bunge wird stattdessen der Begriff "Kausalität" verwendet, während unter Determinismus nur "Gesetzmäßigkeit" verstanden wird, also auch die probabilistische Gesetzmäßigkeit der Quantenereignisse. Diese Definition wird hier abgelehnt.

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11 Antworten auf Philosophie: Freier Wille I – Quanteneffekte und Freier Wille

  1. Hermann Geyer sagt:

    @ Sicher ist aber, dass solche quantenmechanische Einflussnahme im Hirn wie auch sonst in der Welt gegeben ist. Wer also der Abfolge Quantenereignis→nicht-deterministische Entscheidung→Freier Wille widersprechen will, muss beweisen, dass das Hirn nicht von Quanten-Zufallsereignissen zu Entscheidungen veranlasst wird.

    Den ersten Satz bezweifle ich nicht. Ich bin auch völlig damit einverstanden, dass im Hirn Entscheidungen (und damit die Willensbildung eines Menschen oder eines Tiers) von Quanten-Zufallsereignissen veranlasst oder beeinflusst sein können.

    Ich bezweifle, dass diese "zufällige" Willensbildung sinnvoll als "frei" benannt werden kann. Denn traditionellerweise ist Willensfreiheit verstanden als etwas, was Menschen von Tieren unterscheidet, ihn in manchen Denk- und Glaubenssystemen sogar zur "Krone der Schöpfung" macht und daraus Konsequenzen für die Verantwortung entwickelt. Ausserdem ist es bis hin zu juristischen Konsequenzen übliche Sicht, dass die Verantwortlichkeit durch Einflüsse von außen (Drogen, Gehirnwäsche, …) geschwächt sein kann. Für solche im menschlichen Zusammenleben wichtige Aspekte bringt die Gleichsetzung "zufälliger Wille" = "freier Wille" nur neue sprachliche Probleme.

    Wie im Artikel richtig dargestellt ist wird durch Quantenereignisse in den Ablauf jeden Stücks Materie (ob tot oder lebendig) der Zufall eingebracht – besonders anschaulich beim radioaktiven Zerfall. Konsequenterweise müsste man dann – um im Sprachgebrauch konsistent zu bleiben – etwa auch jedem Atom einen eigenen (freien) Willen zugestehen, zu welchem Zeitpunkt es zu zerfallen beliebt. Das halte ich nicht für sinnvoll.

  2. Wilfried Müller sagt:

    So war das auch nicht gemeint, sondern es ging darum, die Sache von der mikroskopischen Seite her anzugehen. Es gibt noch mehr Voraussetzungen für den Freien Willen (weshalb ein Atom keinen haben kann), aber er kann nur funktionieren, wenn die erwähnten Voraussetzungen erfüllt sind. Zu der Verbindung von Zufall und frei nochmal die Umkehrung: Keine Freiheit bei vollständigem Determninismus, es muss also (intrinsischen) Zufall geben, damit Freiheit möglich ist.

  3. Argutus sagt:

    Die Unverursachtheit von Quanten-Ereignissen widerspricht dem strengen Determinismus des Naturgeschehens und entkräftet somit das darauf aufbauende Argument gegen den freien Willen.

    Das ändert aber nichts daran, daß der Begriff des freien Willens semantisch völlig unklar ist. Das Adjektiv "frei" hat ja isoliert keinen Sinn, sondern es muß stets klar gesagt werden wovon etwas frei ist. Das geschieht aber hier nicht, deshalb kann man den freien Willen als unsinniges Konzept einfach vergessen.

  4. Wilfried Müller sagt:

    Der strenge Determinismus des Naturgeschehens ist mit der klassischen Physik untergegangen, Argutus. Mit dem isolierten "frei" hast Du ausgesprochen, was ich unbewusst meinte, deshalb ist bei mir der Freie Wille frei, weil bei der modernen Physik der Determinismus gebrochen ist, also frei vom vollständigen Determinismus.

  5. Hermann Geyer sagt:

    Wenn aber eh alles im gleichen Sinn "frei" ist: wozu sagt man das dazu?

  6. Wilfried Müller sagt:

    Ist es ja nicht, der Geschiedene ist frei von seiner Ex, Benzin ist frei von Blei usw.

  7. Hermann Geyer sagt:

    Das hilft vielleicht hier noch besser weiter:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Zufall#Zufall_und_freier_Wille

    Zitat: Zwischen den Begriffen Zufall und freier Wille existiert ein enger Zusammenhang. Es kann argumentiert werden, dass eine freie Entscheidung, zumindest teilweise, durch andere Einflüsse (innerer und äußerer Art) nicht beeinflusst ist. Sie ist also nicht determiniert. Dies lässt sich indes gerade auch als Definition von Zufall ansehen: Nach dieser Auffassung kann es in einem Universum ohne Zufall keinen freien Willen geben, da jede Entscheidung bei Kenntnis aller Einflussgrößen vorhergesagt werden könnte. Aber wenn unsere Entscheidungen zufällig zustande kommen, ist das erst recht nicht, was wir uns unter freiem Willen vorstellen.

  8. Exorbitalist sagt:

    Nun ich muss sagen, dieser Artikel ist insgesamt nicht schlecht. Zum Ende hin wird er allerdings etwas bis sogar ziemlich fragwürdig im Fazit, was meines Erachtens daran liegt dass sich der Autor eventuell nicht richtig mit dem Thema der "Dekohärenz" beschäftigt hat, ja? Wenn jemand die wissenschaftlichen Originalarbeiten der 80er von Professor H.D. Zeh haben will, soll er sich auf Arxiv.org umsehen. Das hat für mich nämlich sonst etwas von einer übertriebenen Anhängerschaft von Roger Penrose. Der Mann ist zwar ein großes Genie, aber mit der Hirn-Quantencomputer-Hypotese lag er trotzdem nachweislich falsch (mit einigen anderen Dingen aus "Emperors New Mind" ebenfalls; Skeptik ist eben überall angesagt). Hermann Geyer hat in seinem Kommentar mit dem Wiki-Artikel an der Stelle gut Kritik geübt. Zudem: Es heißt "Unbestimmtheitsrelation" nicht "Unschärferelation". Das ist ein bitterer Anfängerfehler und keinesfalls trivial. "Unschärfe" unterstellt nämlich Unzulänglichkeit im Messaufbau und deutet namentlich nicht auf die wahre Existenz von absolutem Zufall hin, um die es bei Heisenbergs Bezeichnung eigentlich geht.

  9. Wilfried Müller sagt:

    Nix Anfängerfehler, Exorbitalist, siehe Heisenbergsche Unschärferelation. Aber dass sich der Autor eventuell nicht richtig mit dem Thema der "Dekohärenz" beschäftigt hat, ja? gestehe ich insofern zu, als ich kein Physiker bin, sondern Ingenieur und Programmierer. Deshalb hab ich den Artikel ja von einem Quantenphysiker gegenchecken lassen, der mir auch das Konzept der Dekohärenz auseinandergesetzt hat. Im letzten Teil des Artikels geht es mir um die mikroskopische Grundlage für den Willen, dazu würde mich konkrete Kritik brennend interessieren. Das Arxiv.org findet nix zu  H.D. Zeh, ausser es funktioniert nur für Physiker?

  10. AlexJ sagt:

    Ich denke, dass es nie weit führt, wenn wir mithilfe der Naturwissenschaften den freien Willen beweisen oder widerlegen wollen. Begründung: Naturwissenschaften entdecken zwar Zusammenhänge, die wir "Gesetze" nennen, wir können aber nicht beweisen, dass diese gesetze wie ein zwang über den Dingen liegen.

    Aus einer hundertprozentigen bisherigen Vorhersagbarkeit ergibt sich nicht der Beweis eines Zwanges. Ob sich etwas so verhalten musste, wie es sich verhielt, oder ob es anders hätte gekonnt, können wir nie hinreichend zeigen. Gilt für Dinge wie für Menschen.

    Um den freien Willen wegzuerklären, reicht auch nicht der Hinweis auf die Beeinflussung durch andere Dinge bzw. auf unsere Interpretation der Beeinflussungssituationen. Denn dass es Begründungszusammenhänge gibt, sagt nichts über die "machtverhältnisse" zwischen den Beteiligten aus.

    Für die Frage nach der Willensfreiheit bedeutet das: Sie ist nicht beantwortbar. Prinzipiell nicht. Deshalb sollten wir sie fallen lassen.

    Ich habe das hier in einem Text weiter ausgeführt:

    http://www.buzznews.de/2015/06/07/determinismus-oder-freier-wille-pfeift-auf-den-streit/

    Freue mich über Feedback!

  11. Wilfried Müller sagt:

    AlexJ sagt: Naturwissenschaften entdecken zwar Zusammenhänge, die wir "Gesetze" nennen, wir können aber nicht beweisen, dass diese gesetze wie ein zwang über den Dingen liegen. Im materialistischen Weltverständnis ist das Naturgesetz eine Abstraktion der Wechselwirkungen zwischen den Dingen und keine kraftausübende Instanz.

    In dem Artikel wird ja gezeigt, dass es den vollständigen Determinismus nicht gibt, sondern dass immer der intrinsische Zufall mitspielt. Hundertprozentige bisherige Vorhersagbarkeit gab es auch in der klassischen Physik nicht wegen der Komplexität, wohl aber den Zwang. In einer deterministischen Welt kann es eben nicht anders ablaufen, als es determiniert ist. So ist die Welt aber nicht. Es kann eben doch anders ablaufen, und in der Abwesenheit der Determiniertheit sehe ich die Freiheit des Willens. Die Frage danach halte ich durchaus für beantwortbar, es ist eine Definitionsfrage. Andere sagen, der Mensch wird von so viel Zwängen regiert, deshalb ist der Wille nicht frei.

    Zu der Argumentation in dem angegebenen Link: Der Neurowissenschaftler: "Die Vorhersage (von Entscheidungen aus der Messung von Hirnarealen) gelingt mir immer, sogar vor der offiziellen, bewussten Entscheidung des Probanden. Also haben wir keinen freien Willen."  Das ist ein falsches Verständnis der Hirnvorgänge. Natürlich muss erst die Willensaktion in Gang kommen, ehe sie ins Bewusstsein vordringen kann. Die umgekehrte Vorstellung basiert auf der veralteten makroskopischen Sicht, als man noch nicht wusste, dass das Bewusstsein eine Art Fokus ist. Von daher ist der ganze Ansatz falsch.

     

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