Wirtschaft boomt, Gesellschaft kaputt

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Über dies Buch steht in der Ökonomenstimme zu lesen Zu komplex – warum die Globalisierung scheitert, und das ist ein Artikel von den Autoren selbst (14.5.). Was ist dran an der provokanten These? Aus der Buchbeschreibung und der Eigenrezension stellen wir die wichtigsten Inhalte heraus.

Das Buch von Philipp Löpfe und Werner Vontobel verkauft der Orell Füssli Verlag unter dem Titel Wirtschaft boomt, Gesellschaft kaputt – eine Abrechnung. Die Inhaltsangabe dazu:

Finanzkrise, Wachstumskrise, Eurokrise, Staatskrise – der Krisen ist kein Ende, und das weltweit. Und doch propagieren viele Politiker und Ökonomen unverdrossen das Modell einer globalisierten Wirtschaft, obgleich dieses System so deutlich wie nie zuvor mehr Verlierer als Gewinner produziert. Demnach ist das Buch die kritische Abrechnung von zwei renommierten Journalisten und Ökonomen mit unserem Wirtschaftssystem. Laut Verlag  beschädigt es das wichtigste Kapital der Menschheit, nämlich die Fähigkeit, die Gesellschaft so zu organisieren, dass möglichst viele gut in ihr leben können.

Im Artikel findet sich dazu die Behauptung, "Die globale Produktionsmaschine verliert die Bedürfnisse aus den Augen." Wie ein Kommentar anmerkt, läuft das auf die Behauptung hinaus, es würde nicht das produziert, was die Konsumenten wirklich wollen. Das sei eine gewagte These, zumal dies Argument original gegen den Kommunismus vorgebracht wurde, wo eine zentrale Planungsinstanz entschied, was für die Konsumenten gut ist. Und das nun für die globalen Märkte?

Aber der Reihe nach. Die Autoren beginnen mit der Frage, ob die Globalisierung hält, was sie verspricht, nämlich die allgemeine Steigerung des Wohlstands. Daran zu zweifeln, ist der Inhalt des Beitrags, zudem äüßert er sich kritisch über die Art, wie heute unsere Wirtschaftspolitik bebetrieben wird.

Insgesamt ist die Menschheit sicherlich wohlhabender als vor 50 Jahren, allerdings wäre das nur dann ein Argument für weltweiten Handel, Personen- und Kapitalverkehr, wenn es der alleinige Motor des technologischen Fortschritts wäre. Nur sei das nicht erwiesen, es gebe nur eine theoretische Grundlage für die These, der freie Handel erzwinge die rasche Ausbreitung des technologischen Standards. Wer nicht mithält, wird wegkonkurrenziert.

Jedoch produzieren nur wenige Länder auf dem heutigen Stand der Technik, und auch dort werden die Früchte der produktiven Arbeit immer einseitiger verteilt. Nach Angaben der Autoren leben heute weltweit >90% der Menschen weniger gut, als es aufgrund der Produktionstechnologie möglich wäre. Aus dieser Sicht ist die Globalisierung ein Misserfolg.

Warum das so ist, wird in dem Buch „Wirtschaft boomt, Gesellschaft kaputt“ erklärt. Und jetzt kommt die die These, die Globalisierung sei an einem grundlegenden Informationsproblem gescheitert, denn die globale Produktionsmaschine verliere die Bedürfnisse aus den Augen. Zu Zeiten der Selbstversorgung stellte jeder das her, was er selber brauchte. In der Marktwirtschaft produzieren dann alle das, was andere brauchen und willens und in der Lage sind, gegen das einzutauschen, was ihre Tauschpartner benötigen. Damit werden Bedürfnis und Produktion entkoppelt, wodurch die Komplexität steigt. Arbeitsteilung und Spezialisierung bringen höhere Produktivität und steigende Erträge.

Gemessen am zeitlichen Aufwand, dominiere die (geldlose) Eigenproduktion im Familien- und Nachbarschaftsverband auch heute noch, so dass beide Wirtschaftsformen ihre Existenzberechtigung haben. Die Wirtschaftspolitik muss das Zusammenspiel der beiden richtig organisieren. In dem Buch wird nun die These vertreten, dass diese Aufgabe in einer globalisierten Wirtschaft nicht gelöst werden kann, denn die Komplexität sei einfach zu gross.

Das wird mit dem Beispiel der Stadt Erfurt illustriert, wo es sichtbar viel Armut gebe, ein Viertel der Erwachsenen und ein Drittel der Kinder sind davon betroffen. 8% sind arbeitslos, 4% unterbeschäftigt, die "Tafeln" bzw. Armenküchen haben Zuspruch von 400 Erfurtern pro Tag.

Nun hätte sich ein unvoreingenommener Beobachter nach konventionellen Maßstäben die Frage gestellt, wie die Unterbeschäftigen und Armen ihre eigenen Bedürfnisse decken können, um damit die lokalen Wirtschaftskreisläufe wieder in Gang zu bringen. Dafür wurde im Jahr der Weltwirtschaftskrise 1929 die Erfurer „Wära-Tauschgesellschaft“ gegründet. Sie verfolgte den Zweck, Schwundgeld in Umlauf zu setzen (nach Silvio Gesell, wb), als Vorläufer für das „Wunder von Wörgl“.

Heute sind gemäß des Buchs die (lokalen) Bedürfnisse fast ganz aus der wirtschaftspolitischen Gleichung verschwunden. Die Frage sei nicht mehr, welche Bedürfnisse die Erfurter haben, sondern wie man in Erfurt Jobs schafft. In der Logik des Standortwettbewerbs ginge das nur, indem man mit tiefen Kosten (Lohn, Bauland, Steuern) globale Investoren dazu bringe, ihre Produktion von dort nach hier zu verlagern. Dieser Ansatz ist nach dem Buch sehr problematisch, wie sich zeigt, wenn man die Bedürfnisse einbaut: Um ihre Bedürfnisse zu decken, müssen sich die Erfurter erst einschränken, um so vielleicht die Bedürfnisse anderer decken zu können, um dann mit dem Erlös, die Produkte und Dienstleistungen kaufen zu können, die sie brauchen.

Im konkreten Fall sieht das so aus, dass es Erfurt gelungen ist, mit Löhnen unter 9 Euro, mit Investitionszuschüssen und billigem Bauland zu einem Verteilzentrum für den nationalen Versandhandel zu werden. Das macht  Erfurt zum Sinnbild für das neue deutsche Jobwunder. In der Sichtweise des Buchs sind Hunderttausende damit beschäftigt, unnötige Klamotten ein- und auszupacken und hin- und herzukarren, während das Wesentliche ungetan bleibt.

Das wird verständlichersweise als Irrsinn bezeichnet, der nichtsdestotrotz inzwischen zur Normalität geworden sei. Ökonomen und Wirtschaftspolitiker würden seit Jahrzehnten darauf trainiert, in den Schablonen des globalen Standortwettbewerb zu denken. Das Buch versuche nun, diese Muster aufzubrechen. Das tun die Autoren, indem sie mit dem Begriffspaar Selbstversorgung und Markt- bzw. Geldwirtschaft arbeiten. Die gemeinsame „Währung“ dieser beiden Organisationformen ist demnach die Zeit. Beide erhöben Anspruch auf die 24 Stunden, die täglich zur Verfügung stehen. Die Marktwirtschaft strukturiere die Zeit, und indem sie das tue, organisiere und desorganisiere sie auch unsere Gesellschaft. Der Imperativ der flexiblen Arbeitsmärkte mache die Marktproduktion vielleicht um 1% effizienter, zerstöre aber die familiären und nachbarschaftlichen Strukturen der Selbstversorgung. Wer die Ökonomie nur in Geld denke, sei blind für diese Probleme.

Das Buch fordert nun keine Rückkehr zu Selbstversorgung und Tauschwirtschaft, aber es stellt fest, dass die Wirtschaft ohnehin wieder lokaler werde, erstens weil ein immer grösserer Anteil der bezahlten und unbezahlten Arbeit auf persönliche Dienstleistungen entfalle und zweitens weil sich dezentrale Produktionstechniken ausbreiteten. Genannt werden die Stichworte 3-D-Druck, solare Chemie, urban Farming und alternative Energien.

Rein technologisch und von den Bedürfnissen her gesehen, seien wir also bereits unterwegs in eine lokalere Wirtschaft. In einer solchen Umgebung bestehe die Kunst der Wirtschaftspolitik erst recht nicht mehr darin, Investoren von aussen anzulocken. Vielmehr ginge es darum, lokale Wertschöpfungskreisläufe in Gang zu bringen und zu halten. Doch zu diesem Zweck müssten erst einmal die alten Denkmuster überwunden werden.

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