® Die Zukunft gehört dem Analphabetismus

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Pictogram-learning1.svgDiese Meinung vertritt ein großartiger Artikel der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung von Markus Günther. Nur noch Analphabeten, schreibt er am 25.5.14 (1.), und das soll keine Frage sein, sondern eine Feststellung. (Bild: anatom5 GmbH, Wikimedia Commons).

Früher galt es als Behinderung, wenn jemand nicht lesen und schreiben konnte, jetzt wird das zum Standard. SMS und Internet täuschen über die Entwicklung hinweg, indem sie einen vorübergehenden Boom des Schriftlichen hervorbrachten. Der FAZ-Autor bemängelt, wie wenig das diskutiert wird. Kann der Mensch der Zukunft überhaupt noch lesen? Oder wird nicht bloß das Papier überflüssig, sondern das Geschriebene überhaupt? Seine Prognose ist, die Welt wird bald nur noch wenige Menschen brauchen, die lesen und schreiben können.

Die Argumente für den Analphabetismus sind so gewichtig, dass sie den allfälligen Widerspruch überwiegen. Ja, die Kulturtechniken werden noch in der Schule gelehrt, aber die digitalen Umwälzungen steuern in eine audiovisuelle Welt hinein. Demnach war die fast vollständige Alphabetisierung der Welt ein kurzlebiges Phänomen, schreibt der Autor. Umwälzungen gab es schon immer, z.B. als das Auto die Pferde verdrängte.

Derzeit ist man von Schriften geradezu umzingelt, es wurde noch nie so viel geschrieben wie heute. Die Schriftkultur ist essentiell für Leben, Arbeit, Schule. Doch die Erosion läuft, und der Autor hat beeindruckende Beispiele dafür gesammelt. Wer seine Schrift nicht eintippen will, kann sie in den Computer oder das Smartphone reinsprechen. Diktate werden schon ganz passabel aufgenommen, und die Entwicklung geht weiter. Lesen muss man die Niederschrift auch nicht mehr, man kann sie sich auf Tastendruck vorlesen lassen.

Noch hapert es hier und da, und der Geübte tippt schneller, als er erfolgreich diktiert. Aber wenn die Schüler das Diktieren lernen, kehrt sich das garantiert um. Und es betrifft Privatleben genauso wie Beruf und Ausbildung. Beispiel gefällig? Überall werden geschriebene Gebrauchsanleitungen durch Videos ersetzt, mit großem Erfolg. Das Video ist eingängiger, effizienter, plastischer. Das zieht die audiovisuelle Kommunikjation in anderen Branchen nach sich. Piktogramme, Blink- und Piepssignale greifen um sich (und die FAZ hat eine schöne Sammlung angefügt). In der Medizin sind Lehrfilme erfolgreicher als Seminare; anderswo auch, und diese Erfolge werden die Schriftkultur auch anderswo zurückdrängen, so die FAZ.

Noch ein Beispiel? Google ist die Nummer 1 unter den Suchmaschinen (2.), und wer ist die Nummer 2? Das ist Youtube, wo man sein Begehren schon reinsprechen kann und mit ausdiovisuellen Antworten belohnt wird (1.). Das Spektrum ist riesig, medizinische Fragen, Kochrezepte, Reparatur- und Arbeitsanweisungen, Vergleichstests, Mode, Archäologie, Erste Hilfe, Anleitung zum Musikmachen, die Liste der Beispiele ist lang.

Und der Autor Markus Günther macht den Erfolg nicht einmal nur an der Technologie fest, sondern an der Wechselwirkung von neuen Möglichkeiten, alten Triebkräften, Effizienzsteigerungen und Wettbewerbsdruck, das alles mischt mit. Das ist eine kapitalistische Grundeigenschaft wie die Produktivitätssteigerung, die immanente Systemlogik bekämpft Wachstums- und Handelshemmnisse – und dazu kann die Schriftsprache werden. Die Liste der Hemmnisse laut FAZ:

  • Unterschiede in politischen und Rechtssystemen,
  • Währuings- und Sprachunterschiede,
  • Unter- und Überqualifizierung der Arbeiter und Konsumenten (weil es im Politikteil steht und nicht im Kulturteil, können die kulturellen Unterschiede vernachlässigt werden).

Der Kapitalismus hat an gebildeten Menschen kein Interesse, denn er bemisst die Qualifikationen funktional und nicht kulturell. Deshalb werde die elitäre Fähigkeit der Schriftsprache nur noch für Eliten gebraucht, und die Allgemeinheit kann getrost darauf verzichten.

Die Abschaffung der Handschrift kommt ja schon gut voran, das bringt einen Produktivitätsschub. Und der audiovisuelle Markt ist Gold wert, weil er die Interaktion beschleunigt. Die Analphabetisierung beschleunigt sich auch, die USA machen es vor. Dort ist die Allgemeinheit viel weniger geschult, die macht keine mehrjährige Lehre mit Berufsschule, sondern da reicht eine kurze Einweisung, und es wird losgearbeitet. Die Zukunft sieht dann so aus, dass einer mangelhaft ausgebildeten Masse eine hochgebildete Elite gegenübersteht. (Wenn wb das einwerfen darf, finanziell steht einer immer ärmeren Masse bereits eine superreiche Elite gegenüber, wenn die ihren Reichtum auch nicht durch Fähigkeit verdient, sondern durch Abzocke).

Der FAZ-Artikel hebt noch auf die kurze Geschichte der allgemeinen Alphabetisierung ab. Erst seit den letzten 150 Jahren ist die Schriftsprache bei der Masse der Menschen angekommen. Und jetzt geht sie wieder, wie auch andere Propheten voraussagen. Wir werden wieder zu einer "oralen" Gesellschaft, die Schrift war ja nur so erfolgreich, weil sich ansonsten kein Wort speichern ließ. Nochmal anders gesagt, "die Welt ist in Programmierer und Programmierte zerfallen." Da mischt sich der Niveauverlust mit der Analphabetisierung, auf dies Thema wird weiter eingegangen, bis zu:

"Der Kanon aus Lesen, Schreiben, Rechnen ist nicht für alle Zeit in Stein gemeißelt."

Wenn weder Wirtschaft noch Schule dauerhaft auf den Alphabetismus angewiesen sind, wie steht es dann mit dem Eigeninteresse? Ein gutes Buch, niveauvolle literarische Unterhaltung, seriöser Journalismus? Hört sich schön an, so der Artikel, erodiert aber schon weg. Man schreibt keine Briefe mehr, man liest keine Bücher mehr, es fehlt die Ruhe, die Geduld, die Übung. Auch das Lesen im Internet sei mehr ein Gerücht, heißt es, denn es liest nur noch eine kleine Minderheit. Die anderen gucken sich die Schlagzeilen und die Kurzinfos an.

Die Hitliste im Netz sieht so aus: Suchen, Pornographie, Unterhaltung, Shopping und Service-Infos. Die Zeitungshäuser haben die meisten Klicks auf Bildergalerien und Kurzvideos, sogar die seriösen Nachrichtenportale. Wenn rationalisiert wird, kommen mehr Videos ins Programm rein. Texte sind nur noch Vertiefung für eine Minderheit. Unterhaltung steht ganz im Vordergrund, Werbung in allen Spielarten und grafisch aufbereitete Kurzinfos. Die Nachrichten werden zum Konsumartikel mit beliebigem Inhalt.

Dass die Menschen an der Lesekultur hängen und das geschriebene Wort brauchen und um die Lesefähigkeit kämpfen, ist laut Markus Günther vorerst nicht erkennbar. Es regieren die manipulativen Kräfte der Märkte und Monopole – soweit der FAZ-Artikel.

Tendentiell setzen die Manipulatuere aber das um, was gewollt ist und ankommt. Wenn die Masse es nicht anders will, geht die Schriftkultur eben großteils verloren.

… und warum auch nicht, meint wb, sie ist ja eigentlich kein Selbstzweck. Wenn man Fahrpläne nicht mehr lesen muss, weil einen das Smartphone leitet, und wenn das Auto beim Stoppschild automatisch stoppt, darf der Mensch buchstabenblind werden.

P.S. Die Roboter werden natürlich alle lesen können. Dabei werden sie es gar nicht müssen, weil sie eine bessere und effizientere Schnittstelle kriegen dürften, eine elektronische. Dann ist der Mensch ganz abgehängt.

Und was macht der Mensch dann? Abhängen.

 

(Dieser Artikel wurde zuerst am 25.5.14 publiziert. Am 2.12.18 wurde er leicht überarbeitet und durch Links ergänzt wie 3., wo der FAS-Artikel auch diskutiert wird, sowie durch wb-Links zum Thema.)

Medien-Links:

  1. Nur noch Analphabeten (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 25.5.14, mit Zahlsperre): Die Welt von morgen braucht keine Menschen mehr, die lesen oder schreiben können. Das Ende der Schriftkultur hat längst begonnen.
  2. Suchmaschinenverteilung in Deutschland (seo-united.de 11/17):
    Google 95%
    Bing 4%
    Yahoo 1%
  3. Zur Diskussion: „Nur noch Analphabeten“ (Pirandils Blog 28.5.14): In der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ vom 25. Mai 2014 vertritt der Autor Markus Günther eine steile These: Er prophezeit eine Zukunft voller Analphabeten. Ich möchte seine Gedanken hier gerne zur Diskussion stellen.
  4. Analphabetismus in Deutschland : Buchstäblich abgehängt (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 7.4.): Für Betroffene ist das Leben ein täglicher Spießrutenlauf und der Alltag oft mit Scham besetzt: Warum kommt die Bekämpfung des funktionalen Analphabetismus nicht voran?
  5. Analphabetismus : Die unsichtbaren Flüchtlingsfrauen (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 26.9.17): Viele Flüchtlingsfrauen können nicht lesen und schreiben, sie meiden die Öffentlichkeit. Aber lernen wollen sie gern.

Links von wissenbloggt zu solchen Themen:

 

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Eine Antwort auf ® Die Zukunft gehört dem Analphabetismus

  1. Wolfgang Goethe sagt:

    Ich musste noch beim Auto durch Denken und mit Ausschlussverfahren Fehler lokalisieren und beheben, was viel Zeit und für den Kunden viel Geld gekostet hat. Heute schließt man den Laptop mit einem speziellen Programm an das Steuergerät an und der Fehler wird ausgelesen – spart Zeit und Geld. Die ganze Digitalisierung und auch die Roboter, die die Menschen ersetzen, wird sich auch in Zukunft weiterentwickeln, viele Menschen werden dann keine Arbeit mehr haben, deshalb muss man über ein bedingungsloses Grundeinkommen nachdenken. In einigen Schulen wird ja schon digital unterrichtet.

    JWG

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