Die Wissenschaft von der Ungleichheit

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14_05_14_Piketty_Kapital.inddDer geneigte Leser kann mit Thomas Pikettys Buch "Das Kapital im 21. Jahrhundert" ein Werk von außergewöhnlichem Ehrgeiz, von großer Originalität und von beeindruckendem Rigorismus lesen, so schreibt der Verlag. Wenn man den Worten folgt, lenkt das Buch unser ganzes Verständnis von Ökonomie in neue Bahnen und konfrontiert uns mit ernüchternden Lektionen für unsere Gegenwart.

Die neuen Bahnen hat zum Beispiel DIE WELT in einen Folgeartikel umgearbeitet Anthropologie – Soziale Ungleichheit entstand vor 13.000 Jahren (25.5.): Soziale Ungleichheit ist das Thema der Stunde. Das liegt an dem Franzosen Thomas Piketty und seinem Buch "Das Kapital im 21. Jahrhundert", das in den USA zum Bestseller geworden ist.

Laut "Welt" hat die Zeitschrift "Science" sogar ein Sonderheft zur Debatte herausgebracht, mit Beiträgen von Wirtschaftswissenschaftlern, Bildungsforschern, Psychologen, zu den Fragen: Wie entsteht Ungleichheit, und wie wirkt sie sich aus?

Bei Science findet man dazu u.a. den namensstiftenden Artikel The Science of Inequality -Tax man's gloomy message: the rich will get richer (23.5.). Dort wird Bezug auf Pikettys Buch genommen, er kombiniert bei seinen Forschungen Daten von  Einkommen, Vererbung, und Staatsvermögen, um den schlagenden Beweis anzutreten, dass der Kapitalismus das Geld an der Spitze der Gesellschaft konzentriert. Laut Piketty liegt das an der Verzinsung des Kapitals, die höher liegt als das Wirtschaftswachstum (eine These, die allerdings auf Widerspruch von anderen Ökonomen stieß, weil z.B. die Geldtransfers nicht berücksichtigt sind).

Laut Science-Artikel sagt Piketty weitere Zunahme der Ungleichverteilung voraus, weil die Kapitalrendite bei 4-5% bleibt gegenüber einem Wachstum von höchstens 2%. Nur in den 1950er- bis 1980er-Jahren war es anders, durch das große Wachstum der Wiederaufbauzeit. Gebraucht werden höhere Steuern für die hohen Einkommen, das ist Pikettys Rezept gegen die weitere Zunahme der Ungleichheit.

In den Worten seines Verlags ausgedrückt, ist es Piketty gelungen, die Grundfragen zu beantworten: Wie funktioniert die Akkumulation und Distribution von Kapital? Welche dynamischen Faktoren sind dafür entscheidend? Wie funktioniert die Evolution von Ungleichheit, die Konzentration von Wohlstand?

Befriedigende Antworten gab es demnach kaum, weil geeignete Daten und eine klare Theorie fehlten, bis Thomas Piketty Daten aus 20 Ländern untersuchte, mit Rückgriffen bis ins 18. Jahrhundert. Seine Ergebnisse setzen laut Verlag die Agenda für eine neue Diskussion über Wohlstand und Ungleichheit. Und das ist tatsächlich eingetreten. Nochmal der Verlag:

Piketty zeigt, dass das moderne ökonomische Wachstum und die Verbreitung des Wissens es uns ermöglicht haben, Ungleichheit in dem apokalyptischen Ausmaß abzuwenden, das Karl Marx prophezeit hatte. Aber wir haben die Strukturen von Kapital und Ungleichheit nicht in dem Umfang verändert, den uns die optimistischen Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg suggeriert haben. Der Haupttreiber der Ungleichheit – dass Gewinne aus Kapital höher sind als die Wachstumsraten – droht heute vielmehr extreme Formen von Ungleichheit hervorzubringen, die den sozialen Frieden gefährden und die Werte der Demokratie unterminieren.

Aber ökonomische Trends seien keine Handlungen Gottes, und politisches Handeln hat ökonomische Ungleichheiten schon in der Vergangenheit korrigiert, so Piketty, und kann das auch wieder tun. Also her mit den propagierten Reichensteuern!

Der Welt-Artikel stellt das Thema in den größeren Kontext der älteren Kulturen; sie entwickelten bereits Regeln zum Umgang mit Ungleichheit. Die frühen Völker arbeiteten demnach hart daran, die Hierarchien flach zu halten. Wenn also ein Jäger was besonders Großes erlegte, überließ er das meiste davon den anderen und trug so zum Überleben der Sippe bei.

Die Grundlage für Ungleichheit war der Überfluss. Wer hamstern konnte, hatte Gelegenheit zu guten Geschäften, und damit kam auch die Idee des Privateigentums auf. Wer sich Fangstellen oder Jagdgründe sichern konnte, vereinnahmte einen Teil der Natur für sich.

Das ging mit der Erfindung des Geldes natürlich noch viel besser, darf man folgern, und da wären wir nun. Nicht-Kapitalisten spekulieren ja gern übers Kapital, doch damit ist das Kapital des Piketty nicht abzutun. Mag schon sein, dass er mit seinen Thesen nicht den großen wissenschaftlichen Wurf gelandet hat, aber er hat das Rechte zur rechten Zeit gesagt und wird dafür wie ein Popstar gefeiert.

Mag eher sein, dass die Ursache für die Ungleichheit schlicht in dem Kräftemessen zwischen Arbeit und Kapital liegt, das bis zu den nächsten Aufständen und Protesten zugunsten des Kapitals ausfällt. Bis dahin drehen die Lobbys alles so hin, dass möglichst viel unverdienter Reichtum entsteht. Die Stellschrauben, die über die Profite entscheiden, sind eben in den Händen von volksfeindlichen oder lobbyhörigen Politikern. So entsteht das Phänomen der Kapitalisten ohne Kapital, die mit gepumptem, eingesammeltem oder Kundengeld Kapitalist sein dürfen und überdimensional dafür abkassieren – egal ob sie Gewinne erwirschaften.

Noch naheliegender mag sein, dass der Technikfortschritt für die Umverteilung maßgeblich ist, weil er stets neue Produktivitätsgewinne hervorbringt, die gegen die menschliche Arbeitskraft ausgespielt werden. Die Roboter zahlen keine Sozialabgaben, die arbeiten nur für die Besitzenden. Und der technische Fortschritt macht ständig neue Gemeinheiten möglich, während der menschliche Rückschritt den Einsatz dieser Gemeinheiten durchdrückt.

Mehr noch, die globale Logik verlangt diese Auspresserei, denn wer's nicht tut, verliert gegen den Konkurrenten, der's doch tut. Es gibt immer weniger Marktnischen, wo sozial gewirtschaftet werden kann, denn Globalisierung bedeutet einen weltweiten Markt, in dem alle untergehen, die nicht mithalten wollen oder können. Die schlimmsten Raffkes gehen voran, und alle anderen müssen ihnen folgen.

Das sind die wahren Ursachen für die zunehmende Ungleichheit, siehe dazu Globalisierter Vertrauensbruch was die Globalisierung uns antut und Reload 1970 was die Deregulierung uns gebracht hat. Auch der Autor Leslie McCall und der Pulitzerpreisträger Paul Krugman haben was dazu zu sagen, siehe Der unverdiente Reichtum mit Kritik an der Ungleichheit und einer Statistik im Kommentar.

Nachtrag 27.5.: Die SZ von heute hält eine kleine Piketty-Schelte bereit, Entzaubert (nicht online). Es geht um die Datenfehler, die in Pikettys Bestseller entdeckt wurden. Die ökonomische Logik ist dem Buch laut SZ auch zuwider, die Forderung, Kapitalzins > Wachstum sei für die Verteilung des Reichtums irrelevant, und die Reichensteuer sei eher schädlich. Der SZ-Artikel ist aber schon vor dem wb-Artikel geschrieben, sie haben ihre Munition woanders geholt. Es geht um unplausible Ansichten bis hin zu systematischen Verfälschungen, weil Zahlen aus verschiedenen Ländern in eine Zeitreihe gestellt wurden, ohne sie mit der Bevölkerungszahl zu gewichten. Der Erfolg des Buchs zieht weitere Prüfungen nach sich. Eigentlich wendet sich die Kritik gegen den Falschen, nämlich den, der die schlechte Nachricht bringt. Sie sollte sich gegen die schlechten Tatsachen wenden, an denen es ja seit Jahren keinen vernünftigen Zweifel mehr geben kann.

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Eine Antwort auf Die Wissenschaft von der Ungleichheit

  1. pinetop sagt:

    Die Schlußfolgerung könnte sein: Enteignet die Milliardäre. Darüber kann man und sollte man leidenschaftlich streiten.

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