Neuerdings rechtfertigen Nichtgläubige sich wieder!?

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Tafel_Rechtfertigungslehre_Augsburg_croppedDiese provokante Aussage stammt vom Deutschlandradio, wo Gesine Palmer zwei Bücher besprach, R. Dworkin: "Religion ohne Gott" und F. M. Wutekits: "Was Atheisten glauben". In diesem Bericht geht es nicht um eine Rezension, sondern um die Sendung vom 1.6. mit dem Titel Atheismus – Zwei überzeugte Nichtgläubige (Bild: Cholo Aleman, Daperata (talk), Wikimedia Commons).

Wes Geistes Kind die Autorin ist, klingt schon im Untertitel an, Ronald Dworkin und Franz Wuketits würden sicher keinem das Beten zu Gott verbieten. Aber für sie selbst kommt es nicht in Frage. Da staunt die Autorin, und später staunt sie noch mehr.

Dworkin ist ein ein amerikanischer Rechtsphilosoph, Wutekits ein deutscher Wissenschaftstheoretiker, und  beide fühlen sich laut Deutschlandradio veranlasst, ihren Nicht-Glauben zu rechtfertigen. So sei das also, neuerdings müssen sich die Leute, die nicht an einen bestimmten persönlichen Gott glauben, wieder rechtfertigen. Nicht wegen der weltweit angeblich zunehmenden Frömmigkeit, sondern weil Psychologen nun die seelischen Wohltaten und den ökonomischen Nutzen des Glaubens mitsamt der tiefempfunden persönlichen Werte entdeckt hätten.

Demnach laute die Botschaft der Seelenkundler in etwa: Irgendwas musst du doch glauben. wenn du nicht an Gott glaubst, – wenn nicht, dann stimmt etwas nicht mit dir, womöglich mit dem Urvertrauen, und das rüttele auch den coolsten Ungläubigen auf – so die Mär über die ganze Gilde, vom Psychoanalytiker bis zum Coach.

Mehr noch, in diesen Gefilden führten Defizite (und Glaubensmangel wird als solches angesehen) in die Psychiatrie bzw. zum altbekannten Kinderfresser-Vorwurf gegen Atheisten. Sie wären demnach moralisch zweifelhafte Subjekte, denn nur ein gläubiger Mensch hätte ernsthaften Grund zu moralischem Handeln. Und dieser Vorwurf aus der Mottenkiste sei nicht nur in fernen Gottesstaaten publik, sondern auch bei uns wieder öfter zu hören. Das sei der Grund, warum Nichtgläubige sich neuerdings wieder rechtfertigten.

Die Autorin gibt sich verwundert über den Unfug, den sie da ohne echte Belege ausgebreitet hat. Sie missinterpretiert Wuketits Erläuterungen, dass gerade Atheisten besonders moralische Menschen sein können, die ein sinnvolles und lebenswertes Leben führen, als Rechtfertigung. Aber so war das bestimmt nicht gemeint.

Bei Dworkin ist das Rechtfertigungs-Argument noch mehr an den Haaren herbeigezogen. Laut Deutschlandradio beanspruchte er für Atheisten den Status einer eigenen Religion mit gleichen Rechten wie die götteranbetenden Religionen. Er reklamiert den Begriff der Religion also auch für den Glauben der Atheisten. Sein Argument: Auch wissenschaftliche und mathematische Sätze müssen in letzter Instanz geglaubt und für wirklich gehalten werden.

Stimmt, aber da regiert die Vernunft, und man glaubt seriösen Leuten, die eine Wissenschaft vertreten. Und nicht Leuten, die per Bauchgefühl tausende von unüberprüfbaren Phantasien tradieren und mit Überprüfbarkeit nichts im Sinn haben. Insbesondere, was soll das mit Rechtfertigung zu tun haben? staunt man.

Das Staunen reklamiert die Autorin für sich, ihre Verwunderung geht weiter zu der Tatsache, dass beide Autoren Albert Einstein verehren und dass sie "vernarrt" seien in eine Verbindung zwischen Natur und Moral, darin zeige sich eine enorme Verunsicherung. Wuketits wirke im Duktus selbst erstaunt, wenn er den autoritären Neoreligiösen entgegenhält: "Gott ist für die Moral eine überflüssige Hypothese."

Da ist die Verwunderung aber nur auf Seiten des Rezipienten, der sowas als Rechtfertigung serviert bekommt. Oder auch die Einstein-Aussage "Nach dem Sinn oder Zweck des eigenen Daseins sowie des Daseins der Geschöpfe überhaupt zu fragen, ist mir von einem objektiven Standpunkt aus stets sinnlos erschienen."

Vielleicht sollte die Autorin lernen, dass die Sinnstiftung immer ein Willkürakt ist, denn wer sich den Sinn nicht unmittelbar selber gibt, der gibt ihn sich mittelbar über die Wahl der Religion. Dann hielte sich ihr Staunen über solche Selbstverständlichkeiten in Grenzen. Und dann würde sie nicht dem Missverständnis oder der gewollten Fehlinterpretation unterliegen, dass die apologetische Literatur nun nicht mehr die Religion gegen die Angriffe der Aufklärung verteidigte, sondern dass das nun umgekehrt wäre.

Worin soll die "Verteidigung" wohl bestehen? In der rationalen Sichtweise der Welt, die den Aufgeklärten lebensfroh und diesseitsorientiert machen? Doch sicher nicht in der Gleichsetzung Atheist und Egoist, die der Autorin so ganz nebenbei entfährt. Und auch nicht in einem weiteren Einstein-Zitat, das sie für ihre Insinuierungen strapaziert:

"Das Wissen um die Existenz des für uns Undurchdringlichen, der Manifestationen tiefster Vernunft und leuchtendster Schönheit, die unserer Vernunft nur in ihren primitivsten Formen zugänglich sind, dies Wissen und Fühlen macht wahre Religiosität aus; in diesem Sinn und nur in diesem gehöre ich zu den tief religiösen Menschen."

Das Konzept des freien Geistes scheint bei der Autorin noch nicht angekommen zu sein, sonst hätte sie keine Probleme mit solchen Aussagen und würde sie nicht als "Verteidigung" von seiten des zitierenden Dworkin fehlinterpretieren. Weiter im krausen Argument: weil "es auch in der westlichen Welt für Atheisten bald wieder prekär werden könnte". In der prekären Situation sind doch die Gläubigen, die ihre Phantasien gegen die Realität verteidigen.

Die Autorin liegt auch schief mit der Vorstellung, der "Angriff" der Gegenseite auf Einstein sei ungefährlich, wo er vordergründig dem Kreationismus huldige und dem Glauben an die absolute Wahrheit biblischer Geschichte, gefährlich aber dort, wo er auf moralische Haltungen und psychische Dispositionen ziele. Wie das? Von der Religion geht keine philosophische Erkenntnis aus und keine moralische Verbesserung.

Um das Gegenteil zu belegen, zitiert der Artikel Dworkin mit einem sentimentalen Geschwurbel des Inhalts, dass er bereitwillig Gefühle über den Verstand stelle (was Einstein in Grenzen auch tat). Dazu Dworkins Aussage, jedes einzelne Werturteil müsse "aus sich heraus und nach einer eigenen kategorialen Ordnung gewonnen werden", es könne nicht aus irgendeinem Satz über das Sein der Welt abgeleitet werden.

Im Klartext hat er da bloß die Erkenntnis der Psychologie formuliert, die besagt, dass es (außerhalb von der Mathematik) keine Entscheidungen nur aufgrund der Logik geben kann, sondern dass stets Gefühle die Grundlage bilden, aus denen Wertungen und am Ende Willensentscheidungen entstehen.

Das betrifft die Inhaber "religiöser" Überzeugungen genauso wie die Anhänger der Aufklärung. Unterschiedlich ist allerdings, auf welchem Level die Gefühle übernehmen, und wieviel Vernunft sie dabei überstimmen. Legitim ist die religiöse Realitätsblindheit natürlich genauso wie ein gut überlegtes Gedankensystem. Intellektuell gleichwertig ist es aber nicht, wenn einer sich allein auf seine Gefühle verlässt und ihnen den Verstand unterordnet, oder wenn er für die wissenschaftliche Methode zugänglich ist, nach der Theorien hinterfragt und überprüft werden, und verworfen, wenn sie die Prüfung nicht bestehen.

Solches scheint bei der Autorin gar nicht angekommen zu sein, sonst würde sie nicht die Verschwörngstheorie mit dem "neuen Rechtfertigungsbedürfnis" der Atheisten bzw. Humanisten kultivieren. Dafür gibt es keinen realen Grund. Leute, die Dinge ohne realen Grund tun, sammeln sich bei den Religiösen.

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