Big Datas Angriff auf die Selbstbestimmung

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Sigmar_Kratzin-Eckpunkte_der_Selbstbestimmung-2001Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung von Pfingsten (8.6.) kostet jetzt 3,50 Euro (10 Cent plus), aber sie ist viel mehr wert. Mehrere hochkarätige Artikel sind dringend lesenswert. Einer davon ist Im Visier der smarten Macht von Byung-Chul Han (nicht online). Der Untertitel In Zeiten von Big Data sind Kontrolle und Freiheit keine Gegensätz mehr sagt besser aus, worum es geht. Es geht um neue Einsichten in die digitale soziale Welt, und Han liefert sie (Bild: Sigmar Kratzin – Eckpunkte der Selbstbestimmung, Wikimedia Commons).

Zwischen grenzenloser Informationsfreiheit und grenzenloser Überwachung werden die digitalen Medien zu einem "Panoptikum", wie der Autor sagt, wobei die Zeit der Freihet schon zuende ginge, das sei nur eine Episode gewesen. Was sich jetzt als Freiheit gibt, sei verkappte Kontrolle, womit der Gegensatz von Freiheit und Überwachung aufgelöst sei. Die "Bewohner des digitalen Panoptikuns" entblößen sich, indem sie kommunizieren, und durch ihre "Selbsausleuchtung" bauen sie selber mit an den Kontrollinstanzen.

Das führt zu der interessanten Logik, dass der digitale Big Brother seine Arbeit quasi an seine "Insassen" auslagere.

Ob die Preisgabe der Daten nun wirklich aus einem inneren Bedürfnis heraus erfolgt und nicht aus Zwang, scheint dagegen nicht so klar. Digitale Zwänge gibt es in vielen Spielarten, vom Konformitätsdruck bis zu der Tatsache, dass vieles nicht mehr anders geht als übers Netz (man versuche mal, Google etwas zu sagen oder zu schreiben).

Ein Rückblick zitiert das Volkszählungsurteil des Bundesverfassungsgerichts, demnach wäre die informationelle Selbstbestimmung nicht mehr gegeben, wenn die Bürger nicht mehr wissen, wer was wann und wozu über sie weiß. Diese Zeiten sind aber vorbei. Der Staat wird als Herrschaftsinstanz von der NSA abgelöst, und wir stellen unsere Daten freiwillig und unkontrolliert ins Netz.

Das hat nun nichts mit Orwells Vision des Überwachungsstaats zu tun, bei dem das Wort Freiheit aus dem Vokabular getilgt wurde. Im "digitalen Panoptikum" werde die Freiheit exzessiv genutzt, statt foltern sei posten, twittern und teilen modern, und die freiwillige Überwachung, die aus dem Datenabsaugen entsteht, sei wesentlich hermetischer.

Der böse Große Bruder hat einen neuen Ableger mit freundlicher Oberfläche bekommen, eine verführerische "smarte Macht", die gar nicht drohen muss, um an alles dranzukommen, was wissenswert ist. Das ist nun die wichtigste Aussage: Es geht nicht nur um die einfachen Fakten, sondern um die Auswertung von Gedanken, die die digitale Datenerfassung möglich macht. Und nicht nur die bewussten Gedanken schlagen sich in den Datensätzen nieder, sondern auch unbewusste, von denen die Ausgeforschten selber nichts wissen.

Permanent wird man aufgefordert, sich zu verlautbaren und immer neue Datenabsauger zu benutzen. Längst nicht mehr bloß digitale Kalender, die Selbstoptimierung stattet den Menschen mit Self-Tracking-Instrumenten und Datenbrillen aus (siehe Selbstertüchtigungsindustrie im Vormarsch), und das Smartphone erkennt zunehmend den Benutzer und seine Umgebung. Keine Repression könnte das leisten, was die Attraktion der neuen Möglichkeiten uns entlockt. Dazu wird der Jenny-Holzer-Spruch zitiert: Protect me from what I want.

Das bringe uns in das Zeitalter der digitalen "Psychopolitik". Der Fortschritt gehe von passiver Überwachung zu (inter-)aktiver Steuerung, so Han. Er sieht dabei eine Krise des Freien Willens selbst, weil das psychologische Instrument des Big Data ein neues Herrschaftswissen erlange, dessen Hilfe es erlaube, durch Manipulationen im Vorreflexiven in die Psyche einzugreifen.

Zitiert wird eine Analogie, was das Mikroskop für die Erkundung der Bakterien gewesen sei, wäre nun Big Data für die Erkundung des Sozialverhaltens. Es ginge nicht um eine Verbesserung der menschlichen Gesellschaft, sondern um die Gleichsetzung des Menschen mit Bakterien, die gesteuert und manipuliert werden können.

Ein weiterer Absatz scheint nicht so einleuchtend, wo Han die nun möglichen Prognosen der menschlichen Zukunft als Kontraindikation zur Freiheit der Handlung sieht. Die Zukunft sei nicht mehr offen, meint er, sie sei berechenbar und steuerbar, die Person mache sich zur Sache, die quantifizierbar, messbar und steuerbar sei. Doch was ist die wissenschaftliche Sicht anderes als quantitative und qualitative Ausforschung? Hinter Hans Kritik steckt an dieser Stelle womöglich ein Anhauch von Dualismus.

Recht hat er allerdings, wenn er das Smartphone als "digitale Devotionalie" sieht, als "mobilen Beichtstuhl". Beichten ist eine effektive Herrschaftstechnik, und diese Art der Selbstentblößung werde nun nahtlos vom Smartphone übernommen. Wir beichten freiwillig weiter, so Han, wir unterwerfen uns dem neuen Herrschaftszusammenhang unhinterfragt, wir leben in einem "digitalisierten Mittelalter".

Das sind schwerwiegende Erkenntnisse, die Han uns bewusst macht. Diesmal hört nämlich einer zu bei der Beichte, der keine Diskretion gelobt hat wie der Pfarrer dunnemals. Das Internet hat die Reichweite des Tratsches vom Hinterhof auf die ganze Welt ausgedehnt, mit Konsequenzen, die Han uns vorzeigt.

Es ist ein Abgesang auf den Freien Willen, denn Enscheidungen, die dem Gefühl nach frei sind, werden bald ganz manipuliert sein. Mag schon sein, dass sich das von der altbekannten Indoktrinierung nicht prinzipiell unterscheidet, aber es wird auf eine neue Stufe erhoben, wenn aus der Überwachung der Masse eine "aktive Steuerung" wird. Diese "digitale Psychopolitik" ist laut Han im vollen Gange. Big Data mache Wünsche lesbar, deren wir uns noch nicht mal bewusst seien. Wir wüssten ja nicht, warum wir je nach Situation ein bestimmtes Bedürfnis verspürten, aber Big Data weiß es, oder noch schlimmer, insinuiert es.

Zumal viele Leute ohnehin unreflektiert durchs Leben gehen, die sind natürlich ein leichtes Opfer der hinterhältigen Manipulation (siehe dazu unser Wissenbloggt Lebensqualitäts-Rating, das kaum Kritik an den Werbemethoden feststellen konnte). Aber auch intellektuell bestimmte Menschen sind steuerbar und ausbeutbar, weil sich eben vieles dem Bewusstsein entzieht. Das mache den Raum frei für eine Psychopolitik. In Big Data schlummert die Macht, per Datananalyse Herrschaftswissen zu destillieren, das manipulativ benutzbar ist. Die Souveränität des Menschen ist bedroht. Das ist die Kernaussage von Han.

 

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2 Antworten auf Big Datas Angriff auf die Selbstbestimmung

  1. Eine von etlichen Konsequenzen aus dem Artikel könnte nun sein, dass niemand mehr irgendwelche Artikel auf Webseiten veröffentlicht (die Rückschlüsse auf den Autor zulassen), niemand mehr Kommentare dazu schreibt (die Rückschlüsse auf den Kommentator zulassen), ja dass sich niemand mehr zu was auch immer "im Netz" äußert.

    Es wäre das Ende der 'Kommunikation mit digitalen Hilfsmitteln' und würde eine Abkapselung der Menschen beinahe zwingend nach sich ziehen.

    Da ist es mir doch lieber, dass jeder weiß, dass ich am 31. September 1986 in Juchhöh geboren wurde ;-) (und die Botschaft hinter der Botschaft ist …).

  2. Wilfried Müller sagt:

    Daniel Freyenrath ist humorvoll, und er hat recht mit den Konsequenzen. Ich glaube, das wird neue Umwälzungen bringen und neue moralische Maßstäbe etablieren. Weg vom Dogma, dass es Freiheit nur durch Anonymität gebe, weg von Heuchelei und Unredlichkeit. Hin zu Ehrlichkeit und dem Bekenntnis zu dem, was man ist, und was man will. Andererseits ist es unheimlich, wenn die Computer einem bald sagen können, wie man ist, und was man will. Siehe auch den Ansatz zur Datenhygiene in Gesichtserkennung und andere Informationsbegehrlichkeiten

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