Big Data als Digitatur

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friendlyfroggyWas der FAZ recht ist, ist der Süddeutschen Zeitung billig. Am Wochenende brachte die FAZ ihren Big-Data-Artikel (besprochen in Big Datas Angriff auf die Selbstbestimmung), und schon davor hatte die SZ sich sehr lesenswert an dem Thema abgearbeitet. Der Artikel heißt Pöbelmaschine (6.6., nicht online) und stammt von Evelyn Roll (Bild:keiner vom NSA-Überwachungspersonal, sondern friendly froggy – stuffed toy frog © Adrian van Leen, Openphoto). Frei wiedergegeben der Inhalt von Rolls Artikel:

Es gibt nicht nur die bisher bekannten drei Kränkungen der Menschheit, als die Wissenschaft die Erde aus dem Mittelpunkt des Universums herausholte, als der Mensch als Bruder vom Affen decouvriert wurde, und als die materialistische Sicht der Welt das Hirn als Maschine deutete, siehe Die vierte Kränkung? Die besagte vierte Kränkung wird dem Internet zugeschrieben, oder besser den Enthüllungen darüber, wie sie Snowden und Manning uns brachten.

Das Internet hat quasi seine Unschuld verloren, es ist kaputt. Sein Bild von der großen Informationsfreiheit für alle entsprach nicht der Realität, denn die Realität heißt Totalüberwachung. Der SZ-Artikel fasst das in die Worte, das wunderbare Internet sei in Wirklichkeit eine "Digitatur". Das war die große "digitale Kränkung".

Die Internet-Pioniere beklagten die Übernahme von Kommerz und Spionage, und für die findet Evelyn Roll die Worte: Die Digital Natives waren in Wahrheit Digital Naives. Die Wirklichkeit von Big Data sieht heute anders aus, als damals die Blütenträume von informationeller Selbstbestimmung erhofften.

Rolls Thema ist vor allem die Anonymität der Handelnden. Sie setzt sich mit dem Zwiespalt auseinander, der da offenkundig wird. Einerseits die gewünschte private Ecke,. in der man tun und lassen kann, was man will, ohne dass die anderen es beobachten können. Andererseits der unausgesprochene Internetanspruch, nichts bleibt mehr geheim, jedwede  Anonymität geht verloren.

Die einen mögen das bedauern und bekämpfen, aber wie der Artikel richtig bemerkt, ist es vielen auch egal. Ob das die zukunftsweisende Haltung ist, in Form einer bayrischen Weisheit (von wb) ausgedrückt: gar ned ignorieren? Oder geht die Enttabuisierung nun endgültig zu weit, indem sie nach der Würde auch die Scham abschafft? Wird unsere Zivilisiertheit beschädigt, indem unausgesprochene Regeln geschliffen werden, wie "verschone mich mit deinen Interna"? Gehen die einengenden Konventionen bzw. Tabus ganz verloren. ist nichts mehr peinlich?

Die Beispiele aus dem Artikel: Wer im Auto pöbelt (das offenbart die Autorin von sich selbst), der tut es privat, denn er wird außerhalb vom Auto nicht gehört. Wer aber im Auto in der Nase popelt, der kann gesehen und überwachungsgefilmt werden, und dann ist sein Popelbild digital unsterblich.

Analog dazu gibt es die Pöbler im Netz, die eine abseitige Kultur der Schändlichkeit hervorgebracht haben. Sie profitieren von der Unsichtbarkeit, die das Netz ihnen bietet. Wenn die pöbeln, kommt es überall an, aber wenn sie popeln, merkt es noch keiner (bis die Welt der Schriftlichkeit untergeht und die Videowelt bis zuhause vordringt, siehe Die Zukunft gehört dem Analphabetismus).

Rolls Aussage dazu: Popler im Auto und Pöbler im Netz verwechseln Anonymität mit Unsichtbarkeit. Diskutiert wird die Frage, sollten nich alle mit richtigem Namen publizieren? Sie sieht ein Paradox zwischen Anonymität und Sichtbarkeit, wobei man ihr nicht unbedingt folgen muss. Wer's  unbewusst tut, oder wem's egal ist, der entzieht sich dem Paradox. Roll vertritt die liberale Position bei dem Problem der Namensnennung, es sei ja noch keiner auf die Idee gekommen, man müsse mit umgehängtem Namensschild autofahren.

Dieser Argumentation braucht man auch nicht zu folgen, schließlich haben die Autos vorn und hinten eine Nummer. Im Verkehr hat sich die Pflicht zur Indentifizierbarkeit durchgesetzt, und die Vorstellung, irgenwelche Leute dürften anonym Autos lenken, ist ein Horrorszenario. Außerdem steht die reale Entwicklung der Anonymitättspflege im Weg, siehe Gesichtserkennung und andere Informationsbegehrlichkeiten). Der Trend geht dahin, dass jeder jederzeit erkannt wird.

Was ist nun mit der Namenspflicht bei Internet? Roll argumentiert dagegen, man solle sich lieber abmelden oder sonstwie ausgrenzen. Also das demokratische Argument, die Mehrheit kriegt am Ende das, was sie will.

Schlecht ist das sicher nicht, wenn man seine private Datenhygiene pflegt und auf die Krawallseiten gar nicht mehr draufgeht; auch nicht aus interessiertem Abscheu. Nebenbei würde zu dem Thema Datenhygiene die Diskretion gehören, die großen Krawallmacher nicht beim Namen zu nennen. Z.B. eine nigerianische Terrorgruppe anonym zu lassen oder einen norwegischen Massenmörder (wie wb es praktiziert).

Aber man darf nicht verkennen dass es bald gar keine Anonymität mehr gibt. Klatsch und Tratsch und Pöbelei und Skandal werden jetzt weltweit verbreitet und nicht nur im Hinterhof. Und die Überwachung läuft ständig mit.

Entweder nicht mehr pöbeln und sonstwie sündigen, oder sich dazu bekennen. Das ist die Umwälzung von unserer Kultur, der wir uns stellen müssen.

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