Overbanked – die Zombies grüßen

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AmberR-ZombieDas Stichwort für diesen Artikel heißt Lebenshilfe für Zombies. So lautet der Titel von einem Artikel, den  Markus Zydra am 22.4. in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichte (nicht online). Aus dem Inhalt: Bei der Geschichte der Finanzcrashs (1987, 1998, 2001, 2007) halfen jedesmal die Zentralbanken mit Zinsgeschenken. Aktuell tut die EZB dasselbe, die Zinsen liegen seit Jahren bei 0%. Eigentlich sollte diese Maßnahme Wachstum und Wohlstand bringen, was aber tatsächlich gefördert wird, ist die Spekulation und die Anhäufung von neuen Crashrisiken.

Zombie-Banken (Bild: AmberR-ZombieCC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons) sind Pleitebanken, die trotzdem weitermachen. Ermöglicht  wird das durch obrigkeitliche Rettungsmaßnahmen wie von der EZB. Dazu gehört das Sponsoring, mit dem die EZB den europäischen Geschäftsbanken die faulen Staatsanleihen abkaufte, entweder direkt oder indirekt, indem sie sie als Sicherheiten akzeptierte. Und die Nullzinspolitik mit der Ausweitung der Geldmenge gehört dazu, als "Liquiditätshilfe" für alle, egal wie sehr sie den Konkurs verdient haben. Insgesamt hat die EZB (Europäische Zentralbank) die Geldmenge seit der Euro-Einführung verdoppelt, ohne dass dem entsprechende Wertsteigerungen gegenüberstehen.

Das veranlasste das ESRB, das European Systemic Risk Board (von der EU-Kommission eingesetzt, um die Stabilität der europäischen Finanzwelt zu überwachen) zu einer Studie Reports of the Advisory Scientific Committee No. 4/June 2014 – Is Europe Overbanked? Im Echo der FAZ wurde das zu Die Banken sind fett und gefährlich (8.6., nicht online), von Philip Plickert. Im Detail ein paar Informationen aus der Studie:

Europas Bankensystem ist zu groß im Verhältnis zu Europas Wirtschaft, egal ob man es am Einkommen oder am Besitz misst. Es hat eine Größe erreicht, wo sein Beitrag zum Wachstum gegen Null geht, oder sogar ins Negative. Das liegt daran, dass zuviele Leute für die Banken arbeiten, die woanders mehr Nutzen schaffen würden. Außerdem drängt die Massierung der Finanzunternehmen zuviel Investitionen ins Risiko, mit der Folge von z.B. Immobilienblasen und Systemgefährdung und Spekulationen fernab vom realwirtschaftlichen Nutzen.

Der 15-jährige europäische Trend zum overbanking ist gekoppelt an geringeres Wirtschaftswachstum und darf als dessen Ursache gelten. Woanders gibt es diesen Trend nicht, sogar die USA kommen mit der halben Bankendichte aus.

Die Studie kritisiert auch die Vermischung von Geschäftsbanken und Investmentbanken in einer Firma, speziell der Handel mit Derivaten ist in Europas Geschäftsbanken weit verbreitet. Das wird meist mit je mehr desto besser begründet, es verschaffe den Banken bessere internationale Konkurrenzfähigkeit. Dabei ist dies System anfällig, weil es höhere Systemrisiken auf sich zieht.

Die Überdimensionierung geht auf die europäische Politik zurück, vor allem Großbritannien und Irland (das sich dadurch ruinierte) haben ihre Banken zur Vergrößerung getrieben. Wo es Probleme gab, wurde kein Konkurs abgewickelt, sondern es wurde fusioniert. Während die USA über 400 Banken pleitegehen ließen, waren das in Europa nur eine Handvoll (z.B. die deutsche HRE und die spanische Bankia, aber beide wurden mit öffentlichem Geld übernommen bzw. abgewickelt).

Bisher gab es keine ungemauschelten Stresstests, so dass man nicht weiß, wo überall die Zombies sitzen. Aber es sind welche da, denn sonst wären die Banken nicht so misstrauisch untereinander, dass sie sich gegenseitig nichts mehr leihen (einer der Gründe, warum die EZB sie mit Geld zuschüttet). Das Wort von der "demokratisch gepamperten Klientelwirtschaft" ist noch ein milder Ausdruck für solche Verhältnisse.

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung wird das am 7.6. von Thomas Mayer kommentiert, Mayers Weltwirtschaft – Die EZB ist schuld, mit dem Inhalt, die Europäische Zentralbank bewahre uns nicht vor Krisen, sie führe uns stattdessen tiefer hinein. Mayer (der auch Berater der Deutschen Bank ist) liefert gute Gründe für seine Ansicht.

Mit der auf Inflationsziele fixierten Geldpolitik haben die EZB-ler einen maßgeblichen Beitrag zur Entstehung der Krise geleistet, und mit derselben Politik wollen sie uns aus dem Schlamassel herausführen, so Meyer. Er spricht von "erleuchteten Politikern und Technokraten in den Finanzministerien und Zentralbanken, die es natürlich besser wissen als die Märkte."

Dabei sei es genau umgekehrt: Die Anmaßung von Wissen der Wirtschaftsplaner in den Notenbanken und Ministerien habe uns in die Krise geführt. Deshalb könne auch nur eine marktkonforme Wirtschaftsordnung das Problem lösen. Das Argument dazu hinkt aber ein bisschen: Menschliche Beziehungen würde man nicht zwecks Erklärung in mathematische Modelle fassen (wetten doch?), die Ökonomie sei aber voll davon, inclusive vereinfachender Annahmen für die Beweggründe menschlichen Verhaltens. Das resultierende  "Scheinwissen" verhelfe gelegentlich mal zu treffenden Aussagen, doch es sei keine hinreichende Begründung für den Anspruch auf die Steuerung der Wirtschaft.

Der Unfehlbarkeitsanspruch, den die Elite gern davon ableitet, spiegele sich in den Preisen, die sie sich gegenseitig verleiht. Dabei schleichen sich gravierende Fehler in die ingenieurmäßige Analyse ein, mit der Folge von turbulenten Zeiten, die die mechanistischen Annäherungen an die Realität pulverisierten. Das sei  durch der Finanzkrise für jedermann sichtbar geworden, und trotzdem gewönnen die  "Experten" noch mehr Respekt daraus, statt dass sie mal geerdet würden.

In Meyers Diktion sehen sich die heutigen Ökonomen als Ingenieure, und sie schauen auf die vorige Generation als "Priester" herab. Das sei aber eine Verwechslung der Ökonomie mit den exakten Wissenschaften, mithin eine Anmaßung von Wissen darüber, wie die Wirtschaft gesteuert werden soll. Anscheinend stört sich niemand daran, dass dies System seine Insuffizienz immer wieder beweise.

So auch bei der Bekämpfung der Geldschwemme mit noch mehr Geldschwemme, durch "dieselben Experten, die Beihilfe zur Finanzkrise geleistet haben" (Meyer hätte auch die Euro-Retterei erwähnen können, wo zuviel Schulden mit noch mehr Schulden bekämpft werden). Treffend ist seine Erkenntnis, dass die Politiker den Ehrgeiz haben, kein Produkt, keinen Markt und keinen Akteur ohne staatliche Regulierung zu belassen

Meyer mahnt Bescheidenheit an. Er verweist auf den Nobelpreisträger von Hayek, der die aus seinem Erfolg resultierende Autorität abweisen wollte. Was in der Naturwissenschaft etabliert sei, nämlich die unangefochtene Autorität des Entdeckers/Erfinders, sei in der Ökonomie fraglich. Wer auf seinem speziellen Gebiet Besonders geleistet habe, sei deswegen noch lange nicht kompetent für allgemeine Aussagen.

Den Anschein der ökonomischen "Allwissenheit" würdigen außerhalb von  Ökonomie, Politik und Bürokratie nicht so viele, wie Meyer vielleicht meint; wo sie doch die regelmäßigen Fehleinschätzungen der Wirtschaftsweisen im Gedächtnis haben. Einige wissen auch, dass die Ökonomie im Grunde nur Kaffeesatzdeuterei ist, aber auf eine andere Ebene verlegt. Pikant ist Meyers Umschreibung der Inkompetenz: Er möchte eine Art hippokratischen Eid für Wirtschaftsweise einführen, mit dem die sich verpflichten sollen, ihre Kompetenzen nicht zu überschreiten. Mehr noch, Meyer sieht einige Wirtschafts-Nobelpreisträger, denen es gut anstehen würde, diesen Eid zu leisten. Und natürlich auch den Notenbankern und Wirtschaftspolitikern, damit die Allgemeinheit endlich vor ihrer Selbstüberschätzung und ihrem Gestaltungswillen geschützt werde.

Soviel zum Machbarkeitswahn, zur Konkursverschleppung und den daraus resultierenden Zombies.

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Eine Antwort auf Overbanked – die Zombies grüßen

  1. pinetop sagt:

    Ein Notenbankpräsident, der aus der (privaten) Finanzwelt kommt ist geprägt und kommt aus seinen Denkgewohnheiten und Empfindungen nicht heraus. Er wird immer im Interesse der großen Finanzakteure handeln. Mit einem Präsidenten aus der Wissenschaft würde man besser fahren.

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