Gegenteil von Patenten: Sharing Economy

image_pdfimage_print

Top_Share_Daily_IconDie alte Idee vom exklusiven Besitz an Wissen und Erkenntnis hieß Patent, und sie wird in dem benachbarten Artikel abgehandelt, Wieso Patente in der Pharmaindustrie sinnvoll sind. Ein problematisches Thema, wie die Kommentare und unser Artikel Digitale Machtergreifung zeigen. Patente decken den ganzen Bereich zwischen berechtigtem Schutz bis hin zur Erpressung ab, und in der digitalen Branche haben sie ihre Daseinsberechtigung längst verloren.

Die moderne Idee heißt Sharing, und das bietet einen schönen Kontrast dazu (Bild: Michael H. Royal, Wikimedia Commons). Das zähneknirschende Lob dafür liefert die Süddeutsche Zeitung am 14.6. in Streaming-Dienste – Hauptsache bequem: Einfache Nutzbarkeit und ein großes Angebot überzeugen die Nutzer, aber die großen Digitalkonzerne erobern den Markt, während die eigentlichen Erzeuger (in dem Fall die Musiker) weniger dadurch verdienen. 

Damit sind schon mal die Eckpunkte festgelegt, auch wenn das sharing-Prinzip seine Wirkung über den digitalen Bereich hinaus entfaltet. Nicht nur bits können geteilt werden (was in dem Fall Vervielfachung bedeutet), sondern auch Atome. Atome lassen sich nicht vervielfältigen, aber sie lassen sich vielfach nutzen statt nur einmal. Das ist die Grundlage für die neue sharing-Welle.

In der SZ stand am 8.6. ein wegweisender Artikel dazu, Trend Sharing Economy – Teilst du schon? von Kathrin Werner. Der Untertitel: Ein neuer Trend verändert die Wirtschaft: Sharing Economy. Menschen wollen Dinge nicht mehr haben, sondern an ihnen teilhaben. Darauf muss die Politik reagieren.

Demnach geht es den Konsumenten nicht mehr um Eigentum, sondern um Zugang zu Dingen und Dienstleistungen. Es braucht nicht jeder eine eigene Bohrmaschine, die dann insgesamt 10 Minuten benutzt wird. Man kann auch den Bohrer vom Nachbarn nehmen (sofern der nicht Zahnarzt ist), und dann teilt sich der ganze Block eine einzige Bohrmaschine und kann trotzdem genausoviele Löcher bohren wie zuvor.

Gewiss muss die Politik auf diesen Trend reagieren, indem sie die Rahmenbedingungen dafür schafft, dass z.B. Bikes und Autos und Bohrmaschinen geteilt werden können. Das soll ja nicht nur Schwarzarbeit sein wie früher. Viel gravierender dürfte deshalb die Reaktion der Wirtschaft ausfallen, die nun mal jedem eine Bohrmaschine verkaufen will, und dem Zahnarzt sogar zwei.

Irgendwie müssen die 30.000 Dinge ja zusammenkommen, die jeder Bundesbürger im Schnitt besitzt (jemand hat das mal gezählt). Wenn darunter ein gut gelegener Parkplatz ist, hat man gleich was zum Sharen, denn wenn man ihn selber nicht braucht, freut sich jemand anders darüber. Klarerweise ist das Sharing mit dem unbekannten Nutzer ein neues digitales Produkt. Neue Software und moderne Infrastruktur bringen zusammen, was noch nie zusammengefunden hat.

Die Palette der Sharing-Objekte ist immens, nicht nur Parkplätze und Fortbewegungsmittel können geteilt werden, es ist sogar die Rede von Hunden, die per Internet geshared werden. Mein Wauwi ist dein Wauwi, und seine Kacke gehört sowieso allen.

Bislang ist von wife sharing oder husband sharing noch nicht die Rede, aber naja. Bisher heißt das swinger club und blüht im Verborgenen. Wenn's dann allgemein publik und nutzbar wird, können sich die Kritiker nochmal neu darüber aufregen.

Die Möglichkeiten gehen sogar noch weiter, es geht nicht nur um die Vermittlung von Beischlafgelegenheiten, sondern um Schlafgelegenheiten generell. Dabei war das jungendgemäße sofa surfing nur der Vorläufer (man findet im Netz einen Platz, wo man irgendwie nächtigen kann). Jetzt geht's auch um professionelle Schnellvermietung von Zimmern und Wohnungen, wo der Inhaber gerade abwesend ist.

Und es geht um Fahrgelegenheiten aller Art, von denen sich die  Taxiunternehmen ernsthaft bedroht sehen. Die entsprechende Software vermittelt Dienstleistungen wie Mitfahrgelegenheiten bis hin zum Amateur-Taxi. Wunder was, wenn das die Besitzstandswahrer auf den Plan ruft, die solche Demokratisierung verhindern möchten. Die Lobbys von Hotels und Taxiunternehmen, von Reparatur- und Pflegeunternehmen, ja, von der halben Industrie sind aufgestört.

Im zweiten Teil des SZ-Artikels Trend Sharing Economy – Für die alten Marken ist Sharing Economy ein Drama kann man das Zitat lesen: Manche Gesetze wurden für Unternehmen gemacht, manche für Menschen. Die Sharing Economy hat eine dritte Kategorie geschaffen: Menschen als Unternehmen.

 Vor allem sind das natürlich Menschen, die von der bestehenden Ökonomie ihres Arbeitsplatzes beraubt wurden. Wo das Geld nicht reicht, ist das Sharing eine Verdienstchance und eine Sparmöglichkeit zugleich. Wer den Selbstauskunfts-Test übersteht, kann seine kleinen Profite generieren (ein gewisses Vertrauen muss ja geschaffen werden, und das Internet macht die anonymen Geschäftspartner überprüfbar).

Das hört sich soweit gut an, die Menschen bekommen neuen Kontakt miteinander, sie werden über neue Beziehungen verbunden, die Umwelt wird geschont, die Ressourcen werden intelligenter genutzt, die Investitionen können sinnvoller gelenkt werden.

Werden sie das wohl auch? Oder bleibt trotz Optimierung per Sharing nix über? Das ist die große Frage, die zu den Problemen des neuen Trends überleitet. Wenn das nur die Anpassung an immer weiter sinkende Realeinkommen sein soll, ist die Sharing-Ökonomie das Falsche. Wenn es nur darum geht, übermäßige Steuern zu umgehen, ist sie bloß die Fortsetzung der Schwarzarbeit mit neuen Methoden.

Es ist ein neues Geschäft, und wie überall bei erfolgreichen neuen Geschäftsmodellen, reißen die Großen alles an sich. Die  Verdrängungskämpfe sind bereits in Gang. Am Ende macht das Geschäft nicht der Nachbar und klein mit klein, sondern es wird wieder von oben herab abkassiert. Die Gefahr besteht, dass es nur eine weitere Umdrehung der Umverteilungsspirale ist.

Wenn die Patente richtig funktionieren würden, könnten die innovativen Sharing-Anbieter die Großen draußenhalten. Dann müssten die Reichen vielleicht ihre leerstehenden Villen, ihre ungenutzten Yachten und Flieger sharen. Wohl eher nicht, steht zu erwarten.

 

Mehr zum Thema:
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Wirtschaft veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar