Forsch mal wieder

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800px-Albrecht_Altdorfer_004"Unsere Generation sieht tatenlos zu, wie eine Handvoll Parasiten und Milliardäre die Hochschulbildung aus Raffgier zerstören." Das ist ein Eigenzitat aus dem wissenbloggt-Artikel Parasitenbefall an Hochschulen, in dem die Machtergreifung des Kapitals an den amerikanischen Hochschulen beklagt wird. An den deutschen Hochschulen ist auch längst die Rede vom "Betteldozenten". In der New York Times vom 20.2. schreibt Nicholas Kristof von "irrelevant profs" (nicht online). Im Gegensatz zu diesen Wissenschaftlern, an denen sich der Sparzwang austobt, stehen die hochgesponserten Star-Profs, die sich von der Wirtschaft intrumentalisieren lassen (Bild: Albrecht Altdorfer "Der Hoffart sitzt der Bettel auf der Schleppe", Wikimedia Commons).

Oder auch nicht, die NYT geht dieses Thema am 15.3. an mit Science – Billionaires With Big Ideas Are Privatizing American Science: As government financing of basic research has fallen off, billionaires have stepped in, setting personal priorities and raising questions about science’s status as a public good.

Der lange Artikel besagt, die amerikanische Wissenschaft sei lange eine Quelle des nationalen Stolzes gewesen, nun aber werde sie zunehmend zu einem Privatunternehmen. Und es sind durchaus Philanthropen, die mit ihrem Geld die Kürzungen der öffentlichen Finanzen ausgleichen. Die Weltkarte der "Privatwissenschaft" müsse erst noch gezeichnet werden, aber viel Geld geht in Krankheitsbekämpfung (mit namentlicher Nennung der Bill & Melinda Gates Foundation).

Solche Förderer fehlen in Deutschland, bloß die Kürzungen haben wir hier auch. ZEIT ONLINE hat dafür am 6.3. die Meldung übrig Humboldt-Universität Berlin – "Etwas müssen wir tun": Kommt der nächste Bildungsstreik? Studenten der Humboldt-Uni beklagen das Haushaltsloch und fehlende Mitsprache. Demnach könnte es im Sommersemester bundesweite Proteste geben.

Aktuell ist ein ZEIT-ONLINE-Artikel vom 14.6., Uni-Sponsoring – Die Auftragsforscher: Universitäten brauchen immer mehr Geld aus der Wirtschaft. Wie frei darf die Wissenschaft noch sein? Soll es wirklich sowas geben wie den Red-Bull-Hörsaal, das Siemens-Auditorium, die Mondi-Newslounge und das OMV Library Center wie an der Wiener Wirtschaftsuniversität (alle von der Zeit benannt)? Das gemahnt an den Beate-Use-Dom, den der unvergessene Dieter Hildebrand sich kalauernd ausdachte. Aber im Ernst, müssen Drittmittel, also Gelder aus Fonds, EU-Programmen und Unternehmen wirklich das Exzellenzkriterium sein?

Die Zeit macht sich Sorgen um die Abhängigkeit der Wissenschaft vom privaten Geld. Sind die "Auftragsforscher" ein Übel? Das Problem der Mietmäuler drängt sich vor: "Die Europäer gehen mit großer Entschiedenheit davon aus, dass man nicht darauf vertrauen kann, Wissenschaftler würden bei kontroversen wissenschaftlichen und technischen Problemen die Wahrheit sagen, da sie zunehmend von den Fördermitteln der Industrie abhängig sind", so das Fazit einer Meinungsumfrage der Europäischen Kommission aus dem Jahr 2010. Das steht im zweiten Teil des Zeit-Artikels, und der dritte ist überschrieben, Langfristige Forschung soll nicht Aufgabe des privaten Sektors sein.

Was aber machen, wenn Spitzenkräfte wie z.B. Anton Zeilinger (siehe Einsteins Spuk und Wissenschaft und Religion im clinch) sich sonst nicht anlocken lassen? Interessant ist, dass eigentlich keiner an die Kraft der Politik glaubt, das Geld mal nicht in die Banken zu kanalisieren, sondern zur Abwechslung in die Universitäten. Dort wird es wohl nicht so dringend benötigt.

Im Grunde gibt es nur eine Lösung: das Patent muss her, mit dem man das Geld sharen kann. Wenn's der Bitcoin-Ansatz nicht bringt (siehe Coin oder nicht coin), dann vielleicht die Ersetzung der Profs durch Impersonatoren (siehe Die “Impersonatoren” sind da)? In der Richtung könnte doch mal was Intelligentes von den Unis kommen.
 

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Eine Antwort auf Forsch mal wieder

  1. Wilfried Müller sagt:

    Bei ZEIT ONLINE am 5.2. liest man Wissenschaftler – Prekariat mit Doktorgrad (6.2.): Promovenden und Postdocs rebellieren gegen schlechte Bezahlung und Kurzzeitverträge. Die Politik bewegt sich. Prekariat mit Doktorgrad sei die typische deutsche Uni-Karriere, das Verhältnis von Promotionen und frei werdenden Professorenstellen sei etwa 20:1. Wer den Absprung von der Uni nicht schaffe, werde mit Anfang vierzig zum akademischen Tagelöhner, der sich mit Lehraufträgen zu 25 Euro die Stunde durchbringe (Vor- und Nachbereitung natürlich unbezahlt, keine Sozialversicherung und in den Semesterferien gibt's halt kein Geld).

    Das Problem gebe es seit 1917, wird Max Weber zitiert, aus eigener Erfahrung kenne ich es aus den 1970er-Jahren. Nun endlich komme Bewegung in die Sache, so die Zeit. Es gibt eine Onlinepetition von jungen Politikwissenschaftlern, die sich in Anknüpfung an Webers Vortrag "Wissenschaft als Beruf" nennt, und sie hat schon 4600 Unterzeichner. Sogar die Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) habe was gemerkt, es habe schon ein Fachgespräch der Arbeitsgruppen "Bildung und Forschung" der Regierungsfraktionen gegeben, und zu Ostern solle das Ei gelegt werden, sprich die Eckpunkte eines Maßnahmenpakets erarbeitet werden.

    Bis zum Sommer müsse vom Bund etwas kommen, wird die GEW zitiert, ansonsten werden alle Register gezogen: bundesweite Demonstrationen und Streiks. Die Chance, dass sich etwas ändere, sei noch nie so groß gewesen wie jetzt.

     

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