Kann ich meinem Hirn trauen? (5. Teil – Suche nach Erklärungen)

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BlitzableiterDen Autor Peter Hank muss man bei wissenbloggt nicht mehr vorstellen, er kommt gleich selber zu Worte: 

Im 4. Teil von „Kann ich meinem Hirn trauen? wurde gewarnt, dass es gefährlich ist, von einem Zusammentreffen von Umständen – einer Korrelation – gleich auf einen ursächlichen Zusammenhang – eine Kausalität zu schließen.

Warum aber sind wir so schnell dabei, Zusammenhänge zwischen Ereignissen zu suchen? Heute also die Frage:

 

Warum sucht unser Hirn so schnell nach Erklärungen?

Es scheint so, als würden wir Menschen den Zustand der Unsicherheit nur schwer aushalten. Wir wollen immer wissen, warum etwas passiert. Prinzipiell ist es sicher auch sinnvoll, nach Ursachen zu suchen – schließlich kann uns das beim Überleben helfen. Der Höhlenmensch, der nicht gelernt hat, das Wasserloch zu der Zeit zu meiden, an denen die Löwen vorbeikommen, ist nicht der, von dem wir abstammen.
Was aber passiert, wenn wir versuchen ein Ereignis zu verstehen, für das es keine Erklärung gibt, zumindest keine, die wir verstehen können?
Selbst heute noch können wir nur ganz ungefähr vorhersagen, wann und wo ein Blitz einschlagen wird. Sicher waren früher Gewitter als Naturerscheinungen für die Menschen noch eindrucksvoller, da sie den Elementen mehr als wir ausgeliefert waren.

Gewitter
 
Stellen wir uns nun vor, damals wurde ein Mensch vom Blitz getroffen. Sicher haben sich die Menschen dort Fragen gestellt wie:

Warum gerade der und kein anderer?

Hätte mir das auch passieren können?

Wie kann ich das verhindern?

Anscheinend sind in vielen Kulturen die Menschen zu dem Schluss gekommen, es waren mächtige Wesen, die Blitze auf die schleuderten, die Ihren göttlichen Geboten zuwiderhandelten.

 

ZeusJupiterThor
                           
     

 

 

 

 

 

  Zeus                             Jupiter                           Thor

Die Blitze waren das sichtbare Zeichen für Verfehlungen des Opfers – es musste ja etwas Falsches gemacht haben, warum sonst würden es die Götter strafen. Und es war natürlich für die anderen klar, dass ihr Leben richtig und tadellos war – schließlich wurden sie ja verschont.

Heute natürlich glauben wir nicht mehr an den göttlichen Ursprung der Blitze – nicht unbedingt, weil jeder so viel genauer Bescheid weiß, wo Blitze herkommen. Ich denke, hier hat tatsächlich eine technische Erfindung den größten Einfluss gehabt, die alten Mythen zu vertreiben:
 Blitzableiter
Dank des von Benjamin Franklin erfundenen Blitzableiters haben wir heute den Zorn der Götter nicht mehr zu fürchten. Tatsächlich führte der Blitzableiter auch zu Erklärungsnotständen – es ist schon schwer zu erklären, wenn – weil man auf den Schutz Gottes vertraut hat – der Kirchturm ohne Blitzableiter öfter abbrennt, das danebenliegenden örtliche Hurenhaus – ausgerüstet mit der progressiven Technologie des Blitzableiters – aber ungeschoren davonkommt.

Zum Abschluss und zum Selbernachdenken noch ein Beispiel aus einem klassischen, psychologischen Experiment (Tversky, A. and Kahneman, D. (October 1983). "Extension versus intuitive reasoning: The conjunction fallacy in probability judgment". Psychological Review 90 (4): 293–315):

Linda ist 31 Jahre alt, alleinstehend, sehr intelligent und sagt offen ihre Meinung. Sie hat Philosophie studiert. Während der Studienzeit beschäftigte sie sich ausführlich mit Fragen der Gleichberechtigung und der sozialen Gerechtigkeit und nahm auch an Anti-Atomkraft-Demonstrationen teil.

Welche der beiden Aussagen ist wahrscheinlicher?

Aussage A: Linda ist eine Bankangestellte.
Aussage B: Linda ist eine Bankangestellte und ist in der feministischen Bewegung aktiv.

Zahlreiche Untersuchungen führten immer wieder zum selben Ergebnis:
80% bis 90% der Versuchspersonen wählten B.

Wenn man sich nur überlegt, dass alle feministischen Bankangestellten auch Bankangestellte sind, wird sofort klar, dass Aussage A die richtige Antwort ist. Dennoch wird im Experiment sehr oft die Antwort B gewählt. Hier zeigt sich, dass die Antwort bevorzugt wird, die hilft, die vorhergehende Geschichte zu einem stimmigen Ganzen zu machen.

Und zum Abschluss noch eine Warnung: Richtig gefährlich wird dieser Hang zum Suchen nach Erklärungen dann, wenn – weil man die wirkliche Erklärung nicht kennt – eine Erklärung gesucht wird, die gerade zur eigenen Weltanschauung und den eigenen Feindbildern passt, hierzu ein paar Beispiele:

  • „Ueber die Art, wie sie andere ähnliche Krankheiten, insonderheit den Menschen, anzutun pflegen.“ → Hexen als Ursache von Krankheiten [1]
  • „Für mich ist das schon ein Wink mit dem Zaunpfahl, wenn das Meer herauskommt und eine Nation überschwemmt, die so mit Lebewesen umgeht – wobei ich nicht alle Japaner über einen Kamm scheren will.“ → Naturkatastrophen als Rache von „Mutter Natur“ am Menschen [2]
  • „Diese Krankheit ist Sünde! Wer Aids hat, der ist doch selbst schuld. Es ist die Folge seines sündhaften Tuns.“ → Aids als Strafe für unsittlichen Lebenswandel [3]
  • „Asbest ist schädlich, also muss er künstlich sein.“    → oder umgekehrt „Was soll an Zigaretten schon schädlich sein – alles rein pflanzlich!“  [4]
  • „Das Spiel fördert die Habgier und den Materialismus. … Das Spiel fördert Gewalttätigkeit.“ → Folgen von Fantasy-Rollenspielen [5]

Sie finden sicher noch mehr.

 

Bildquellen (pixabay, 3* Wikimedia Commons, flickr):
Gewitter:    http://pixabay.com/de/texas-blitz-sturm-wetter-gewitter-79940/
Zeus:         http://en.wikipedia.org/wiki/Zeus, Jastrow
Jupiter:      http://en.wikipedia.org/wiki/Jupiter_(mythology), Olivierw
Thor:         http://en.wikipedia.org/wiki/Thor, DcoetzeeBot
Blitzableiter: https://www.flickr.com/photos/chavals/2051355544/ Chaval Brasil
 

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2 Antworten auf Kann ich meinem Hirn trauen? (5. Teil – Suche nach Erklärungen)

  1. Argutus sagt:

    Ich erinnere mich an ein besonders deutliches Beispiel für die Irrationalität vieler Menschen. Im Rahmen einer religions-soziologischen Untersuchung wurde ein Fragebogen verwendet, der absichtlich teilweise redundant war um die Zuverlässigkeit der Antworten besser abschätzen zu können.

    Enthalten war darin u. a. die Frage, wie oft die Sonntagsmesse besucht wird. An einer weit entfernten anderen Stelle in diesem Fragebogen stand „Gehen sie wenigstens einmal pro Monat zur Sonntagsmesse?“. Das wurde von fast allen jener Personen verneint, die bei der anderen Frage schrieben, daß sie diese Messe jeden Sonntag besuchen.

  2. Pingback: Korrelation vs. Kausalität « Omnium Gatherum

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