Gesell’sche Geldspielereien

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waronmoneyDer Spruch des Genießers im Sessel ist prophetisch: der Kampf gegen das Geld ist wieder aktuell. Am 5.7. hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung den Artikel Silvio Gesell – Der Erfinder des Schrumpfgeldes gebracht: Silvio Gesell, ein Kaufmann aus der Eifel, hatte eine verrückte Idee: Die Geldscheine sollen jedes Jahr an Wert verlieren, damit sie niemand hortet. Heute hat er selbst unter Ökonomen Fans.

Bei wiki kann man das krause Zeug nachlesen, was über das Freigeld geschrieben wurde: Durch die Marktüberlegenheit des Geldbesitzers sah Gesell das freie Kräftespiel zwischen Verkäufer und Käufer grundlegend gestört. Daraus zog er den Schluss, Geld solle in seinem Wesen der Natur entsprechen und natürlichen Dingen nachgebildet sein.

Also solle das Geld in der Hand eines Geldbesitzers wie menschliche Arbeitskraft und Waren mit der Zeit an Wert einbüßen, dann habe es auf dem Markt keine Vormachtstellung mehr. Geld wäre dann einem ständigen Weitergabedruck unterstellt. Die Geldbesitzer werden ihr Geld nicht zu lange zurückhalten, sondern damit Waren oder Dienstleistungen kaufen, laufende Rechnungen begleichen oder es verleihen, um so der Wertminderung zu entgehen.

Dieses Geld wirke dann als Diener des Menschen und nicht als dessen Herrscher, und Gesell nannte es „Freigeld“. Weiteres liest man unter Urzins, Inflationsausgleich und Risikoanteil (statt Mehrwert).

Die FAZ findet die Idee, dass Geld keine Zinsen einbringen darf, sondern vielmehr mit der Zeit automatisch an Wert verlieren sollte, heute wieder hochaktuell. Es gebe ja kaum noch Zinsen aufs Ersparte, aber viele Banken, Unternehmen und Privatleute horten das Geld trotzdem. Gesells Methode würde sie dazu zwingen, das Geld so schnell wie möglich ausgeben und damit die Nachfrage und die Wirtschaft ankurbeln. (Anmerkung wissenbloggt: hoffentlich kommt das nicht den Finanzministern zu Ohren.)

Gesells Alternative zum Kapitalismus, die sogenannte Freiwirtschaftslehre, sieht auch eine Neuordnung der Besitzverhältnisse an Grund und Boden vor, so die euphemistische Formulierung der FAZ. Der Kern aber sei das Freigeld, also Bargeld, das „rostet“ und im Zeitablauf an Wert verliert. Das unterbindet den Nachteil, den das Geld aus Gesells Sicht hat. Die Funktion als Tauschmittel bleibt erhalten, die Wertaufbewahrungsfunktion wird entschärft. Ohne künstlichen Rost behält Geld ja seinen Wert, im Gegensatz zu vielen anderen Waren verdirbt es nicht.

Diese Hortbarkeit des Geldes ist nach Gesell schlecht, weil sie den Menschen die Möglichkeit eröffnet, es dem Geldkreislauf zu entziehen und es nur herauszurücken, wenn Zins dafür gezahlt wird. Das sei eine große Gefahr, zumal Zins und Zinseszins auf die Dauer zu einer ungerechten Verteilung von Einkommen und Vermögen führen. Anmerkung wb: der Zinseszins ist allerdings ein Problem, aber ob das Geldhorten tatsächlich zu Absatzstörungen und Arbeitslosigkeit führt, ist eine andere Frage.

Dem geht die FAZ im zweiten Teil ihres Artikels nach und beschreibt die Maßnahmen, die Gesell vornahm (frei wiedergegeben). Er führte Schrumpfgeld ein, die gesell'schen Noten hatten Stücke zum Abreißen, die sie über die Zeit immer wertloser machten, und jeden Freitag oder so musste abgerissen werden. Das war die damalige Interpretation des negativen Zinses.

Für Gesell war der Zins der Quell allen Übels. Die Anregung zum Sparen sei nicht nötig, das täten die Menschen auch ohne Zinsen aus Vorsorgegründen.  Die Bienen täten's ja auch, und die Hamster sowieso, und die kriegen keine Zinsen. Laut FAZ könnte die aktuelle Entwicklung Gesell insoweit ein bisschen recht geben, denn es werde gespart, obwohl es kaum Zinsen gibt. Vielleicht ist das der Grund, aus dem Gesells heutige Popularität erwächst?

Als Praxisbeispiel wird immer wieder das österreichische Wörgl genannt, wo in den 1930er Jahren ein Notgeld benutzt wurde, auf das man Marken nachkleben musste, damit es seinen Wert behielt. Laut Überlieferung funktionierte das sogar, andere Stimmen reden von einer Kreditklemme, die durch die Schaffung des zusätzlichen Geldes behoben wurde. Das Experiment wurde jedenfalls von der österreichischen Nationalbank beendet.

Regionale Experimente mit solchem Geld hingegen gibt es seit 2002, etwa die Regionalwährung „Chiemgauer“ in Bayern. Laut SPIEGEL ONLINE existieren in Deutschland.an die 40 Regionalwährungen. Zitat dazu: "Der Chiemgauer ist eine idealistische Initiative von Anthroposophen. Nur leider sind nicht alle Menschen Anthroposophen."

Der ökonomische Mainstream ist laut FAZ sowieso skeptisch, ob ein solches Geldsystem für ein ganzes Land funktionieren würde. Man könne die Wirtschaft auf einfachere Weise ankurbeln. Zudem entwerte die Infaltion das Geld ohnehin. Dessenungeachtet hätten einige Ideen von Gesell eine Renaissance erlebt, er werde häufiger zitiert, und die Europäische Zentralbank EZB habe ja auch negative Zinsen für Banken eingeführt – mit dem Ziel, ihnen das Geldhorten zu verleiden und damit die Wirtschaft anzukurbeln. Das FAZ-Fazit: Silvio Gesell lässt grüßen.

Na dann schönen Gruß zurück. Über das Geschäftsgebaren der EZB wurde hier schon genug berichtet, deshalb nur noch ein Wort zu den gesell'schen Methoden. Die wollen im Grunde die japanische Krankheit verherrlichen, siehe ÖkonomenBlog, mit Geldschwemme und Nullzinspolitik, und die Inflation richtet's dann schon. Der grundlegende Denkfehler beim Schrumpfgeld ist allerdings ein anderer.

Die Reichen horten nämlich kein Geld, sondern sie reißen Werte an sich. Dasselbe täten die weniger Reichen mit ihrem Guthaben. Ehe sie Coupons abreißen oder Marken kleben, würden sie lieber alles kaufen, was wertbeständig ist, Metalle, Kunstwerke, Oldtimer, Immobilien, Ackerland. Ja sogar Nahrungsmittel und Rohstoffe an den Warenterminbörsen, und Devisen sowieso. Deshalb funktioniert das gesell'sche Modell nur bei totaler Enteignung und völliger Abschottung gegen ausländische Märkte. Kein tauglicher Vorschlag mithin.

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5 Antworten auf Gesell’sche Geldspielereien

  1. … existieren in Deutschland an die 40 Regionalwährungen.

    … die allerdings gar keine "Währungen" sind, sondern nur Gutscheinsysteme (Voucher), deren Wert 1:1 den Wert der eigentlichen (staatlichen) Währung wiedergibt.

    Gutscheine kann ebensogut jeder "Tante-Emma-Laden" ausstellen.

  2. kantomas sagt:

    Vielleicht würde es sogar einfacher gehen, ohne das ganze Geldsystem über den Haufen zu werfen. So wie es einen Mindestlohn gibt, könnte man auch eine Grenze für Vermögen setzen. Die Grenze sollte man allerdings hoch ansetzen, damit sich Leistung weiterhin lohnt. Alles, was darüber hinaus geht, muss entweder an den Staat gehen oder in soziale Einrichtungen gesteckt werden. Die meisten werden natürlich lieber die zweite Variante wählen. Die Akzeptanz in der Bevölkerung für Vermögende würde deutlich steigen und der Vermögende könnte ordentlich Eigenwerbung für sich machen. Wenn die Reichen gut verdienen, hätten somit auch die Ärmsten was davon. Und dasselbe könnte man für Konzerne festsetzen, wobei hier die Grenze sehr viel höher sein müsste. Schon hätte man das grundlegende Problem gelöst. Es kann nur bis zu einer bestimmten Grenze gehortet werden. Mehr Reichtum und eine florierende Wirtschaft würde auch gelichzeitig die Ärmsten begünstigen und der Neid auf Vermögende wäre deutlich kleiner. 

    Das Problem hierbei ist, dass dies nur in einer Welt funktionieren würde, in der alle Staaten oder zumindest die stärksten 30 Volkswirtschaften einig wären.

  3. @kantomas:

    Das entspricht den Vorstellungen der Linken (Partei).

    Andere bevorzugen die Idee einer freiwilligen Vermögensabgabe – so wie es aus den USA herüberschwappt, dass sich Superreiche verpflichten, mindestens 50% ihres Vermögen für soziale Einrichtungen (via NGO) zu spenden. Das hätte einen grossen Vorteil, da der Staat bekanntlich am allerschlechtesten mit Geld umgehen kann.

  4. kantomas sagt:

    "Das entspricht den Vorstellungen der Linken (Partei)."

    Nicht alles, was die Linken vorschlagen, ist schlecht. Ich weiß nicht, wie hoch sie die Grenze ansetzen würden. Solange man die Grenze hoch genug ansetzt, sehe ich kein wirkliches Problem, da sich Leistung immer noch lohnen würde. 

    "Andere bevorzugen die Idee einer freiwilligen Vermögensabgabe – so wie es aus den USA herüberschwappt, dass sich Superreiche verpflichten, mindestens 50% ihres Vermögen für soziale Einrichtungen (via NGO) zu spenden."

    Da kann man sich nur verbeugen. Allerdings wird es nicht viel bringen, nur auf die Freiwilligkeit zu setzen. Zunächst einmal macht nicht jeder mit und ich hab mitbekommen, was die meisten chinesischen Milliardäre davon gehalten haben, als man sie in den Klub aufnehmen wollte.

    Sie waren davon nicht begeistert.

  5. @Kantomas:

    Eben erst gesehen:

    Nicht alles, was die Linken vorschlagen, ist schlecht.

    Ganz und gar nicht. Die Linke hat als einzige Partei die anderen daran erinnert, dass sie sich bei der Ablösung der horrenden Staatsleistungen an die Kirchen endlich verfassungsgemäss verhalten sollen.

    Das wurde in bekannter Perfidie innerhalb von neun (in Worten 9) Sekunden abgeschmettert. Es lebe die deutsche Theokratie!

    Auch beim Euro haben sie vernünftige Ansichten geäussert.

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