Werden die Reichen immer reicher ?

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currency-163476_640Mit dieser brennenden Frage beschäftigt sich Siegfried Vollmann, unterstützt wird er dabei von einer lebenden Grafik (Quelle: www.vermoegensteuerjetzt.de, Bild: PublicDomainPictures, pixabay). Vollmann fragt, was ist überhaupt Reichtum? und er befasst sich mit den relevanten sozialen Mechanismen unserer Gesellschaft. Auch hebt er hervor, dass Armut immer relativ zu sehen ist, und er benennt den größten aller Kapitalisten: die katholische Kirche.

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Werden die Reichen immer reicher ?

Kürzlich erschien das Buch "Das Kapital im 21. Jahrhundert“ von Thomas Piketty, in dem behauptet wird, dass im Kapitalismus zwangsläufig die Reichen immer reicher werden. Inzwischen wurden dem Autor zahlreiche Fehler nachgewiesen. Trotzdem bleibt die Frage berechtigt.

Nun gibt es ja tatsächlich einen Mechanismus, der in diese Richtung wirkt. Zinsen und Dividenden, die mehr ausmachen, als durch Steuern, Inflation, Gebühren und Konsum verloren geht, vermehren das Vermögen. Demnach müssten Reiche immer reicher werden.

Es gibt das berühmte Beispiel: Hätte ein alter Römer im Jahr 14. unserer Zeitrechnung umgerechnet 100 Euro auf das Sparbuch gebracht, und dieses Sparbuch hätte immer der erste Nachkomme geerbt,  so hätte sein Nachfahr heute nach 2000 Jahren bei einer durchschnittlichen Verzinsung von 2% stolze 158614 Billionen Euro. Nun gab es damals sicher viele Römer, die umgerechnet 100 Euro oder mehr gespart haben, aber heute gibt es keinen Menschen mit einem derartigen Vermögen. Es gab zwar immer wieder Menschen mit enorm großen Vermögen, aber diese Vermögen gingen auch immer wieder verloren: Durch Kriege, Katastrophen, Aufteilung, Fehlspekulation, Konsum.

Aber was ist überhaupt Reichtum? Nach Wikipedia: „Reichtum bezeichnet den Überfluss an geistigen oder gegenständlichen Werten.  Der Inhalt des Begriffes basiert auf subjektiven und zum Teil höchst emotionalen Wertvorstellungen." Laut Wikipedia wird Reichtum in den modernen, eurozentrisch geprägten Industriestaaten Reichtum häufig ausschließlich quantitativ auf Wohlstand und Lebensstandard bezogen, obwohl er sich tatsächlich nicht auf materielle Güter reduzieren lässt. Diese allgemeinere Sicht ist wichtig, denn was nützt einem ein großes Vermögen, wenn man schwer krank ist oder dement. Für das Wohlbefinden wichtig ist auch, ob man in einem sicheren Staat mit einer guten Infrastruktur an Schulen, Krankenhäusern, Versorgungseinrichtungen , Verkehrsmitteln  lebt, oder in einem Bürgerkriegsland.

Im folgenden wollen wir aber tatsächlich eher das Vermögen betrachten.

Vermögen ist für den Einzelnen wichtig als Puffer für wirtschaftliche Einbrüche aller Art, als Vorsorge fürs Alter. Dabei ist es im Prinzip gleichgültig, ob man es selbst verwaltet (Vermögen) oder als Rentenanwartschaft (Anspruch) hat. Bei üblichen Vermögensaufstellungen werden Rentenanwartschaften meist als Vermögen nicht berücksichtigt. Viel privater Reichtum ist damit anonym, bei Versicherungen oder der Rentenkasse geparkt.

Die Ansammlung von (auch großen) Vermögen ist im Kapitalismus wünschenswert, denn Kapital ist das Geld, das man nicht unbedingt zum Leben braucht, nur solches Geld kann investiert werden. Natürlich kann auch der Staat Steuergeld investieren. Solange er es in öffentliche Einrichtungen investiert, ist dagegen auch nichts einzuwenden. Privatwirtschaftliche Unternehmen treten dabei als Auftragnehmer und ausführende Firmen auf. Die Überwachung liegt beim Staat. Schlecht ist es dagegen, wenn staatliche Behörden Industriebetriebe managen, ausführende und kontrollierende Instanz sind dann die selben, auch wenn vielleicht organisatorisch getrennt. Man braucht also privates Kapital.

Derzeit (2007, Wikipedia, Vermögensverteilung_in_Deutschland) hat das reichste Zehntel der Bevölkerung in Deutschland 61% des Kapitals, das 2-reichste 19%, das 3-reichste 11%, also etwa so viel wie das Durchschnittsvermögen von 83000 Euro. Seitdem mag sich das Verhältnis noch um 1-2% zugunsten der Reichen verschoben haben. Damit wieder:

Werden die Kapitalisten immer reicher? Zur Zeit ja.

Es ist jedoch nicht nur der Kapitalismus, der das bewirkt, und es gibt  eine ganze Reihe von Mechanismen, die dem entgegenwirken:

Der wichtigste ist das Vererben. Früher hatten die meisten Reichen mehrere Kinder, sobald der Erbfall eintrat, ging das Vermögen in viele Teile. Der Betrieb oder die Vermögensgesellschaft hatte dann mehrere bis viele Mitglieder oder Anteilseigner, durch weitere Erbfälle wurden es tendenziell immer mehr. Irgendwann gab es dann Streit, das Unternehmen wurde verkauft, z.B.  an eine Kapitalgesellschaft, oder an die Börse gebracht, mit dem Effekt, dass das Eigentum noch breiter gestreut wurde. Heute gibt es vielfach nur noch ein Kind, das dann von zwei Seiten erbt, oft auch noch von kinderlosen Onkeln und Tanten. Durch Erben wird dann das Vermögen nicht gestreut, sondern konzentriert. Auch früher versuchte man, der Zersplitterung des (Betriebs-)vermögens entgegenzuwirken, indem ein Kind fast alles erbte, die anderen nur eine Abfindung bekamen. Daher dürfte die  geringe Kinderzahl maßgeblich zur Vermögenskonzentration beigetragen.

Ein weiterer Mechanismus ist die Überalterung der Gesellschaft.  Durch das Älterwerden tritt auch der Erbfall später ein, was ebenfalls zu einer Konzentration des Vermögens in den Händen alter Leute sorgt.

Auch früher gab es schon die Rede, dass die erste Generation den Grundstein des Vermögens legt, die zweite es kräftig erweitert und die dritte alles wieder verspielt und durchbringt. Ein weiterer wichtiger Faktor ist daher der Konsum. Im Prinzip wird Geld gespart, damit man sich später etwas kaufen kann, oder es in Vermögenswerte investieren kann, von deren Rendite dann ein höherer Konsum möglich ist. Werden die Leute älter, müssen sie den Konsum ihres Vermögens auf mehr Jahre strecken, sie geben also pro Jahr weniger Geld aus.

Wer (auch mehrere) Kinder aufzieht, gibt viel Geld für seine Kinder aus, von den Windeln für den Säugling, bis zum Scheck für den Studenten. Wenn die Leute weniger Kinder haben, so können sie mehr sparen. Die Kinderarmen werden reicher, die mit Kindern bleiben ärmer. Die geringe Geburtenrate führt daher in vielfacher Hinsicht dazu, dass die Vermögensunterschiede sich vergrößern.

Auch wenn die Vermögen der Reichen als soziale Schicht größer werden, der einzelne Reiche wird nicht unbedingt immer reicher. In früheren Jahrhunderten haben die Leute häufig durch Krieg und Inflation ihr Geld verloren. Das kann uns auch noch passieren. Aber zunächst gab es die Finanzkrise, die viel Geld vernichtet hat, aber natürlich auch Krisen-Gewinner sah. Und es gibt neue Superreiche, wie Bill Gates, Mark Zuckerberg. Es gibt heute keine sichere Art der Geldanlage mehr. Selbst Immobilen sind nicht sicher, wie die diversen Immobilien-Blasen zeigen. Und was nützt ein Haus in einem kleinen Ort in Ostdeutschland, wenn es niemand mieten, wenn es niemand kaufen will, aber, da man es wegen Auflagen nicht einfach verfallen lassen kann, es unterhalten  muss: und folglich nur Kosten verursacht. So viel zu Sachwerten. Und die Gegenseite der (Geld-)Vermögen sind Schulden. Denn die Forderungen der Einen sind die Verbindlichkeiten anderer. Wer immer die Schulden reduzieren will, reduziert damit auch unweigerlich Vermögen. Derzeit haben wir eine Periode,  wo durch die Null-Zinspolitik bei gleichzeitiger Geldvermehrung in großem Stil Vermögen vernichtet wird, insbesondere das von Versicherungssparern und Sparern von Geldvermögen. Durch das Schrumpfen der Bevölkerung werden aber auch die Rentenansprüche (nicht nominell aber faktisch) entwertet.

Das Gegenteil von reich ist arm. Werden die Armen immer ärmer? Deutschland ist ein reiches Land, die Armut hier ist nur relativ. Und so gibt es in vielen Kriegs- und Entwicklungsländern viele Leute, die Tausende von Dollar dafür ausgeben, um nach Deutschland zu kommen und hier als Arme von der Sozialhilfe zu leben.

Wenn man den weltweiten Maßstab absoluter Armut nimmt, geht es den Armen nicht unbedingt besser, sie leben am Existenzminimum oder sterben. Es werden vielleicht sogar mehr,  aber bezogen auf die Weltbevölkerung prozentual weniger. Und in vielen Gegenden ist das Hauptproblem Krieg, Bürgerkrieg und Banden, die Vermögen vernichten, Infrastruktur zerstören und Entwicklung verhindern.

Sieht man über einen längeren Zeitraum zurück, so ist es auch den Armen in Deutschland immer besser gegangen. Die Ursache ist der technische Fortschritt, die Produktivitätssteigerung, aber auch der erhebliche Fortschritt bei weichen Faktoren: Auch ein Armer bekommt heute eine bessere medizinische Versorgung als vor einigen Jahrzehnten. Die kommunalen Einrichtungen bieten auch dem Armen immer mehr Luxus, von Schwimmbädern, Sporthallen, Konzerten bis zu Kursen. Die Armen werden daher nur relativ ärmer, faktisch geht es ihnen immer besser.

So werden in  Deutschland die Armen immer reicher, Deutschland wird immer reicher an Millionären und immer ärmer an Kindern.

Es gibt neben Personen auch Organisationen, die immer reicher werden, insbesondere der größte Kapitalist, die katholische Kirche. Sie erhält Kirchensteuer, staatliche Subventionen, hat riesiges, auch rentables Vermögen, beerbt weiterhin Gläubige, und das Vermögen wird nicht durch Vererbung zersplittert. So wächst es immer weiter, selbst gelegentliche Misswirtschaft kann daran nichts ändern. Es kann nur durch Revolutionen reduziert werden, wie zwischen 1789 und 1806 geschehen.

Siegfried Vollmann, Puchheim, Juli 2014

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