Öffentliche Verkehrsmittel umsonst benutzen?

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1280px-RhB_ABe_4-4_III_Kreisviadukt_BrusioBei ZEIT ONLINE findet sich am 17.7. ein interessanter Dialog zum Thema Gebührenfreiheit beim öffentlichen Verkehr. Unter dem Titel Verkehrsmittel – Soll die Bahn gratis sein? tauschen Mark Schieritz (pro) und Philip Faigle (kontra) Argumente aus:  Freies Fahren in Bahnen und Bussen: Wäre es gerechter und umweltfreundlicher, wenn der Staat den öffentlichen Verkehr über Steuern finanziert? (Bild: Kabelleger / David Gubler, Wikimedia Commons)

Pro

Schieritz findet es gut, dass die Diskussion über den Verkehr durch den täppischen (wb) Maut-Vorstoß von Verkehrsminister Dobrindt angefacht wurde. Handlungsbedarf sei gegeben, die Infrastruktur verfällt, der Verkehr wird teurer und schlechter. Daher der Vorschlag, den ÖPV (öffentlichen Personenverkehr) kostenfrei anzubieten, alles zum Nulltarif. Die Berechtigung dazu bekommt jeder Deutsche, eine "Mobi-Karte" (Schieritz).

Die Vorteile seien dabei Umweltschonung (mehr ÖPV statt Auto, weniger Staus) Sicherheitsgewinn (weniger Unfälle), volkswirtschaftlicher Gewinn (weniger Wartezeit und Kosten durch Unfallschäden). Außerdem  Produktivitätsgewinne im Arbeitsmarkt (Entfernungen spielen keine Rolle mehr) und damit auch ein Ende der Landflucht, die in der Provinz Schäden durch Evakuierung schafft und in den Städten durch Überfüllung.

Der Autor sieht auch soziale Vorteile, der Alltag werde erleichtert (keine Schlangen mehr vor dem Fahrkartenautomat, während der Zug abfährt, wb), der Zusammenhalt der Gesellschaft werde gestärkt. Die Bahn fungiere als sozialer Gleichmacher (auch Arme können reisen, es wird leichter, Freundschaften zu pflegen) und Sammelpunkt, Begegnungsstätte, Verleitung zu mehr Teilhabe, Kontakt und Aktivität – eine  "Verjüngungskur für das ganze Land".

Die Mobi-Karte stünde für einen Zugewinn an Freiheit und Selbstbestimmung – sie wäre quasi eine Art Grundeinkommen, und das sei sinnvoller, als den Menschen das Geld in die Hand zu geben. Und Geld kostete das freilich, alle müssten für den Ausbau zahlen, auch die Autofahrer. Das Geld wäre aber gut angelegt, so Mark Schieritz.

Kontra

Faigle vertritt die Gegenposition, nach der die Idee des Nulltarifs utopisch ist. Sie hebele die Marktkräfte dort aus, wo sie besonders hilfreich seien. Die Kosten für Gebührenausfall und zusätzliche Kapazitäten gingen in den Milliardenbereich, gratis ist eben nicht kostenfrei. Eine neue Umverteilung sei damit verbunden, die bedeute Freiheitsgewinn für die Bezuschussten, doch eben auch Zwang und Verlust für diejenigen, die das System nicht nutzen, unter ihnen Fußgänger und Fahrradfahrer. Der Steuerzahler müsste für Firmenreisen aufkommen (sofern nicht auch die Firmensteuern hochgesetzt werden, wb).

Dabei ist das ÖPV-System bereits in hohem Maß bezuschusst, die Fahrkarten vom Nahverkehr decken nur einen geringen Teil der Kosten ab, der Rest kommt aus öffentlichen Mitteln. Und das sei kein Vorteil, denn es enthebe die Verkehrsanbieter weitgehend der Notwendigkeit, Kundenwünsche zu beachten. Um so schlimmer wäre es bei völliger Staatsfinanzierung, das schaffe die falschen Anreize (nicht erwähnt sonstiger Missbrauch und Vandalismus in öffentlichen Räumen, wb).

Es sei sowieso ein Denkfehler, dass kostenfreie Mobilität der Umwelt nützte. Es würde mehr gefahren und mehr Energie verbraucht, ohne dass dem eine Schranke entgegenstünde. Besser sei das Prinzip der Marktwirtschaft: der Preis bremst die Nachfrage. Ohne Preis gibt es Konsum samt Belastung ohne Limit (daher auch die Verschmutzungszertifikate, wb).

Außerdem sind die Nulltarif-Versuche bis dato schlecht ausgegangen, es gab zwar mehr Passagiere im ÖPV, aber das waren oft welche, die vorher per pedes oder Pedal vorankamen, und nicht so sehr die Autofahrer, auf die das abzielte. Der ÖPV biete eben nicht die Flexibilität, die viele brauchen (oder zu brauchen meinen, und viele haben auch Getränkekästen dabei, wb). Die ökologisch denkenden Experten des Verkehrsclubs Deutschland seien deshalb gegen ein Freifahrtenprogramm.

Besser wäre es, den ÖPV attraktiver zu machen, z.B. Internet in den Bahnen (und vielleicht mal den Tarifdschungel aufräumen, es zahlt doch jeder was anderes für dieselbe Leistung, wb). Auch sollten die Unternehmen mehr zahlen, die mehr vom ÖPV profitieren – oder gar der ultimative Umwelt-Schlag: die Regierung schenke jedem Bürger ein Bürgerbike. Das würde zumindest der Umwelt helfen, so Philip Faigle.

Fazit

Beide Seiten haben gute Argumente, aber die ökonomischen mit Preis für Nachfrage sind besonders zwingend. Zudem sollte die Neuzeit bei unseren Verkehrsbetrieben einkehren, wie es an vielen Orten der Welt schon ist. Warum kann man in Singapur und Melbourne moderne paycards nutzen, und sogar am Skihang geht das Zahlen für den Lift berührungsfrei und intelligent – und nicht bei uns?

Der deutsche Nutzer kauft noch Pappe nach Bartarif-Schemaplan (München). Die Pappe muss mal gestempelt werden und mal nicht, und das korrekte Falzen der "Streifenkarten" beherrscht auch nicht jeder. Nicht ohne Grund sieht man in allen Flughäfen Schlangen vor den Fahrkartenautomaten. Während die (S-Bahn-)Züge wegfahren, rätseln Ortsfremde noch am System herum und arbeiten sich an der Bezahlung ab. Der Gipfel: die Pappe kommt nicht raus, weil sie 2,90 Euro kostet, aber man hat nur 3 Euro in Münzen dabei, und der Automat kann nicht rausgeben. Also spuckt er immer wieder die Münzen aus statt der Fahrkarte (mit der Kreditkarte möchte man eingedenk der NSA nicht zahlen).

Da täte sich mal ein sinnvoller Einsatz auf für Gesichtserkennung und andere Informationsbegehrlichkeiten. Damit wäre es leicht gemacht. dem Prinzip der Gerechtigkeit zu folgen: Bezahlen nur für tatsächlich in Anspruch genommene Leistung. Und umgekehrt: Einnahmen nür für tatsächlich erbrachte Leistung. Sozialabgaben müssen sein, aber bitte klar definiert und nicht überall hintenrum draufgepackt.
 

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7 Antworten auf Öffentliche Verkehrsmittel umsonst benutzen?

  1. ilex (E. Ahrens) sagt:

    Nun – gerade in Österreich ist diese Diskussion uralt. Ich erinnere nur an Herrn Slezak, der in den 1960-ern damit Furore machte (mehrere Artikel in der Fachzeitschrift "stadtverkehr"). Wobei der Service in einer Stadt wie Wien auch jetzt noch wirklich preiswert und gut ist – kann sich manche deutsche Stadt eine Scheibe von abschneiden.

    Die Zeiten sind ja wohl vorbei, wo man bei Nahverkehrsaktien bis zu 20 % Dividende erhielt – nämlich spätestens 1918. Seitdem ist es eine Aufgabe der Daseinsvorsorge der Stadt und eine politische Entscheidung, wie viel bezuschusst wird. Auch die Hamburger Krämerseelen erreichen nur etwa 88 % Kostendeckungsgrad. Angesichts der Gelder, die der Straßenbau und -erhalt fordert, ist das Anstreben eines durch Fahrpreise bezahlten Nahverkehrs schon unsozial. 50 % sollten langen.

  2. Argutus sagt:

    Mit der kostenlosen Straßenbahn ist es wie mit der kostenlosen medizinischen Versorgung: kein vernünftiger Mensch würde sich ohne Grund operieren lassen, nur weil es nichts kostet. Und eine unbequeme Fahrt in einem öffentlichen Verkehrsmittel ist auch nicht per se erstrebenswert, sondern nur manchmal halt nötig.

    Ich hatte als Student eine Netzkarte für ganz Wien. Es wäre mir aber deshalb nicht eingefallen aus Jux und Tollerei irgendwo hinzufahren, wo ich gar nicht hinwollte. Auch meine Kollegen taten das nicht. Diese Vorstellung ist ziemlich abwegig.

  3. Argutus sagt: 20. Juli 2014 um 13:09

    Für Clochards könnte das durchaus attraktiv sein :-)

  4. Wilfried Müller sagt:

    Da gibt es auch ganz andere Ansichten. Im Urlaub fahre ich gern mit Straßenbahn und Bus, um Städte kennenzulernen. Zuhause fehlt mir die Zeit, sonst würde ich das öfter mal machen.

  5. Argutus sagt:

    Für Clochards sinkt die Attraktivität öffentlicher Verkehrsmittel drastisch ab, wenn die nicht die ganze Nacht fahren. Bevor man (beispielsweise um Mitternacht) rausgeworfen wird, sucht man sich lieber gleich einen Platz, an dem man durchschlafen kann.

  6. Wilfried Müller sagt:

    Ich hoffe Ihr meint mit Euren Clochards keine unverschuldet Wohnungslosen, dazu die SZ Spanische Obdachlose und die Krise – Dieses Haus ist besetzt: Kredit geplatzt, Wohnung weg, wohin jetzt? Seit Beginn der Krise landen in Spanien täglich Menschen auf der Straße. Der Artikel beschreibt, wie viele von den ehemaligen Besitzern nun zu  Besetzern werden. Die Zahl:1/2 Mio. Zwangsräumungen in Spanien. Das sind keine Clochards!

  7. Wilfried Müller sagt: 21. Juli 2014 um 10:13

    Mir ging eher "Im Kittchen ist kein Zimmer frei" mit dem unvergessenen Jean Gabin durch den Kopf – daher auch meine Wortwahl "Clochard" :-)

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