Kirchenaustritt im Trend

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"Innerkirchliche Ursachenforschung" solle nicht betrieben werden, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Münchner Erzbischof Reinhard Marx. Wegen der "schmerzlichen Zahlen" solle es keine Schuldzuweisungen geben – an wen denn auch? An Gott? Den gibt's doch gar nicht.

Das ist jetzt kein Marx-Zitat zu den neuen Austrittszahlen, aber es steckt dahinter. So argumentiert ZEIT ONLINE am 18.7. in Kirchenaustritte – Was die Katholiken aus der Kirche treibt: Das Vertrauen sei zu gering, die Steuern seien zu hoch; im vergangenen Jahr sind wieder mehr Menschen aus der katholischen Kirche ausgetreten als 2012 (Bild: http://www.kirchenaustritt.de/statistik).

Die katholische Rabulistik bemüht den gesellschaftlichen Umbruch und die Freiheit, sich für und vor allem gegen Kirchenzugehörigkeiten zu entscheiden. Trotz der Durchhalteparolen und der päpstlichen Evangelisierungskampagne (witziges Wort für eine Katholisierungskampagne, oder beinhaltet das einen Übergriff auf die Evangelen?) wissen die Amtsträger, die Mitgliederzahlen der Kirchen werden weiter schrumpfen. Sie trösten sich so wie Marx: "Viele wollen – auf ihre eigene Art – Christen bleiben".

Das Gegenteil dürfte wahr sein, wie der Zeit-Artikel schließt: Wer heute die Kirche verlässt, ruft auch nicht im stillen Kämmerlein nach Gottvater, Gottsohn oder dem Heiligen Geist. Der Artikel pflegt eine realistische Sicht mit dem schönen Satz: In der Praxis werden Bischöfe von einer Mischung aus Vermögens- und Verlustmanagement absorbiert.

Ja, da ist immer noch das große Vermögen, und der Ärger, den die katholische Kirche damit hat, weil sie den Bedürftigen nix davon abgeben mag. Mit dem Nachschub klappt es nicht mehr so gut, nicht nur wegen der Austritte, sondern weil die Kirchensteuer nun an die Kapitalertragssteuer angehängt wird und direkt bei den Banken abkassiert wird. Das gibt vielen Leuten den letzten Anstoß, um mit der Kirche zu brechen. Trotzdem haben humanistische Stimmen gegen die Abfrage der Religionszugehörigkeit durch die Banken protestiert, siehe Banken in die Schranken – gegensteuern gegen Kirchensteuern.

Dann ist da noch der Entfremdungsprozess, in der Art, das ist nicht mehr mein Verein, auch wenn der große Vorsitzende ganz nett ist (Zeit-Spruch, dessen Inhalt aber vielfach als Täuschung enttarnt wurde). So oberflächlich sind viele Menschen gar nicht, sie hinterfragen die Dinge. Dadurch können sie die Austritte als Emanzipationsprozess sehen, als Abkoppelung von den vorwissenschaftlichen Irrtümern (siehe Emanzipation von der Religion). Heute sind die Menschen gewohnt, der Logik zu folgen, und dann müssen sie sich doch sagen:

  • Wir haben ein Ethosdefizit: Wieviel Ausbeutung ist erlaubt, und wieviel Umverteilung von arm zu reich? Für wen arbeiten die Roboter? Darüber steht in den heiligen Büchern nix drin, das sind bloß Fetische, die nicht updatebar sind. Diese Überalterung verschuldet zusammen mit der religiösen Ethos-Bevormundung das Ethosdefizit. Und damit den rechtsfreien Raum, der den wissenschaftlich-technisch-kommerziellen Fortschritt umgibt, und der so fix von unserer globalen Ausbeutungskultur erobert wird (siehe auch Das Ethosdefizit).
  • Wir haben eine Lügenkultur: Die Religion vereinnahmt unser Ethos dank Versagen der modernen Philosophie, was Besseres populärzumachen; und andere akzeptierte ethosstiftende Instanzen gibt es nicht. Mit der Wirkung, dass am ganzen Technikexport das Etikett christlich dranstand. Wie soll man jene Leute kritisieren, die moderne Technik nutzen, unter einem religiösen Überbau bis zur Wissenschaftsleugnung, wenn hier die Blindgläubigen regieren? Statt dass die sich alle zusammen an die Hervorbringungen ihrer eigenen Überzeugungen halten, also statt Autofahren Esel reiten? (Siehe auch Die Lügenkultur)
  • Wir haben ein Demokratieproblem durch das Überhandnehmen christlicher Regierungspolitiker: Politiker als Gläubige stellen ihr Gefühl über den Verstand. Wenn man denen einreden kann, es gäbe einen Gott usw., auf was fallen die noch alles rein? Z.B. die Drohung mit dem finanziellen Weltuntergang, wie man gesehen hat (siehe Reload 1970).

Das wurde in den wissenbloggt-Artikeln hinlänglich abgehandelt. Bleibt der Verweis auf die Zahlen. Aktuelle News gibt's bei Kirchenaustritt.de, wo man alle Informationen über den Kirchenaustritt in Deutschland, Österreich und der Schweiz bekommt, und die neuen Zahlen sind auch da (hier teilweise wiedergegeben):

Jahr Kath. Austritte Kath. ges. Evan. Austritte Evan. ges.
2010 181193 30,2% 145250 29,2%
2011 126488 29,9% 141497 28,9%
2012 118335 30,2% 138195 29,0%
2013 178805 29,9%    

(die %-Anstiege trotz stetiger Austrittsraten kommen von der Schwankung der Bevölkerungszahl, 2010: 81,75 Mio. (81,80 bei Eurostat), 2011: 81,84 (81,75), 2012: 80,52 (80,33))

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