Das Ende der Maloche

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800px-Britische_Besatzungszone_Deutschland_Regierungsbezirk_Hannover_Lebensmittel-Ergänzungskarte_für_Schwerarbeiter_Fett_Fleisch_S_92_1946-08-19Heute hagelt es Bibelzitate bei wissenbloggt. Der Parallelartikel zitiert das 3. Buch Mose, und jetzt kommt noch Moses Nummer 1 und 2 dazu, samt eines Abstechers zu den 2. Thessalonichern. Dieser Hagel hat nix mit der aktuellen Wetterlage zu tun, sondern mit einem Artikel zur Sinnstiftung durch Arbeit, den die Süddeutsche Zeitung am 21.7. eingestellt hat. Arbeit adelt, oder nicht? (Bild: Schwerarbeiterzusatzlebensmittelkarte von 1946, Bernd Schwabe, Wikimedia Commons).

In Sinn der Arbeit – Ich arbeite, also bin ich, heißt es bei der SZ, die Arbeit bestimme, welche soziale Stellung jemand hat. Wer nicht arbeiten will, gelte als Schmarotzer, und solcher Drill sei gegen die Natur. Die SZ bot den Artikel zur Diskussion mit dem Gastautor Patrick Spät an, hier der Link zu den SZ-Kommentaren. Der Inhalt des Artikels kurz gefasst:

Wer sagt, "Was machst du so?" fragt unausgesprochenermaßen nach der Nützlichkeit des Gegenübers, meint der Autor. Das dolce far niente, null Bock und Hippietum seien nicht mehr modern, niemand will sich als Nicht-Arbeitender outen –  mit dem Endergebnis, dass die ganze fleißige Gesellschaft in den Abgrund stürzt. Das Mantra unserer Zeit: Ich arbeite, also bin ich.

Diese These erklärt der Autor damit, dass die Arbeit zum Fetisch geworden wäre, von Kind an lerne man in den westlichen Industrienationen den Nutzen vom Fleiß. Bettler würden hier als Mahnung davor betrachtet, was passiert, wenn man nicht fleißig ist.

Daran werke auch die Politik, der frühere SPD-Arbeitsminister Franz Müntefering wird zitiert mit "Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen" (als Garnierung der Hartz-IV-Einführung), und schon sind wir bei den biblischen Worten angekommen. Dass wir bei wissenbloggt auf bibel-online-net zurückgreifen, kommt nur sparsam vor. Um nachzuschlagen, welche Phrasen in der Bibel gedroschen werden, ist das aber eine kompetente Adresse, siehe 2. Thessalonicher – Kapitel 3 unter Warnung vor Müßiggang. Dort findet sich der richtige pep talk zum Fleißigsein in der krausen Bibel-Formulierung:

Und da wir bei euch waren, geboten wir euch solches, daß, so jemand nicht will arbeiten, der soll auch nicht essen.  Flankiert ist das mit 1. Mose 3.19 (man soll Malochen bis zum Schwitzen) und 2. Mose 20.9 (sechs Tage lang).

Seit Hartz IV stimme die Hälfte der Deutschen der Aussage zu, die meisten Arbeitslosen wären kaum an Jobs interessiert, erwähnt der SZ-Artikel. Wie groß der Anteil zu Zeiten der rechten Gläubigkeit war, wird nicht erwähnt, deshalb darf man ihn auf ca. 110% schätzen. Das leitet das eigentliche Argument des Artikels ein:

Wo wir doch insgeheim nach Faulheit strebten, sei die Sache mit der Arbeit schizophren. Alles schreit nach Arbeit und Vollbeschäftigung und Wachstum und Wettbewerb und Standortsicherheit und mehr Jobs, und das erinnert den Autor an das sogenannte Stockholm-Syndrom, bei dem Opfer von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen.

Also ein Maloche-Syndrom, das dem inneren Schweinehund eine strebsame Maske überstülpt, so dass man kaum noch das Gewedel mit dem Ringelschwänzchen merkt. Hier hätte der Autor noch die self tracker erwähnen können, siehe Selbstertüchtigungsindustrie im Vormarsch. Dafür geht er auf die Mantras ein, mit denen uns "alternativlos" die Mär vom Verzicht gepredigt wird, bescheiden sein, auf Lohn verzichten, die Reichen nicht so besteuern, dass sie es merken, sie nicht bei der Steuerflucht behindern, das Geld zu den Banken umverteilen, weil die es doch "benötigen" (ergänzt von wb).

Das alles akzeptierten die Lohnsklaven aus Angst vor Firmenpleiten und -abwanderungen. Sonst sei man nicht so unnatürlich fleißig, siehe Waschmaschine statt Waschbrett, Autofahren statt zu Fuß gehen, Computer statt Selberrechnen. Während wir die Arbeit glorifizierten, seien wir stinkfaul, das paradoxe Stockholm-Syndrom des Arbeitsfetischs habe unseren Verstand benebelt – das sei geradezu eine Arbeitsreligion, ja, eine Staatsreligion, und das am Vorabend der Roboterübernahme, die uns arbeitslos mache.

Dazu wird die kapitalismuskritische Gruppe Krisis mit ihrem Manifest gegen die Arbeit zitiert, nach dem die Arbeit sich in den letzten Jahren als „irrationaler Selbstzweck“ erwiesen habe. Weltweit werde eine Gesellschaft nach der anderen „unter den Rädern des ökonomischen Totalitarismus zermalmt.“ Das Zitat zitiert:

"Ein Leichnam beherrscht die Gesellschaft – der Leichnam der Arbeit. Der Verkauf der Ware Arbeitskraft wird im 21. Jahrhundert genauso aussichtsreich sein wie im 20. Jahrhundert der Verkauf von Postkutschen. Wer aber in dieser Gesellschaft seine Arbeitskraft nicht verkaufen kann, gilt als 'überflüssig' und wird auf der sozialen Müllhalde entsorgt. Gerade in ihrem Tod entpuppt sich die Arbeit als totalitäre Macht, die keinen anderen Gott neben sich duldet. Und der Satz, es sei besser, 'irgendeine' Arbeit zu haben als keine, ist zum allgemein abverlangten Glaubensbekenntnis geworden."

Nach dem Dogmatismus der Bibel nun der Dogmatismus von der anderen Seite. Immerhin sagt der SZ-Artikel richtig, dass die Arbeitsproduktivität steigt, so dass immer weniger menschliche Arbeitskräfte gebraucht werden. Das schlägt sich in der südeuropäischen Massenarbeitslosigkeit nieder, siehe Millionen Menschen ins Elend gestürzt, und das sei erst der Beginn. Computer und Roboter ersetzen immer mehr Jobs, siehe Die Roboter übernehmen … das Parken am Flugplatz.

Der Artikel liefert als Beispiel Fast-Food-Automaten, die "sittenwidrig bezahlte" Jobs beim Hamburger-Verkaufen ersetzen. Weiteres Beispiel: Rechtsanwälte werden durch E-Discovery-Programme (lernfähige Software) ersetzt, ein paar Zahlen dazu: die Hälfte der Jobs in den USA könnte bis 2030 durch die Automatisierung obsolet werden.

Darüber gibt es auch andere Spekulationen, die einen erdrutschartigen Umschwung voraussagen, sobald die Computer sich richtig selber programmieren können (u.a. der Autor dieses). Wie lange es tatsächlich dauert, ist kaum abzuschätzen. Als Beispiel können die Schachprogramme dienen, die recht lange gebraucht haben, bis sie Schachweltmeister wurden. So leicht geht es also nicht.

Aber die Computer müssen nicht lernen, sondern sie kriegen die Software draufgespielt. So fangen sie gleich richtig an, und jede Generation ist besser als die vorige. Diesen Wettlauf kann der Mensch nicht gewinnen; und nun weiter im SZ-Text. Das Problem ist nicht die Unfähigkeit der Menschen und nicht die Besteuerung der Reichen, die dadurch vom Jobmachen abgehalten würden (solche neoliberalen Sprüche glaubt eh keiner mehr, wb). Vielmehr kollabiere demnächst der Kapitalismus, weil die Roboter die Arbeit übernehmen.

Tatsache ist, dass weltweit 1 Milliarde Menschen unterbeschäftigt oder erwerbslos ist, wobei der Artikel allerdings die Gegenstimmen nicht erwähnt, nach denen so viele wie noch nie Arbeit haben. Tatsache auch, dass die Arbeitslosigkeit irgendwann zwangsweise steigen muss, wenn es nicht schon so weit ist.

Dem steht die verfehlte Arbeitsmoral gegenüber, die nach den immer knapperen Jobs lechzt, statt allgemein die Arbeitszeit zu reduzieren. Wir müssten nur wollen, behauptet der Artikel, aber am Beispiel Frankreich sieht man, wie schwer das ist. Wenn's nur ein Land tut, verliert es an Wettbewerbsfähigkeit und schafft sich damit mehr Arbeitslose statt weniger.

Weiter im Tenor des Artikels: Lasst uns schrumpfen, auf den Müll mit dem ewigen Wachstum, es wachse ja nur noch das Elend der Menschen. Anmerkung dazu: Es gibt  Statistiken, nach denen die Globalisierung das Gegenteil schafft, und viele Länder haben einen Wachstums-Nachholbedarf. Die weltweite Sicht ist anders als die eurozentrische, die der Artikel vertritt, siehe auch Wirtschaft boomt, Gesellschaft kaputt.

Richtig ist aber, dass eine weltweite Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnkürzung das Gebot der Stunde wäre. Das würde die Ungerechtigkeit der Geld- und Arbeitsverteilung mindern. Mehr Zeit für jeden, vor allem für die Kinder, die allzusehr in die Arbeitsmaschinerie eingespannt werden. Der SZ-Artikel meint, das grenze an Folter. Die richtige Selbstverwirklichung-Frage an die Kinder sei, "Wer willst du werden?" statt "Was willst du werden?" Siehe auch G8, G9? Der Mensch zählt, nicht das System!

Zum Schluss zitiert der SZ-Artikel John Lennon so: Er hat zuhause gelernt, das Wichtigste im Leben sei es, glücklich zu werden. In der Schule sollte er dann aufschreiben, was er später werden wollte. "Glücklich", schrieb John Lennon. Als Antwort bekam er, er hätte die Frage nicht richtig verstanden. Seine Replik: Wer das sagt, hätte das Leben nicht richtig verstanden. Das ist also die Frage des Artikels: Haben wir das Leben richtig verstanden?

Um nicht kleinlich zu sein, sollen jetzt nicht die Leute bekrittelt werden, die das leistungslose Leben schon für sich realisiert haben. Ob sie es richtig tun oder Schmarotzer sind, ufert in den Bereich der Gerechtigkeit aus. Generell ist die Aussage aber richtig, dass unsere Schicksalsfrage so lautet: Für wen arbeiten die Roboter?

Wenn's die Allgemeinheit ist, steht uns eine gedeihlichere Zukunft bevor, als wenn sie nur für die Besitzenden arbeiten und keine Sozialabgaben zahlen. Das macht die Menschen letztlich alle zu Bettlern und zu Akklamateuren für die Glücklichen mit der Hand in der Kasse.

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