Emanzipation per Pedale: Damenspuren für Bikerinnen

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traffic-sign-6666_640Dem abgebildeten Autobahnkreuz fehlen ein paar Links zum Kleeblatt, aber das Prinzip ist klar: konfliktfreier Verkehr. An solchem wird nun in Britannien gestrickt, und zwar für Biker (Bild: Roadrunner, pixabay).

Zwei britische Zeitungen befassen sich mit den pootlern, den Langsamradlern, denen sie eine Extraspur vergönnen. Die trägt nicht den Namen pootler lane, sondern Frauenspur. Das ist uncorrect, weil es mindestens Damenspur heißen müsste (heißt ja auch Damenrad), und außerdem gibt's auch ganz fixe Frauen und Zeitlupen-Männer.

Der Telegraph schreibt am 30.7. Let women 'pootle' in the slow lane while cycling, a former Labour minister says: Former Home Office minister Meg Hillier says Britain's rat run roads must be redesigned with fast and slow lanes to accomodate riders who want to "pootle" as well as "lycra-clad" commuters – die britischen Radwege sollen überarbeitet werden, mit Langsamspuren für pootler und Überholspuren für zünftige Radsportler.

Meg Hillier is right to call for an extra cycle lane – I’m a pootler and I’m proud, schreibt der Guardian am 31.7.: Some female cyclists may have felt patronised, but not everyone wants to treat a bike ride like a time trial – Radlerinnen mögen sich bevormundet fühlen, aber nicht jeder sieht das Radfahren als Rennen an.

Das nimmt ZEIT ONLINE in seinem Fahrrad-Blog Velophil auf mit Brauchen wir Frauen-Radwege? (8.8.): England diskutiert über Radwege. Die ehemalige Arbeitsministerin Meg Hillier möchte eine Kriechspur für Frauen und eine Schnellfahrspur für Männer einrichten.

Die Autorin Andrea Reidl findet die geschlechtsspezifische Einteilung absurd, aber der Vorschlag geht nach ihrer Ansicht in die richtige Richtung. Natürlich stimmt es, dass die Geschwindigkeit der Radfahrer stark variiert. Schnelle Radler fühlem sich von langsamen ausgebremst, und von Fußgängern noch mehr. Der Raum zum Überholen ist meistens knapp. Die Geschwindigkeitsunterschiede hätten aber weniger mit dem Geschlecht zu tun, meint Reidl, obwohl die Statistik besagt, dass Männer dreimal soviel radeln wie Frauen.

Der springende Punkt ist, dass meist der Platz für Radwege fehlt. Wenn es welche gibt, sind sie zu schmal. Nicht nur in England muss nachgebessert werden. Den männlichen Rennradfahrer als Buhmann auszumachen, sei nicht hilfreich, heißt es, doch da teilen sich die Meinungen. Es gibt natürlich auch weibliche Raser an den Pedalen, und letztlich verteilt sich der Zoff auf alle Verkehrsteilnehmer, schnelle und langsame Radler, Fußgänger und Autofahrer. Fast könnte man sagen, es geht ums survival of the fittest (Anmerkung wissenbloggt).

So hören sich manche Berichte von der Verkehrsfront jedenfalls an. Die Sport-Radler zischen den anderen um die Ohren, nur die Autos zischen noch schneller. Gemütlich geht's nicht zu, im Gegenteil, die Gemüter erhitzen sich. Die Süddeutsche Zeitung ist dabei, das löchrige Münchner Radnetz per Leserentscheid zu bewerten, und auch anderswo regen sich Initiativen.

Was sich herauskristallisiert, ist die Unterscheidung sportlich schnelles Biken (bzw. E-Biken) und langsames pootlen ("Bummelbiken"). Radfahren liegt im Trend, und die Städte tun gut daran, den Trend zu stärken. Bitte nicht immer nur restriktive Maßnahmen mit Plaketten und Parkautomaten, sondern auch mal attraktive Maßnahmen. Die Geschwindigkeitsunterschiede sind in der Agenda noch nicht angekommen.

Nun ja, viele Verkehrsplaner sind in der Gegenwart noch nicht angekommen, die sind noch der Obrigkeitsdenke verhaftet, die stellen sich vor, dass alle Verkehrsteilnehmer nach Belieben kanalisierbar sind (Anmerkung wb). Sind sie aber nicht, wie jeder Student der Verkehrsplanung lernt. Fußwege dürfen keine vermeidbaren rechten oder spitzen Winkel haben, sonst gibt es Trampelpfade. Die Trampelpfade zuzubauen, ist ein Verstoß gegen den demokratischen Willen.

So ähnlich ist es bei den Radlern. Die wollen keine Kurven von 3 m Radius fahren, bloß damit sie obrigkeitsgetreu über die Straßen gelenkt werden. Die wollen zügig vorankommen, und wenn die Radwege (soweit überhaupt vorhanden) dem im Wege stehen, dann scheren sie sich nicht darum (und um Rotlicht, Einbahnstraßen oder  Fußgängerzonen).

Wenn die Radwege akzeptabler wären, würden die Regeln wahrscheinlich auch mehr Akzeptanz finden. Der Zeit-Artikel erwähnt Kopenhagen ("Das Fahrrad Paradies"), wo die Stadt beginnt, an hochfrequentierten Strecken die Wege zu verbreitern. Dort versucht man bereits, Radwege in zwei Spuren für Schnelle und Langsame zu teilen. Die Stadtverwaltung hat "eine Kultur des Fahrradfahrens entwickelt. Es ist Teil des Lifestyles geworden", und sie experimentiert nun damit, ganze Straßen für Autos zu sperren und dort nur noch Radfahrer und öffentlichen Nahverkehr zuzulassen.

Auch der Zeit-Artikel verficht die Position, den Verkehrsteilnehmer gegen die Obrigkeitsdenke zu verteidigen: Statt Autofahrer/Biker/Fußgänger wechselweise als schwarzes Schaf zu titulieren, sollten die Verkehrsplaner in den Städten und Kommunen ehrlich die Karten auf den Tisch legen, heißt es.

Und ganz richtig geht es weiter: Der Platz in den Straßen sei endlich. Wenn man in Städten leben will, wo man nicht permanent im Stau steht, sondern wo der Verkehr fließt, müsse der Platz besser verteilt werden. Jeder müsse von seinen Rechten etwas abgeben, die Autofahrer und die Radfahrer.

Letzteres stieß allerdings auf Leserkritik. Richtigerweise wurde da gesagt, wenn die Flächeneffizienz (Verkehrsleistung pro Fläche) maßgebend sei, müsse das Auto zugunsten des Rads Fläche hergeben. Die "autogerechte Stadt" ist ein Konzept von gestern, zukünftige Mobilitäts- und Wohnkonzepte müssen das knappe Gut "Verkehrsraum" besser nutzen.

Warum keine kreuzungsfreien Bike-Schnellwege? Mit dem E-Bike sind die für alle zu bewältigen, und für die Langsamen gibt's die pootler-Spur. Warum keine überdachten Radstrecken? Das schüfe noch mehr Attraktion fürs Strampeln. Und dann vielleicht noch die Biker-Waschanlage, wo man ohne Absteigen durchzischt, um den Schweiß zu tilgen?

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