Wirtschaft ohne Wachstum?


sapling-154734_640Experiment Selbstversorgung nennt sich das Projekt von Lisa und Michael Hartl. Die beiden folgen dem Wunsch, "einen sehr nachhaltigen, glücklich machenden und genügsamen Lebensstil zu finden." Im Zuge dieses Vorhabens interviewten sie Prof. Dr. Niko Paech, den Autor des Buches Befreiung vom Überfluss, "wohl einen der bekanntesten und glaubwürdigsten Vordenker der Postwachstumsökonomie". Darunter versteht man ein Wirtschaftssystem, in dem kein Wachstum der Produktion mehr gebraucht wird (Bild: OpenClips, pixabay).

Das Problem beim Wachstum ist, dass die Wirtschaft nicht ohne es auskommt. Weil die Maschinen immer mehr Arbeit übernehmen (wachsende Produktivität), und weil sie nur zugunsten der Besitzenden arbeiten (keine Sozialabgaben auf Maschinenarbeit), gibt es bei weniger Wachstum mehr Arbeitslosigkeit. Außerdem muss es Guthabenzinsen geben, wenn die Leute ihr Geld ausgeben oder auf die Bank bringen sollen, d.h. das Geldwachstum geht exponentiell gegen unendlich (Zinseszinsproblem).

Es gibt viele Ansätze, dies schwierige Problem zu lösen, siehe auch Gesell’sche Geldspielereien. Anders als bei der gesell'schen Manipulation des Geldwerts kann man auch auf Selbstversorgung statt Globalisierung setzen wie in Wirtschaft boomt, Gesellschaft kaputt. In dieselbe Richtung gehen die Aussagen von Prof. Paech beim Selbstversorgungs-Interview. Der Artikel ist aber nicht deshalb ein alter Hut, weil er von vor 1 Jahr datiert, sondern weil seine richtigen Aussagen alte Hüte sind, und die anderen sind blauäugig.

Das sieht man an der Liste der geforderten guten Taten, die Peach in dem Interview nennt, 11 Schritte zu einer Wirtschaft ohne Wachstum , "Weg mit dem Wohlstandsschrott, der nur unser Leben verstopft!":

  1. individuelles CO2-Limit von 2,7 Tonnen per anno einhalten
  2. auf Flugreisen verzichten
  3. aufs Auto verzichten
  4. Arbeitszeit auf 20 std pro Woche verkürzen
  5. tierische Produkte vermeiden
  6. Sharing ausüben (Produkte mit anderen teilen)
  7. Gebrauchsgüter sparsam nutzen und möglichst selber pflegen/reparieren
  8. Nahrungsmittel selber oder gemeinsam anbauen und zubereiten
  9. Bank wechseln und Regiogeld verwenden (siehe Gesell-Link)
  10. keine Einwegverpackungen
  11. politischen Widerstand organisieren oder unterstützen.gegen Kohle-, Flug-, Agrarindustrie usw.

Das ist gut gemeint, aber rückwärts gewandt. Besser wären die intelligenten Lösungen wie Autos ohne CO2 und Retortenprodukte statt tierischer Produkte. Die Arbeitsteilung durch Eigenarbeit zu ersetzen, dürfte kontraproduktiv sein; keiner spritzt so viel wie der Kleingärtner, und Reparieren ist angesichts permanenter technischer Umwälzungen nur noch Beschäftigungstherapie. Vor allem sollte der Widerstand dort ansetzen, wo es brennt: beim Geldverteilen. Nur dann kann die (bezahlte) Arbeitszeit erfolgreich verkürzt werden.

Was ganz fehlt, ist die Sicht der Demographie: Das Bevölkerungswachstum muss auch umgekehrt werden. Also keine Ankurbelungsprogramme, sondern den demokratischen Willen zu weniger Kindern unterstützen, siehe 7,2 Milliarden Menschen erreicht. Mit dieser Einstimmung kann man sich die Argumente des Interviews zu Gemüte führen:

Obwohl der Interviewer sehr hübsch zitiert, never change a winning horse, stoppt ihn der Professor mit der Aussage, wir rasten ungebremst auf mehrfache Krisenszenarien zu. Alle ökologischen Probleme verschärften sich mit hoher Dynamik. Ständig würden neue Rekorde bei schädlichen Produkten, Dienstleistungen und Technologien erreicht. Die Debatte, ob Postwachstumsökonomie oder nicht, sei eine Gespensterdebatte, weil das Wachstumsregime nicht fortsetzbar sei. (Anmerkung wissenbloggt: Insofern gewinnen die Crashszenarien der Finanzwirschaft eine nützliche Dimension, denn der Crash liefert die gewünschte Wachstumbremse.)

Die Begründung des Professors: Wachsen kann nur noch das Wissen darüber, dass es kein Wachstum mehr geben kann/soll/darf

  • wegen Ressourcenengpässen
  • wegen bleibender Verteilungsungerechtigkeit ("Verteilungsdisparitäten")
  • wegen fehlendem Glückszuwachs ab einem bestimmten Wohlstandsniveau, deshalb die saloppe Forderung, Weg mit dem Wohlstandsschrott, der nur unser Leben verstopft!

Der Interviewer weist auf den Rebound-Effekt hin, auf die Tatsache, dass auch faire Produkte ökologische Ressourcen verbrauchen, d.h. auch Konsum sind. Das spreche gegen die "green economy".

Die Entgegnung benennt die Entstehungsseite jedes BIP-Wachstums als gestiegene Güterproduktion und die Verwendungsseite als zusätzliches Einkommen plus Nachfrage. Beide Seiten müssten "entmaterialisiert" werden (fürs Nullwachstum). Materieloser Anstieg der Güterproduktion wäre kaum denkbar (wird aber andernorts als Qualitätswachstum bezeichnet, also bessere, kleinere, leichtere Produkte, wb). Und wenn es das materielose Wachstum doch gäbe, würde sich auf der Verwendungsseite ein unlösbares Problem auftun. Wo bleibt nämlich das zusätzliche Einkommen, das durch Wachstum notwendigerweise entsteht?

Unbefangenerweise würde man sagen, das wird für die Qualität ausgegeben (wb), aber der Professor konstruiert einen Widerspruch: Wenn mehr Dienstleistungspersonal eingestellt würde (als materieloses Wachstum), würde dies Personal sein Geld kaum für noch mehr Dienstleistungspersonal ausgeben. Absurderweise müsste aber genau das  passieren, damit ein qualitatives Wachstum herauskäme.

Diese krause Logik nennt er als Grund, dass materieloses Wachstum jenen (realen) Rebound-Effekt hat, der die Nachfrage nach Autos, Flugreisen, Einfamilienhäusern, Smartphones usw. hintenrum anheizt. Würde das zusätzliche Einkommen aber abgeschöpft, um den Rebound-Effekt zu eliminieren, erstickte das BIP-Wachstum. (Also durch Ignorierung der nicht materiekonsumierenden Qualitätsverbesserungen wird ein Widerspruch konstruiert, wb.)

Was gegen den Rebound-Effekt zu tun wäre, wird aufgelistet als

  • ein neues Zeitalter der Entrümpelung ("Suffizienzbewegung")
  • eine neue Balance zwischen Selbst- und Fremdversorgung ("mehr Subsistenz").

Unter Subsistenz versteht er das Gegenteil des Steigerungsprinzips, nämlich "kreative Reduktion als Gestaltungsprinzip". Vieles wäre überflüssig und könnte abgeschafft werden, energieverbrauchende Komfortprodukte und als weitere Beispiele elektrische Küchengeräte, Wellness-Rezepturen, Flugreisen und Tiefseehäfen. D.h. nochmal Weg mit dem Wohlstandsschrott! (Also wieder Verzicht statt Qualitätsverbesserung plus das Zeugs öko-verträglich machen, wb)

Die andere Schiene ist es, von der Arbeitsteilung wegzukommen, von "geldbasierter Fremdversorgung". Stattdessen lieber Eigenarbeit. (Anmerkung wb: ist ja voll im Trend, aber oft als Schwarzarbeit, was auf Bilanzkosmetik beim BIP hinausläuft.) Die Vorteile, die optimistisch herausgestrichen werden:

  • Selbstschutz gegen zukünftige Ressourcenknappheit
  • direkter Umweltschutz
  • Milderung der Wachstumszwänge vom geldbasierten, arbeitsteiligen Industriemodell

Man ist sich einig, das sei kein Schritt zurück, mit dem Argument, wenn man am Abgrund steht, kann es nicht falsch sein, sich zurück zu bewegen. Im Übrigen sieht der Professor die Fortschrittlichkeit der Objekte durchs Reparieren nicht gefährdet. Die Güter  könnten langlebiger und reparabler werden, das wäre der Fortschritt. (Anmerkung wb: bei Kleidung mag das angehen, aber bei der Technik kann so leicht keiner aus dem Rattenrennen aussteigen. Jedenfalls nicht, solange er konkurrenzfähig bleiben will.)

Damit ist das Thema Arbeitswelt erreicht, wo schon die 20 Wochenstunden Erwerbsarbeitszeit postuliert sind (als Durchschnittswert für die Lebensarbeitszeit). Das geht in die richtige Richtung, zumal die Wirtschaft ja erfunden wurde, um den Menschen zu dienen, und nicht umgekehrt (wb). Allerdings wird die Vorstellung artikuliert, man könnte die Produktivitätssteigerung umkehren  "weniger kapitalintensive Produktionsprozesse reaktivieren" und so mehr Arbeitskraft nötig machen. Mehr Handwerk, mehr marktfreie Versorgungsformen, weniger Automatisierung, weniger Globalisierung.

Anmerkung wb: Das dürfte eine ganz große Illusion sein, die Entwicklung geht zum Gegenteil, dass die Roboter alle Arbeit übernehmen. Es scheint aussichtslos, sie daran zu hindern, zumal sie es umweltfreundlicher als wir können werden. Wir sollten wenigstens erkämpfen, dass sie für die Allgemeinheit, also uns, arbeiten müssen.

Weitere Stichpunkte, die das Interview für die "Postwachstumsökonomie" nennt:

  • Fair Trade
  • keine Abzocke durch Zwischenhändler
  • transparente Liefer- und Wertschöpfungsketten
  • genossenschaftlich organisierte Unternehmen

Der letzte Punkt ist angesichts der Kommnunismus-Pleite blauäugig (wb), aber sonst spricht da die Vernunft. Auch dass Ökobilanzierung statt genereller Schranken bei den globalisierten Lieferbeziehungen gefordert wird (die Containertransporte erreichen ja erstaunlich gute Ökobilanzen). Es wird das Beispiel Schuhe genannt, die könnte man auch in Europa "verdammt gut" herstellen und auch noch reparieren – soweit das Interview.

Wer wirklich stinkende, unwaschbare Lederschuhe repariert kriegen mag, der hat vielleicht seine Hygieneanforderungen geplättet. Das moderne Hi-Tec-Schuhwerk ist extrem strapazfähig herstellbar, das bräuchte also kaum Reparaturen.

Bleibt das Problem der Schuhe, die auswandern. Der beste Weg wäre doch, die Menschen- und Arbeitsrechte auch in Übersee einzuführen, dann gibt es auch hier wieder Chancen auf Schuhfabriken. Im Gegenzug kommen ja dort auch die Autowerke hoch.

Das fundamentale Problem der Roboter bleibt aber die Schicksalsfrage. Wenn wir es nicht schaffen, dass die für die Allgemeinheit arbeiten, dann geht das BIP von alleine baden – weil keine Konsumenten mehr da sind. Die Wachstumsbremsen werden dann von selber obsolet.

Dazu siehe auch Das Ethosdefizit