Aufruf zur Abtreibung von behinderten Kindern inakzeptabel?

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Trisomie_21_Genom-SchemaBei der Auseinandersetzung um die Abtreibung von Föten mit Behinderung wollen viele mitreden. Aus der Sicht der Selbstbestimmung hat nur die Schwangere zu bestimmen, und noch diejenigen, deren Rat sie akzeptiert. Trotzdem gibt es aus der humanistischen Szene divergierende Standpunkte. Einmal vom Evolutionsbiologen Richard Dawkins, der sich laut Twitter dafür ausgesprochen hat, ungeborene Kinder mit „Trisomie 21“ („Down-Syndrom“) abzutreiben. Dagegen bezieht Dennis Riehle von der Humanistischen Alternative Bodensee mit einer Pressemitteilung Stellung, und er nimmt dafür den Standpunkt der Humanistischen Kritik in Anspruch (Bild: National Human Genome Research Institute, Wikimedia Commons):

Humanistische Kritik an Äußerungen des Evolutionsbiologen Richard Dawkins:
„Aufruf zur Abtreibung von behinderten Kindern ist inakzeptabel“
 
Konstanz. Die Humanistische Alternative Bodensee (HABO) hat empört auf den Aufruf des Atheisten Richard Dawkins reagiert, der sich in einer Diskussion im Nachrichtendienst „Twitter“ dafür ausgesprochen hat, ungeborene Kinder mit „Trisomie 21“ („Down-Syndrom“) abzutreiben. Nach Ansicht des Professors könnten von diesen Kindern „keine gesteigerten Fähigkeiten“ erwartet werden. „Treiben Sie ab und machen Sie einen neuen Versuch. Es wäre unmoralisch, es zur Welt zu bringen, wenn Sie die Wahl haben“, wird Dawkins zitiert.
 
Der Sprecher der HABO, Dennis Riehle, kritisiert diese Aussage massiv: „Bei viel Verständnis für so manch kluge Forderung und weise Position des Richard Dawkins, diese Ausführungen sind für mich inakzeptabel – und diese Definition von ‚Moral‘ oder ‚Ethik‘ kann und darf kein Konsens werden“, appelliert Riehle auch an andere säkulare Kreise. „Derartige Meinungen entsprechen nicht dem humanistischen Weltbild, das ich als zweifelnder oder gar atheistischer Mensch vertrete. Und ich bin überzeugt, dass ich damit auch unter Kollegen nicht alleine bin“. Der Evolutionsbiologe Dawkins sieht in seiner „Forderung“, wie er sie bezeichnet, keine Ausnahme, sondern „die Norm“. Immerhin würden bereits die meisten Föten in Europa und Amerika abgetrieben, wenn ein „Down-Syndrom‘ festgestellt werde.
 
Dawkins beharrt in diesem Zusammenhang darauf, dass er mit seiner Wortwahl den „Fötus“ anspreche. Er wende sich hingegen ab von einem Standpunkt, wonach „ein Mensch“ mit diesem Syndrom „vor Jahren hätte abgetrieben werden sollen“. Dawkins erinnerte auch an die Möglichkeit, mit diversen Tests heutzutage bereits in der frühen Schwangerschaft das Vorliegen der Behinderung „Trisomie 21“ feststellen zu können. Zuletzt hatte in Deutschland die Konstanzer Firma „LifeCodexx“ für Aufsehen gesorgt, deren neuartiges Untersuchungsverfahren genau dieses „Down-Syndrom“ pränatal erkennen kann.
 
Für Riehle spielt die Frage nach der Formulierung keine Rolle: „Ich verstehe, dass Dawkins den Fötus noch nicht als lebensfähiges Individuum anerkennen will. Mit seiner Forderung urteilt er aber in besonderer Weise über die Position der Behinderung. Sie ist für ihn offenkundig ausreichend, um über Wertigkeit von Leben zu urteilen. Und natürlich kommt er dabei dann auch nicht umhin, die Folgerung zuzulassen, wonach für ihn Menschen mit ‚Down-Syndrom‘ nicht ‚gesteigert fähig‘ sind. Mit Humanismus hat solch eine Ansicht für mich überhaupt nichts zu tun“.
 
Der HABO-Sprecher, der selbst an einer genetisch bedingten Erkrankung leidet, schreibt weiter: „Selbst wenn Dawkins das nicht hören möchte, aber aus seiner Haltung wird für mich unweigerlich klar, dass er behinderte Menschen nicht als lebenswert anerkennt. Denn selbstverständlich ist es keine hypothetische Frage, was mit denjenigen Behinderten wäre, die heute auf der Welt sind, wenn man schon vor Jahrzehnten das ‚Down-Syndrom‘ oder Anderes hätte vorgeburtlich diagnostizieren können – und die Eltern auf Aussagen wie die von Dawkins eingegangen wären. Es ist eine Frage, die heute wohl gleich beantwortet würde, wie damals auch – und sie führt letztlich zur Selektion“.
 
Der Evolutionsbiologe könne nach Riehles Einschätzung nicht erwarten, dass Eltern oder ihre behinderten Kinder die komplexe philosophische Abstraktion verstehen könnten, die der Professor mit seinen feinsinnigen Differenzierungen in der Formulierung bezwecke. „Dawkins darf selbstredend seine Überzeugung kundtun. Es ist für mich aber unverantwortlich, Eltern derart ins Gewissen zu reden. Für sie muss es ein Schlag ins Gesicht sein, das Absprechen von jeglicher Würde“. Nach Einschätzung des HABO-Sprechers ist das schon länger bekannte, aber selten so deutlich wie jetzt zutage getretene Verständnis der Evolution nach Dawkins in sich nur schwer nachvollziehbar: „Bedeutet Evolution für den Forscher, dass er in die Machenschaften der Natur – wenn es schon kein Gott ist, der erschafft und lenkt – nach Belieben eingreifen kann? Und sind Behinderungen damit lediglich ein ‚Unfall‘, dessen Folgen der Mensch mittlerweile zu verhindern imstande ist?“.
 
„Mit seinen Einlassungen bedient Dawkins in wunderbarer Weise Vorurteile, mit denen Lebensrechtler die Ideologie verschiedener Atheisten, die in den letzten Jahren auf sich aufmerksam gemacht haben, verurteilen. Ich weiß nicht, ob er seiner eigenen Klientel damit einen Gefallen getan hat. Denn das Leben allein im Hinblick auf ‚gesteigerte Fähigkeiten‘ zu bewerten, mag evolutionsbiologisch richtig sein. Letztendlich führt eine solche Argumentation aber direkt zur gefürchteten Perfektion des Menschen, die zumindest ist nicht will“, erklärt Riehle. „Denn während viele der Ideen Dawkins‘ mittlerweile mehrheitsfähig sind, dürfte es solch eine Forderung hoffentlich nie werden“, so der HABO-Sprecher abschließend.
 
Anmerkung wissenbloggt: Das muss keineswegs der humanistische Standpunkt sein. Riehle macht denselben Fehler, den viele Abtreibungsgegner machen, er setzt Fötus gleich Mensch. Das ist aber ein Unterschied. Dawkins hat eben nicht das Leben  behinderter Menschen nicht als lebenswert bezeichnet, sondern er bezieht sich auf Föten mit der Behinderung. Seine Aussage, es wäre unmoralisch, ein behindertes Kind zur Welt zu bringen, wenn man die Wahl hat, ist absolut zutreffend. Kinder sollten auch das Recht haben, nicht geboren zu werden, wenn ihr Leben nur Not und Leid bringen würde.

Und es ist durchaus wünschenswert, wenn durch freiwillige Abtreibungen (oder Sterilisationen) eine Selektion des menschlichen Erbguts erfolgt. Welche Konsequenzen sich sonst ergeben, beschrebt der Artikel Der Mensch als Mutant.

 

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10 Antworten auf Aufruf zur Abtreibung von behinderten Kindern inakzeptabel?

  1. klafuenf sagt:

    140 Zeichen sind zu wenig für eine differenzierte Darstellung einer Abwägung. Der Grund, warum ich mich weigere Twitter zu benutzen: https://richarddawkins.net/2014/08/abortion-down-syndrome-an-apology-for-letting-slip-the-dogs-of-twitterwar/

  2. Klarsicht sagt:

    Jede(r) sie/er muss es für sich entscheiden, ob sie/er es akzeptieren kann, dass überhaupt ein Fötus abgetrieben wird, für dessen Existenz sie/er verantwortlich ist. Kommt für sie/ihn keine Abtreibung infrage, dann muss auch jede Behinderung akzeptiert werden, mit der das Kind dann zur Welt käme. Diese Entscheidung beinhaltet dann aber auch, dass sie/er für die gesamte Lebenszeit des Kindes die Verantwortung für das Kind übernehmen muss, wobei natürlich die Hilfen in Anspruch genommen werden können, die die Gesellschaft für derartige Situationen zur Verfügung stellt. Es wäre sicher in manchen Fällen eine Verantwortung, mit der sie und/oder er auf Dauer trotz gutem Willen überfordert sein könnte.

    Würde die Abtreibung eines Fötus' auch dann akzeptiert, wenn keine Behinderung vorliegt, so würde sie sicher erst recht akzeptiert werden, wenn das Kind mit einer Behinderung geboren werden würde.

    Kann sie/er nicht jede Behinderung akzeptieren, mit der ein Kind geboren werden würde, dessen Erzeuger sie/er ist, so steht es niemand anderem zu, sie/ihn zu verurteilen, wenn sie/er sich deswegen zur Abtreibung entschließt, weil der Grad der Behinderung des Fötus' für sie/ihn als zu groß erscheint, um für das Kind später die schwere Verantwortung zu übernehmen, die auf sie/ihn zukommen würde. Niemandem stünde es zu, sie/ihn dafür zu verurteilen, dass sie/er die Auffassung vertritt, dass sie/er sich und dem Kind ein sehr wahrscheinlich leidvolles Leben erspart, wenn sie/er den Grad der Behinderung des Fötus' (Down-Syndrom) als so hoch einschätzt, dass sie/er und das Kind aus ihrer/seiner subjektiven Sicht ein leidvolles Leben erdulden müssten.

    Es grüßt

    Klarsicht

     

     

     

     

     

     

     

  3. awmrkl sagt:

    @Klarsicht

    Könntest Du das nochmal einigermaßen verständlich (ohne xx/yyy & co) darlegen? Danke.

    (mir wird es dabei schwindlig, ohne Schei**)

  4. Wilfried Müller sagt:

    Danke für den Link, klafuenf, da sagt Dawkins es nochmal sehr schön: “There’s a profound moral difference between ‘This fetus should now be aborted’ and ‘This person should have been aborted long ago’.”

    Klartext muss ich ausnahmsweise in einem Punkt widersprechen: Das Schicksal des Kindes sollte auch unter dem Aspekt des Kindsrechts gesehen werden, nicht bloß unter dem Aspekt der Elternrechte. Man sollte kein Kind dazu verdammen, ein Leben in Not und Leid zu leben; in solchen Fällen sollte es das Recht haben, nicht geboren zu werden.

  5. Klarsicht sagt:

    Ich stimme „Wilfried Müller“ natürlich zu. Es wäre dann aber die Problematik gegeben zu entscheiden, bei welchem Grad der Behinderung der Fötus davor geschützt werden muss, weiter zu wachsen und letztlich als behindertes Kind geboren zu werden. Die Schwangere ist (gegebenenfalls zusammen mit ihrem Gatten) gesetzliche Vertreterin des Fötus, nehme ich an. In dieses Recht könnte nur der Gesetzgeber regelnd eingreifen. Will man ihm wirklich zumuten, dass er den Grad der Behinderung festlegt und die Schwangere zum Schutz des Fötus' zur Abtreibung verpflichtet ? Doch wohl nicht. Also liegt die Entscheidung allein bei der Schwangeren und gegebenenfalls ihrem Ehemann. Der behinderte Fötus muss darauf vertrauen, dass er von ihnen davor bewahrt wird, weiter zu wachsen, als behindert geboren zu werden und dann ein leidvolles Leben erdulden zu müssen.

    Es grüßt

    Klarsicht   

  6. Wilfried Müller sagt:

    Ja, das sind schwierige Abwägungen. Ich stelle mir das als Element des Ethos' vor, das für Schwangere eben diese Rücksichtnahme auf das Kindsrecht vorsehen sollte. Eingriffe vom Gesetzgeber dürften selbst bei Unzurechnungsfähigen wenig realistisch sein. Mich würde auch die Position der IH interessieren.

  7. Wilfried Müller sagt: 23. August 2014 um 09:59

    Es gibt auf IH bislang 54 Kommntare dazu, aber das sind natürlich Einzelmeinungen.

    In der Partei herrscht allenfalls (soweit sich das beurteilen lässt) die Stimmung vor, dass es ausschliesslich Sache der werdenden Mutter sei, über ihren Körper zu bestimmen. Und damit es gar nicht erst zu derlei Diskussionen wie oben kommt, sollte man sich endlich zu einer echten Fristenlösung (ohne diesen entwürdigenden Beratungsunsinn) durchringen. Ich befürchte aber, dass auch nur das Ansinnen in diese Richtung auf entschiedenen Widerstand der Salachristen und Evangelikaliban stossen würde – also derzeit aussichtslos in der Bundesrepublik.

  8. Klarsicht sagt:

    Wenn in der Abtreibung eines Fötus' wegen des „Down-Syndrom“ eine Diskriminierung von lebenden Menschen mit diesem Syndrom gesehen wird, dann könnten sich auch andere Menschen durch den Grund einer Abtreibung diskriminiert fühlen. Es könnten die nicht behinderten Menschen sein, die geboren wurden, obwohl bei ihnen einer der Gründe gegeben war, der es ihrer Mutter oder ihren Eltern aufgrund unserer Rechtsordnung gestattet haben würde, ganz legal abtreiben zu können (ohne das als Grund eine Behinderung vorgelegen hätte). Diese Menschen könnten sich durch jede Abtreibung diskriminiert fühlen, bei der sie wegen des Grundes (z. B. schlechter sozialer Hintergrund ?) vorgenommen wurde, der bei ihnen auch vorlag (keine Behinderung), aber nicht zur Abtreibung geführt hat.

    Ich meine, dass der Grund, den die Schwangere (und gegebenenfalls ihr Gatte), für die Entscheidung zu einer legalen Abtreibung zu haben meint, kein Diskriminierungspotential enthält.

    Ich hoffe, nicht missverständlich formuliert zu haben.

    Es grüßt

    Klarsicht     

  9. Wilfried Müller sagt:

    K.S., ein Agnostiker, der viel vom Evolutionären Humanismus hält und keine hehren religiösen Begründungen nötig hat, schreibt dazu:

    Zitat:  "Kinder sollten auch das Recht haben, nicht geboren zu werden, wenn ihr Leben nur Not und Leid bringen würde."

    Als ich erfuhr, dass mein Kind das Downsyndrom habe, "fiel ich in ein tiefes Loch". Das war vor 26 Jahren.  Im Nachhinein sieht die Sache ganz anders aus: Er ist ein sehr liebenswerter Mensch mit ausgeprägter Persönlichkeit geworden, ist zufriedener und ausgeglichener als die Mehrzahl der Menschen die ich kenne. Er war und ist mir in einigen Dingen ein Vorbild. Ich will aber nichts beschönigen und verkitschen: Es gab auch sehr schwierige, anstrengende Zeiten mit ihm. Wir trauten ihm ein Entwicklungspotential zu, trugen das für uns Mögliche dazu bei und wurden nicht enttäuscht! Das wirkt natürlich auch auf die eigene Persönlichkeit zurück.

    Ob bei pränatal diagnostizierter Behinderung eine Abtreibung angebracht ist, sollte von Fall zu Fall und natürlich im Wesentlichen von den Eltern nach eingehender Beratung entschieden werden. Ich bin nicht prinzipiell dagegen. Ob allerdings ein behindertes Kind nur Not und Leid bringt, ist wohl nur sehr schwer vorauszusehen.

    p.s.:  Ist wohl auch eine willkürlich gesetzte Grenze:  Im Mutterleib(Fötus) ist der Mensch noch kein Mensch, ein paar Minuten später(nach der Geburt) ist er dann plötzlich "Mensch". Wie soll man das begründen? Was ist, wenn der Fötus beim Geburtsvorgang einen entsprechenden Schaden nimmt, sollte man ihn dann gleich im Anschluß töten oder später, wenn  etwa Hirnschäden als Folge der Geburt entstanden sind und man das erst  später diagnostiziert?

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