Religiöse Spezialität: Kinderkriegen?

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silhouette-74876_640Bei n-tv konnte man am 24.8. ein Interwiev mit dem Politiker und Religionswissenschaftler Michael Blume sehen, der sich 10 Jahre mit Anthropologie befasst hat, um religiöse Populationsforschung zu treiben. "Atheistische Populationen verebben" Ohne Religion fehlt es an Kindern heißt der Artikel, der unter "Wissen" firmiert (Bild: geralt, pixabay).

Aus dem Inhalt: Religion beeinflusst langfristig die Geburtenraten der Gesellschaften, ohne Religion mangele es an Kindern. Speziell ging es um eine Frage der Evolutionsforschung: Warum ist die Religion nicht im Laufe der Evolution verschwunden – welchen Vorteil bringt sie den Menschen?

Laut Blume gebe es jetzt und früher keine nichtreligiöse Gemeinschaft, die über ein Jahrhundert hinweg mindestens zwei Kinder pro Frau hervorgebracht habe (er vergisst dabei die Gesellschaften der vorreligiösen Zeit, wissenbloggt). Auch bei besserer Bildung sei es so, dass die Religiösen mehr Kinder haben als Nichtreligiöse.

Der Interviewte sagt, aus seinen statistischen Daten und Fallbeispielen könne er den Faktor Religion/Nichtreligion extrahieren und daraus seinen Befund ableiten, nach dem atheistische Gemeinschaften ihren zahlenmäßigen Bestand nicht halten könnten, nichtreligiöse Populationen verebbten demnach demografisch.

Dabei gibt es auch Religionen, die auf Kinder verzichten, wie die Quäker, und obendrein den Zölibat. Der Interviewte sagt "das Zölibat" und weckt damit Zweifel an seiner Kompetenz. Ein Demograf ist er ohnehin nicht, aber wie man sich erinnern wird, waren die Demografen ja anfällig für schwere Fehler bei ihren Prognosen ("Deutschland stirbt aus", "die Bevölkerungspyramide schwächt sich ab", als ob die Pyramide nicht das demografisches Abbild der Bevölkerungsexplosion wäre, usw.).

Immerhin versteht der Interviewte sich zu der Aussage, im Mittel stimme ja auch die Aussage, Religiöse seien weniger gebildet als Nichtreligiöse. Ob das unter Selbsterkenntnis läuft, geht nicht aus der Schrift hervor. Weiter in der Frageliste:

Deutschland habe ein Nachwuchsproblem, vielleicht wegen des Niedergangs der Religion? Das sieht der Interviewte als Teilerklärung, "gute Familienpolitik" könne dagegen helfen. (wb: vielleicht Geburtenankurbelungsprogramme?) Das Gegenteil wurde in China nötig, aber China firmiert bei ihm nicht unter religionslos. China passe in das Bild einer atheistischen Ideologie, die sich gegen die "pronatalen Botschaften der Religionen gewendet" habe. Weitere Beispiele sieht der Interviewte im sozialistischen Rumänien und im NS-Deutschland, beides ein "Desaster", weil es keiner staatlichen Ideologie gelang, auf Dauer größere Familien zu erzwingen – siehe dazu die Kurve der deutschen Bevölkerungsentwicklung (von 1925 bis 1935 Zunahme von 63 Mio. auf 69 Mio., danach konstant 69 Mio. bis 1950 trotz Krieg).

Zum Eigentlichen befragt, was religiöse Menschen dazu bewege, mehr Kinder zu bekommen, sieht der Interviewte merkwürdige Gründe: Der gemeinsame Glaube an höhere Wesen fördere eine Kooperation nach Regeln. Ein Beispiel: Wenn man glaube, dann auch den ersten "Gottesworten" in der Bibel wie "Seid fruchtbar und mehret euch." Und wer als Mensch nicht nur vor sich hinlebe, brauche tiefe religiöse Überzeugungen, und die bewirkten diesen Effekt.

An diesem Punkt kommt eine intelligente Frage, ob es angesichts der Überbevölkerung überhaupt wünschenswert sei, noch mehr Kinder in die Welt zu setzen? Solche Wertungen möchte der Interviewte nicht abgeben, er führt lieber aus, dass es religiöse Stimmen gebe, die meinen, je mehr Kinder, desto besser. Umgekehrt lehnten manche es aus diversen Gründen ab, Kinder in diese Welt zu setzen. Eine mittlere Option mit "ausgewogener Bevölkerungsentwicklung" sei seine persönliche Präferenz.

Gleich noch eine intelligente Frage, die atheistischen Gruppierungen hätten es bisher ja schwerer gehabt, was sich nun ändere. Würde das eine andere Entwicklung anstoßen? Nicht unbedingt, heißt es dagegen, in den USA seien sie gescheitert, und da gab es ja schon Religionsfreiheit und Säkularität (wohl noch nie vom bible belt gehört, wb). Immerhin wird konzediert, dass sich die Dinge ändern könnten. Es sei auch nicht sein Plädoyer, alle zur Religiosität anzuhalten. Er freue sich allerdings über die Vielzahl der Menschen, die für mehr Kunstwerke und mehr wissenschaftliche Erkenntnisse stünden, über die Vielfalt als evolutionäres Erfolgskonzept.

Die Fragestellung war nun, wie sich Religiosität entwickelt hat und sich behaupten konnte. Entgegen den Behauptungen der Religionskritiker, sie wäre nur mit Kosten und Schaden verbunden, sei die Religion evolutionär erfolgreich. Wäre sie das nicht gewesen, dann wären die Religionen untergegangen – soweit das Interview.

Der letzte Punkt ist der interessanteste, für den der Interviewte allerdings keine Priorität in Anspruch nehmen kann. Das wurde längst vor seinen Untersuchungen von anderen Forschern bearbeitet, wie man z.B. Sven P. Thoms' Aufsatz entnimmt Gene, Meme und die Gottestäuschung (2007). Thoms gibt dort Auskunft auf die Frage nach dem evolutionären Erfolg. Es sieht die Religionen als Meme. Demnach geht es der Memetik um die Erklärung für den Erfolg der religiösen Meme, obwohl sie im klassischen Sinn unwahr seien. Gemeint sind Aussagen über Auferstehung von Toten, Jungfrauengeburt, Wirksamkeit von Gebeten, Stoffumwandlungen von Wein in Blut usw.. Man könnte religiöse Meme als Viren des Geistes (viruses of the mind) bezeichnen, so Thoms, und Katholizismus-Meme verbreiteten sich u.a., indem sie Angst erzeugten und dann ein Mittel anböten, sich aus dieser Angst zu befreien und die Liebe Gottes zu erlangen. Grundsätzlich versprächen Religionen Antworten auf jahrtausendalte Fragen nach dem Lebenssinn, vermittelten das Gefühl von Zusammengehörigkeit und förderten die soziale Integration (und auch den Zusammenhalt beim Krieg gegen die anderen, wb).

Die Rede ist auch von einem "Metaglauben" (belief in belief), der als "Gottesgen" populär wurde. Man darf wohl ergänzen, dass der evolutionäre Erfolg der Religion auch an der starken Indoktrinierung liegt (siehe Indoktrinierung wirkt) und an den Tricks, mit denen die Religionen das Kinderkriegen befördern. Beispiele Verhütungsverbot, "kein Sex vor der Ehe" (= heiratet früh und kriegt schnell Kinder, eine Spezialität der so säkularen USA).

Festzuhalten ist gewiss, dass Meme mit viel Kindern oder viel Missions- oder  Eroberungserfolg erfolgreich sind und weniger aggressive Meme verdrängen. Der weltweite Trend geht jetzt aber zu einem vernünftigeren Reproduktionsverhalten. Weniger kinderreiche atheistische Gruppierungen dürfen sich als Trendsetter sehen, siehe die Statistik-Links in Die Übervölkerung.

Wie der Reproduktionserfolg zu bewerten ist, zeigt ein Artikel vom Independent, Pulitzer-winning scientist warns wildlife face a 'biological holocaust' (25.8.): A leading biologist has called for a radical conservation strategy in an attempt to prevent the 'mass extinction' of species. Demnach ist der Erfolg des "Seid fruchtbar und mehret euch" schon so weit gediehen, dass ein Alarm nach dem anderen fällig wird, um das komplementäre Aussterben der Tierarten zu melden.

Fazit ist also, die Religion wird für die Erhaltung von großen Bevölkerungen gebraucht, ja, von zu großen Bevölkerungen, die Tier- und Umwelt gefährden. Wenn atheistisches Gedankengut es schafft, die menschlichen Populationen zu verkleinern, gebührt ihm großes Lob. Und wenn der Trend vom Religiösen weg den Trend zur Nachhaltigkeit mit sich bringt, dann spricht das für den Atheismus.

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Eine Antwort auf Religiöse Spezialität: Kinderkriegen?

  1. kantomas sagt:

    "Fazit ist also, die Religion wird für die Erhaltung von großen Bevölkerungen gebraucht, ja, von zu großen Bevölkerungen, die Tier- und Umwelt gefährden. Wenn atheistisches Gedankengut es schafft, die menschlichen Populationen zu verkleinern, gebührt ihm großes Lob. Und wenn der Trend vom Religiösen weg den Trend zur Nachhaltigkeit mit sich bringt, dann spricht das für den Atheismus."

    Dann ist doch alles gut! Ich hab sein Buch nicht gelesen. Soweit ich das Interview richtig verstanden habe, bricht er keine Lanze für die Religiösen und verteufelt auch nicht die Atheisten. Seine Grundthese ist doch, dass Religiöse mehr Kinder bekommen und das Religion eine sehr große Rolle spielt, wenn es um zahlreichen Nachwuchs geht.

    Und was die Überbevölkerung betrifft: Es gibt immer mehr Atheisten und Agnostiker. Also regelt sich das irgendwann, möchte man hoffen, wenn man den Gedanken von Blume weiterdenkt.

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