Rational vs. radikal

image_pdfimage_print

bomb-154456_640Bei den Vorgängen an der muslimischen Front kriegen manche Kommentatoren Schaum vor dem Mund, wie unser bewährter Komponist von atheisten-info.at – Beispiele Vergewaltigungsfreiheit für Muslime (28.8.): … Zur praktischen Anwendung dieser islamistischen Ansichten braucht man allerdings noch eine Bande von gemeingefährlichen Vollidioten, die muslimische Sexualverbrechen vertuschen, um nicht von vollidiotischen Philoislamisten als Ausländerfeinde und "Rassisten" beschimpft zu werden. Und Saudis positiv zum "Islamischen Staat" (28.8.): Uns erzählen die Islamismusglattbeter ständig, die Jihadisten des "Islamischen Staates" (IS) hätten (fast) nichts mit dem Islam zu tun …(Bild: OpenClips, pixabay)

Bei allem Verständnis für den unheiligen Furor darf man Bedenken äußern, ob mit  "gemeingefährlichen Vollidioten, vollidiotischen Philoislamisten und Islamismusglattbetern" zu sehr in die Kerbe des Populismus' gehauen wird. Die New York Times macht vor, wie man moderat an das Thema Islamkritik herangehen kann, selbst wenn es um so grausige Geschehnisse geht wie die europäischen und amerkanischen Jugendlichen, die zu Jihadisten (Gotteskriegern) werden, siehe How to Stop Radicalization in the West (28.8.).

Die USA hätten besonderen Grund sich aufzuregen, nachdem ein Amerikaner öffentlich hingerichtet wurde, anscheinend von britschen Gotteskriegern. Radikalisierte junge Muslime sind eine Gefahr, und die Frage ist, wie kann man sie davon abhalten, sich überhaupt zu radikalisieren und militant zu werden?

Diese Diskussion führt die NYT mit 5 Beiträgen. Zunächst wird der von Ghaffar Hussain vorgestellt, Challenge Radicals Loudly and Clearly. Der Inhalt: Moderate Islamführer kritisieren die Gotteskriegermentalität bereitwillig, aber sie vermeiden Kritik an den muslimisch-religiösen Grundlagen. Der Staat bringt auch nur verbale Verurteilungen zustande, aber kaum mal Strategien, wie das Problem auf sozialer Ebene angefasst werden könnte. Die freiheitlichen Gesellschaften sind immer noch nicht dafür bereit, mit solcher Geistesverwirrung umzugehen. Eine grundlegende Kulturwandel wird gebraucht, um die Radikalisierung abzuwenden.

Dabei gibt es keine Alternative zu den Gegenvorstellungen, welche die Gotteskrieger-Mentalität auf politischer, historischer und religiöser Ebene zerpflücken. Die Grundlage des Jihadismus ist genauso gegenstandslos wie der Kommunismus und sollte auch genauso unpopulär werden. Allgemein sollten Hassprediger diskreditiert werden, egal ob sie sich religiös verbrämen oder nicht. Dazu sollte man zusammenarbeiten. Private und staatliche Gruppen sollten Alternativen zu den Hasspredigern aufzeigen. Nur wenn alle zusammenhalten, kann das Problem gelöst werden.

Von Jocelyne Cesari stammt der zweite Beitrag, Europe Needs to Embrace Islam, der auf das Folgende hinausläuft: Der Zulauf zu den antiwestlichen Gruppen liegt nicht in erster Linie an den sozioökonomischen Verhältnissen, sondern da spielen 3 voneinander abhängige Faktoren eine wichtigere Rolle. Der Islam darf insgesamt nicht länger "ghettoisiert" werden und als fremd und unintegrierbar für die westlichen Werte hingestellt werden.

  1. die starke Stellung der Salafisten (ultrakonservative Strömung innerhalb des Islams) im Markt der (muslimischen) Religionen ist das erste Problem, wo doch die meisten Muslime keine Salafisten sind. Die Mehrheit der Salafisten gehört auch nicht zu den Jihadisten, aber viele Terrororganisationen haben einen salafistischen Hintergrund. Ihre theologischen Ansichten kommen von den Wahhabiten in Saudi-Arabien und Katar, der reaktionärsten Version des Islam weltweit. 
  2. die zunehmende Diskriminierung der muslimischen Jugend ist ein wesentlicher Faktor bei der Radikalisierung, der als Gegenmaßnahme besondere Glaubensdevotheit auslöst, Hijab-Tragen, Halal-Essen, Beschneidung nun erst recht. Man gibt den Muslimen nicht das Gefühl, sie als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft zu akzeptieren, die Integrations- und Islamkritik-Debatten münden in Diskriminierung und verschaffen den Radikalen Gehör.
  3. der Niedergang der alten Werte wie Nationalismus, Kommunismus, Liberalismus hinterlässt ein Vakuum, das nun von radikalen Ideologien gefüllt wird, die religiöse Kontaminierung gemahnt stark an die linksradikale Ideologie der 1970er Jahre.

Es werden politische Anstrengungen nötig, um die Ghettoisierung des Islam zu beenden. Der "Kampf gegen den Terror" sollte so weit wie möglich vom Islam getrennt gehalten werden. Stattdessen sollte der friedliche Islam integriert werden und nur bekämpft werden, was tatsächlich Terror macht.

Raffaello Pantucci schreibt in There Are Ways to Address Radicalism Early über Wege, die Radikalisierung früh zu erkennen und zu bekämpfen. Briten und Deutsche und andere Europäer werden  schon seit 20 Jahren rekrutiert, aus Idealismus, aus Religiosität, oder auch bloß, um wegzukommen oder sich der Strafverfolgung zu entziehen. Es kann auch schlichte Abenteuerlust sein, was die Leute in militärische Ausbildungslager treibt. Der Ansatz bei diesem komplizierten Motivationsgeflecht ist, Ansprechstellen zu schaffen, wo sich betroffene Familienmitglieder informieren können, ohne dass gleich die Polizei eingeschaltet wird.

Die Leute brauchen alternative Lebensperspektiven, so ähnlich wie dort, wo man Menschen aus den Jugendgangs raushalten will. In den Internet-Communities sollte man auch den radikalen Ideen entgegentreten, denn die sozialen Medien spielen eine wichtige Rolle bei der Meinungsbildung. Sie helfen den Leuten, in die Krisengebiete zu kommen, flankiert von radikalen Bauernfängern, die ihnen den letzten Schubs dahin gehen. Die Communities sollten sowas zurückweisen, zusammen mit anderen, neu zu entwickelnden, Meinungsverkündern und Aufklärern. Denn viele wissen nicht, worauf sie sich einlassen. Es könnte einfach eine Entwicklungsphase sein, ebenso aber die volle Radikalisierung.

Möglicherweise hilft eine Hotline, wie sie in Deutschland entwickelt wurde, wo man Fragen stellen kann und Rat bekommt. Das Problem ist aber nicht auf die Schnelle zu lösen. Erst müssen die Konflikte in Syrien und Irak gelöst werden, erst dann schwindet die Attraktion der Schlachtfelder für eine gewisse Klientel.

Der nächste Beitrag betont auch die Wichtigkeit der Community, Jamie Bartlett schreibt über Battle of Ideas Moves Online. Facebook wird von den Terroristen genutzt, um ihre Ideen zu verbreiten, die Terroristen arbeiten intensiv online. So erreichen sie Millionen von Leuten – der Kampf um die Herzen und um den Verstand der Anfälligen muss 24 Stunden am Tag geführt werden. Die Extremisten sind fix dabei, neue Möglichkeiten zu nutzen. Sie verhalten sich wie Werbeleute und machen richtige Werbekampagnen auf FB oder Twitter. Man darf sie sich nicht nur als die Barbaren vorstellen, die sie charakterlich sind, sie sind außerdem alerte Mitglieder der Internet-Gesellschaft – digital natives.

Das Problem ist, je mehr man sie zensiert, desto smarter werden sie, um die Sanktionen zu umgehen. Als man sie aus Twitter rausschmiss, wechselten viele zu Diaspora, einer neuen dezentralen social media platform. Die Daten sind da überall verteilt, nicht mehr auf Servern wie bei YouTube usw. Es werden sogar die Techniken der Whistleblower genutzt, und sie haben sogar schon ein eigenes Verschlüsselungsprogramm. Man sieht, Ideen sind nicht auszulöschen, und wenn sie noch so grässlich sind. Die Freiheit des Internets gilt auch für die Missbraucher. Dezentralisierungs- und Verschlüsselungstechniken verbreiten sich. Neue Gegenmaßnahmen werden gebraucht, und zwar mehr als bloß Regierungspropaganda von oben herab. Das ist jetzt mehr wie ein Handgemenge, das rund um die Uhr überall abläuft. Alle Nichtinfizierten haben die Verantwortung, die Werte von Säkularität und Humanismus, von Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie hochzuhalten.

Der abschließende Bericht kommt von Patrick M. Skinner, Fluid Situation With No Single Solution. Er betont nochmal die Komplexität des Problems. Weltweit wird das Problem erkannt, nur entziehen sich die Motive der Radikalen oft Analyse und Beeinflussung. Dagegen wird wiederum die Forderung nach Einsatz von Staat und Gesellschaft gefordert, und zwar kein "cookie-cutter approach", sondern nachhaltige Aufklärung, um die Attraktivität der Terror-Ideologie zu beseitigen.

Es ist ein Kampf der Ideologien (heute Narrative genannt). Maßgebich dabei: politische Aspekte (der Westen kontrolliert die Welt), moralische (der Westen ist dekadent und heruntergekommen), religiöse (Gewalt gegen Islamgegner ist gerechtfertigt), "sozial/heroische" (die Menschen wollen anders sein, einen Sinn finden und Aufregung in ein ansonsten dröges Leben bringen). Das letztere wirkt besonders auf junge Männer, und die Terrororganisationen wissen das. Sie stellen die Kampflust und Aufregung in den Vordergrund ihrer Propaganda, als ob's ein Videospiel wäre.

Die Regierung kommt gegen die Diversität der Radikalität nicht an, es gibt ja keinen Platz auf der Welt mehr, wo man die Extremisten-Ideologie nicht sehen und hören könnte. Die Online-Netzwerke ersetzen lokale Moscheen und Widerstandsnester. Die Aktivisten sind gut versteckt und schwer aufzustöbern. Die Ideologie (das Narrativ) ist deshalb so wichtig. Auch hier kommen Gedanken aus dem Werbebereich zum Vorschein, die besseren Ideen müssen besser verkauft werden. Die Gegenaktivitäten müssen die Dezentralisierung nachvollziehen, und das kann nur über dieselben Mittel laufen – nicht Berieselung, sondern Attraktion schaffen, damit die Leute die Informationen selber abrufen. Soweit der Bericht von der NYT.

Die bessere Idee soll gewinnen, das stimmt. Aber für viele Jugendliche ist die Lage gar nicht gut. In Griechenland, Spanien, Italien herrschen 50% Jugendarbeitslosigkeit, woanders heißt die Lebensperspektive auch oft nur Prekariat. Was ist los mit der Überlegenheit unserer Kultur? Man muss was dafür tun, dass es die bessere Idee ist.

Paradox ist, dass in den späten 1960er Jahren ein deutscher Terrorismus aufkam, also in der Zeit, wo noch alles in Ordnung war, siehe Reload 1970. Zitat aus diesem wb-Artikel: Eine häßliche doofe Protest-Elite kam auf, die zu dogmatisch zum Denken war und unser bestes Gesellschaftssystem aller Zeiten bekämpfte. Parallel dazu gab es eine Enttabuisierungsbewegung, die uns von dem alten Muff befreite, bloß damit eine schöne doofe Pop-Elite aufkam, die Sex & Drugs & Rock ’n’ Roll lebte und das Denken erst recht vergaß.

Was auch noch vergessen wurde, ist die Emanzipation von der Religion (nochmal wb), und aus all dem zusammen mischt sich der islamistische Terror. Es wäre schön, wenn die humanistischen Ideen allgemeine Akzeptanz fänden statt dem Schlachtengerassel, auf das sogar unsere Regierung eingestiegen ist. Bedenkenswert wäre auch der Bann für die Namen der Terror-Organisationen, siehe Bann für Terror und Blödkopf Hamma in Nigeria. Der korrekte name für die irakischen Terroristen ist dann eben Inferno Salat oder so, und nicht das, was sie sich selber andichten.

Nachträglich dieser informative Link "Für manche Mädchen ist der Salafismus eine Befreiung" (Julia Herrnböck im österreichischen Standard, 29.8.)
 

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9 Antworten auf Rational vs. radikal

  1. Argutus sagt:

    Eine sachliche Sprache ist einer emotional aufgeladenen sicher vorzuziehen. Das sehe ich ganz genauso.

    Ich bin aber nicht bereit die Religionen (und andere Ideologien) zu exkulpieren, nur weil es bei ihren Mitgliedern viele gibt, die sie nur in einer sehr verwässerten Form glauben oder in die Praxis umsetzen. Für die Beurteilung relevant ist immer nur die reine Lehre und nicht das, was lauwarme (oder gar häretische) Anhänger tun.

  2. Argutus sagt: 29. August 2014 um 13:03

    An welche der geschätzt 300 reinen Lehren denkst du denn da? :-)

  3. Argutus sagt:

    Die Varianten der reinen Lehre unterscheiden sich üblicherweise nur in irrelevanten theologischen Haarspaltereien. Jeder Kompromiß zwischen Religion und Vernunft oder Humanität sprengt jedenfalls diesen Rahmen.

  4. Argutus sagt: 29. August 2014 um 14:05

    Dann sage das mal dem Herrn Jorge Bergoglio. Wahrscheinlich springt der dir dann mit dem nackten Hintern ins Gesicht. Viel Vergnügen dabei :-)

  5. Argutus sagt:

    Die reine Lehre des Christentums findet man allenfalls noch bei einigen besonders radikalen Fundamentalisten. Die katholische Kirche hat sich davon längst verabschiedet. Die ist nur noch ein Verein zur Bewahrung historischer Privilegen, wobei allerdings kein völliger Konsens darüber besteht, auf welche Weise die am nachhaltigsten geschützt werden.

  6. pinetop sagt:

    Immer wieder werden bei Religionen, insbesondere beim Islam, nur zwei Varianten entgegengestellt. Die Falschversteher und die Richtigversteher, die Guten und die Bösen. Dieses Denken scheint mir die Realität nur unzureichend zu beschreiben. Ich gehe eher von einer Skala aus. Das kann bei der Religion wie beim Nationalismus von einem schwachen Gefühl oder einer Erinnerung bis zum brutalsten Fanatismus reichen, mit fließenden Übergängen ohne klare Grenzen.

  7. Argutus sagt:

    Selbstverständlich ist das ein Kontinuum und keine Dichotomie. Im Falle des Islam etwa gibt es die hundertprozentig Rechtgläubigen, die auch in der Praxis keine Kompromisse mit irgendwelchen außer-islamischen Werten eingehen (etwa die Taliban oder die IS-Leute) am einen und die atheistischen Kultur-Moslems am anderen Ende der Skala – und alle nicht Extremen befinden sich auf der Skala irgendwo dazwischen.

  8. Ich weiss gar nicht was ihr habt!

    Unsere monotheistischen Religionen sind doch nun einmal hochgradig rational – seit die zwei Nudisten dem Diätplan der sprechenden Schlange folgten.

  9. kantomas sagt:

    Ein sehr guter Beitrag!

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