® Westliche Werte auf dem Prüfstand

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santa-160903_640Was in der Diskussion um die antagonistischen Systeme "des Westens" und des Islamismus' oft untergeht, ist die Tatsache, dass auch das westliche Kulturmodell mit schweren Problemen befrachtet ist.

Die Kritik an mittelalterlichen Kulturen wird schon zu Genüge durchdekliniert, aber wie steht es mit der grundsätzlichen Kritik am westlichen Modell? (Bild OpenClips, pixabay)

Unser System hält die Werte von Säkularität und Humanismus, von Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie hoch, gewiss. Zugleich wird es aber schwerstens missbraucht und deformiert. Im einschlägigen wissenbloggt-Artikel (wb-Link Scharia) fällt der Systemvergleich entartete Demokratie vs. Scharia gar nicht so überzeugend aus. Wir erleben eine umfassende Machtverschiebung von demokratischen Institutionen hin zu nichtdemokratischen, gefolgt von umfassenden Kapitalverschiebungen hin zur Finanzwirtschaft und zum unverdienten Reichtum.

Durch das neue Jahrhundertproblem Immigration ist dies Thema medial in den Hintergrund getreten Erst jetzt bekommt es – hoffentlich – durch die neue #aufstehen-Sammelbewegung neue Publizität (wb-Link #aufstehen). Die Stichworte zur westlichen Systemkritik: 

  • Kannibalismus – Der technische Fortschritt ver­nichtet langfristig unsere Arbeitsplätze, so dass unsere Arbeit uns letztlich die eigene Existenzgrundlage raubt. Weil wir brav daran arbeiten, uns langfristig selber überflüssig zu machen, werden wir mittelfristig mit Arbeitsplätzen belohnt. Wenn wir uns weigern, bei dieser Abart von Kannibalismus mitzutun, verkrümeln sich die Arbeitsplätze kurzfristig nach sonstwohin (Auszug aus wb-Link Globalisierter Vertrauensbruch).
  • Billigmacherei – Für viele Menschen gibt es keine auskömmliche Lebensperspektive mehr, mit Familie und Hausbau. Besonders viele junge Manschen sind arbeitslos, werden in Billigjobs und prekäre Arbeitsverhältnisse gedrängt (siehe auch wb-Link Jugend perspektivlos). Dazu die Beschreibung, wie die Deregulierung unsere Welt seit 1970 verändert hat (wb-Link Reload 1970).
  • Filzokratie – Zwischen Politik und Lobbys entspinnt sich ein unseliger Filz, wo halb-, ganz- oder illegale Korruption herrscht (siehe wb-Link Transparenz). Zwischen Amt und Wirtschaftsjob gibt es eine "Drehtür", siehe wb-Link Drehtür).
  • Plutokratie – Aus dem wb-Link Chancengleichheit: In den USA vererbt sich der Bildungszugang, die "Klassenzugehörigkeit" genauso wie in Deutschland, und die Schere öffnet sich immer weiter. Der Aufstieg aus eigener Kraft funktioniert nicht mehr, wer arm geboren wird, bleibt arm. Was sich als Plutokratie herausbildet, ist eine schlechte Elite, weil keine Leistungselite.
  • Ungerechtigkeit – Dazu unser wb-Link zum unverdienten Reichtum: Der Mythos besagt, die Reichen sind reich, weil sie die richtigen Karriereentscheidungen trafen. Sie verschafften sich eine gute Bildung in einer guten Universität, sie heirateten und blieben verheiratet usw., kurz: der Reichtum ist der Lohn für den anständigen  Lebenswandel. Aber die Story stimmt nicht. Die Chancen sind ungleich verteilt, so dass die Armen gar nicht erst in die teuren Eliteuniversitäten reinkommen, in denen der Reichenklüngel ausgebrütet wird. Ganz zu schweigen vom Absaugen der Wohlstandsgewinne, die zu 100% beim oberen 1% landen, während die Allgemeinheit seit 40 Jahren keinen Anteil mehr daran hat – im Gegenteil, sie bekommt immer mehr Schulden aufgepackt, siehe wb-Link Pleitepolitik und wb-Link Arbeitsprofite.
  • Zukunftsangst – im wb-Link Maloche sind einige Aspekte davon beschrieben:  Aber die Computer müssen nicht lernen, sondern sie kriegen die Software draufgespielt. So fangen sie gleich richtig an, und jede Generation ist besser als die vorige. Diesen Wettlauf kann der Mensch nicht gewinnen. Im wb-Link Ethosdefizit werden die Schicksalsfragen genannt, u.a. müssen die Roboter nicht für die Allgemeinheit arbeiten, statt nur für die Besitzenden?
  • Verlogenheit – von allen Seiten wird manipuliert und gefaked. Gar manches Gedächtnis ist notorisch schlecht (2.). Bundesagenturen wie das Arbeitsamt und das Migrationsamt sind Zahlenlieferandos, die mit Tricks und Kniffen die politisch gewünschten Zahlen vorlegen (wb-Link Verlogenheitsbewältigung und die letzten 3 wb-Links).

Wo ist die Schuld zu suchen? Beim Geld- und Geltungsbedürfnis der raffgierigen Eliten? Bei der Manipulationsbereitschaft von Politik und Medien? Nein, nicht nur, denn jetzt kommt der religiöse Aspekt ins Spiel, der auch bei der modernen westlichen Kultur hineinregiert. Aus dem wb-Link Emanzipation: Natürlich hat die Wissenschaft das Ansehen der Religion beschädigt, aber die Religion hat es auch fertiggebracht, das Ansehen der Wissenschaft zu beschädigen. Deshalb hat sich kein wissenschaftskonformes Ethos durchgesetzt, das uns sagt, wie wir mit der modernen Technik umgehen müssen (die all die beschriebenen Probleme möglich macht). Dazu der folgende fiktive Dialog:

"Unsere Kultur ist Halleluja-Bim-Bam."

Die Welt bedankt sich und sagt, "wir haben schon Hamdulillah-Ying-Yang."

Mit welchem Recht sollen wir das verurteilen? Wir haben hier Wissenschaft und Technik gegen die Religion erkämpft, und dann den Gebrauch der Technik mit Menschenrechten sozialverträglich gemacht. Aber wir exportieren Technik und  Wissenschaft ohne den intellektuellen Überbau, ohne Menschenrechte, ohne Aufklärung, ohne Emanzipation, ohne Humanismus – und das rächt sich.

Die Fundamentalisten leugnen die Wissenschaft, wollen aber an deren Errungenschaften teilhaben. Das ist unredlich. Konsequenterweise sollten sie auf die moderne Technik verzichten und sich auf das beschränken, was ihr eigenes Weltverständnis hervorbringt. Standesgemäß sollten sie also nicht autofahren, sondern auf dem Esel reiten, und sie sollten ihre Finger von Handy und TV lassen und dafür Rauchzeichen und Trommelsignale senden. Das gilt für die fundamentalistischen Christen und Kreationisten ebenso wie für die fundamentalistischen Muslime, also für die gesamte Esel-Fraktion.

Die heimische Religion hat uns diese restriktive Haltung vermasselt. Konsequenz ist nicht nur, dass die Islamisten-Regime mit modernen Waffen ausgerüstet sind, sondern auch dass Menschen am Ethosdefizit verzweifeln und sich abartigen Ideologien zuwenden. Es gilt nicht nur, die moderne ethische Debatte zu führen (wie im wb-Link Rational vs. radikal verlangt). Die unsägliche "Gottesherrschaft" – oder in der muslimischen Version die Scharia – sollte auch als das entlarvt werden, was sie ist: die Herrschaft selbstermächtigter Prediger.

Diese Spinner (wenn sie selber dran glauben) bzw. Betrüger (wenn nicht) instrumentalisieren den Götterglauben, um den Weg ins Mittelalter freizumachen, um religiöse Willkürherrschaft zu schaffen und sich überkommene Privilegen anzueignen. Das ist die Botschaft, die gebraucht wird, um die "östlichen" Werte zu sanieren (Nahost, Arabien, Afrika).

Ebenso sollte der "westliche" Filz zwischen Politik und Religion aufgedeckt werden – wie die religiösen Vorbeter hintenrum die Belange der privilegierten Abzocker fördern, indem sie den verstandesfreien Raum zu einem ethosfreien Raum ausdehnen. Wobei die Religion graduell durch die Werbung ersetzt wird – beide streiten mit der Politik um das Verdummungsmonopol. Das ist die Botschaft, die gebraucht wird, um die "westlichen" Werte zu sanieren.

 

(Dieser Artikel erschien zuerst am 30.8.14 und wurde am 14.8.18 überarbeitet und ergänzt.)

Nebenbei ein Buch-Link mit ähnlichem Thema und ein Verlogenheits-Beispiel:

  1. Terry Eagleton – Westliche Kultur auf dem Prüfstand (Wiener Zeitung 5.2.16): Der westliche Kapitalismus hat sicher mit dem Siegeszug des Atheismus dem religiösen Fundamentalismus den Weg bereitet, so Eagletons Grundthese.
  2. Merkel: Klare Worte aus Spanien! (atheisten-info.at 15.8.): Vom deutschen Bundesamt für Flüchtlinge und Migration (BAMF) wurde im August 2015 folgende Aussendung getätigt: "Dublin-Verfahren syrischer Staatsangehöriger werden zum gegenwärtigen Zeitpunkt von uns weitestgehend faktisch nicht weiter verfolgt". … Und im August 2018 weiß sie (Merkel) nichts mehr davon und auch die Medien wissen es offenbar nimmer …

Angesprochene Links von wissenbloggt:

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3 Antworten auf ® Westliche Werte auf dem Prüfstand

  1. Argutus sagt:

    Ich sehe hier eine Liste von Mißständen, die einer Korrektur bedürfen. Aber "westliche Werte" sind keine darunter.

  2. Wilfried Müller sagt:

    Wenn diese Mißstände abgeschafft werden, kommen unsere westlichen Werte erst richtig zum Tragen. Vor allem fallen dann die rationalen Gründe weg, die der Akzeptanz der westlichen Kultur entgegenstehen.

  3. Wolfgang Goethe sagt:

    Hallo Wilfried, ich bin kein Prophet, aber ich sehe das genauso, wie du es dargestellt hast.

    Aus meiner Sicht als Ottonormalverbraucher sehe ich das so: Humanität und Solidarität sind nur Worte die man für die Gesellschaft erfunden hat. Für die Politik und der Wirtschaft gelten diese Worte nicht.

    Wer arm ist wird auch in Zukunft arm bleiben – das ist so gewollt von der Politik. Wenn man sich Jahrzehnte im Lohnsektor hochgearbeitet hat, kommt irgendeine Währungsreform, die die Löhne wieder auf ein geringeres Nivau bringt – dies gilt natürlich nicht für Unternehmer, Wirtschaft und Politik. Was die Arbeit betrifft – man sollte erstmal gut bezahlte Arbeitsplätze schaffen wovon die Menschen leben können und nicht immer nur Dummquatschen und die freien Arbeitsstellen an Ausländern vergeben, weil die billiger sind.

    Was den Glauben betrifft: Ich glaube nur an das was ich sehe. Der Glaube, egal welcher Religion, dient nur dazu, Geld zu erwirtschaften. Gott, und wie sie alle heißen, hat noch kein Mensch gesehen, aber sie glauben daran: Dann sollte man bitteschön auch an den Weihnachtsmann, Nikolaus, Osterhasen und an "Rotkäppchen und der Wolf" glauben. Ich hoffe, dem Papst geht es richtig gut in seinen goldenen Tempel. Er sollte mal wieder Rauchzeichen geben, damit man sieht, ob er noch da ist.

    Gruß Johann Wolfgang Goethe    

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