Xenophobie rational betrachtet

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Eine Meinungsäußerung von Leo Brux.

Betrachtet man mit ethnologischem Blick die kleinen Gesellschaften, die kleinen Gemeinschaften, die Dörfer, die kleinen Städte in der Antike, im Mittelalter, in der früheren Neuzeit, begegnet man in aller Regel einer vehementen Xenophobie. Und nicht nur bei einer Minderheit. Xenophobie war der Normalfall.

Ich habe schon öfters deutlich gemacht, dass ich Xenophobie für etwas ganz natürlich Menschliches erachte, für etwas, das sich durch die gesamte Geschichte der Menschheit zieht und dabei meistens mehrheitlich auftritt; für etwas, das man auch ganz leicht verstehen kann, weil es in jedem von uns als Möglichkeit recht nahe liegt.

Darum nehme ich Xenophobie auf eine respektvolle Weise ernst – und ich argumentiere dagegen an im Bewusstsein, dass Xenophobie eine natürliche menschliche Reaktion bei der Begegnung mit Fremdem ist, wenn dieses Fremde “undurchsichtig” und “gefährlich” zu sein und in unsere Gemeinschaft “einzudringen” scheint.

Gemeinschaften wollen nicht “überfremdet” werden.

Wie ist das aber, wenn eine Gesellschaft pluralistisch und multikulturell gemustert ist, also ohnehin bereits aus lauter “Fremden” besteht?

Kann eine pluralistische, vielfältig gemischte Gesellschaft sich noch als homogen betrachten und vom Reinheitsstandpunkt aus “Fremdes” zurückweisen bzw. ausstoßen? Müsste dann nicht jede Teilgruppe die anderen oder einige der anderen Teilgruppen attackieren und vor die Wahl stellen, sich den Standards und Erwartungen bestimmter Teilgruppen zu unterwerfen?

Dass Xenophobie etwas Menschliches ist, widerspricht nicht dem parallelen Standpunkt, dass sie auch etwas Menschenfeindliches ist.

Denn die Fremden, alle Fremden, sind nun mal auch Menschen wie du und ich, wir alle sind Teil der Menschheit – also könnten wir lernen, mit dem Fremden nicht-xenophob umzugehen. Zumal in den Zeiten der Globalisierung.

Begegne ich Fremden, bin ich mir spontan klar darüber, dass ich selber ein Fremder bin. Ich nehme an, lieber Xenophobe, dass Ihnen dieses Gefühl “fremd” ist. Ergo sind wir beide also fundamental Fremde füreinander, oder? Soll ICH jetzt SIE oder wollen SIE MICH ausstoßen?

Andererseits sehe ich, dass man auf der Grundlage von Xenophobie auch rational argumentieren kann. Auch wenn es nur selten geschieht. Das Xenophobe gehört zu uns, wir können es alle in uns beobachten (wenn wir gegenüber uns selber ehrlich sind.)

Xenophobe bemühen sich selten darum, ihr spontanes Angst- und Abwehrgefühl rational zu fassen, auch wenn sie natürlich jedes Negativbeispiel, das sich anbietet, zum Beweis für die Richtigkeit ihrer Sichtweise aufgreifen. (Argumentation funktioniert anders. Argumentation geht auf die Sichtweise des Gegners ein. Dazu sind Xenophobe meistens unfähig. Ihr Ressentiment macht sie blind. Es ginge aber durchaus auch rational.

Die vielen Gemeinschaften hier in Deutschland müssen – um unseres Überlebens und guten Lebens willen – anständig miteinander auskommen. Sie müssen also füreinander offen sein, sich zueinander kooperativ verhalten. Dazu braucht es eine inklusive Haltung. Das gilt für Europa und weltweit.

Gemeinschaften entstehen und bestehen aber auch dadurch, dass sie sich abgrenzen. Nicht jeder und alles wird zugelassen. Sonst ist es keine Gemeinschaft mehr.

Wie lässt sich das Gleichgewicht zwischen der zwingend notwendigen Offenheit und der konstitutiven Abgrenzung bestimmen? Und praktisch entwickeln?

Original: http://blog.initiativgruppe.de/2014/09/02/integrationsgedanken-26-xenophobie-rational/

 

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20 Antworten auf Xenophobie rational betrachtet

  1. pinetop sagt:

    In einem Land fast ohne Fremde werden Fremde sehr freundlich, sehr gastfreundlich und mit viel Neugier aufgenommen. Werden es mehr, verschwindet in einem gleichen Maß diese Freundlichkeit, die sich zu einer Gleichgültigkeit entwickelt. Übersteigt die Zahl der Fremden ein bestimmtes Maß wird irgendwann die Gleichgültigkeit in Ablehnung umschlagen. Diese Entwicklung dürfte in der Grundstruktur überall mehr oder weniger gleich sein.

    Unterschiede ergeben sich ob Nationen an den Zuzug von Fremden gewöhnt sind, bleibt aber im Grundsatz bestehen. Finnen oder Isländer, die keine Einwanderer in ihrem Land kennen, reagieren in der Regel sensibler oder ängstlicher als Amerikaner, obwohl die USA ganz überwiegend aus Einwanderern hervorgegangen sind. Amerikaner sind im allgemeinen fremdenfreundlich und sind sehr erfreut, wenn die Neuzuzügler ihr Land loben. Wenn sich innerhalb einer halben Generation die Bevölkerung eines Stadtteils oder einer county gravierend verändert, reagiert sogar der Amerikaner gereizt oder verängstigt.

    Unterschiede ergeben sich auch durch den Bildungsgrad. Angehörige einer Bildungsschicht reagieren in der Regel fremdenfreundlicher als Bildungsferne. Auch das kann sich ändern, wenn die Bildungsschichtler erkennen, dass die Neubürger keineswegs die erhofften Bildungsbotschafter ihrer alten Kultur sind. Andererseits wollen sich nur wenige Menschen von ihrer Illusion trennen, deshalb werden einige Bildungsbürger entgegen aller Realität die Neubürger trotzdem als hervorragende Kulturbotschafter feiern.

    Bei Einheimischen und Fremden ist zu fragen, nach welchen Kriterien die Abgrenzung erfolgt. Meistens wird es sich um Angehörige verschiedener Nationen handeln. Dies ist aber keineswegs zwingend. Es kann sich durchaus um Bewohner der Nachbarstadt handeln. Meine Mutter ist in einer hessischen Kleinstadt geboren, welche von einigen Dörfern umgeben ist. Speziell junge Männer aus zwei Dörfern waren nicht wohl gelitten, da sie als Raufbolde galten. Sie hatten deshalb mit einer gewissen xenophoben Ablehnung zu rechnen.

    Es kann sich auch um verschiedene Landsmannschaften handeln. Speziell in Bayern dürften früher (ich hoffe, dass dies der Vergangenheit angehört) Ostpreußen, Westfalen oder Hessen Opfer einer fremdenfeindlichen Diskriminierung geworden sein. Wahrscheinlich dürfte sich auch ein Handlungsreisender aus Yokohama als japanischer Saupreiß verunglimpft gesehen haben. 

    Auch die Religion kann ein Abgrenzungsmerkmal sein. Und jetzt muss ich wieder ein Beispiel aus Bayern nennen. Der legendäre Wiggerl Volkholz, seinerzeit Vorsitzender der Bayernpartei, hatte glasklare Integrationsvorstellungen. So glaubte er katholische Portugiesen besser in Bayern integrieren zu können und ihnen auch die bayerische Staatsbürgerschaft geben zu können als protestantischen Niedersachsen.

    Insbesondere die Religion und weniger die Nationalität dürfte heute in Deutschland über Ablehnung oder Zuneigung entscheiden. Und da hat nun mal der Islam schlechte Karten, da er nach dem Empfinden des überwiegenden Teils der Bevölkerung eben keine Religion des Friedens ist. Und dies hat sogar die politische Klasse erkannt und flugs die Islamkonferenz erfunden. 

    Bleibt für mich nur noch Folgendes kundzutun:

    Xenophobie ist im Grundsatz zu verabscheuen. Xenophilie in einem Land mit wenig Fremden ist naheliegend und erfreulich. Der größte Lacher ist Xenophilie in einem Land mit vielen Fremden.   

     

     

  2. Leo Brux sagt:

    Wie ist das aber, wenn eine Gesellschaft pluralistisch und multikulturell gemustert ist, also ohnehin bereits aus lauter “Fremden” besteht?

    Kann eine pluralistische, vielfältig gemischte Gesellschaft sich noch als homogen betrachten und vom Reinheitsstandpunkt aus “Fremdes” zurückweisen bzw. ausstoßen?

    pinetop,

    wie stehen Sie dazu?

    Muss man in einer multikulturellen Gesellschaft nicht xenophil sein, um integriert zu sein? Xenophilie ist in einem Land mit vielen Fremden offensichtlich eine konstruktive Haltung; ohne sie wäre diese Gesellschaft nicht überlebensfähig,

    München hat ca. 1,4 Millionen Einwohner. Die meisten davon sind mir fremd. Was mich überhaupt nicht stört – im Gegenteil. Ich genieße die Vielfalt und sehe die Vorteile. Ich bin von meiner sozialen Natur her xenophil, und der Erfolg der Multikulturalität in München bestätigt mich darin.

    Xenophilie entsteht gerade in einer Gesellschaft, in der es viele "Fremde" gibt – weil man dann merkt, dass man ja auch selber ein Fremder ist, und weil man merkt, dass es eher ein Vor- als ein Nachteil ist, wenn man in einer aus vielen einander etwas fremden Gruppen und Individuen lebt.

    Kann es sein, pine top, dass Sie völkisch denken? Sich also einen homogenen Volkskörper vorstellen, der Fremdes nur in homöopathischen Dosen verträgt?

  3. pinetop sagt:

    Ich habe schwach einen amerikanischen Roman in Erinnerung, möglicherweise von Faulkner oder Steinbeck. Am Anfang gab es ein Gespräch. "Mögen Sie die Engländer?"; "Nein"; "Mögen Sie die Russen?"; "Nein"; Mögen Sie die Spanier?"; "Nein";…….Ja, wen können Sie denn überhaupt ausstehen?; "Meine Freunde"

    Leo Brux, Xenophilie entsteht eben nicht in einer Gesellschaft mit vielen Fremden. Da sind die Fremden Alltag und nur merkwürdige Außenseiter kommen auf die Idee um das Fremde einen Kult zu betreiben. In einer multikulturellen Stadt wie Toronto oder New York hat das Fremde an sich überhaupt keine Bedeutung, weder im Guten noch im Schlechten.

    Nein, ich persönlich empfinde nicht völkisch. Z. B. verband mich eine Freundschaft mit einem Eritreer. Und ich kann mir sehr gut vorstellen mit einem atheistischen Israeli befreundet zu sein, aber wohl kaum mit einem christlichen Deutschen. 

    Man wäre aber mit Blindheit oder ideologischer Befangenheit geschlagen, wenn man ignorieren würde, das die Mehrheit in fast allen Völkern – die Bildungsfernen stärker als die Gebildeten – eben völkisch empfindet. Das kann man natürlich als schlecht oder verachtenswert bezeichnen.

    Ich befürchte, dass wohlgemeinte Volkspädagogik nicht zum Abbau der Xenophobie beitragen wird, ich halte das Gegenteil für wahrscheinlicher.

  4. pinetop sagt:

    In meinem Beitrag weiter oben erwähnte ich Wiggerl Volkholz, der nur Andersgläubige als Fremde empfand. Das hat also nicht das Geringste mit völkischen Motiven zu tun. In Deutschland und auch in Europa entwickelt sich eine zunehmende Abwehrhaltung gegenüber dem Islam. Es würde in die Irre führen, die Ablehnung einer Religion mit Nationalismus oder Rassismus in Verbindung zu bringen. 

    Ich habe den Koran gelesen und dieses Buch ist für mich Menschenrechte verachtender Dreck. Ich möchte nicht mit Menschen zusammenleben, die dieses von Menschen gemachte Schandwerk als heilig erachten. Mit Kulturmoslems wäre es möglich. Ich hätte aber immer das mulmige Gefühl, dass sie auf Grund schwieriger Lebensumstände plötzlich fromm werden und mich als Atheisten nur noch als unwerten Untermenschen sehen können.

    Und damit stehe ich mit Sicherheit nicht allein da. Wer hätte es denn vor einem halben Jahr für möglich gehalten, dass sich der Islam im Irak in seiner reinsten, ursprünglichen und frömmsten Form präsentiert? Wer will uns denn garantieren, dass nicht eines Tages Atheisten in Deutschland von der Scharia-Polizei zurechtgewiesen werden? Ist etwa der Gedanke absurd, dass vielleicht schon heute Listen bestehen mit Islamkritikern, die zur Schächtung vorgesehen sind?

    Leo Brux, wenn Ihnen an Integration gelegen ist, sollten Sie sich darum kümmern, dass sich dieses Schreckensszenario nicht Wirklichkeit werden kann.

    Ich halte eine kulturell vielfältige Gesellschaft für möglich. Aber nicht mit dem Islam. Islam ist die Herrscherreligion, die Anders- und Ungläubige nicht als gleichwertige Mitmenschen akzeptieren kann.    

  5. Wilfried Müller sagt:

    Diese letzte Pauschalisierung widerspricht den Maßstäben von wissenbloggt. Die Bibel verachtet die Menschenrechte doch genauso. Das ist schließlich der Kern des Gotteswesens: das "Göttliche" wird übers Menschliche gestellt, die Phantasie übers Humane, es ist also qua Definition menschenverachtend. Ich wehre mich dagegen, den Muslimen diese Tatsache anzukreiden, den Christen aber nicht. Das Christentum fing als Unterdrücktenreligion an und war danach eine Herscherreligion. Solange man es ließ, hat es Ungläubige nicht als gleichwertige Mitmenschen akzeptiert, ist jetzt aber einigermaßen integriert. Letzteres funktioniert beim Islam auch. Die meisten Muslime nehmen den Koran nicht ernster als die Mehrheit der Christen sagen wir in den 1950er Jahren. Es ist doch Unfug, ihnen die Gesellschaftstauglichkeit abzusprechen. Nein, Klarsicht, dem muss man widersprechen.

  6. Klarsicht sagt:

    Zitat von „Wilfried Müller“: „Nein, Klarsicht, dem muss man widersprechen.“

    Wo muss mir widersprochen werden ? :contra:

  7. Klarsicht sagt: 7. September 2014 um 11:06

    Das bezog sich offensichtlich auf den Kommentar von Pinetop :-)

  8. Wilfried Müller sagt:

    Tut mir sorrymäßig leid, natürlich meinte ich nicht Klarsicht, sondern pinetop.

    Von Klarsicht erreicht mich ein Kommentar, der aus technischen Gründen unter meinem Namen gepostet werden muss:

    Muss ein unbewaffnetes Mitglied unserer Gesellschaft, wenn ihm ein gläubiger Muslim mit einem Koran oder ein gläubiger Christ mit der Bibel in der Hand  real oder auch nur fiktiv gegenüber steht, jeweils blind und kritiklos darauf vertrauen, dass er nichts von ihnen zu befürchten hat, auch wenn er für sich den Inhalt dieser Bücher als gefährlich und wahnhaft identifiziert hat und sich deswegen vor dieser Art „Bewaffnung“ ähnlich verängstigt oder  verunsichert fühlt, wie vor der Bewaffnung mit einem Messer ? Doch wohl nicht !

    Es ist doch wohl regelmäßig so, dass nicht der Mensch in seiner allein nackten Existenz die Ursache dafür ist, dass er bei seinen Mitmenschen auf Ablehnung, Verunsicherung und/oder Angst stoßen kann. Die Ursache scheint überwiegend die Tatsache zu sein, dass eine technische oder gefährlich ideologisch-geistige Art und Weise der Bewaffnung vorliegt.  

    Es grüßt
    Klarsicht

     

     

  9. pinetop sagt:

    Lieber Wilfried Müller, ich denke, dass ich etwas klarstellen muss. Es ist der Islam als System, welchem ich die Integrationsfähigkeit abspreche und keineswegs Menschen, die sich mehr oder weniger dieser Religion verpflichtet fühlen.

    Die Kritik am Christentum teile ich voll und ganz.

  10. pinetop sagt:

    Ich habe noch eine grausame Alternative für Leo Brux. Würden die Grenzen in jenem Ausmaß geöffnet, die er ersehnt, würde dies zwingend zum Ende des Sozialstaats führen. Darauf kann jeder logisch denkende Mensch kommen und einige wenige wagen dies auch auszusprechen. Als Beispiel möchte ich nur auf den Vorsitzenden der grünen Heinrich-Böll-Stiftung Ralf Fücks hinweisen, der dies glasklar im Gespräch mit Frank A. Meyer genau so formulierte.

  11. pinetop sagt:

    Ist es Xenophobie wenn ich die religiösen Bedindlichkeiten der Fremden ignoriere? Ich denke nein. In deutschen Unternehmen wird bereits gefordert auf die Fastenden im Ramadan Rücksicht zu nehmen und nicht in ihrer Gegenwart zu essen. Ich denke nicht daran im Beisein eines Rechtgläubigen auf den herzhaften Biß in ein Leberwurstbrot zu verzichten. Genau so wenig, wie ich mir von Christen vorschreiben lasse am Karfreitag traurig zu sein.

  12. Wilfried Müller sagt:

    Diesen Anssprüchen an Religionsfreiheit wird wohl jeder Humanist zustimmen. Dazu gehört aber auch Gleichbehandlung bei Systemfragen: Islam als System heißt Scharia, und die wird gewiss auch jeder Humanist ablehnen. Aber dann muss bei der Ablehnung auch "Scharia" stehen und nicht bloß "Islam".

  13. Karma sagt:

    Herr Müller, nachfolgend ein kleiner Exkurs zu Ihrem Satz: „Aber dann muss bei der Ablehnung auch "Scharia" stehen und nicht bloß "Islam".“ Münsteraner Islamwissenschaftler lehnt die „Scharia“ als Gesetzesbuch ab Mouhanad Khorchide ist Islamwissenschaftler an der Uni Münster und setzt sich für einen zeitgemäßen Islam ein. Er lehnt die „Scharia“ als islamisches Gesetz ab. Denn die sei nicht systematisch zusammengefasst und sei von Land zu Land verschieden ausgelegt. Deutsch Türkische Nachrichten http://www.deutsch-tuerkische-nachrichten.de/2013/05/474828/internationale-studie-die-meisten-muslime-wollen-die-scharia/ AUSZUG AUS DEM GUTACHTEN DES KOORDINATIONSTRATES DER MUSLIME (KRM)  ZU THEOLOGISCHEN THESEN VON MOUHANAD KHORCHIDE  IN SEINEM BUCH „ISLAM IST BARMHERZIGKEIT“ Bei der Definition des Begriffs Scharia kann es nicht entscheidend sein, wie ihn der eine oder der andere oder gar der majoritär nichtmuslimische Bürger in Deutschland versteht, sondern welche Definition bzw. Definitionen des Begriffs Scharia islamtheologisch zugrunde liegen. Nicht nur „einige“, wie von Khorchide wahrgenommen, sondern die Mehrheit der „Muslime verwenden den Begriff Scharia und meinen damit alle islamischen Lehren, vom Monotheismus über die Glaubensgrundsätze bis zu den religiösen Ritualen und den gesellschaftlichen und juristischen Vorstellungen.“ (S.144) Unter Scharia werden der göttliche Weg, den Er Seinen Gesandten befohlen hat, aber auch die Rechtleitung schlechthin, Erbrecht, Gebote und Verbote Gottes, fiqh und ʿaqāid, ibadāt, muʿāmalāt, ʿuqūbat, zusammenfassend gesagt, die Religion selbst verstanden. Bei der Unterteilung der Wissenschaften erwähnt Tašköprīzāde auch die religiösen Wissenschaften, die er ʿulūm aš-šarʿiyya86 bezeichnet. Er unterteilt diese Scharia-Wissenschaften in unterschiedliche Kategorien wie qirā‘a87, tafsīr88, ḥadīt89, uṣūl ad-dīn90, uṣūl al-fiqh91 und fiqh 92. Daher kann Scharia ebenso wenig auf ein juristisches System reduziert werden, wie der juristische Inhalt der Scharia von der Hand gewiesen werden. Dieses umfassende Verständnis der Scharia als „Religion“ und damit seine Gleichsetzung mit Islam hält Khorchide für legitim. Anstatt des Begriffs Scharia schlägt er in diesem Fall jedoch vor, direkt den Begriff Islam zu verwenden. (S.144) Diese Ansicht begründet er jedoch nicht. Möglicherweise ist ihm aufgefallen, dass der Begriff Scharia in der deutschen Öffentlichkeit oft missverstanden wird. Der Auftrag seines Lehrstuhls für Islamische Theologie liegt jedoch gerade darin, der Öffentlichkeit ein differenziertes und korrektes Verständnis der Scharia aufzuzeigen. Quelle:http://koordinationsrat.de/media/File/gutachten_krm_17122013.pdf Seite 33 Der Vorwurf gegenüber Mouhanad Khorchide lautet "Abfall vom Islam" Abfall vom Islam – genau dieser Vorwurf brachte auch Khorchides Vorgänger in Münster zu Fall. Sven Kalisch musste 2010 nicht zuletzt auf Druck islamischer Verbände seinen Platz räumen. Er hatte die Existenz des Propheten Muhammad bezweifelt. Die vier großen Islamverbände arbeiten jetzt an einem Gutachten über Khorchides Theologie. Anfang Dezember soll es vorliegen und mit Fachleuten diskutiert werden – auch Khorchide selbst soll dazu eingeladen werden. Internationale Studie: Die meisten Muslime wollen die Scharia Eine große Mehrheit in der muslimischen Welt wünscht sich offenbar die Scharia als offiziell geltendes Recht in ihrem jeweiligen Land. Uneins sind sich die Menschen allerdings darin, wie das Gesetz angewendet werden soll. Das ergab eine aktuelle Untersuchung des Pew Research Centers. Deutsch Türkische Nachrichten http://www.deutsch-tuerkische-nachrichten.de/2013/05/474828/internationale-studie-die-meisten-muslime-wollen-die-scharia/  

  14. Wilfried Müller sagt:

    (hab ich wie gewünscht korrigiert). Aus dem obigen Link entnehme ich diese Zahlen: Tunesien 56% pro Scharia, Nigeria 71%, Indonesien 72%, Ägypten 74%, Afghanistan.99%, Türkei 12%, Tadschikistan 27%, Aserbaidschan 8%. So schlimm die Zahlen für Afrika, Asien und den Nahen Osten sind, so sieht es doch nicht überall so finster aus. Mir kommen auch Zweifel, ob die Leute so gut unterscheiden können, was uns Karma oben auseinandersetzt. Ich stell mir vor, da ziehen die Befrager rum und sagen, willst Du es nach islamischen Regeln oder westlichen? Und so kriegen sie diese % zusammen. Den Kampf um die Deutungshoheit des Islam überlasse ich gern Khorchide & Co., mir geht es mehr darum, die Religionen generell als den Müll zu entlarven, der sie sind.

  15. Leo Brux sagt:

    pinetop meint:

    Wer hätte es denn vor einem halben Jahr für möglich gehalten, dass sich der Islam im Irak in seiner reinsten, ursprünglichen und frömmsten Form präsentiert?

    Wer will uns denn garantieren, dass nicht eines Tages Atheisten in Deutschland von der Scharia-Polizei zurechtgewiesen werden?

    Ist etwa der Gedanke absurd, dass vielleicht schon heute Listen bestehen mit Islamkritikern, die zur Schächtung vorgesehen sind?

    Der erste Satz ist ungefähr so zwingend wie folgende Aussagen:

    Im Dritten Reich hat sich Deutschland in seiner reinsten, ursprünglichsten Form präsentiert.

    In Inquisition und Hexenverfolgung hat sich die christliche Religion in ihrer reinsten, ursprünglichsten und frömmsten Form präsentiert.

    In Stalin, Mao und Pol Pot hat sich der Atheismus in seiner reinsten, ursprünglichsten Form präsentiert.

    In Stalin, Mao und Pol Pot hat sich der Sozialismus in seiner reinsten, ursprünglichsten Form präsentiert.

    Der zweite Satz klingt nach Paranoia. Wenn ich mir selber so viel Paranoia erlauben darf, dann würde ich eher fürchten, dass es eine Atheistenpolizei geben könnte, die alles Religiöse verfolgt – weil es giftig und destruktiv sei.

    Zum dritten Satz brauche ich damit nichts mehr zu sagen.

    Was Ihre Koranlektüre angeht: Da machen Sie den selben Fehler, den auch die meisten gläubigen Muslime machen. Sie nehmen an, dass der Text für die Menschen hier und heute und überall gesprochen und aufgeschrieben worden wäre. Er ist aber – wie jeder Text – gesagt und geschrieben für die Zeitgenossen vor Ort. Er ist adressiert an die Araber rund um Mekka und Medina im 7. Jahrhundert. Wer kein Araber aus dieser Gegend und ungefähr der Zeit der Textäußerung ist, wird die Distanz durch besondere Interpretation überbrücken müssen.

    Liest man den Koran mal einfach so als Bürger Deutschlands des 21. Jahrhunderts, dürfte man NULL und NICHTS verstehen, bzw. das meiste missverstehen. Das gilt wohl auch für Muslime hier und heute.

    Der erstaunliche Mangel der Muslime an moderner Hermeneutik – darin besteht hauptsächlich MEINE Islamkritik.

    Ein Theologe wie Khorchide, der diesen Mangel erkennt und angeht, wird von den traditional denkenden Dachverbänden attackiert und ausgegrenzt. DA liegt das Problem.

    Ich nehme an, der Koran ist ein wunderbares Buch, ein Meisterwerk der Sprache und des Verständnisses des Menschen in seiner Gesellschaft. Ich nehme das an – aber ich habe den Koran nicht mit hermeneutischer Kompetenz und Konsequenz studiert. So kann ich es nicht sicher sagen. Ich schließe es indirekt aus seinen Wirkungen im Mittelalter, als die islamische Kultur der unseren haushoch überlegen war.

  16. Leo Brux sagt: 9. September 2014 um 15:35

    Auf den ersten Teil deiner Einlassung werde ich aufgrund der dort aufscheinenden Inkompetenz in der Bewertung nicht näher eingehen. Nur so viel: Pinetop hat mit seinen Einschätzungen völlig recht. Und das ganz ohne Paranoia :-)

    Interessanter ist der Teil zur Koranlektüre:

    Ich habe den Koran zweieinhalb Mal gelesen, einmal in der derzeitigen Surenanordnung auf Französisch, ein halbes Mal auf Arabisch (sehr mühsam!) und ein weiteres Mal auf Deutsch in der historischen Surenabfolge (erschliessbar aus den Ahadith), um dem Abrogations-Spielchen auf die Spur zu kommen.

    Die Übersetzungen geben keinesfalls den sprachlichen Reichtum des Originals wieder. Da hatte sogar meine helfende Ehefrau zum Teil erhebliche Verständnisprobleme.

    Völlig richtig merkst du an, dass die Inhalte sich dem modernen Menschen nicht mehr voll erschliessen. Das ist ähnlich bei amerikanischen fundamentalistischen Evangelikalen (sog. Young Eart Creationists). Nimmt man alles dort Geschriebene wörtlich so entgeht einem die Parabelhaftigkeit vieler Stellen und es kommt zu teilweise grotesken Fehlinterpretationen. Das kann man sehr schön bei Salafisten und Wahhabiten nachvollziehen. Übrigens unterliegt auch ein Stürzenberger diesem Fehler.

    Keinesfalls ist aber daraus der Schluss zulässig, Evangelikale seien keine Christen und Salafisten seien keine Moslems. Sie vertreten eben beide eine nah am  Wort stehende Auslegung ihrer jeweiligen "heiligen" Schriften.

    Darüber ist vor allem die Catholica (teilweise auch die Evangelische Kirche) weit hinausgekommen. An die Stelle des Wortes tritt eine Exegese des Inhalts und als zweites Standbein kommt noch die Tradition hinzu, die manche sogar für wichtiger halten als das Wort.

    Ähnliches gibt es aber auch im Islam. Anders sind ja die verschiedenen "Rechtsschulen" gar nicht zu erklären. In al-Azhar arbeitet man kräftig daran und so kann sich ein Mouhanad Khorchide durchaus auf seine Freunde und Kollegen dort stützen, wenn er eine Interpretation vorschlägt, die den orthodoxen Berufs-Moslems der deutschen Islamverbände eindeutig zu weit geht.

    Mit der "haushohen" Überlegenheit der "islamischen" Kultur im Mittelalter unterliegst du allerdings einem weit verbreiteten Denkfehler. Es war die arabische Kultur, die über Strecken der europäischen überlegen war, weil sie vorurteilsfrei (anders als im "christlichen" Europa), fremdes Gedankengut (zB aus der Antike oder aus Persien) aufgriff und in die damalige Welt übersetzte. In dem Augenblick aber, als der islam wieder Oberwasser bekam war es auch schon wieder vorbei mit der Blüte. Ein Ibn Rushd (Vater der "duplex veritas") wurde nach Marokko verbannt, seine Werke dem Scheiterhaufen übergeben. (Bitte, das ist nur ein kleines Beispiel für den katastrophalen Umschwung, der sich aus dem  Wiedererstarken des Islams ergab.)

    Ähhnliches sehen wir heute vor unseren Augen (jedenfalls diejenigen, die sehen können und wollen): Eine Woge von Fundamentalismus ergiesst sich über die islamische Welt und löscht vieles von den zivilisatorischen Errungenschaften wieder aus. IS ist da nur der extremste Fall, doch kann man diese Tendenzen in abgeschwächter Form auch an Erdogans Islamisierungspolitik in der Türkei nachvollziehen.

    Irgendwann wird wohl in beiden (und anderen) Fällen das Pendel wieder auf die richtige Seite umschlagen. Wer nämlich einmal zu seinem Vorteil an der Moderne geleckt hat, wünscht sich in aller Regel keine mittelalterlichen Zustände zurück, es sei denn er ist komplett fanatisiert.

  17. pinetop sagt:

    Lieber Leo Brux, vielen Dank für Ihre Antwort.

    zum ersten Satz: Bei einem Vergleich mit dem Nationalsozialismus begeben Sie sich auf vermintes Gelände, da möchte ich Ihnen (noch) nicht folgen. Der Hinweis auf die Hexenverbrennung ist durchaus diskussionswürdig. Hätte die Aufklärung den Pfaffen nicht die Reißzähne gezogen, würden noch heute die Scheiterhaufen lodern. Der Vergleich mit Stalin, Mao oder Pol Pot ist mehr als nur hinkend. Atheismus war nicht die treibende Idee dieser drei Verbrecher. Sie ersetzten lediglich eine traditionelle Religion durch eine neue in´s Säkulare gewendete Religion. Was den Sozialismus betrifft kann man nicht von einer reinsten Lehre sprechen. Hier waren eine Vielzahl von Theoretikern am Werk, deren Beginn vielleicht bei den Jakobinern zu finden ist. 

    zum zweiten Satz: Beginnend mit der Fatwa gegen Salman Rushdie Ende der 80er Jahre ist man ja immer auf das Schlimmste gefasst, wenn es um Neuigkeiten aus dem islamischen Milieu geht. Da ist eine gewisse Furcht durchaus begründet. Dies Paranoia zu nennen ist Ihr gutes Recht und stört mich aber eigentlich nicht.

    Nur zu gern würde ich mich der Aufforderung anschließen den Koran einer hermeneutischen Analyse zu unterziehen und in einem historischen Zusammenhang zu interpretieren. Leider musste ich immer und immer wieder erfahren, dass der Koran nicht interpretiert werden darf, da er als göttliche Worte durch einen Erzengel vermittelt wurde. Um einem Mißverständnis Ihrerseits zuvorzukommen, muss ich klarstellen, dass ich weder an den Allah noch den Engel glaube. Ich muss aber in Rechnung stellen, was die Frommen für wahr halten. Natürlich könnten innerhalb enger Grenzen noch Ermessenspielräume über den Sinn der Worte verbleiben. Dies kann ich ausschließen, da die Möglichkeiten der Interpretation bei den Aufforderungen nicht oder nur sehr gering vorhanden sind.  Nun, wenn Khorchide mit seiner Arbeit fertig ist, können Sie mir mitteilen, was der wahre Islam ist. Wenn er frei von Menschenrechtsverletzungen sein wird, kann ich mich jeder politischen Kritik enthalten. Ich werde die reformierten Moslems dann genau so beurteilen wie jene, die an die Heilkraft von Edelsteinen glauben. 

    Übrigens: Aristoteles verfasste die Nikomachische Ethik. Er erklärte, dass dieses Werk seinem Denken entstammte. Wäre er ein Lügenbold wie Mohammed gewesen, hätte er göttlichen Beistand vorgeben und einen Boten des Zeus für die Schrift verantwortlich gemacht. Vielleicht hätte er mehr Erfolg gehabt und wir wären heute alle Zeusgläubige. Und Kinder müssten den altgriechischen Text auswendig lernen ohne irgend etwas zu verstehen. Aber eins dürfte sicher sein. Mit der Nikomachischen Ethik wäre die Menschheitsentwicklung wesentlich weniger grausam verlaufen.  

  18. Wilfried Müller sagt:

    Zum Koran und zur Bibel möchte ich mal Klartext reden: Das sind vielleicht geschichtlich interessante Werke, aber beides ist nur ein Konvolut vorwissenschaftlicher Irrtümer, gemixt mit ein paar Lebensweisheiten und vielen Dummheiten. Dazu dies permanente widerliche Geschleime und Angewanze. Beim Koranlesen bin ich nur einige Seiten weit gekommen, dann ist mir schlecht geworden von den überkommenen rassistischen, menschenfeindlichen und selbsterniedrigenden Sprüchen. Zu diesem Anlass hab ich nochmal drin geblättert, das ist wirklich von Anfang bis Ende so geschrieben als ob es einen Allah gäbe, und der das ganze Leben durchseucht. Im Vorwort hieß es noch, Mohammed war wahrscheinlich ein Epileptiker mit Wahnzuständen und gewiss nicht des Schreibens kundig. Das veranlasst mich auch nicht zu irgendwelcher Hermeneutik über den Koran, ich respektiere aber, wenn's andere tun.

  19. Argutus sagt:

    Jede Interpretation eines von Gott stammenden Textes ist blasphemisch, denn damit unterstellt man dem Allmächtigen, daß er das, was er sagen will, nicht klar und verständlich formulieren kann sondern theologische Sachwalter braucht, die klüger sind als er und das für ihn erledigen.

    Für jede Buchreligion gilt: nur die strengen Fundamentalisten sind die wahren Gläubigen. Wer davon abweicht, ist häretisch und hat den ersten Schritt des Weges, der zum Atheismus führt, schon hinter sich.

  20. pinetop sagt:

    @ Leo Brux,

    Sie unterstellen mir, den selben Fehler zu machen, den auch die meisten gläubigen Muslime machen. Als Atheist ist für mich die richtige Auslegung einer Religion ziemlich bedeutungslos. Als politischer Beobachter muss ich jedoch das Verständnis der Vielen, die eine Religion (angeblich) falsch verstehen, genau kennen.

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