Das Knarrativ des Diplomators


503px-Joachim_Gauck_6Wenn einer nix zu sagen hat und es trotzdem tut, dann ist er womöglich Bundespräsident. Einschlägig auffällig ist unser Präsi Gauck – dazu ein paar Meldungen der Süddeutschen Zeitung von den letzten Tagen (Bild: Sebastian Hillig, Wikimedia Commons):

Rede zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs – Gauck macht Putin schwere Vorwürfe (1.9.): Der Bundespräsident kündigt an, dass Europa die "Verteidigungsbereitschaft den neuen Werten anpassen" werde. Diskussion über Ukraine-Konflikt – Riexinger kritisiert Gauck wegen Russland-Äußerungen (2.9.): Am Jahrestag des Weltkriegsausbruchs Öl ins Feuer eines europäischen Konflikts zu gießen, zeuge von wenig Sensibilität: Gaucks Russland-Schelte – Andere Wortwahl, gleiche Absicht (3.9.): Dann aber betonte die Kanzlerin, "dass es eine militärische Lösung des Konflikts nicht geben wird". Bei Gaucks Rede dagegen blieb bei vielen der Satz hängen: "Wir werden Politik, Wirtschaft und Verteidigungsbereitschaft den neuen Umständen anpassen." Mancher verstand das als Drohgebärde.

Um das in moderne Worte zu fassen, muss man sich an zwei Begriffe halten. Einmal das Symbol für Drohgebärde und (Vorwärts-)Verteidigungsbereitschaft, die Waffe – umgangssprachlich die Knarre. Und Bericht/Agenda/Plan heißt auf neudeutsch Narrativ.

Knarre als Narrativ ergibt Knarrativ.

Wir haben somit einen Knarrativling als Präsidenten. Als Diplomat kann er nicht gelten, denn diplomatisch ist, wenn "man sich dezent und taktvoll verhält, aber für das eigene Ziel arbeitetet". Also kein Diplomat, eher ein Diplomator, wenn man ein zweites Wortspiel im selben Artikel entschuldigt.

Weniger witzig ist die Basis, auf der das abläuft. Der Etat vom Bundespräsidialamt beträgt über 30 Mio. Euro pro Jahr, das 1,5-fache vom Etat des Bundesrats, und dazu kommt noch das Spenden betteln fürs Sommerfest. Ganz zu schweigen von den Wünschen nach "finanzieller Wiedergutmachung", die der Präsident fahrlässig auslöst.  Hinter dem Präsidenten steckt eine 100-Mann-Behörde. Was die wohl alle machen, wenn sowas dabei rauskommt?

Nun haben wir keinen Muselmaniac als Präsidenten wie etwa die Türkei, wenn auch einige Abwege beim Wandel unseres Präsis herauskommen, siehe die wissenbloggt-Artikel

Der letzte Link verweist schon auf die Vorgänger, als da wären seit 2005:

  1. ein beleidigter Banker, der vom Amt des Bundespräsidenten mit der Begründung zurücktrat, dass er die Kritik an seinen Äußerungen in der Debatte zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr für respektlos hielt, wiki "Die Kritik geht aber so weit, mir zu unterstellen, ich befürwortete Einsätze der Bundeswehr, die vom Grundgesetz nicht gedeckt wären. Diese Kritik entbehrt jeder Rechtfertigung."
  2. ein unbedarfter Unglücklicher, der wie ein Hans-guck-in-die-Luft in ein paar Fallen tappte, die das Amt eben bereithält. Laut wiki begründete er seinen Schritt mit geschwundenem Vertrauen, "Einen Tag zuvor hatte die Staatsanwaltschaft Hannover die Aufhebung seiner Immunität wegen Verdachts der Vorteilsannahme beantragt." Ohne stichhaltigen Grund, wie sich am Ende herausstellte.
  3. und nun ein populistischer Pastor, der sich wiederum in Sachen Bundeswehreinsatz verstrickt.

Angesichts der präsidialen Probleme zwischen Knarrativling und Diplomator stellt sich nochmal die bereits aufgeworfene Frage: Wozu überhaupt einen Präsidenten? Der kostet eine Menge Geld, und er ist bloß ein besserer Frühstücksdirektor. Für die Sonntagsreden gibt's genug Leute im Parlament, die das günstiger machen können, und die mindestens so fromm sind wie der aktuelle Präsi (wenn es dadrauf ankommt).

Dass der Präsident die Gesetze unterschreiben muss, ist doch nur Dekorum, denn wenn er's nicht tut, wird er garantiert rausgemobbt. Dass er repräsentativ, sinnstiftend und integrativ wirkt, ist auch nur Wunschdenken. Repräsentanten gibt's eh schon zuviele, wenn man den Föderalismus und die EU einbezieht. Auf die Sinnstiftung à la Gauck verzichten die meisten Leute lieber, schon mal deswegen, weil immer mehr die Religion unsinnig finden. Und integrativ ist das nicht, wenn der Präsi seine politische Meinung genauso breittritt wie seine religiöse.

Und Diplomatie geht besser ohne Scharfmacher, Knarrativlinge und Diplomatoren, egal, wie die Bedrohungslage ist.