ANTIFRAGILITÄT - Kommentar zum Buch von Nassim Nicholas Taleb


antifragilitaetindexUnser Autor Siegfried Vollmann kommentiert das "zentrale Werk" Antifragilität von "einem der prägenden Denker des 21. Jahrhunderts", Nassim Nicholas Taleb. Taleb war Wall-Street-Finanzmathematiker und befasst sich nun als Essayist und Forscher mit den Bereichen Statistik, Zufall und Epistemologie.

Die Süddeutsche Zeitung schreibt am 15.3.13: Buch "Antifragilität" von Nassim Taleb – "Die Finanzwelt hasste mich leidenschaftlich" Auf der site des Verlags findet man nichts von Hass und Leidenschaft, sondern lauter schöne Worte. Demnach hat Taleb nach seinem Weltbestseller "Der Schwarze Schwan" die große, praktisch-philosophische Antwort auf die Herausforderungen unsicherer Zeiten geliefert.

Diese Antwort heißt "Antifragilität" und besagt laut Verlag, man möge nicht Zufälle und Ungewissheit um jeden Preis abwehren, sondern sie in Stärken ummünzen. Bestand habe nur das Antifragile. Alles, was nicht antifragil ist, werde verschwinden.Damit umreiße „Antifragilität“ ein neues Denken für eine Welt, die bei allem Fortschritt niemals berechenbar sein wird. Siegfried Vollmann hat sich mit dem Werk befasst und sich mit dem hehren Anspruch auseinandergesetzt.

 

ANTIFRAGILITÄT

 

Kommentar zum Buch von Nassim Nicholas Taleb

Das Buch ist aufgebaut in einen Prolog von 23 Seiten, einen vorne stehenden Anhang von 11 Seiten und 7 Büchern, die ihrerseits in Kapitel unterteilt sind, insgesamt 644 Seiten. Danach kommt noch eine Bibliographie und ein Register. Der Stil ist meist erzählend und streift vielerlei Themen. Vieles wiederholt sich immer wieder.

Man braucht also ziemlich lang um das Buch zu lesen.

Aber die Kernidee ist interessant. Üblicherweise denkt man, das Gegenteil von fragil sei robust.

Der Autor sieht es anders, dreifach:

  • Fragil ist, was bei größerer Belastung kaputt geht, was im Lauf der Zeit durch Benutzung verschleißt.
  • Robust ist, was auch starken Belastungen stand hält
  • Antifragil ist, was durch Belastungen gestärkt oder verbessert wird.

Es gibt vielerlei Antifragiles in unserer Welt, aber wir nehmen es nicht als solches wahr.

Quer durch das Buch bringt er viele Beispiele und viele Mechanismen, die das bewirken.

  • Muskelbelastung oder Knochenbelastung erhöhen die Stärke der Muskeln oder Knochen. (Training)
  • Not macht erfinderisch.
  • Überkompensation von Defiziten gleicht nicht nur aus, sondern macht besser.
  • Schwierigkeiten erhöhen die Aufmerksamkeit und führen zu besseren Ergebnissen als routinemäßiges Erledigen.
  • Redundanz kostet zwar Mittel, bringt aber Sicherheit bei Störungen.
  • Als Geheimnis weitergegebene Informationen verbreiten sich am Schnellsten.
  • Umfangreiche und heftige Kritik an einem Autor fördert den Verkauf seiner Bücher.
  • Flugzeugabstürze führen zu einer Verbesserung der Flugzeug-Technik.

Nassim Taleb  macht eine Unterscheidung:

Unbelebte Gegenstände sind normalerweise fragil, bestenfalls robust

Maschinen nehmen Schaden durch die Belastung (Materialermüdung, Verschleiß)

Organismen nehmen Schaden, wenn sie nicht belastet werden, sie verkümmern

Das gilt für biologische Organismen, aber auch für Organisationen und andere von Menschen gemachte Soziale Systeme

Aber es gibt auch Gegenbeispiele. Und für die Antifragilität ist natürlich wichtig, dass die schädigenden oder belastenden Kräfte nicht zu stark sind, so dass der Körper oder die Organisation damit fertig werden kann.

Stabilität, die in Bewegungslosigkeit mündet, hält er für schädlich, da dadurch die Reparaturmechanismen und Selbstheilungskräfte verkümmern.

Generell hält Taleb nichts von Theorie und theoretischen Modellen (außer in der Physik), vor allem nicht in Wirtschaftswissenschaften und Sozialwissenschaften. Sondern von Ausprobieren. Auch die meisten technischen Erfindungen sind seiner Meinung nach von Bastlern und Tüftlern gemacht worden, nicht von Theoretikern.

Ein Effekt der Antifragilität für Systeme ist die Evolution: Indem Störungen die Schwachen eliminieren, bleiben die Starken über. Manchmal sind die Starken die, die am besten auf die derzeitige Situation optimiert sind, aber keine Redundanz haben, wohingegen solche, die nicht so gut optimiert sind aber aus früheren Epochen noch andere Mechanismen beherrschen, bei einer größeren Änderung überleben. Viele Systeme aus vielen Komponenten sind antifragil, die einzelnen Komponenten fragil. So z.B. ein Markt mit vielen Teilnehmern. Bei einer Störung gehen viele Teilnehmer zugrunde, aber der Markt als Ganzes stabilisiert sich. Rettung einzelner unrentabler Wirtschaftsbetriebe (insbesondere großer) durch die Regierung ist schädlich, denn sie schädigt das System als Ganzes.

Stabilität hält er für problematisch. (kleinere) Störungen. für wichtig für die Überlebensfähigkeit eines Systems.

„Die erklärte Absicht politischer Führer und Wirtschaftspolitiker  besteht zwar darin, durch Unterdrückung von Schwankungen das System zu stabilisieren, aber erreicht wird tendenziell das Gegenteil. … in solchen Umgebungen kommt es irgendwann zu massiven Zusammenbrüchen…“

Talebhält zwar nichts von Theorie, aber hier theoretisiert er. Sonst betont er die Wichtigkeit von Nichtlinearität. Hier übersieht er, dass der Zusammenbruch von vielen Marktteilnehmern zur Selbstverstärkung der Katastrophe führen kann, weil den „Gesunden“ die Kunden fehlen.

Das Thema seines anderen Buches „Der schwarze Schwan“ taucht auch hier ständig wieder auf. Schwarze Schwäne sind bei ihm sehr seltene unerwartete Ereignisse von großer Wirkung. Sie werden im Bewusstsein meist ignoriert, bis sie eingetreten sind.Man kann sie seiner Meinung nach auch mit Methoden der Statistik nicht vorhersagen, denn die beruht immer auf der Vergangenheit. Das größte Erdbeben (größer als alle bisherigen) kann nicht vorhergesagt werden, denn alle Statistik beruht auf den bisherigen. Aufgrund der Globalisierung und des immer größeren Umfangs von Organisationen und der immer weiteren Verbreitung von Ideen gibt es immer mehr schwarze Schwäne.

Ein weiterer Aspekt ist die Verwechslung von einem Ereignis und seiner Wirkung, z.B. einem Krieg und dem Ölpreis.

(Der erwartete Nahost-Krieg kam tatsächlich, aber entgegen der Erwartung fiel der Ölpreis , weil er eingepreist war.)

Das Wichtigste ist, dass man hier  nicht theoriegläubig ist, einem Modell vertraut, und die Wirklichkeit ist anders.

Wichtig ist zu wissen, dass die Zukunft immer unsicher ist und es oft anders kommt.

Hier kommt seine Tätigkeit als Trader durch. Sein Beispiel, Fat Tony, interessiert sich für nichts, nicht mal für die Gegenstände, mit denen er handelt; sondern nur für das Schwanken der Kurse und er macht damit sein gutes Geschäft. Und er liebt gutes Mittagessen und Abendessen und führt dabei informative Gespräche. Bücher liest er nicht.

Von staatlicher Lenkung und Planung hält Taleb  nicht viel.

„Dimitiri Orlov zeigte, wie nach dem Zusammenbruch des Sowjetstaates Katastrophen verhindert werden konnten, weil die Lebensmittelproduktion ineffizient war und voller unbeabsichtigter Redundanzen, was sich letztlich zugunsten der Stabilität auswirkte. Stalin experimentierte mit der Landwirtschaft herum und trug so seinen Teil zu den Hungersnöten bei…..In den Vereinigten Staaten werden zwölf Kalorien für den Transport jeder einzelnen Nahrungsmittelkalorie verbraucht; in der Sowjetunion betrug das Verhältnis eins zu eins. Man kann sich vorstellen, was in den USA (oder Europa) los wäre, wenn die Lebensmittelversorgung zusammenbräche.“

Ein eigenes Kapitel widmet er Optionen.

„Weiterhin werden sie nie sich selbst und Ihre wahren Neigungen kennen lernen, wenn sie keine Optionen haben.“

Der Wert der Option beruht auf der Asymmetrie: Einer kleinen Aufwendung steht ein unsicherer aber potentiell großer Gewinn gegenüber. ‘Tüfteln’ beruht auf Versuch und Irrtum, vielen fehlgeschlagenen Versuchen (mit geringen Kosten) und einem gelungenem Versuch, der großen Nutzen bringt. Am Besten macht das die Natur: Sie benutzt nicht Theorie, sondern Versuch und Irrtum.“

„Ein anderer Schwerpunkt …  ist die Erkenntnis,dass eine Option ein Ersatz für Wissen ist – mir ist unbegreiflich, was steriles Wissen sein soll, Wissen ist notwendigerweise vage und steril.“

Seine Empfehlung für den Umgang mit Risiko: Eine Hantelstrategie: „Wenn sie 90 Prozent ihres Kapitals in langweiligen Sparformen, beispielsweise Bundeswertpapieren oder auf Tagesgeldkonten anlegen (vorausgesetzt sie sind von der Inflation geschützt), und 10% auf sehr riskante, maximal riskante Wertpapiere setzen, dann können Sie gar nicht mehr verlieren als diese 10% und eröffnen sich zugleich die Möglichkeit großer Gewinne.“

Nur was sind sichere Papiere? Staatsanleihen wurden schon öfter zu Schrottpapieren. Und riskante Papiere gibt es viele, aber oft werden die Chancen zu großartig dargestellt. Hier denkt er wohl an Optionen, die er nur einlöst, wenn sie Gewinn bringen.

Ein anderer Aspekt ist die Verwechslung von Ursache und Wirkung, Epiphänomene.

„Die Sowjet-Havard-Illusion (Vögeln Flugunterricht zu geben und anzunehmen,dass der Unterricht die Ursache für die grandiosen Fähigkeiten der Vögel ist) gehört zu einer Sparte kausaler Illusionen, die als Epiphänomen bezeichnet werden.“ Er führt Beispiele dafür auf:

  • Gier als Grund für die Wirtschaftskrise (gibt es seit Jahrtausenden)
  • Alphabetisierung und Bildung als Ursache für Wohlstand Gegenbeispiel (Taiwan, Korea vs. Philippinen, Argentinien)

Praxis ist für ihn wertvoller als Theorie: Nicht aus der Anwendung der Theorie auf die Praxis entstehen Handlungsregeln, sondern aus der Abstraktion bestehender Praxis entstehen Theorien.( Und manchmal behaupten Theoretiker, dass die Praxis falsch sei, wenn sie nicht zu ihren Theorien passt). Die Baumeister der Kathetralen des Mittelalters arbeiteten mit Heuristiken und mit empirischen Methoden. Experimentieren lässt die Menschen viel umsichtiger vorgehen als die Umsetzung von Theoremen..

Er bringt aber auch unabsichtlich selbst ein Beispiel, wo ausprobieren zu einem falschen Ergebnis führt, nämlich be den seltenen Ereignissen: „Stellen sie sich vor, sie gehen …nach Mexiko, um aufgrund zufälliger Begegnungen mit den Menschen, die ihnen gerade über den Weg laufen, das Durchschnittsvermögen der Bevölkerung zu ermitteln. Wenn sie dabei nicht Carlos Slim treffen, wird Ihr Ergebnis wenig aussagekräftig sein. …dürfte Slim …reicher sein als die unteren sechzig bis 70 Millionen zusammen.“

Erstaunlich: Sonst hält Talib so viel von Ausprobieren. Auch betont er die Wichtigkeit der schwarzen Schwäne (sehr seltene Ereignisse), aber hierbei versagt offenbar gerade das Ausprobieren.

Kritik äußert er auch an einem bloßen Betrachten der Wahrscheinlichkeit, z.B. einem Konfidenzniveau von 99%..

Die Passagiere von Flugzeugen werden auf Waffen und Sprengstoffe untersucht, auch wenn die Wahrscheinlichkeit, so etwas zu finden weit weniger als 1% ist. Aber die Auswirkungen eines Attentats wären zu dramatisch.

In seinem Plauderstil erzählt er aber so manches, was teils banal und selbstverständlich ist, teils halbwahr, teils nur eingestandene Abneigung und Realitätsverzerrung, zum Teil auch einfach nur falsch.

  • „Leute die in der Finanzinstitute arbeiten, sind selten interessant und noch seltener sympathisch“ (Seite 248)
  • „Je mehr Medikamente auf dem Markt sind, desto unüberschaubarer werden die Wechselwirkungen ..“(Seite 321)
  • „Alle großen Skeptiker waren entweder selbst religiös oder standen zumindest der Religion nicht ablehnend gegenüber“
  • „Strategische Planung ist nichts anderes als abergläubiges Geschwätz“ (Seite 325)
  • „In der Geschichte des Denkens wurde die Notwendigkeit, sein Augenmerk auf das Ergebnis einer Tat zu richten, anstatt die Struktur der Welt zu studieren…weitgehend verkannt“ (Utilitarismus?)

Manchmal argumentiert er aber auch gegen seine eigene n Grundmuster. Seit langem ist es Praxis, bei Verletzungen die Wunde zu kühlen, zur Reduzierung der Schwellung und zur Linderung des Schmerzes. Als ihm selbst so etwas passierte, lehnte Talib das ab, weil es keinen „Beweis“ gab, dass das hilft.

Grundsätzlich hat er eine schlechte Meinung von Medizin und fürchtet iatrogene Schäden: Sie soll sich auf eine Behandlung von schweren Fällen konzentrieren, und die leichten außer Acht lassen.  „Wenn der Patient todkrank ist, sollte man sämtliche spekulativen Behandlungsmethoden einsetzen – alles ist erlaubt. Und wenn umgekehrt der Patient fast gesund ist, dann soll Mutter Natur die Rolle des Arztes übernehmen.“ In diesem Zusammenhang lobt er auch die Religion: Die Menschen können auf Gottes Hilfe vertrauen, nichts tun, und damit iatrogene Schäden vermeiden.

(Anm: Sollen Zuckerkranke kein Insulin nehmen, Bluthochdruckpatienten keine Blutdrucksenker, gefährdete keine Blutverdünner? Hier spricht er von etwas, wovon er keine Ahnung hat, sondern nur Vorurteile).

Im letzten Buch befasst er sich mit Ethik.

„Das größte Problem der Moderne ist der heimtückische Transfer von Fragiltät und Antifragilität von einer Gruppe auf eine andere, so dass die einen den Nutzen, die anderen (ohne es zu wissen) den Schaden haben.“

Er unterscheidet 3 Gruppen:

  1. Die selbst kein Risiko tragen: (Bürokraten, Consultants, Manager, Theoretiker, Analysten, Zentralregierungen, Journalisten, Politiker, Banker, Risikoverkäufer)
  2. Die selbst das Risiko tragen, den Nutzen auch (Bürger, Kaufleute,Handwerker,Kleinunternehmer, Forscher, Schriftsteller, Spekulanten, Aktivisten, Börsen-Trader)
  3. Die etwas für andere riskieren , sich opfern  (Heilige, Ritter, Krieger, Soldaten, Querdenker, Stadtregierungen, Journalisten, Rebellen, Revolutionäre)

Klar schlägt sich Taleb auf die Seite derer, die selbst das Risiko tragen. „Wenn sie eine Meinung haben, dann verhalten sie sich entsprechend. Andernfalls kann von Meinung keine Rede sein.“ „Kommentatoren gehört ein Status unterhalb von Durchschnittsbürgern. Denn immerhin sind es die Durchschnittsbürger, die mit den negativen Folgen ihrer Aussage zurechtkommen müssen.“ (Eigentlich gilt das auch für Schriftsteller die falsche Rezepte verkünden ?)

Aber ist es wirklich so? Jeder der etwas verkauft, meint, dass das Geld für ihn besser ist, als die verkaufte Ware.

Jeder Verkäufer preist seine Ware an, auch wenn er weiß, dass sie nicht so toll ist. Eigennutz und Werbung, die die Ware schöner macht, als sie ist, ist normales menschliches Verhalten. Und ein bekanntes Argument eines Verkäufers ist: Ich habe das selber auch.

Insgesamt enthält das Buch viele interessante Ideen, aber da es zu lang ist, hat man am Ende das Meiste wieder vergessen. Taleb hat ausgesprochene Vorurteile gegen Theorien aller Art. Zu Unrecht. In Alltagsbereichen kann man alles erst mal falsch machen, dann anders machen, solange bis  sich ein Verhalten bewährt. Und falls sich die Umgebung ändert, ist das „Bewährte“ wieder falsch. In allen Bereichen, die über den Alltag hinausgehen, sind Theorien erforderlich.

Sein musterhafter Beispielmensch, Fat Tony, der nur an Gewinn denkt, wird kaum einen Gedanken an die Vermeidung künftige Umweltkatastrophen oder sonstiger  Katastrophen verschwenden, sondern nur, wie er im Fall ihres Eintretens gut damit leben kann. Hauptsache ein gutes Mittagessen. Denn schwarze Schwäne sind unvorhersehbar. und das System Welt wird überleben, auch wenn viele Individuen inclusive er selbst untergehen.

Wer sich nur kurz informieren will kann das tun bei Wikipedia „Nassim Nicholas Taleb“.

Links zu den wb-Artikeln von Siegfried Vollmann