Warum machen wir das eigentlich?

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selfie-413162_640Die rhetorische Frage stammt nicht von dem Philosophen der anderen Schule (Bild: WikiImages, pixabay).

Warum machen wir das eigentlich?

Unter  Humanisten ist dann immer die Rede von Selbstbestimmung, von Selbstverantwortung, vom Realismus, der keine "göttlichen Kräfte" jenseits der Wissenschaften anerkennt. Es geht auch um Trennung von Staat und Kirche, um den Einsatz für Toleranz und gegen Dogmatismus, und wo's besonders fortschrittlich ist, geht's um die Emanzipation von der Religion.

Das machte auf die Passanten und Zuhörer keinen allzugroßen Eindruck. Vielleicht, wenn's der Abgebildete gesagt hätte, aber ein normaler Gebildeter reicht nicht, um die gewünschte Reaktion hervorzurufen: Wow, endlich sagt das mal einer, ach, das war mir gar nicht klar, was muss ich tun, um mitzuhelfen?

Vielleicht sollte die humanistische Sicht mehr auf die Alltagsprobleme eingehen und erst recht auf die Schicksalsfragen der Menschen. Dort spielen die Religionen eine Rolle, die oft verkannt wird, und die trotzdem enorme Wirkungsmacht entfaltet.

Ethos

Die einzige weltweite Kultur ist die moderne Technik, und darin hat sich die Wissenschaft durchgesetzt. Denn es funktioniert nur das, was auf Wahrheit beruht und nicht auf irgendwelchen Phantasien; und damit ist der Bogen zur Religion geschlagen.

In der sozialen Welt hat sich die wissenschaftliche Sicht nämlich nicht durchgesetzt. Da hat sich die Religion an der wissenschaftlichen Erkenntnis vorbeigemogelt, und dort bestimmen ihre Phantasien vielfach noch das Ethos.

Ethos liegt zwar überall in den Schubladen, die IH hat eins, die HU, die gbs, der bfg und zahlreiche Organisationen und Einzelkämpfer, bis hin zum Schreiber dieses.  Ein allgemein akzeptierter Ethosstifter abseits von Religion und Ideologie fehlt jedoch. Organisationen für Menschenrechte, Arbeitsrechte und Umweltschutz decken nur Teilbereiche ab, die in Konkurrenz zueinander stehen. Konkurrenz gibt's sogar unter den Humanisten; der HVD mahnt den bfg kostenpflichtig ab, die Liste der Zwistigkeiten ist lang. Auch die Philosophie hat es nicht vermocht, eine einheitliche Gegenposition zum religiösen Ethos zu schaffen, siehe Versagen der Philosophie.

Damit ist ein großes Problem angesprochen. Die Religion bevormundet das Ethos immer noch, und dazu ist sie auf die vorwissenschaftlichen Irrtümer angewiesen, es gäbe Gott, Himmel, ewiges Leben, unsterbliche Seele etc, also den ganzen Kanon der Irrungen und Wirrungen. In der Realwelt gibt's das aber alles nicht, und deshalb finden sich die Religionen in der heutigen Zeit nicht zurecht.

Religion

Ins Reale hinein entstrubbelt, bleibt von der Religion ja nur eine Lüge übrig, die mit "höheren Werten" verbrämt unters Volk gebracht wird. Die "göttlichen" Regeln entpuppen sich als menschengemachtes Diktat, das mit Höllenangst und Indoktrinierung unters Volk gebracht wird (siehe u.a. Indoktrinierung wirkt).

Für schlichte Gemüter, für Unaufgeklärte, für Nichtdenker mag das prima sein, aber es ist eine undemokratische und intransparente Willkürausübung, die sich oft in üblen Herrschaftsformen ausdrückt. Imaginäre Wunder werden ins himmlische Dunnemals verschoben, damit man sie als höhere Werte ausgeben kann und in ihrem Namen herrschen kann.

Die himmlische Distanz macht das für viele akzeptabel, doch das endet, sobald die Lüge in die Gegenwart transportiert wird. Die Mormonen versuchen das z.B., indem der Mormonenboss jede Woche "mit Jesus redet". Da wird die Lüge allzu offenkundig, und die meisten Leute finden das lächerlich.

Die Religionen können sich also nicht anpassen, denn mit einer Anpassung an die Gegenwart offenbaren sie, dass es nur um Menschenwerk geht. Bewusst oder instinktiv, die meisten haben das verstanden und konservieren ihre "höheren Mächte", indem sie die als sakrosankt unter Verschluss halten.

Der selbtsgestrickte Popanz verurteilt die Religionen also zu einem Dasein in der Vergangenheit. Wenn die Religion sich nicht der Lächerlichkeit preisgeben will, muss sie die alten Fetische weiterhin hochhalten, die Bibel, den Koran, und darf sie weder updaten noch patchen. Also ist keine Modernisierung möglich, und das richtet enormen Schaden an.

Ethosdefizit

Schade ist schon mal, dass viele gute Menschen damit befasst sind, die Religion an der Realität vorbeizuretten, statt sich zu erden und in der Gegenwart anzukommen. Da gibt es doch eine reale Wunderwelt im Bereich der Wissenschaft zu entdecken, in Relativitätstheorie, Quantenphysik und Neurologie. Gerade im Quantenbereich erforscht man kaum glaubliche Effekte, die aber wahr sind, und aus denen der Mensch Nutzen ziehen kann.

Zugleich sind diese Effekte maßgebend für die Umwälzungen, die unsere moderne Welt immer schneller durchrütteln. Die neuen Erfindungen haben ungeahnte soziale Auswirkungen. Sie zerstören viele alte Besitzstände. Gewissheiten werden obsolet, Arbeitsplätze werden mobil, die Zukunftssicherheit erodiert. Eine nie dagewesene Moblimachung stellt alles in Frage, und man weiß nicht, was als nächstes kommt (siehe Globalisierter Vertrauensbruch).

Wird die Schriftsprache abgeschafft (siehe Zeitungskrise = Zeitkrise)? Übernehmen die Roboter (siehe Die Roboter übernehmen … das Parken am Flugplatz)? Ein modernes Ethos ist so nötig wie nie, und zwar aus zwei Gründen:

  • das update-unfähige religiöse Ethos verursacht ein ethisches Vakuum, das den technischen Fortschritt umgibt. Die Folge sind Gesetzeslücken: Wo keine ethische Grundlage, da kein Gesetz. Das schafft Freiräume, die von den modernen Geschäftemachern erobert werden – zum Nachteil der Allgemeinheit, siehe Das Ethosdefizit
  • die Nachteile äußern sich im Niedergang der westlichen Werte. Die Umwälzungen werden gegen uns ausgenutzt. Eine Elite von Raffkünstlern räumt ab und schafft immensen unverdienten Reichtum für wenige. Zugleich wird die Mehrheit armgemacht. Seit 40 Jahren stagnieren die inflationsbereinigten Arbeitseinkommen, während der Staat der Allgemeinheit immer größere Schulden aufpackt.

Werteverfall

In vielen wissenbloggt-Artikeln wird geschildert, wie Finanzmärkte und Börsen schwerstens missbraucht werden (Reload 1970), wie die Schattenwirtschaft immer mächtiger wird (Globalisierter Vertrauensbruch), wie die Steueroasen trotz aller Bemühungen fortbestehen (Globaler Reichtum, allgemeine Auszehrung), wie Jugendarbeitslosigkeit und prekäre Jobs zunehmen (Jugend arbeitslos & perspektivlos), wie Sozialismus für Kapitalisten eingeführt wird (Nachrichten zur Reichtumspflege), und wie Regeln eingehalten werden gegenüber den Regelbrechern (Die Lügen der Euro-Politik).

Es fehlt aber die Regel, die Wirtschaft soll den Menschen dienen und nicht umgekehrt, sowie die weiteren Regeln, die das Ethosdefizit ausfüllen können. So bringt unsere Gesellschaft den unsäglichen Gegensatz hervor undeserved rich – working poor (Der unverdiente Reichtum). Die Durchkommerzialisierung findet ihr Abbild in einer Prolo-Kultur, wo nur noch das Materielle zählt, Geld gegen Ware. Bei den offiziellen westlichen Werten ist viel Verlogenheit und Heuchelei dabei (Westliche Werte auf dem Prüfstand). Gier, Skrupellosigkeit und Regelbruch werden belohnt, und das ist abstoßend für Zweifler und Abweichler, für Menschen, die Sinn und Ideale suchen. Damit treibt man sie den Bauernfängern zu.

Wir haben es versäumt, unsere Technik und Wissenschaft von der Vereinnahmung durch die Religion abzukoppeln und stattdessen mit einem modernen Ethos zu verknüpfen. Mit welchem Recht können wir in der Fremde sagen, lasst ab von euren Phantasievorstellungen mit Gottesherrschaft, wenn bei uns vergleichbare Phantasien subventioniert werden?

Wir exportieren Technik und  Wissenschaft ohne den intellektuellen Überbau, ohne Menschenrechte, ohne Aufklärung, ohne Humanismus, und das rächt sich. Dazu ein wb-Selbstzitat: Die Fundamentalisten leugnen die Wissenschaft, wollen aber an deren Errungenschaften teilhaben. Das ist unredlich. Konsequenterweise sollten sie auf die moderne Technik verzichten und sich auf das beschränken, was ihr eigenes Weltverständnis hervorbringt. Standesgemäß sollten sie also nicht autofahren, sondern auf dem Esel reiten, und sie sollten ihre Finger von Handy und TV lassen und dafür Rauchzeichen und Trommelsignale senden. Aktuelle Ergänzung: Sie sollten auch nicht mit Maschinenwaffen kämpfen, sondern mit Säbeln. Das gilt für die fundamentalistischen Christen und Kreationisten ebenso wie für die fundamentalistischen Muslime, also für die gesamte Esel-Fraktion.

Esel

Das sollte man den jungen Menschen klarmachen, die dem Lockruf des Jihad folgen. Für die mag die Religion das Versprechen von Nestwärme sein, aber erkauft um den Preis des Unverstands. Probleme lassen sich nicht wegbeten, und das Wegschießen funktioniert auch ganz schlecht.

Wenn wir darauf hinwirken, die Fehlentwicklungen vor unserer Nase zu korrigieren, dann hat unser Einsatz einen Sinn. Wenn wir den echten höheren Werten wie Mitmenschlichkeit, "Nächstenliebe" und sozialer Einstellung eine neue Heimat bieten, dann tun wir das Rechte. Das wird dann auch die Esel-Fraktion begreifen.

Und wenn wir's nicht tun, sind wir am Ende selber die Esel.

 

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Eine Antwort auf Warum machen wir das eigentlich?

  1. Wilfried Müller sagt:

    Ich gebe einen schlagfertigen Kommentar von Erwin Peterseil weiter:

    "Humanismus" klingt wohl für die meisten Leute wie ein aufgesetztes Schlagwort, das keinen Bezug zu ihrem eigenen realen Dasein hat oder es wird für die übliche Phraselogie der sog. "Gutmenschen" gehalten, die sehr vielen Leuten eher nur als lästige Spendensammler und Forderer sehen und was bei den Leuten die Reaktion hervorruft, um mich kümmert sich keiner, aber ich soll mich um alle kümmern, also lasst mich in Ruhe mit eurem Humanismus.
    Die fehlende zivile Ethik hängt wohl in erster Linie damit zusammen, dass mit dem Konkurs des Kommunismus auch die Sozialdemokratie ihre Wirkungsfähigkeit weitgehend verloren hat und als tatsächliche reale ethischen Werte nur noch die Börsenkurse übrig blieben.

     

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