Weshalb ich Sterbewilligen beim Suizid helfe

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Alois GeigerDer Arzt Dr. Alois Geiger (Mitglied der INITIATIVE HUMANISMUS) verschreibt für Dignitas das tödliche Schlafmittel Natriumpentobarbital. Hier erzählt er, warum er das tut.

Dignitas ist eine gute Sache! (Exit natürlich auch) Wie denken Sie darüber? Ich weiss, wovon ich spreche, denn ich bin einer der Ärzte, die für Mitglieder von Dignitas auf Verlangen ein Rezept ausstellen. Ein Rezept wozu? Ein Rezept für ein Medikament, welches es dem betreffenden Menschen erlaubt, sein Leben auf eine schmerzfreie und nicht brutale Art und Weise zu beenden, und zwar nicht einsam, sondern begleitet von Menschen, die ihm dabei liebevoll zur Seite stehen.

Ich weiss, dass meine Tätigkeit von vielen Menschen gar nicht gerne gesehen wird. Diese Leute sind sich sicher, dass der Mensch kein Recht darauf haben darf, sein Leben selber zu beenden. Es ist denen auch klar, dass ein Arzt nie und nimmer ein Mittel zum Tode hin verschreiben darf, weil er doch dazu da sei, Leben zu retten. Da geistert noch immer der hippokratische Eid dem einen oder andern durch den Kopf.

Der Eid aufs Leben ist überholt

Wir heutigen Ärzte haben allesamt diesen Eid nie geleistet, und das hat seinen Grund: Der Eid ist schlichtweg zum grössten Teil überholt. So verbietet er zum Beispiel, einem Kranken einen Blasenstein chirurgisch zu entfernen, damals eine sehr heikle Sache. Heute macht dies jeder Chirurg problemlos. Der Eid verbietet auch, einer Schwangeren ein Mittel für eine Abtreibung zu geben; damals eine risikoreiche Sache für die Mutter, denn bis man eine Schwangerschaft sicher erkennen konnte, war sie schon weit fortgeschritten. Ein wirksames und für die Mutter ungefährliches Medikament ermöglicht heute eine Beendigung der Schwangerschaft in den ersten Wochen problemlos. Das Schneiden von Blasensteinen an sich ist nicht unmoralisch, und das Gleiche gilt für die heute gesellschaftlich anerkannte Abtreibung durch den Arzt.

Für das hippokratische Verbot, einem Patienten ein Mittel zum Sterben zu geben, sehe ich dies ähnlich: mit Natriumpentobarbital (NaP) haben wir ein Medikament zur Hand, welches ein rasches und sanftes Einschlafen ermöglicht wie wohl noch nie zuvor in der Geschichte.

Das Christentum prägt

Unsere gesellschaftliche Abneigung gegenüber dem Suizid kommt aber kaum aus hippokratischen Quellen, wohl eher aus christlichen. Suizid wird von allen monotheistischen Religionen gebrandmarkt. Die christliche Religion, in deren Tradition die meisten von uns aufgewachsen sind, vertraut in allen schwierigen Situationen des Lebens auf die göttliche Vorsehung. Ihr verdankt der Mensch sein Leben, und somit ist nur Gott berechtigt, es uns auch zu nehmen. Suizid ist dann Sünde.

Aber was, wenn es diesen Gott gar nicht gibt? Das wissenschaftlich ausgerichtete Heute kennt je länger, je weniger gute Argumente für Gottes Existenz. Für diejenigen, die nicht (mehr) an ihn glauben, darf es daher Gründe geben, dem eigenen Leben ein selbstbestimmtes Ende setzen zu dürfen: arges Leiden am Leben vielleicht, oder nur schon zunehmende Isolation oder pflegerische Abhängigkeit?

Suizid kann auch unsinnig sein

Gewiss kann ein Suizid auch unsinnig sein. Und der Freitod in Eigenregie ist immer eine unsichere und meist auch recht brutale Art, sich ums Leben zu bringen. Unvernünftig ist der Suizid dann, wenn fehlende Lebenserfahrung dazu verführen, zum Beispiel Liebeskummer, finanzielle Schwierigkeiten oder andere, oft vom jeweiligen Ego aufgebauschte Lebensbagatellen.

Wie sieht es jedoch aus, wenn eine Krankheit im Leben immer mehr Raum einnimmt oder wenn das Leben überhaupt bald zu Ende geht? Wenn Lebensqualität und pflegerische Abhängigkeit zunehmend in Konkurrenz zueinander stehen? Wenn der Lebensverdruss so gross ist, dass auch psychiatrische Hilfe auf Dauer eben keine wirkliche Hilfe mehr ist? Soll dann nicht von dieser Medizin Gebrauch gemacht werden dürfen, die eine Erlösung vom Leiden bedeutet? Der Wunsch nach Freitod wird besonders dann verständlich, wenn er nicht von heute auf morgen, sondern stetig gewachsen ist.

Für die Verschreibung des starken Schlafmittels braucht es aber einen Arzt mit einer Praxisbewilligung. Für mich ist es fraglos, dass ich mit meinem Rezept einem Menschen in einer tragischen Situation helfen kann, nicht in Bezug auf seine Krankheit, aber in Bezug auf den Wunsch zum selbstbestimmten Suizid.

Das Rezept bringt Erleichterung

In meiner Tätigkeit mit Freitodwilligen erlebe ich praktisch immer, dass die Zusage zur Rezeptabgabe als Erstes eine grosse Erleichterung auslöst: «Endlich scheint mich jemand zu verstehen und ist auch bereit, mir in meinem Sinn zu helfen. Andere wollen mich immer davon überzeugen, dass mein Leben auf jeden Fall lebenswert sei. Ich allein weiss es doch besser!» Viel lieber würde ich der betreffenden Person natürlich in herkömmlicher medizinischer Weise helfen. Dies gelingt leider nur ganz selten, denn ich bin nicht der Super-Arzt, der mehr weiss und kann als alle medizinischen Koryphäen, welche der Patient schon aufgesucht hat. Ich erlebe aber immer die herzliche Dankbarkeit der kranken Menschen, wenn ich ihnen das Rezept ausstelle. Nun können sie endlich das einfordern, was fast nirgends auf der Welt sonst möglich ist: den straffreien Suizid in Begleitung von Menschen, zumeist auch ihren Angehörigen.

Vorgestern kam ein Patient zu mir, der an einer verbreiteten Nervenerkrankung leidet, die zunehmend alle Muskeln des Körpers lähmt. Er lebt allein, hat auch keine Verpflichtungen gegenüber einer Familie. Ich habe als Arzt schon viele Leute gesehen, welche in schlechterem Zustand waren, als ich es aus den Berichten über diesen Mann erfahre, und die trotzdem ihr Leben und ihr Leiden weiter auf sich nehmen, wohl weil sie dies so wollen. Ist es mein Recht oder gar meine Pflicht, diesem Menschen das Beenden seines Lebens durch das Verweigern des Rezeptes für NaP ungeheuer zu erschweren, nur weil ein anderer in der gleichen Situation vielleicht noch lange weiterleben möchte? Steht die Meinung anderer Menschen über den Wert seines Lebens denn über der seinen?

Heute kommt er zum zweiten Gespräch. Er ist noch nicht an den Rollstuhl gebunden. Er kann mit Hilfe eines Stockes und des Treppengeländers sogar noch ein paar Stufen erklimmen. Er vermisst in seinem jetzigen Leben vor allem jene Betätigungen, die er durch seine Krankheit verloren hat: seinen Beruf ausüben, wandern, bergsteigen, Auto fahren. Er wird bestimmt seinen Haushalt nicht mehr lange selber besorgen können, schon jetzt braucht er fremde Hilfe für vieles. Hier liegt sein kritischer Punkt: Er will nicht noch mehr von andern Menschen abhängig werden.

Nicht wie ein Kind bevormunden

Gewiss ist es meine Pflicht, ihm mitzuteilen, dass Abhängigkeit von andern Menschen keine Schande ist, dass er eher die guten Seiten seines Lebens sehen soll, die ihm jetzt noch zur Verfügung stehen. Ich muss ihm zeigen, dass ein Glas im gleichen Augenblick halb leer oder halb voll sein kann und dass sich alles ändern würde, wenn er das Glas als halb voll sehen könnte. Aber ist es auch meine Pflicht, ihn wie ein Kind zu bevormunden, indem ich ihm das Rezept verweigere? Für dieses Rezept ist er auf mich angewiesen. Ist es da richtig, besserwisserisch das eindeutig humanste Mittel für den selbstbestimmten Freitod vorzuenthalten? Spiele ich da nicht nur Halbgott, sondern Ganzgott in Weiss, wenn ich ihm durch meine Verweigerung die Möglichkeit des von ihm gewünschten, sanften und in seinen Augen jetzt schon sinnvollen Todes nehme?

Ein Mensch, der nicht mehr weiterleben will, wird medizinisch als krank angesehen. Er bekommt die Etikette «Depression» und wird dem Psychiater überantwortet. Oft kann ihm der Psychiater auch tatsächlich helfen. Am andern Ende des Spektrums wird jedoch als gesund angesehen, wer auch mehrfache, risikoreiche Interventionen über sich ergehen lässt, weil er unbedingt weiter leben will, dies im Nachhinein oft um den Preis von weiteren aufwändigen Behandlungen und Dauertherapien. Ist diese Unterteilung in «einerseits krank» und «andererseits gesund» nicht willkürlich? Hat denn jeder Mensch, der in der Krankheit und im hohen Alters einfach keine Lebenslust mehr hat, gleich eine behandlungswürdige Depression? Und wenn die mit Antidepressiva erzielte Aufmunterung eines Tages nicht mehr genügend aufmunternd wirkt? Muss man ihn dann echt vor sich selber schützen?

Früher Frauenarzt und Geburtshelfer

Ich bin Frauenarzt und war somit auch Geburtshelfer. Ich habe vielen Kindern geholfen, gesund in dieser Welt zu landen. Ich habe dies gerne gemacht. Es war immer auch eine Begleitung über die Grenzen des Lebens hinweg, hier beim Schritt eines Menschen in diese Welt hinein. Im Rahmen meines Fachgebietes hat man von mir verlangt, entstehendes, gesundes Leben mittels Abtreibung zu vernichten. Ich habe dies weniger gern gemacht, denn die Entscheidung zum Tod lag nie beim Leben, das beendet wurde.

Etwas älter geworden stelle ich mich bewusst in den Dienst der zweiten Grenze, dem Schritt aus dieser Welt hinaus. Natürlich meine ich nicht, dass der begleitete Freitod für jedes Sterben die ideale Verwirklichung sei. Aber der Freitod ist genauso legitim wie das Ausharren im Erwarten des natürlichen Lebensendes. Beide Möglichkeiten sollten zur Verfügung stehen – keine ist besser oder schlechter als die andere. Und nur der direkt Betroffene kann die bessere der beiden schlechten Varianten für sich selber richtig wählen.

Wenn ein Mensch selbstbestimmt sterben will, braucht er deswegen nicht psychisch krank zu sein; vielleicht glaubt er nur nicht an ein Jenseits und zieht daraus konkrete Schlüsse für sein (Ab)Leben. Der Freitod ist ein Menschenrecht. Wichtig ist es aber nicht nur, dieses Recht zu haben; ebenso wichtig ist es, dieses Recht in Würde und ohne Anwendung von Brutalität in Anspruch nehmen zu können. Dies lässt sich nur mit der ärztlichen Verordnung von Natriumpentobarbital und mit einer mitmenschlichen Begleitung beim Freitod verwirklichen. Suizidhilfeorganisationen ermöglichen dies. Darum mache ich dort mit. Darum schreibe ich dann ein Rezept, wenn ein Mensch dies wohlerwogen und dauerhaft will.

Erstveröffentlichung in bernerzeitung.ch

 

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Eine Antwort auf Weshalb ich Sterbewilligen beim Suizid helfe

  1. Wilfried Müller sagt:

    Lobenswert, was Dr. Alois Geiger macht. Aber ich finde, man soll ohne Rezept Zugang zu den Todes-Mitteln haben.

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