Das Opium des Volkes

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Brauchen wir eine Kriminalgeschichte des Atheismus?

(von Dr. Edgar Dahl, Initiative Humanismus).

John Adams, einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika, sagte einmal: „Dies könnte die beste aller möglichen Welten sein, wenn es nur keine Religion in ihr gäbe.“

Mit dieser Aussage stand John Adams nicht allein. Auch Thomas Jefferson, Benjamin Franklin und Thomas Paine hatten für das Christentum nur wenig übrig. Angewidert von den Religionskriegen, die unnötiges Leid und Elend über ganz Europa brachten, sprachen sie sich für eine in der Verfassung verbriefte Religionsfreiheit und eine strikte Trennung von Staat und Kirche aus.

Auch wenn es unter der Regierung von George W. Bush nahezu in Vergessenheit geraten wäre, sind die Vereinigten Staaten von Amerika doch ein säkularer Staat. So heißt es beispielsweise in dem unter George Washington ausgehandelten „Treaty of Tripoli“ von 1797 ganz unmissverständlich: „The Government of the United States of America is not, in any sense, founded on the Christian religion.“

In Erwiderung auf den “Kreuzzug der neuen Atheisten”, wie ihn „Der Spiegel“ auf einem Titelblatt kürzlich bezeichnete, ist der Säkularismus neuerdings wieder in die Kritik geraten. Einige, allen voran Joseph Ratzinger, machen ihn für eine „Diktatur des Relativismus“ verantwortlich. Andere, wie etwa Manfred Lütz, gehen sogar noch einen Schritt weiter und bezichtigen ihn, Gewalt zu säen und zwangsläufig zu KZs und Gulags zu führen.

Wenn sich ein Theologe wie Lütz dazu hinreißen lässt, den Faschismus und den Kommunismus als „atheistische Freilandversuche“ zu bezeichnen, muss man ihn eigentlich keiner Antwort würdigen. Wenn jetzt jedoch sogar säkulare Philosophen in dieselbe Kerbe schlagen, scheint ein Wort der Kritik angebracht.

In seinem Aufsatz „Sind AtheistInnen die besseren Menschen?“ hat Michael Schmidt-Salomon behauptet, dass es an der Zeit sei, neben einer „Kriminalgeschichte des Christentums“ endlich auch eine „Kriminalgeschichte des Atheismus“ zu schreiben.1

Mir scheint, dass Schmidt-Salomon mit dieser Forderung denselben Fehler begeht wie Joseph Ratzinger und Manfred Lütz, die die Diktaturen von Stalin, Mao und Pol Pot als die logische Folge des Atheismus betrachten.

In meinen Augen ist eine „Kriminalgeschichte des Atheismus“ genauso absurd wie eine „Kriminalgeschichte des Monismus“. Sowohl der Atheismus als auch der Monismus sind lediglich philosophische Positionen, keine politischen Ideologien. Beide, der Atheismus und der Monismus, stellen lediglich eine Nichtexistenzbehauptung auf. Der Atheismus behauptet, dass es keinen Gott gebe. Und der Monismus behauptet, dass es keine von unserem Gehirn unabhängige Seele gebe.

Keine dieser Behauptungen hat irgendwelche normativen Implikationen. So wie aus dem Monismus keinerlei politische Konsequenzen folgen, so folgen auch aus dem Atheismus keinerlei politische Konsequenzen. Dass ein Mensch die Existenz Gottes leugnet, verpflichtet ihn daher auch zu keiner politischen Philosophie. Wie ein Monist, so kann auch ein Atheist ebenso sehr ein Anarchist, ein Absolutist, ein Royalist, ein Kommunist, ein Sozialdemokrat oder ein Liberaler sein.

Da philosophische Positionen wie der Atheismus und der Monismus keinerlei politische Konsequenzen haben, erscheint es mir auch vollkommen verfehlt, ihnen eine Kriminalgeschichte anzudichten. Mir jedenfalls ist niemand bekannt, der jemals einen Menschen „im Namen des Monismus“ getötet hätte.

Was vom Atheismus gilt, gilt freilich auch vom Theismus. Wie der Atheismus, so ist auch der Theismus keine politische Ideologie, sondern eine philosophische Position. Während der Atheist eine Nichtexistenzbehauptung aufstellt, stellt der Theist eine Existenzbehauptung auf. Während ersterer davon überzeugt ist, dass es keinen Gott gebe, ist letzterer davon überzeugt, dass es einen Gott gebe.

Der bloße Glaube an die Existenz eines Gottes ist jedoch genauso wertneutral wie der Glaube an die Nichtexistenz eines Gottes. Dies wird gerade auch durch die eingangs erwähnten Gründerväter der USA verdeutlicht. Wie Voltaire und so viele andere Aufklärer des 18. Jahrhunderts, so waren auch Washington, Jefferson und Franklin „Deisten“. Das heißt, sie glaubten an einen „Schöpfer“, der diese Welt geschaffen habe. Doch sie hielten dieses „höhere Wesen“ für einen unpersönlichen Gott – einen  Gott, der sich nicht um die Belange der Menschen kümmere und keinerlei Anteil an ihrem Schicksal nehme.

Der Deismus ist nur eine Variante des Theismus. Was vom Deismus gilt, gilt aber auch vom Theismus: Er ist vollkommen wertneutral. Moralische, rechtliche und politische Relevanz gewinnt der Theismus erst, wenn er von einer philosophischen Position zu einer theologischen Offenbarungsreligion übergeht. Hierzu bedarf es aber mindestens dreier zusätzlicher Annahmen. Erstens, dass der Schöpfer nicht ein unpersönlicher, sondern persönlicher Gott ist. Zweitens, dass er seinen Willen offenbart hat. Und drittens, dass er Gehorsam gegenüber seinem Willen verlangt.

Welche moralischen, rechtlichen und politischen Konsequenzen sich aus einem solchen Glauben ergeben, hängt freilich allein vom vermeintlichen Willen dieses Gottes ab. Im Prinzip kann dieser Gott die unterschiedlichsten Forderungen erheben. So mag er verlangen, dass man sich ausschließlich seinem Willen unterwirft. Er mag aber auch Gehorsam gegenüber dem Propheten, dem Papst, dem Kaiser, dem Führer oder dem Vorsitzenden einfordern.

Doch ganz unabhängig davon, wessen Willen sich die Menschen unterwerfen sollen, sobald sie es tun, tun sie es nicht mehr nur im Namen eines bloßen Theismus, sondern bereits im Namen einer Religion – eines theistischen Glaubenssystems mit einer eigenen Moral,  einem eigenen Recht und einer eigenen Politik.    

Wer etwa dazu aufruft, Frauen, die Opfer einer Vergewaltigung geworden sind, zu steinigen (5. Mose, 22, 23 – 24), oder Männer, die einen anderen Gott angebetet haben, zu erwürgen (5. Mose, 13, 7 – 12), tut dies nicht im Namen des Theismus, sondern im Namen einer der Buchreligionen – sei es des Judentums, des Christentums oder des Islams.

Da die Christen, wie wir alle wissen, Juden, Moslems, Hexen und Häretiker getötet haben, ist es vollkommen angemessen, von einer „Kriminalgeschichte des Christentums“ zu sprechen. All diese Verbrechen sind schließlich im Namen des christlichen Gottes verübt worden.

Doch worin soll eigentlich die „Kriminalgeschichte des Atheismus“ bestehen? Da der Atheismus lediglich behauptet, dass es keinen Gott gebe, ist es schwer, sich vorzustellen, wie jemand „im Namen“ dieser Überzeugung andere Menschen quälen, foltern oder gar töten könnte.

Genau an dieser Stelle erfolgt nun der sattsam bekannte Hinweis auf Stalin, Mao und Pol Pot. Sind in Russland, China und Kambodscha nicht Menschen wegen ihrer Religion verfolgt und getötet worden?

Sicher, doch nicht „im Namen des Atheismus“, sondern „im Namen des Kommunismus“! Wie Christen, so vertreten auch Kommunisten eine irrationale „Heilslehre“. Diese Heilslehre besteht bekanntlich in der Errichtung einer klassenlosen Gesellschaft. Um diese Gesellschaft, in der es keine „Ausbeutung des Menschen durch den Menschen“ mehr gibt, zu errichten, bedarf es zunächst einer „Diktatur des Proletariats“. Im Rahmen dieser Diktatur müssen die „Konterrevolutionäre“ ausgeschaltet und die „Klassenfeinde“ bekämpft werden. Erst dann kann mit der Entwicklung des „neuen Menschen“ begonnen werden.

Wenn Stalin in der Zeit des „Großen Terrors“ Tausende von Bischöfen und Priestern in Arbeitslager steckte, in denen viele ihr Leben verloren, tat er dies nicht, weil sie Theisten waren, sondern weil sie Mitglieder der russisch-orthodoxen Kirche waren, die über Jahrhunderte das Zarenregime unterstützt hat. Allein wegen dieser Unterstützung sind sie als „Klassenfeinde“ betrachtet und zum Erzfeind der „Arbeiterklasse“ erklärt worden. Wenn man jüngsten Schätzungen glauben darf, sind sie Teil der 62 Millionen Opfer des Stalinismus geworden. 

Gleiches gilt für China. Der Maoismus, die chinesische Variante des Kommunismus, hat schätzungsweise 72 Millionen Menschen das Leben gekostet. Im Namen der „Kulturrevolution“ haben Maos „Rote Garden“ jeden verfolgt, der im Rufe stand, „bourgeois“ zu sein. Hierzu gehörten neben Lehrern und Professoren auch Priester. Der „Gelbe Kaiser“ hat sich für seine Taten sogar selber auf die Schulter geklopft, als er in einem Interview sagte: „Qinshihuang hat 460 konfuzianische Gelehrte lebend begraben lassen. Wir haben einige Hundertausend Konterrevolutionäre unter die Erde gebracht. Mehr als 46.000 Intellektuelle waren darunter. Wer mich als Qinshihuang beschimpft, hat Recht. Nur – ich bin hundert Mal schlimmer.“

Und schließlich muss man auch von Kambodscha sagen, dass die 2 Millionen Menschen, die dem Terror der „Roten Khmer“ zum Opfer gefallen sind, im Namen des Kommunismus getötet wurden. Pol Pot betrachtete alle Kritiker seines Regimes als Volksverräter und Antikommunisten. Nicht nur Geistliche, sondern auch Ärzte, Anwälte, ja, nahezu alle „Intellektuellen“, wurden in so genannten „Säuberungsaktionen“ ermordet.2  

Michael Schmidt-Salomons Bemühungen um intellektuelle Redlichkeit in allen Ehren, aber es bleibt dabei: Es gibt eine „Kriminalgeschichte des Kommunismus“, aber keine „Kriminalgeschichte des Atheismus“. Dass Kommunisten zufällig auch Atheisten waren, ist genauso bedeutungslos wie die Tatsache, dass sie zudem auch Materialisten waren. Oder wollte irgend jemand allen Ernstes behaupten, dass wir jetzt auch noch eine „Kriminalgeschichte des Materialismus“ benötigten, in denen wir Philosophen von Demokrit und Epikur über Holbach und Laplace bis hin zu Dennett und Bunge für die Verbrechen der Leninisten, Stalinisten und Maoisten verantwortlich machen sollten?

Abschließend noch ein Wort zur Rolle der Religion im Kommunismus. Wenn man ihren Vertretern glaubt, war die Kirche ein beklagenswertes „Opfer des Kommunismus“. Doch dies ist typisch klerikale Schwarzweißmalerei. Greifen wir hierzu nur das Verhalten der russisch-orthodoxen Kirche zur Zeit des Stalinismus heraus.

Nach dem Überfall der Deutschen auf Russland am 22. Juni 1941 benötigte Stalin plötzlich jeden Mann. In seiner Not wandte er sich jetzt sogar an den Klerus. Um ihre Unterstützung im „Großen Vaterländischen Krieg“ zu erhalten, stellte er die Unterdrückung der Religion ein. Er empfing den Metropoliten von Moskau und setzte Geistliche für die Militärseelsorge ein.

Die Zahl der Kirchen, schreibt Karlheinz Deschner, „stieg allein in Moskau von 15 im Jahr 1939 auf über 50 im Jahr 1943. Stalin konzedierte der Kirche die Errichtung von zwei Geistlichen Akademien und acht Priesterseminaren und dem Patriarchen Sergej nach seinem Tod am 15. Mai 1944 ein Staatsbegräbnis.“3     

Die russisch-orthodoxe Kirche nutzte diese Gelegenheit zum Erhalt ihrer Macht ganz ungeniert aus. In einer von 46 Bischöfen unterzeichneten Botschaft an den roten Diktator hieß es: „Gott schenke unserem lieben Vaterland den baldigen Sieg und unserem vielgeliebten Chef Joseph Stalin noch zahlreiche Lebensjahre.“

Anmerkungen

Michael Schmidt-Salomon Sind AtheistInnen die besseren Menschen? In: Aufklärung und Kritik 2: 55-62, 2001.

Jonathan Glover Humanity: Moral History of the Twentieth Century. Yale University Press, New Haven 2000.

Karlheinz Deschner: Mit Gott und dem Führer. Kiepenheuer und Witsch, Köln 1988.

 

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