Kann ich meinem Hirn trauen? (9. Teil – Risikokompensation)

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animal-17474_640Ein weiterer Artikel von Dr. Peter Hank zur Denkhilfe. Wer weitergehende professionelle Unterstützung braucht, der wende sich an den Herrn im Bild (PublicDomainPictures, pixybay). Ansonsten kann man Peter Hank vertrauen, die sich weiter mit der Sicherheit beim Autofahren befasst, und mit der Unsicherheit, die durch Sicherheit erzeugt wird:

 

Kann ich meinem Hirn trauen?
(9. Teil – Risikokompensation)

In den letzten beiden Artikeln von „Kann ich meinem Hirn trauen?“ ging es um den Dunning-Kruger-Effekt und warum es so viele überdurchschnittlich gute Autofahrer gibt. Damals habe ich davor gewarnt, dem eigenen Hirn zu sehr zu glauben – egal für wie gut jemand sich als Autofahrer hält, fahren Sie vorsichtig!
Die Gefahren durch Dunning-Kruger-Effekt sind nämlich offensichtlich. Es finden sich nämlich genügend Autofahrer, die sich für so fähig halten, dass die Regeln für „normale Autofahrer“ für sie nicht zutreffen und die meinen, sich so etwas leisten zu können:
 640px-Hand_held_phone_in_car
genauso wie:

  • Alkohol am Steuer
  • Badelatschen zum Fahren
  • Fahren ohne Sicherheitsgurt

Dahinter steckt auch ein Effekt, der beschreibt, wie sich unser Verhalten ändert, wenn das wahrgenommene Risiko sich ändert: Kurz heute geht es um die Idee der Risikokompensation oder:

Warum können Sicherheitsmaßnahmen zu mehr Unfällen führen?

Hierzu eine Statistik aus den Vereinigten Staaten. In Montana wurden 2000 Geschwindigkeitsbegrenzungen eingeführt. Wie sich die Zahl der Unfälle verändert hat, sieht man hier:
Unfälle Montana

Woher kommt es, dass trotz oder vielleicht sogar wegen der Geschwindigkeitsbegrenzung die Zahl der tödlichen Unfälle angestiegen ist?
Eine Erklärung hierzu gibt Gerald J.S. Wilde mit seiner Theorie zur Risikokompensation:
 Risikokompensation
Damit ist gemeint, dass, wenn das empfundene Risiko z. B. durch eine Geschwindigkeitsbegrenzung sinkt, dann ein Fahrer dieses kompensiert, in dem er anderweitig mehr Risiken eingeht, z. B. weniger Abstand hält.

Traurigerweise gibt es jetzt eine Vielzahl von Beispielen, dass gut gemeinte und sinnvolle Maßnahmen zur Unfallverhütung keinen oder sogar eine negative Auswirkung auf die Zahl der Unfälle hatten. Einige Beispiele, hierzu:

  • Münchner Taxistudie: Die Taxis mit ABS hatten mehr Unfälle, als die ohne ABS.
  • Schweden, Umstellung auf Rechtsverkehr: In den ersten zwei Jahren nach der Umstellung von Links- zu Rechtsverkehr gab es weniger Unfälle. Dadurch, dass das Autofahren als gefährlicher empfunden wurde, wurde vorsichtiger gefahren – merke: der Effekt der Risikokompensation kann Änderungen des wahrgenommenen Risikos in beide Richtungen beschreiben.
  • Skihelme: Da gibt es inzwischen den Trend, dass statt eines Skikurses zu besuchen, ein Helm gekauft wird.
  • Holzfäller: Nachdem in Finnland Sicherheitsstiefel, Handschuhe, Helme und Schutzbrillen eingeführt wurden, nahmen die Verletzungen an den geschützten Stellen ab – dafür gab es mehr Verletzungen der ungeschützten Stellen. Aufgrund des niedrigeren gefühlten Risikos arbeiteteten die Holzfäller schneller und weniger sorgfältig.
  • Fahrradhelme: Selbst wenn Sie als Fahrradfahrer weiterhin vorsichtig fahren – machen Sie sich darauf gefasst, dass Autofahrer Sie dann in geringerem Abstand überholen werden. Ich habe auch mal gehört, dass bei Radfahrerinnen mit langen, blonden Haaren der Abstand beim Überholen größer sein soll. Sie könnten also an Ihrem Helm auch eine blonde Perücke befestigen.
  • Große Geländewagen: Fahrer in großen Geländewagen fühlen sich damit auch in der Stadt sicherer. Um das auszugleichen, sind weniger angeschnallt, dafür telephonieren mehr im Auto. Wie sich das auf die anderen Verkehrsteilnehmer auswirkt, können Sie sich vorstellen.

Um das Thema aber nicht zu negativ ausklingen zu lassen. Häufig halten die Effekte nur eine Zeit an, dann hat man sich an die Sicherheitsausrüstung gewöhnt und das Verhalten normalisiert sich wieder.

Und denken Sie daran, Ihr Hirn hat es immer noch selber in der Hand. Statt der Werbung der Autohersteller zu glauben, wie sicher Ihr neu gekauftes Auto ist, stellen Sie sich vor, im Lenkrad ist eine Lanze eingebaut, die genau auf Ihre Brust in die Herzgegend zielt – dann wird Ihr Gehirn Sie auch sicher fahren!

Damit endet fürs erste die Artikelserie zum Thema „Kann ich meinem Hirn trauen?“.

Die Artikel habe ich aus einem Vortrag von mir, den ich an verschiedenen Volkhochschulen gehalten habe, entnommen. Falls Sie also das Thema

  • live
  • in Farbe und
  • 3D

erleben wollen, hier noch eine kleine Werbung in eigener Sache: Dieses Wintersemester halte ich meine zwei “skeptischen” Vorträge an einigen Volksschulen im Umkreis von München:

Wie funktioniert die Naturwissenschaft?

Die Naturwissenschaft hört nicht auf, uns immerzu mit neuen, phantastischen,  aber manchmal auch schwer vorstellbaren Erkenntnissen zu verblüffen. Und gerade bei den Erkenntnissen, die den Verstand herausfordern und unseren Vorstellungen entgegenlaufen, stellt sich die Frage, wie die Wissenschaftler ihre Forschung betreiben.    
Im Vortrag nimmt ein angewandter Physiker Sie in seine Welt mit und gibt einen Einblick in die Prinzipien des wissenschaftlichen Arbeitens. Dabei wird sich zeigen, dass die Prinzipien des wissenschaftlichen Arbeitens weder unanschaulich noch schwer verständlich sind und sich kaum von dem gesunden Menschenverstand unterscheiden, der auch beim Kauf eines Gebrauchtwagens benötigt wird.

 
Optische Täuschungen, Wahrnehmungsfehler und kognitive Fallen – Kann ich meinem eigenen Hirn trauen?
Nicht nur optische Täuschungen, auch andere Wahrnehmungsfehler und kognitive Fallen führen uns buchstäblich vor Augen, dass es Situationen gibt, in denen uns unser Gehirn auf eine falsche Fährte lockt. Während diese angeborenen Denkmuster dem Menschen zu früheren Zeiten gute Dienste erwiesen haben, können sie uns heute in die Irre führen und werden dann sogar fatal, wenn sie uns zu einer falschen Risikobewertung verleiten. Doch es gibt durchaus Methoden, uns vor den Fehlleistungen unseres Hirns zu schützen.


 Falls ich Sie dafür interessieren konnte, hier die Termine:
VHS Neufahrn    Naturwissenschaft    Mittwoch, 5. November 2014
VHS Neufahrn    Hirn    Mittwoch, 12. November 2014
VHS München Nord    Hirn    Montag, 17. November 2014
VHS Eching    Naturwissenschaft    Mittwoch, 3. Dezember 2014
VHS Starnberg    Naturwissenschaft    Donnerstag, 8. Januar 2015
VHS Starnberg    Kinder-Uni    Donnerstag, 15. Januar 2015
VHS Starnberg    Hirn    Donnerstag, 15. Januar 2015
VHS SüdOst    Naturwissenschaft    Mittwoch, 21. Januar 2015
VHS SüdOst    Hirn    Mittwoch, 28. Januar 2015
VHS Eching    Hirn    Mittwoch, 4. Februar 2015
VHS München Seidl    Naturwissenschaft    Donnerstag, 12. Februar 2015

Ich kann aber nicht dafür garantieren, dass jede Veranstaltung stattfindet – Neufahrn hat mich schon vorgewarnt, dass es bisher nicht genug Anmeldungen gibt.

Bilder:
Hand held phone in car   CC BY-SA 3.0   Ed Poor, Wikimedia Commons
Unfälle Montana        vom Autor
Risikokompensation    vom Autor

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