Vom Dämmen, Dämmern und Verdammen

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mastomys-437687_640Wer so eng aufeinanderhockt wie die Mäuschen in dem Häuschen (Bild: Kapa65, pixabay), der braucht keine Wärmedämmung. Bei der Normalbevölkerung sieht das anders aus. Da ist das Thema Dämmen immer noch en vogue, und manchen dämmert dabei was. Das Thema wird sogar bis in die Verdammung hinein ausgewalzt.

Besonders der NDR tut sich mit seiner Sendung Panorama bei der Dämmungs-Dämmerung & -Verdammung hervor. Auch DIE WELT und die FAZ sind schon darauf eingestiegen. In Dämmwahn oder styroporische Dämmerung? kann man nachlesen, warum es zuviel Material ist, was an die Wände gepackt wird.

Für die meisten dürfte die Nachricht neu sein, dass die Lebensdauer der Dämmung kürzer ist als die der Gebäude. Das heißt, das Zeug muss irgendwann runtergekratzt und ausgetauscht werden. Das betrifft inzwischen schon 800 Millionen Quadratmeter. Soviel Polystyrol-Schaum (Markenname Styropor) ist in Deutschland schon verbaut.

Die Süddeutsche Zeitung vom 28.10. berichtet darüber in Sondermüll an der Fassade von Güven Purtul (nicht online): Die Dämmung von Häusern könnte für künftige Besitzer teuer werden: Die Styroporplatten müssen irgendwann ersetzt werden. Weil sie oft ein verbotenes Flammschutzmittel enthalten, dürfte das eine aufwendige Entsorgung erzwingen.

Das verbotene Mittel heißt Hexabromcyclododecan (HBCD) und gilt als besonders besorgniserregend. Deshalb hat die UNO ein globales HBCD-Verbot beschlossen (ab August 2015). Aber es gibt eine deutsche Ausnahmeregelung, die es erlaubt, Styropor noch lange als "gemischten Bauabfall" zu entsorgen statt als "gefährlichen Abfall" (=Sondermüll).

Mannigfaltig sind die Tricks und Schliche in Sachen Styropordämmung. Erst wird für das bestens brennbare Material die Feuerschutzklasse "schwer entflammbar" passend zurechtgebogen, und jetzt heißt es in dem SZ-Artikel, es brennt zu heiß und darf deshalb nicht einfach in die Müll-Brandverwertung eingehen – und giftig ist es auch noch.

Das war das Thema der NDR-Sendung Panorama vom 28.10. um 21:15 Uhr, Ignorierte Gefahr: Gift in Wärmedämmung (auch vom Autoren Güven Purtul und von Jenny Witte). Demnach sollte man hinsichtlich der Einstufung von Sondermüll mal in die Historie gucken: Es ist leider das System, dass immer erst dann die Sondermülleinstufung vorgenommen wird, wenn es wirtschaftlich auch verträglich ist. Das Problem sieht man auch im Bereich von Asbest, PCB und anderen Schadstoffen, die wir in den 70er- und 80er- Jahren massiv eingebaut haben und heute auch verdammen.

(Anmerkung wissenbloggt: bei der Asbest-Entsorgung wird der Schutz allerdings bis in die Verdammung hinein überzogen. Gefährlich war der Stoff für Arbeiter, die täglich damit arbeiteten, es zuschnitten und dem Staub ausgesetzt waren. Das gilt allenfalls noch für Arbeiter, die täglich Asbest-Fassaden abreißen. Aber nicht für Nachbarn und Bewohner, die der Belastung nur einmal ausgesetzt sind.)

Wenn das Thema mal in die mediale Mache geraten ist, wird es allerdings voll ausgereizt. Das tat Panorama am 16.10. um 21:45 Uhr in Hausdämmung unbezahlbar: Politik hat kein Einsehen. Der Tenor: Zu hohe Anforderungen, zu komplizierte Regelungen, Zweifel an der Wirtschaftlichkeit und auch schon am  09.10.2012 um 12:30 Uhr in Häuser-Dämmung: Gifte in der Fassade: Nicht nur HBCD ist drin, sondern auch Desinfektionsmittel gegen Algen und Schimmel. Einerseits werden die Mittel ausgewaschen und belasten die Natur, andererseits hält die Wirkung nicht lange an.

Dann passiert das, was die Sendung beklagt, saubere Hauswände fände  man in vielen deutschen Städten nur noch selten. Denn vor allem auf wärmegedämmten Fassaden fänden sich immer öfter Algen und Schimmel. Ein Ärgernis vor allem für die Menschen, die in den gedämmten Häusern leben. Eine Untersuchung machte sichtbare Algen auf  75% dieser Gebäude aus. Und wirkungslos ist es auch noch.

So berichtete Panorama am 26.11.2012 um 22:00 Uhr in Die Mär von der CO2-Einsparung. Auf dem Kieker hat man die Energie-Einsparverordnung (EnEv, die uns das viele Styropor beschert), die nach Untersuchungen an 200.000 klassischen Altbauten nur eine Wärmedämmung von 10-15% brachte. Nur so wenig Heizenergie wurde laut Panorama gespart.

Überdies sei die EnEv die weltweit wohl detaillierteste Verordnung zum Thema Gebäudesanierung: Im Laufe der vergangenen 35 Jahre hat sich das Regelwerk zu einem 1.000 Seiten starken Buch entwickelt. Und so wie die Regeln an Umfang zunahmen, tat es auch der Dämmstoff,  wird ein Sachverständiger zitiert. Früher seien demnach acht oder zehn Zentimeter Wärmedämmung verbaut worden – ein sinnvoller Wert laut Expertenansicht (wb-Wert: 5 cm).

Jeder zusätzliche Zentimeter dämme nur noch wenig, das hätten Messungen ergeben (eine schöne Bestätigung für die wb-Berechnungen). Weiter bei Panorama: Die jetzt verbauten 30 Zentimeter seien Ausdruck einer "unreflektierten Wärmedämmhysterie", heißt es, und sie lohnten sich weder finanziell noch ökologisch.

Nach wb-Abschätzungen bringt der 30. Zentimeter ca. 0,05% Ersparnis, die aber größenordnungsmäßig bei der 100-jährigen Energiebilanz aus Ersparnis gegenüber Produktions-, Transport-, Einbau- und Entsorgungsenergie noch passen. Doch 0,05% sind eine rein theoretische Verbesserung und völlig zu vernachlässigen angesichts der 10-15%, die laut Panorama wissenschaftlich erhoben wurden.

Wenn man sich wissenbloggt-mäßige Freiheit nimmt und den Verdammungsfaktor mit 0.35 ansetzt und den Dämmerungsbeiwert auf 0,71 kalkuliert, dann liegt der tatsächliche Wirkungsgrad bei 50% (=12,5% / (0,35*0,71). Das entspricht genau der Daumenpeilung zwischen gar nix und dem theoretischen Wert von ca. 99% für 30 cm. Alle Angaben ohne Gewähr.

Nachtrag 31.10.: rechnerische gerundete Werte bei 5 cm: 91% Einsparung, 10 cm: 96%, 20 cm: 98%, 30 cm: 99% – die letzten 10 cm sind praktisch wirkungslos.

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