Kommentar zu GOTT (Buch von M. Lütz)

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gottlützManfred Lütz hat 2009 ein Buch geschrieben, das Gott heißt und als Eine kleine Geschichte des Größten firmiert. Die Weihnachtszeit macht das Thema immer wieder interessant, und witzig ist es auch. Der Verlag bringt dazu jedenfalls die beliebten Kalauer:

"Gott sei Dank, Gott existiert nicht. Wenn aber, was Gott verhüten möge, Gott doch existiert?"

Des Verlags Wort in Gottes Ohr. Das Buch wird als spannendes Lesevergnügen bezeichnet, das aufgeklärte Skeptiker wie nachdenkliche Gläubige gleichermaßen bereichern und klüger machen soll. Nach der Lektüre lege man ein reiches, kluges Buch aus der Hand und fühle sich bestens unterhalten. Mit Gott.

Gar so gut fühlt sich unser Autor Siegfried Vollmann nicht unterhalten. Im Gegenteil, in seiner Rezension kritisiert er nicht nur die Gottesvorstellung, sondern auch den Autor des Gott-Buchs. Scharfsinnig nimmt unser Rezensent die naiven Vorstellungen des Autors auf die Schippe: Ja nun was erwartet er denn? Dass Gott im Fernsehen auftritt? Immerhin seien die Religionen dort üppig vertreten. Vollmanns Kritik sollte eine Lehrstunde für den Autor sein; man kann ihm nur wünschen, er möge sich die Rezension zu Gemüte führen.

 

Kommentar zum Buch von Manfred Lütz

GOTT

Bereits im Vorwort schreibt Manfred Lütz:

"Sicher geht es dabei nicht nur um Theorien, sondern die Frage nach Gott ist unter uns gesagt für jeden eine Frage auf Leben und Tod." Trotzdem lässt er sich dann viel Zeit, etwa bis Seite 153, bis er die sogenannten Gottesbeweise als Argumente vorbringt.. Bis dahin macht er einen Streifzug durch die von ihm entsprechend eingefärbte Geschichte, die wichtige "Frage" hat er längst entschieden, wie alle katholische Theologie, für die (nach dem Verdikt des Vatikans) keine offenen Fragestellungen erlaubt sind, sondern nur die Suche nach (Vernunft-) Gründen um die bestehende Lehre zu rechtfertigen. Meist kommen dabei eher rhetorische Argumente heraus, eine Uminterpretation der Geschichte, und zum Teil absonderliche Behauptungen wie die, dass die Quantentheorie der „Super GAU“ des Atheismus sei und damit das Argument für den Atheismus „krachend in sich zusammenbricht“. Da hat er wohl noch nie was davon gehört, dass Zufall in der Evolution eine große Rolle spielt.

Im ganzen Buch finden sich natürlich fast auf jeder Seite viele  Behauptungen, denen man widersprechen könnte oder möchte oder sie zumindest kritisch anmerken. Aber es würde den Rahmen der Buchkritik weit sprengen. Daher möchte ich mich im Wesentlichen auf "die Frage " konzentrieren. Zuvor aber will ich doch auf einen Punkt zu sprechen kommen, den der Psychotherapeut und Theologe Lütz dogmenhaft wiederholt: "Mit Psychologie kann man nichts erklären!"

Nun zunächst entledigt  sich Psychotherapeut Lutz der atheistischer Psychologen (Überväter) wie Freud und Feuerbach.  "Ludwig Feuerbach  versucht …den Glauben an Gott psychologisch zu erklären, unter der Voraussetzung, dass Gott in Wahrheit nicht existiert. Es kann also nicht verboten sein, …den genau umgekehrten Versuch zu machen, nämlich zu psychologisch erklären, warum jemand nicht an Gott glaubt – unter der Voraussetzung dass Gott existiert." Sieht man mal von der Weisheit "Ex falso quod libet" ab, da niemand die Wahrheit gepachtet hat, so ist dieser Wechsel der Perspektive sicher zulässig. Und diese Perspektive nimmt er nun auch für den Rest des Buches ein.

Zunächst erklärt er aber die Motive der Atheisten: "Für die Welt der Wirtschaft ist es psychologisch verständlich, dass man Gott, wenn es ihn den gibt, möglichst unschädlich macht". "Wem an der grenzenlosen Größe des eigenen Ego gelegen ist, dem ist ohnehin jede Stellenbeschreibung oberhalb seiner Selbst ein Dorn im Auge." „Wenn es Gott wirklich gibt, dann ist seine künstliche Abwesenheit zum Beispiel im Fernsehen und in anderen virtuellen Welten, in denen wir so leben ein Problem. Diese Abwesenheit kann dann psychologisch sehr gut erklären, warum viele Menschen an einen Gott nicht glauben können, …“ Ja nun was erwartet er denn? Dass Gott im Fernsehen auftritt? Zwar nicht Gott aber die Religionen sind dort üppig vertreten.

Es gibt aber einen erheblichen Unterschied zwischen seinem Erklärumgsversuch WARUM manche Leute atheistisch sind, und der Feuerbach’schen Erklärung WIE  die Wünsche und Sehnsüchte von Menschen in einen Gott projeziert werden und wie das Gottesbild eben Ausdruck dieser Wünsche ist.

Nach heutigem (konstruktivistischen) Verständnis (wie es im Prinzip auch schon Kant hatte) werden alle Gedanken, Ideen und Vorstellungen, auch Wünsche, Begierden, Lust und Leid im Hirn „konstruiert“; sie gehören zu unserer Innenwelt. Wir haben Zugang zur Realität nur über Modelle in unserer Vorstellung, die – was  Dinge der realen Außenwelt  betrifft – durch Sinnesreize (z.B. Bilder, akustische Wahrnehmungen und andere  sensorische Eindrücke) beeinflusst werden. Zu abstrakten Dingen wie mathematischen Gesetzen, Theorien haben wir Zugang durch Vorstellungen, die indirekt auf Sinneseindrücke zurückgehen, aber von diesen unabhängige Ideen sind, die wir mit den Verstand und Vorstellungskraft angehen können.

Daneben gibt es (nach Popper) Produkte des menschlichen Geistes, wie Musikstücke, Formeln, Theorien die unabhängig vom einzelnen Menschen existieren, unabhängig davon, ob sie richtig, wahr oder falsch sind. Religionen sind solche reale Produkte, ihre Inhalte können falsch sein, wie die Inhalte anderer Theorien auch. Und selbstverständlich spielt sich persönliches Erleben im Innenleben ab, ist aber beeinflusst durch jede Art von Kommunikation. Da Religionen und damit auch Gottesvorstellungen durch kommunikative Prozesse (häufig unter Anwendung von Gewalt) etabliert werden, sind sie selbstverständlich von psychologischen Faktoren stark beeinflusst.

Neben Feuerbach gibt es auch andere (psychologische) Erklärungen für die Religionsgläubigkeit und Gottesvorstellungen.

Dawkins hält sie für eine spezielle Form der Autoritätsgläubigkeit. Es hat  sich in der Evolution bewährt, dass Kinder nicht alle Fehler selbst machen, sondern im Vertrauen auf die Autorität der Eltern deren Ansichten übernehmen und damit viele Fehler vermeiden.

Professor Günther Dux (historisch-genetischen Theorie) sagt: „ Die kulturellen Strukturen der menschlichen Lebensformen bilden sich in der frühen Phase der Lebensgeschichte eines jeden Menschen in der Interaktion mit den sozialen andern, vorherrschend zumeist der Mutter als Bezugsperson. Das hat weitreichende Konsequenzen. Das Kind versteht zunächst alle Objekte und alle Ereignisse so, wie es deren Grundform an den sozialen Bezugspersonen ausgebildet hat. Weil die Mutter als handlungsfähiges Subjekt verstanden wird, wird hernach alles in der Welt, wie ich sage, subjektivisch verstanden. In der Geistes- und Kulturgeschichte der Menschheit hat dieses Verständnis bis zur Neuzeit vorgeherrscht. Wenn man in diesem Weltbild nach einem Grund fragt, muss man ihn in einem handlungsfähigen subjektivischen Agens suchen. Wenn man nach dem Grund der Welt fragt, muss man einen Gott als Schöpfergott benennen. „

Die subjektivische Logik ist, so die Erkenntnis der historisch-genetischen Theorie, auch die Logik der Religion, die damit ganz allgemein als Übertragung dieses ursprünglichen (kindlichen) Denkens auf die Welterklärung verstanden werden kann. Also : Religion ist ein psychologisches Phänomen!

Doch zum Kernpunkt:(Seite 153). Hier führt er die sogenannten Gottesbeweise des Thomas von Aquin auf:

  1. „Da jede Bewegung als Ursache eine Bewegung hat, muss es dann aber eine (erste) Ursache geben, die zwar bewegt, aber selbst nicht bewegt wird. Diese nennen wir Gott.“ – Nun von Bewegung und ihren Ursachen hat man heute andere Vorstellung, und die oben erwähnte Quantenmechanik (Kopenhagener Interpretation) behauptet gerade, dass es Wirkungen ohne Ursache gäbe, wie den radioaktiven Zerfall eines instabilen Atomkerns. Ob die (derzeit akzeptierte) Kopenhagener Interpretation sich langfristig als richtig herausstellt, ist unerheblich, zumindest kann man sich was anderes vorstellen; damit entzieht die Quantenmechanik zumindest diesem Argument den Boden.
  2. Das selbe nur statt Bewegung Wirkung. Also auch die selbe Gegenargumentation:  Man kann die Argumentation auch noch verstärken: Die Annahme, dass jedes Ereignis eine Ursache haben muss, und es deshalb ein erstes Ereignis ohne Ursache geben muss, ist ein Widerspruch in sich, da dann nicht alle Ereignisse eine Ursache haben.
  3. „Es gibt Dinge, die haben die Möglichkeit, zu sein, oder nicht zu sein, Dinge also, die werden und vergehen…..Nur durch etwas was ist, kann etwas aus der Möglichkeit zur Wirklichkeit werden. – Es muss also etwas geben, was nicht nur möglich, sondern notwendig ist….Daher muss man etwas annehmen, das von sich aus notwendig ist. Und das nennen alle Gott.“ – Zum einen gibt es heute kosmologische Theorien, die eine Entstehung aus dem Nichts annehmen, z.B. als Ergebnis einer Art Quantenfluktuation, die komplementäre Teilchen und Antiteilchen entstehen lässt. (M.W. ist das im neuen Buch von Hawkins so dargestellt). Es ist also zumindest denkbar. Zum anderen könnte man annehmen, dass aufgrund irgend einer Notwendigkeit die Welt entstanden ist oder dass es sie schon immer gab, und man könnte diese Notwendigkeit Welt nennen. Mit einem personalen Gott hat das Ganze jedenfalls nichts zu tun.  Man hält heute vieles für (theoretisch) möglich, was man vor ein paar hundert Jahren noch für unmöglich hielt.
  4. „Es gibt in den verschiedenen Dingen Abstufungen. Es gibt etwas mehr oder minder Gutes, mehr oder minder Wahres, mehr oder minder Edles. Mehr oder minder kann man aber nur sagen, wenn man zugleich etwas denkt, was dies alles auf höchste Weise ist. Also gibt es etwas, was für alles die Ursache allen Seins, der Güte und aller Vollkommenheit ist. Und das nennen wir Gott.“ – Es wird hier unterstellt, dass das „höchste“ Unendlich sein muss. Ist es aber nicht. – Bei einem Wahlergebnis ist das höchstmögliche 100% der abgegebenen Stimmen. Es gibt größere oder kleinere Giraffen, aber es muss keine Giraffe geben, über die hinaus keine größere Giraffe  gedacht werden kann.
  5. „Wir sehen, dass auch Dinge, die selbst nichts erkennen können, zum Beispiel irgendwelche natürliche Körper, dennoch auf ein Ziel hin wirksam sind. Sie können selbst kein Ziel wählen, da sie gar nichts erkennen können, aber sie sind doch auf ein Ziel hin gerichtet. Ein Ding aber, das selbst nichts erkennen kann, richtet sich nicht selbst auf ein Ziel hin, wenn es nicht von irgendeinem erkennenden und einsehenden Wesen geleitet wird.“

Vielleicht meinte Anselm damit ja Körper, die runterfallen, weil sie zur Erde streben. In der damaligen Zeit wusste man nichts von Schwerkraft, sondern unterstellte den Körpern selbst ein entsprechendes Streben, wie auch den Planeten, die aus eigenem Antrieb sich auf den Bahnen bewegten. Wie dem auch sei, die Logik ist falsch: Ein  Lebewesen das nichts erkennen kann, kann sich faktisch so verhalten, als ob es einem Ziel zustrebe. Dies kann aber trotzdem eine kausale Ursache haben und keine finale. Auch Lebewesen ohne Bewusstsein können sich zielgerichtet verhalten, z.B. so, dass sie was zu fressen bekommen; aber das Verhalten ist genetisch vorprogrammiert und im Lauf der Evolution so entstanden, weil Lebewesen, die nichts zu fressen bekamen, ausgestorben sind. Auch bei toten Gegenständen kann sich der Eindruck einstellen, z.B. Stalagmiten oder Stalaktiten. Es ist aber keine Absicht im Spiel, sondern pures Ergebnis zwangsläufiger Abläufe. Kurz: Kausal deterministische Abläufe können so aussehen, als ob sie ein Ziel hätten.

Anschließend wird noch der sogenannte „ontologische“ Gottesbeweis des Anselm von Canterbury erwähnt und dazu noch ein moderner Philosoph, der ihn anders als fast alle anderen für stichhaltig hält. Die Argumentation  geht also so:“Man könne denken, dass Gott dasjenige sei, über das hinaus nichts größeres gedacht werden kann. Wenn Gott … aber nur ein Gedanke sei, dann gäbe es doch etwas Größeres, nämlich Gott als Gedanke und Wirklichkeit. Daher existiere … etwas über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann, nicht nur in Gedanken, sondern auch in Wirklichkeit.“

Nun schon viele haben den Trugschluss erkannt, der auf der Vermischung verschiedener Ebenen (des Denkens und des Seins) beruht; insbesondere Kant schon festgestellt, dass es unzulässig sei, die Existenz von etwas in dessen Definition mit aufzunehmen. Beispiel: Man könnte die Existenz des Yeti in seine Definition mit aufnehmen und damit beweisen, dass es ihn gibt. Die Vorstellung, man könne einfach durch eine entsprechende Definition die Wirklichkeit beeinflussen, ist abwegig.

Man kann also nicht beweisen, dass es nicht eine irgendwie geartete Ursache oder einen Grund für die Existenz des Universums als Ganzes geben kann, ja es ist sogar notwendig, dass es irgendeine Art von Notwendigkeit oder Struktur gibt, die das Sein oder Entstehen des Universums zumindest ermöglicht. Das ist aber schon alles. Man kann dies Gott nennen, im Sinne der Pantheisten. es hat aber mit dem personalen Gott der Religionen nichts zu tun.

Bei der Bewertung dieser so genannten Beweise für die „wichtigste Frage“ belässt er es bei dem Hinweis, dass es auch noch einen modernen Philosophen (Jaque Maritain) gebe, der diese für richtig hält.

Im weiteren Verlauf des Buches bringt  Lütz viele Episoden, einem weiteren Streifzug durch die Philosophiegeschichte. Dann kommt er zurück auf Feuerbach.

„Die Antwort auf die Sehnsüchte des Menschen müsste vielmehr ein Gott sein,der Person ist, ein Gott dem wir wirklich begegnen können, der uns anredete und dem wir vertrauen könnten.

Gewiss, da hat Feuerbach recht, die Sehnsucht allein beweist keinesfalls die Existenz des ersehnten Objekts. Darüber können wir Menschen von uns aus nichts aussagen. Darüber könnte nur der personale Gott selbst etwas aussagen. Wenn es ihn wirklich gibt und wenn er will. Die Juden, die Christen und die Muslime glauben, dass er gewollt hat, und dass er etwas über sich gesagt hat. Was er gesagt hat, nennt man Offenbarung.“

Nun wir können schon was aussagen, nämlich: Selbst wenn es einen Gott gäbe, so hätten wir nur eine Vorstellung, ein Modell von Gott, das mit dem tatsächlichen Gott nicht übereinstimmt, sondern bestenfalls eine Ähnlichkeit hat. Wenn wir vermuten, dass Gott uns eine „Offenbarung“ zukommen lässt, so müssten wir dann aber sorgfältig prüfen, ob eine Mitteilung, die behauptet, eine solche Offenbarung zu sein, auch wirklich von diesem Gott (zumindest vom Gott, wie wir ihn uns vorstellen)  kommt, das heißt, ob sie glaubwürdig ist bezüglich ihres Inhalts (d.h. widerspruchsfrei), und wie sie zu uns gekommen ist, d.h. ob die Quelle wirklich Gott sein kann. Nun gerade bei den monotheistischen Religionen haben wir viele historische Zeugnisse, die belegen, wie diese „Offenbarungen“ über einen längeren Zeitraum entstanden sind, aus vielerlei Wurzeln, insbesondere Wunschdenken, Kriegspropaganda, Intrigen, Machtkämpfen, Fälschungen. Also nicht gerade göttliche Herkunft. Und das ist  kein Geheimniss, sondern jeder der es wissen will, kann es wissen, auch wenn große Propagandaapparate dies in Weihrauch hüllen. Auch um die Widerspruchsfreiheit steht es schlecht: Denn wie kann es sein, dass ein liebender Gott in den von ihm autorisierten Schriften zu Morden an Andersgläubigen, Homosexxuellen etc. aufruft. Wie kann man Gott um Hilfe bitten, wenn man weiß, dass er Millionen Menschen, die an ihn glauben jämmerlich verrecken läßt.

Aber das Wunschdenken der Gläubigen ist wohl stärker und so sind sie empfänglich für die umfangreiche kirchliche Propaganda.

Im weiteren Verlauf schwelgt Lütz in der Schönheit der Religion, und analog zu Feuerbach, der die Projektionen beschreibt, beschreibt er eben diese als Realität. Und er beschreibt emotionale Erlebnisse und den tiefen Glauben von Millionen Menschen als Beweis für die Richtigkeit ihres Glaubens. Aber hatten nicht auch die Atzteken emotionale Erlebnisse bei Ausübung ihrer Kulte, haben nicht schon vor Beginn des Christentums Millionen Menschen an alles mögliche geglaubt? Der Glaube von Millionen Menschen kann keinesfalls ein Beweis für die Richtigkeit des Inhalts ihres Glaubens sein. So gesehen ist dieses Buch ein schöner Beleg für Feuerbachs These, dass die Sehnsüchte die Projektionen der Wünsche in einen Gott verursachen, ohne Rücksicht auf die Realität.

Der Autor schreibt, dies sei ein sehr persönliches Buch, ein subjektiver Versuch. Wohl wahr.

 

Links zu den wb-Artikeln von Siegfried Vollmann

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7 Antworten auf Kommentar zu GOTT (Buch von M. Lütz)

  1. Patrick Sele sagt:

    „„Da jede Bewegung als Ursache eine Bewegung hat, muss es dann aber eine (erste) Ursache geben, die zwar bewegt, aber selbst nicht bewegt wird. Diese nennen wir Gott.“ – Nun von Bewegung und ihren Ursachen hat man heute andere Vorstellung, und die oben erwähnte Quantenmechanik (Kopenhagener Interpretation) behauptet gerade, dass es Wirkungen ohne Ursache gäbe, wie den radioaktiven Zerfall eines instabilen Atomkerns. Ob die (derzeit akzeptierte) Kopenhagener Interpretation sich langfristig als richtig herausstellt, ist unerheblich, zumindest kann man sich was anderes vorstellen; damit entzieht die Quantenmechanik zumindest diesem Argument den Boden.“

     

    Im folgenden Beitrag führt der Philosoph Edward Feser aus, dass das Phänomen des radioaktiven Zerfalls das „Argument aus der Bewegung“ nicht ungültig macht:

     

    http://edwardfeser.blogspot.com/2014/12/causality-and-radioactive-decay.html 

     

  2. Patrick Sele sagt:

    „Das selbe nur statt Bewegung Wirkung. Also auch die selbe Gegenargumentation:  Man kann die Argumentation auch noch verstärken: Die Annahme, dass jedes Ereignis eine Ursache haben muss, und es deshalb ein erstes Ereignis ohne Ursache geben muss, ist ein Widerspruch in sich, da dann nicht alle Ereignisse eine Ursache haben.“

    Der „kosmologische Gottesbeweis“ besagt nicht, dass jedes Ereignis eine Ursache haben muss. Zu Missverständnissen bezüglich dieses Arguments für die Existenz Gottes ist der folgende Beitrag des zuvor genannten Edward Feser sehr aufschlussreich:

    http://edwardfeser.blogspot.com/2011/07/so-you-think-you-understand.html 

  3. Patrick Sele sagt:

    „Zum einen gibt es heute kosmologische Theorien, die eine Entstehung aus dem Nichts annehmen, z.B. als Ergebnis einer Art Quantenfluktuation, die komplementäre Teilchen und Antiteilchen entstehen lässt. (M.W. ist das im neuen Buch von Hawkins so dargestellt). Es ist also zumindest denkbar.“

    Eine Quantenfluktuation ist nicht ein „Nichts“ sondern ein „Etwas“. Der Philosophieprofessor und promovierte Physiker David Albert hat sich in der folgenden in der „New York Times“ erschienenen Rezension zu einem Buch, in welchem das „Nichts“ mit dem Quantenvakuum gleichgesetzt wird, sehr kritisch zu dieser Ansicht geäussert:

    http://www.nytimes.com/2012/03/25/books/review/a-universe-from-nothing-by-lawrence-m-krauss.html?_r=2&pagewanted=all&

    Wie aus dem „Nichts“ ein Universum entstehen konnte, ist gemäss Albert immer noch nicht klar.

  4. Patrick Sele sagt:

    „Zum anderen könnte man annehmen, dass aufgrund irgend einer Notwendigkeit die Welt entstanden ist oder dass es sie schon immer gab, und man könnte diese Notwendigkeit Welt nennen.“

    Dafür dass das Universum einen Anfang haben muss, gibt es ein philosophisches Argument, welches lautet, dass es in der realen Welt keine Menge mit unendlich vielen Bestandteilen haben kann. Die folgenden Auszüge aus einem Buch bieten eine gute Veranschaulichung dieses Umstands und dessen Relevanz für die Frage ob das Universum einen Anfang hat oder nicht:

    „Eine Menge von Dingen wird … als tatsächlich unendlich bezeichnet, wenn ein Teil von ihr gleich dem Ganzen ist. Zum Beispiel: Was ist größer: 1, 2, 3, … oder 0, 1, 2, 3, …? Dem vorherrschenden mathematischen Denken zufolge sind sie gleichwertig, da sie beide tatsächlich unendlich sind. Dies erscheint uns seltsam, weil es in der einen Reihe eine zusätzliche Zahl gibt, die in der anderen nicht zu finden ist. Das zeigt aber nur, daß in einer tatsächlich unendlichen Menge eine Teilmenge gleich der Gesamtmenge ist.

    […]

    Lassen Sie mich … die Absurditäten veranschaulichen, die daraus folgen würden, wenn ein tatsächlich Unendliches in der Welt existieren könnte. Nehmen wir an, wir hätten eine Bibliothek, die eine tatsächlich unendliche Zahl von Büchern enthält. Stellen wir uns vor, daß die Bücher nur zwei Farben haben können, schwarz und rot, und daß diese auf den Regalen abwechselnd vorkommen: schwarz, rot, schwarz, rot und so fort. Wenn jemand uns sagen würde, daß die Anzahl der schwarzen Bücher gleich der Anzahl der roten Bücher ist, wären wir wahrscheinlich nicht erstaunt. Aber würden wir jemandem glauben, der uns erzählt, daß die Anzahl der schwarzen Bücher gleich der Anzahl der schwarzen und roten Bücher zusammen ist? Denn in der letzteren Menge finden wir alle schwarzen Bücher und auch eine unendliche Anzahl von roten Büchern.

    Oder stellen wir uns vor, die Bücher könnten drei Farben haben, oder vier oder fünf oder hundert. Würden wir jemandem glauben, der behauptet, es gäbe gleich viele Bücher in einer Farbe wie in der ganzen Sammlung?

    […]

    Wenn das Universum schon immer existiert hat, dann bildet die Reihe aller vergangenen Ereignisse zusammen ein tatsächlich Unendliches, weil jedem Ereignis in der Vergangenheit ein anderes Ereignis vorangegangen ist. So wäre die Reihe vergangener Ereignisse unendlich. …

    … Wir wissen, daß ein tatsächlich Unendliches in der Wirklichkeit nicht existieren kann. Da eine unendliche Reihe ohne Anfang von Ereignissen in der Zeit ein tatsächlich Unendliches ist, kann eine solche Reihe nicht existieren. So muß die Reihe aller vergangenen Ereignisse endlich sein und einen Anfang haben. Aber das Universum ist die Reihe aller Ereignisse, so daß das Universum einen Anfang gehabt haben muß.“

    William L. Craig, Die Existenz Gottes und der Ursprung des Universums, Wuppertal und Zürich 1989, S. 36, 39 f., 43.

    „Mit einem personalen Gott hat das Ganze jedenfalls nichts zu tun.“

    Im Buch, aus welchen die vorgestellten Auszüge stammen, argumentiert der Autor, der Philosoph William Lane Craig, dass das Ganze durchaus mit einem personalen Gott zu tun hat.

  5. Patrick Sele sagt:

    „Vielleicht meinte Anselm damit ja Körper, die runterfallen, weil sie zur Erde streben. In der damaligen Zeit wusste man nichts von Schwerkraft, sondern unterstellte den Körpern selbst ein entsprechendes Streben, wie auch den Planeten, die aus eigenem Antrieb sich auf den Bahnen bewegten. Wie dem auch sei, die Logik ist falsch: Ein  Lebewesen das nichts erkennen kann, kann sich faktisch so verhalten, als ob es einem Ziel zustrebe. Dies kann aber trotzdem eine kausale Ursache haben und keine finale. Auch Lebewesen ohne Bewusstsein können sich zielgerichtet verhalten, z.B. so, dass sie was zu fressen bekommen; aber das Verhalten ist genetisch vorprogrammiert und im Lauf der Evolution so entstanden, weil Lebewesen, die nichts zu fressen bekamen, ausgestorben sind. Auch bei toten Gegenständen kann sich der Eindruck einstellen, z.B. Stalagmiten oder Stalaktiten. Es ist aber keine Absicht im Spiel, sondern pures Ergebnis zwangsläufiger Abläufe. Kurz: Kausal deterministische Abläufe können so aussehen, als ob sie ein Ziel hätten.“

    Statt „Anselm“ sollte hier wohl „Thomas von Aquin“ stehen. Auf Teleologie im Allgemeinen und Thomas von Aquins „teleologischen Gottesbeweis“ im Besonderen geht der genannte Feser in seinem Aufsatz „Teleology: A Shopper’s Guide“ ein. Der betreffende Aufsatz ist im folgenden Link abrufbar:

    http://www.epsociety.org/library/articles.asp?pid=81 

  6. Saco sagt:

    Nun, ich erwarte tatsächlich, dass Gott im Fernsehen auftritt. Prälat Davino (Vatikan) sagte nach dem Ausbruch des Pinaturbo (hunderte verbrannte Kinder), Gott habe ein "Zeichen" setzen wollen: Wir sollten "umsichtiger mit der Natur umgehen". Hier ergeben sich zwei Fragen: 1.  Woher wusste der Vatikan dass von Gott? 2. Ist es nicht für jeden Gott praktischer, uns im Fernsehen seinen Willen kundzutun, als uns in Form verbrannter und dazu noch unschuldiger Kinder auf nachlässig weggeworfene Cola-Dosen hinzuweisen? Der sprachlich früher so eloquente Gott meines Kollegen Lütz hat seit der Erfindung moderner Medien mit  jedem lauten Kundtun abrupt gebrochen.

    Liegt hier Zufall vor oder der Hinweis auf  Nichtexistenz? 

  7. Wilfried Müller sagt:

    Dank an Patrick Sele für die Argumente und die Links. Für mich ist da allerdings eine Menge Haarspalterei dabei, z.B: What defenders of the cosmological argument do say is that what comes into existence has a cause, or that what is contingent has a cause. Auch scheint es mir problematisch, aus der Philosophie heraus solche Systemtheorie zu treiben, die der Physik widersprechen will, auch wenn es eine unvollständige Physik ist, die nicht so genau weiß, bis wohin ihre mathematischen Modelle gültig sind. Was soll man da zum Widerspruch Kausalitätsprinzip/Lokalitätsprinzip sagen, das sich bei der Verschränkung ergibt? Die Physiker nehmen das anscheinend pragmatisch und überlassen klugerweise die Haarspalterei den Philosophen.

    Saco weist uns nochmal auf den von Siegfried Vollmann dargelegten Zustand hin, dass ein nichtexistenter Gott tatsächlich TV-Zeit beanspruchen darf. Da machen sich Leute zu Agendasetzern, die einfach so tun als ob er existieren würde.

    Für unseren Autor Siegfried Vollmann ist die Existenzfrage vorüber; er starb an Weihnachten. Wissenbloggt wird ihm einen Nachruf widmen.

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