2014: Jahr der Ungleichheit

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unequal-147925_640Dieser Artikel zieht ein persönliches Fazit, und das steht unter dem Zeichen der Ungleichheit. Weil das Bildlein nebenan (OpenClips, pixabay) nicht auf der Tastaur verfügbar ist, pflege ich statt ≠ die Zeichen >< zu benutzen. Bis mich jemand darauf hinwies, es müsse <> heißen. Aber  auch =!= sei gebräuchlich.

Ja, mit der Ungleichheit ist es so eine Sache, und das fängt schon mit den Äußerlichkeiten an. Was Wunder, wenn's beim Inhaltlichen erst recht ungleich zugeht.

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Eigentlich wurde die Ungleichheit schon viel früher erfunden als 2014. Möglicherweise hatten unsere halbaffigen Vorfahren dermaleinst eine egalitäre Gesellschaft, was angesichts der heutigen Affen-Hackordnungen aber zweifelhaft ist. Mit zunehmender Mensch-Werdung gab's jedenfalls zunehmende Raff-Fähigkeiten und damit zunehmende Möglichkeiten der Ungleichheit (wobei sich nebenbei gesagt die Überlegenheit meiner Schreibweise zeigt: >>>><<<<<).

Im seligen Jahre 1970 gab es dann eine Gesellschaft, wo die Ungleichheit mit >< auskam: Ich kannte mal ein Land in dem das Anfangs ganz gut funktioniert hat. Dieses Land hieß Bundesrepublik Deutschland mit dem klasse System der sozialen Marktwirtschaft.

Dieser Satz ist aus den Kommentaren von einem ZEIT-ONLINE-Artikel entlehnt, Ungleichheit – Reich und Reich vermehrt sich gern (29.12., von Nadine Oberhuber): Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst, das scheint seit der Veröffentlichung von Thomas Pikettys Bestseller klar zu sein. Doch die Politik tut nichts dagegen.

>>><<<

Der Artikel sagt nur das, was bei wissenbloggt in so vielen Artikeln steht, dass kaum noch Platz für was anderes ist. Die Kommentare sind deshalb interessanter, weil pfiffiger oder mindestens stringenter. Einer erinnert an eine Oxfam-Studie des Inhalts, 1% der Bevölkerung verfüge über fast 1/2 des weltweiten Reichtums, und dies 1% verfüge über 110 Billionen US-Dollar. Das sei  65-mal so viel, wie die ärmere 1/2 der Weltbevölkerung hat. Diese ärmere 1/2 der Weltbevölkerung verfüge über genauso viel, wie die reichsten 85 Menschen haben. Und 7 von 10 Menschen leben in Ländern, in denen die Kluft zwischen Arm und Reich in den vergangenen 30 Jahren gewachsen sei – es sei zum Umfairteilen!

Ergänzend wird Berthold Brecht zum Kommentar herangezogen:
Reicher Mann und armer Mann
standen da und sahn sich an.
Und der Arme sagte bleich:
"Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich."

Warum so sehr ungleich? könnte man in holperigem Reim ergänzen. Eine andere Ergänzung erreicht uns aus den Kommentaren: Es sei nur konsequent, dass die Politik selbst mehr Teil des Problems als der Lösung ist.

Apropos Politik, man hätte nur die Wahlprogramme Der Linken studieren müssen, dann wäre Piketty gar nicht nötig gewesen. Bei Der Linken stand sowieso alles drin von Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Dummerweise stand das auch 1970 schon bei den Kommunisten drin, als wir noch die Bundesrepublik Deutschland mit dem klasse System der sozialen Marktwirtschaft hatten.

Es ist also eine Frage der richtigen Aussage zur richtigen Zeit, schätzungsweise als der Zustand >>><<< erreicht war. Seither hat die Ungleichheit medial Karriere gemacht. Nur bei den Menschen bewegt sich das eher im Bereich ↑↓, da ist die Ungleichheit nicht angekommen.

><  =  =!=

Das heißt, ungleich sind wir schon, und andere sind viel gleicher als gleich, mindestens ════ statt =. Nur das Bewusstsein der Zurücksetzung hat sich noch nicht so recht ausgeprägt. Wie wäre es sonst denkbar, dass die Leute so wenig Interesse an den Bankenskandalen haben, selbst die wissenbloggt-Leser? Dabei muss doch jeder schwer dafür bezahlen. Was wäre wohl los, wenn jedem in Deutschland 1000 Euro gestohlen würden? 1000 Euro pro Nase futsch, das gäbe Randale, kein Zweifel.

Aber wenn die Banken in Deutschland mal wieder 80 Milliarden absaugen, gibt's nur ein müdes Schulterzucken. Dabei läuft es aufs selbe hinaus, 1000 Euro pro Nase. Sicher, es geschieht hintenrum und mit hübschen  Sprüchen des EZB-Bosses Draghi garniert, der immer neue Gründe findet, um den Banken Geld zuzuschieben. Und der zusammen mit kongenialen Politikern den Brecht-Spruch für uns wahrmacht, wärn wir nicht arm, wärt ihr nicht reich.

Wie kann es sein, dass das die Leute kalt lässt? Was denken die? Ne Milliarde kann nicht viel sein, fängt doch mit milli an? Oder hält man sich an die Kritik : "Es gibt immer neue gesellschaftliche Benachteiligungen zu entdecken, die der wohlfahrtsstaatlichen Bearbeitung harren" – sprich, Umverteilung muss sein, sogar gegen das Geldgefälle von arm zu reich? Und der politische Prozess ist ohnehin nur noch damit befasst, die Ungleichheiten auszugleichen, die er selbst hervorgebracht hat, und die ihrerseits wieder neue Ungleichheit hervorbringen usw.?

Aber nein, der Trend ist gar zu zielstrebig. Der Sozialismus für Kapitalisten ist zu etabliert. Klar behaupten manche Ökonomen, es ginge auch mal in Richtung mehr Einkommen für die Arbeitenden, so dass sich die Schere wieder schließe. Das ist Unsinn. Die vergessen die Schuldenlast, die ja auf einem Allzeit-Hoch verharrt und die Schere viel weiter aufreißt als den Leuten bewusst ist.

=!=  →  =  ‼

Die Ungleichheit hat sich 30 Jahre lang in der Brieftasche breitgemacht, und nun kommt sie auch in der Gemütslage an. Es gibt eine diffuse Unzufriedenheit, die jetzt noch als Pegida herumgeistert und von Nazis vereinnahmt wird. Sie könnte wieder zu Occupy werden, zu Occupediga, zu Occupedaga (Patriotische Europäer gegen die Ausbeutung des Abendlandes).

Oder schlicht zu Wiedergutmachung, zur Aufarbeitung der Ungerechtigkeiten, wer weiß. Ungleichheit gibt's genug, um viele Jahre damit zu etikettieren, nicht bloß 2014.

… und das Allerschlimmste: Man blickt in den Jahresrückblicksspiegel, und siehe da – man selber ist auch ungleich dem Menschen, der man vor x Jahren war. Das ist hart. Die Ungleichheit betrifft wirklich jeden.

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