Wunschdenken und Realität

image_pdfimage_print

fist-42664_640Ein guter Hinweis für das Thema steckt in dem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 27.12.14, Silvesterbräuche „Rituale helfen, Angst zu bewältigen“. Es ist das Interview mit dem Professor für Biopsychologie an der FU Berlin, Peter Walschburger. Das Thema ist u.a. das ewig beliebte Fernsehspiel Dinner for One, das mittlerweise zum Silvesterbrauch gehört. Aber warum Bräuche?

Warum halten sich die Leute an Rituale wie Feuerwerk, Fondue und Horoskope? (Anmerkung wissenbloggt: Darunter kann man auch den weihnachtlichen Kirchgang und die weiße Hochzeit subsumieren.) 364 Tage im Jahr werden rationale Entscheidungen getroffen, so die optimistische Sicht, und an bestimmten Gelegenheiten wird man irrational. Unsicherheit, Angst und Sorge spielen eine große Rolle, vor allem bei größeren Zäsuren wie Silvester, sagt der Professor.

Die Rituale zur Angstbewältigung und Befriedigung der Neugier können sogar zu selbsterfüllenden Prophezeiungen werden. Schon das Zusammensitzen stärkt die sozialen Bindungen durch vermehrte Bildung von Oxytocin. Der Mensch sei auch so besonders dafür veranlagt, denn welche Funktion hat das Weiße um unsere Pupille herum? Diese sogenannte Sklera ist beim Menschen einzigartig ausgeprägt, sie zeigt dem Gegenüber die Blickrichtung und erleichtert damit die Kommunikation. Der Mensch schaut nämlich intuitiv immer denjenigen an, der ihm gerade wichtig erscheint oder von dem eine mögliche Gefahr ausgeht. Und wenn alle in den Himmel starren, den Raketen hinterher, dann geht das auf die Austreibung von bösen Geistern zurück – soweit das rituelle Geisteraustreiben.

Altersunsicherheit

Die Süddeutsche Zeitung schreibt am 1.1. zur Altersvorsorge – Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen: Hunderttausende Deutsche werden im Alter darben. Doch die Regierung Merkel kümmert sich stattdessen um Mütterrente und Rente mit 63. Schuld an der Misere hat auch die junge Generation.

Gegen die absehbare Altersarmut von so vielen lässt sich mit Ritualen nichts ausrichten. Und dabei sind noch nicht mal die weiteren Umwälzungen einkalkuliert, die durch Roboter und Automaten ins Haus stehen, und die das Potential haben, noch mehr Menschen in die Armut zu treiben, siehe In der KI-Falle.

Flüchtlinge

Von der anderen Seite her beleuchtet AMNESTY INTERNATIONAL das Thema: Humanitäre Krise in Syrien – Die Welt sollte sich schämen! Der Bericht «Left out in the cold: Syrian refugees abandoned by the international community» zeigt auf, wie wenig die Weltgemeinschaft unternommen hat, um syrische Flüchtlinge in Drittstaaten neuanzusiedeln. Er dokumentiert auch, dass fünf Länder der Region die Hauptlast der humanitären Krise tragen, weil sie rund 3,8 Millionen Flüchtlinge aus Syrien beherbergen: die Türkei, der Libanon, Jordanien, Irak und Ägypten. Nur 1,7 Prozent der fast vier Millionen syrischen Flüchtlinge wurden seit dem Beginn der Krise vor drei Jahren vom Rest der Welt aufgenommen.
Die Golfstaaten – zu denen einige der reichsten Länder der Welt gehören – haben bislang keinen einzigen Flüchtling aus Syrien aufgenommen. Auch Russland und China haben bisher nicht angeboten, Flüchtlinge in ihrem Staatsgebiet neuanzusiedeln. Die Regierungen der Europäischen Union (EU) haben – mit Ausnahme Deutschlands – lediglich zugesagt, beschämende 0,17 Prozent der fast vier Millionen Flüchtlinge dauerhaft aufzunehmen.

Nationalismus

Wie der SZ-Artikel datiert Wolfgang Zehrts Meinungsartikel in der HUFFINGTON POST auch am 1.1. Es geht um die skizzierte Gemengelage von Angsbewältigung, Unsicherheit und Flucht. Der Artikel heißt Braucht Deutschland einen neuen Nationalismus?

Gemeint ist aber was anderes, denn Zehrt definiert den neuen Nationalismus als Multinationalismus, wie er auch den neuen Patriotismus als Globalpatriotismus definiert. Beides hält er für überlebensnotwendig, denn keine "vergreisende Nation" könne aus sich selbst heraus genug neuen Entwicklungen, Technologien und Erfindungen schaffen, um im weltweiten Wettbewerb zu bestehen. Demnach würden auch die Grenzen der Nationalstaaten sich auflösen. Die Jugend achte ohnehin nicht mehr auf Nationalitäten, ein jeder kenne Leute aus so vielen Ländern, dass es alles eins sei.

In dem einen oder dem anderen Staat geboren worden zu sein, könne deshalb kein Grund mehr sein, anderen den Zutritt zu verweigern; egal ob damit vielleicht fundamentalistische Ideen nach Deutschland kämen (das sei nur "einer von 100").

Dresden

Damit ist das Thema in Dresden angekommen, und zwar auch mit der differenzierten Sicht: Möglicherweise sei das, was die Demonstranten auf die Straße treibt, die Angst vor der Digitalisierung, der Technisierung und der Internationalisierung der Arbeitsgesellschaft, womöglich vor der Ersetzung der menschlichen kreativen Intelligenz & digitalen, technologischen Kompetenz durch Roboter und künstliche Intelligenz.

Damit setze sich die Regierung in der Tat zu wenig auseinander. Antworten auf die Zukunftsfragen wären wichtig, wo der eigene Platz in der neu entstehenden Weltgesellschaft bleibe. Man wolle ja auch in 10 Jahren nicht vom Globalisierungszug fallen. Demgegenüber sei die Angst vor einem religiösen islamischen Fundamentalismus und einer „Überfremdung" nur ein Scheinargument, zumal beim kaum auffindbaren Ausländeranteil unter den zu 80% religionslosen Sachsen.

Multinationalismus sei also der einzig logische Weg. Man müsse ohne Ansehen von Religion, Kultur und Nation gemeinschaftlich an Lösungen für die globalen Zukunftsprobleme arbeiten. Die überwältigende Mehrheit des Volkes blicke daher Verständnislosigkeit auf die Montagsumzüge (Bild: Nemo, pixabay).

Willkommenskultur

Angesichts der Situation Deutschlands sei die Aufnahme von mehr Flüchtlingen nicht nur möglich, sondern Pflicht. Humanitäre Gründe, Ausländer aufzunehmen, ergänzen sich mit volkswirtschaftlichen Gründen. Massive Bildungs- und Ausbildungsoffensiven seien zukunftsgewandt, Abschiebungspolitik sei kontraproduktiv und gefährlich und unmenschlich, die Flüchtlingsaufnahme sei (global-)patriotische Pflicht, die pure Zufälligkeit eines Geburtsortes dürfe keine Rolle mehr spielen.

Patriotismus sei Engagement für das eigene Land, man müsse also die Stärken und den kulturellen Reichtum der Nation erhalten und mit möglichst vielen Menschen teilen. Untergangs-Szenarien seien fehl am Platz. Die kulturelle Identität dürfe und müsse sich ändern, wer sich den den kulturellen Änderungen verschließen wolle, müsse geschichtlich gesehen untergehen. Deshalb müsse die Politik die Änderungsängste nehmen.

Nochmal bekräftigt der Artikel das allgemeine menschliche Recht, auf jedem Platz dieser Erde sein individuelles Glück zu finden. Dieses "urmenschlichste Recht" auf Sicherheit und Glück für sich und die Familie dürfe nicht durch „Nationalstaaten" eingeschränkt werden. Man müsse dort unterstützen, wo Menschen von Verelendung, Hunger und Krieg bedroht sind, man müsse die Türen öffnen für diejenigen, die unmittelbar von sozialer Ausweglosigkeit, Hunger oder Tod bedroht sind. Dazu gebe es nach dem "christlich-abendländischen Menschenbild" keine Alternativen, selbst wenn es radikale Islamisten und Kriminelle unter den Glück- und Sicherheitssuchenden gebe. Für die habe man rechtsstaatliche Mittel, um das nie zu einem wirklichen Problem werden zu lassen.

Angstvisionen und Fremdenhass seien unpatriotisch, weil sie der Nation mehr schaden als jeder islamische Radikalprediger, die Zukunft könne nur multinational, multikulturell und global sein – soweit der Artikel von Wolfgang Zehrt.

Wunschdenken

Die Absichten sind gewiss gut, die den Autor motiviert haben. Aber ob das Ausblenden der Probleme wirklich förderlich ist? Kann man denn schnell mal das urmenschlichste Recht postulieren, jeder dürfe überall hin und dort sein Glück suchen, nachdem die ganze Menschheitsgeschichte aus Kriegen besteht, um genau das zu verhindern?

Kultur ist, wenn man die biologische Basis überwindet und z.B. die Revierkämpfe bleiben lässt. Aber um solches durchzusetzen, müssen die Leute gefragt werden, zumindest wenn Demokratie oben drübersteht. Die Leute, die schon hier leben, sind auch Menschen, die auch Rechte haben. Es ist diesen Menschen geschuldet, ihre Sorgen ernst zu nehmen – und das betrifft nicht nur die Regierung, die der Autor entsprechend abmahnt, sondern auch den Autor selbst.

Ganz abgesehen von den Problemen der allgemeinen Freizügigkeit gibt es andere Probleme, die bedacht sein wollen:

  • soziale, besonders an den Brennpunkten wie Berlin/Neukölln und einigen Städten im Ruhrgebiet, wo sich ungeahnte Arbeits- und Mietprobleme offenbaren, die in eine bedrohliche Richtung wirken
  • kulturelle, wie der säkulare und emanzipatorische Rückschlag, der mit vielen Immigranten einkehrt, und der erhebliche Anstrengungen von allen Seiten erfordert
  • biologische, wie der globale Durchseuchungsgrad klar macht, der leicht in lokale Abschottungen münden kann, wenn sich virulente Keime ausbreiten
  • finanzielle, die spezifisch geklärt gehören, ehe eine pauschale Zustimmung erteilt wird
  • numerische, wenn es einfach zu viele Menschen sind, die ihr Heil in funktionierenden Staaten suchen wollen

Die Allgemeinheit hat einen Anspruch darauf, dass diese Punkte sachlich analysiert und geprüft werden, und wo Bewertungen nötig sind, muss sie dazu gefragt werden. Das soll kein Argument gegen Soforthilfe in Fällen unmittelbarer Gefahr sein.

Ansonsten ist die Abhandlung solcher Zukunftsfragen mit pro-und-contra-Parolen und -Postulaten unwürdig. Der Pegida-Bewegung solches  vorzuwerfen ist unredlich, denn das scheint ja das Prinzip unserer Politik zu sein. Beim Euroland, bei den Banken, beim Sozialen, immer regiert das Wunschdenken, und die Realität wird negiert.

Die ritualisierte, geradezu automatisierte Ablehnung des Argumentierens ist schädlich. Das Ignorieren der Zukunftsprobleme ist fahrlässig. Es ist Zeit für mehr Realismus.

 

Siehe auch Generation von Angst und Schwäche?

 

Mehr zum Thema:
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Religion veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar