Rechte Mitte

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shield-492989_640Die Friedrich-Ebert-Stiftung der SPD untersucht seit mehr als 10 Jahren die rechtsradikale Befindlichkeit in Deutschland. Dazu wurde eine neue Studie erstellt, die von der FEZ in verschiedenen Vorträgen von verschiedenen Referenten landesweit vorgestellt wird (Bild: geralt, pixabay).

Fragile Mitte – Feindselige ZuständeRechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014, so heißt die Studie. Aus dem Inhalt: Rechtsextremismus ist menschenfeindlich. Die verschiedenen Ausprägungen Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (GMF) sind Bestandteile rechtsextremer Orientierungen, weil Rechtsextremismus im Kern eine Ideologie der Ungleichwertigkeit ist, seine ideologische Legitimation also – anders als etwa der Linksextremismus – aus Selbstaufwertung durch Abwertung anderer bezieht. Rechtsextremismus im Kontext der Mitte-Studien heißt also extremes Denken: radikaler Ökonomismus, Europafeindlichkeit, Demokratiefeindlichkeit, Menschenfeindlichkeit – häufig in Verbindung mit Gewaltbilligung und Gewaltbereitschaft.

Kurz gefasst ist der Rechtsextremismus deutlich zurückgegangen, aber es gibt einen Trend der Verlagerung hin zu subtileren Formen der Abwertung anderer, etwa in Gestalt der Befürwortung von Etabliertenvorrechten, die gegenläufig zum Gesamttrend angestiegen ist.

Die Studie endet mit der Warnung: Wenn sich Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit als Norm durchsetzt, Demokratie grundsätzlich angezweifelt oder sogar für gescheitert erklärt wird, wenn sich ein Sozialdarwinismus, der die Gesellschaft letztlich als Kampfarena der Besten sieht, breit macht oder Neid- und Missgunstdebatten sowie eine Distanzierung von Europa die Oberhand gewinnen, dann ist die Lage der Demokratie fragil.

Der Text enthält denn auch einige Ratschläge, wie mit dem Phänomen umzugehen sei, welche Haltungen falsch oder richtig sind, und wo die Probleme liegen. Was dabei auffiel, sind ein paar Punkte, die der geneigten Leserschaft vorgelegt werden sollen:

  • Der Rechtsextremismus ist extern definiert, wohl anders als in wiki, nur wird im Vortrag gar nicht auf die Definition eingegangen. Das führt zu reichlich pauschalen Sichtweisen bei den stichwortgebenden Fragen. Zum Beispiel ist vorausgesetzt, dass jede Aussage "es gibt in meinem Viertel zuviele Ausländer" menschenfeindlich sei, auch wenn es 99% sein sollten. Desgleichen bei der Aussage "die schon da sind, sollen Vorrechte gegenüber den Hinzukommenden haben", als ob jeder aus der ganzen Welt herziehen könnte, und wer das ablehnt, ist menschenfeindlich. Auch die Aussage "Ausländer sind krimineller" gilt ohne Beweis des Gegenteils als menschenfeindlich.
  • Das gilt auch für die Bedrohungsgefühle, die mit den Immigranten verknüpft werden, obwohl doch tatsächlich viele Menschen ins Prekariat gedrückt werden, und die Hinzukommenden diesen Trend verstärken könnten – der  Gegenbeweis steht aus. Die rechtsextremistische Menschenfeindlichkeit scheint demnach aus dem Nirgendwo zu kommen; auf die tatsächliche Bedrohungslage der Menschen aus finanzieller Ungleichheit und sozialer Ungerechtigkeit wird nicht eingegangen.
  • Frappierend ist auch die Gleichsetzung von Menschenfeindlichkeit mit Rechtsradikalismus, obwohl die Studie sie doch zunehmend in der Mitte verortet. "Die Modelle greifen nicht, die Randgruppen mit den menschenfeindlchen Aussagen verknüpfen, das weise auf die Mitte hin", so die Aussage. Auf die Publikumsfrage, warum es dann Rechtsextremismus heiße, wussten die Referenten keine schlüssige Antwort zu geben.

Im Text liest sich das kurz vorm Ende so: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist ein zentrales Eingangstor für rechtsextreme Orientierungen, weil diese sich gewissermaßen ständig aus dem Reservoir der Menschenfeindlichkeit speisen. Das gelingt ihnen umso besser, je mehr auch Teile der Mehrheitsbevölkerung und im Besonderen jene, die sich als Mitte sehen beziehungsweise es auch sind, Ungleichwertigkeit als Normalzustand betrachten.

Fazit: der Rechtsextremismus ist gar nicht mehr rechts. Und wenn es ein Phänomen der Mitte ist, kann man auch nicht mehr von extrem reden. Korrekt wäre es, nur noch von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu sprechen, die weniger krass und mehr subtil verbreitet ist. Korrekterweise wäre dann auch nach der Schuld zu suchen, warum sind Menschen menschenfeindlich?

Es fasst zu kurz, wenn die Studie nur nach Deprivierten, Abgeschotteten oder AfD-Mitgliedern sucht. Die heißen Kandidaten für den wahren Grund findet man bei

  • der Religion, die prinzipiell menschenfeindlich ist, weil sie vermeintliche Gottesrechte über Menschenrechte stellt. Im christlichen Fall kaschiert sie das mit "Nächstenliebe", aber man schaue sich an, wieviele von seinen Milliarden der Vatikan für die "Nächsten" ausgibt, nämlich 0
  • der globalen Abzocke, die das gesamte Wirtschaftssystem zum Zweck der Generierung von unverdienten Profiten vereinnahmt hat und dabei beliebig viele arbeits- und perspektivlose (junge) Menschen als Kollateralschaden in Kauf nimmt, mit den Folgen Radikalisierung und Demokratieverachtung
  • die Übervölkerung, multipliziert mit der Raffke-Mentalität (wobei die von einigen wenigen reicht), die immer mehr Menschen in Konkurrenzsituationen drängt (nicht nur bei der Parkplatzsuche) – gegenüber der Achtung jedes Menschen als wertvoll, wo der Bevölkerungsdruck fehlt
  • der technische Fortschritt, der Roboter und Automaten hervorbringt, die mit der menschlichen Arbeitskraft konkurrieren, ohne dass sich das in sozialen Regeln niederschlagen würde, welche die Technik sozialabgabenpflichtig machen

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Eine Antwort auf Rechte Mitte

  1. Wilfried Müller sagt:

    Der Rechtsextremismus ist gar nicht mehr rechts – so das Fazit des Artikels. Eine satirische Aufarbeitung im SPIEGEL ONLINE vom 14.1. sagt es so: Integration absurd: Auch Pegida gehört zu Deutschland – Eine Satire von Stefan Kuzmany – Viele wollen es nicht wahrhaben, doch die Mehrheitsgesellschaft muss zur Kenntnis nehmen, dass Pegida-Mitläufer in Dresden zur festen Größe geworden sind. Hat hier die Integration versagt?

    Kolumne der Wirtschaftswoche vom 13.1. – Stephans Spitzen – Derzeit wäre ich lieber Französin: Doch in Deutschland steht der Feind nicht nur felsenfest rechts, er ist vor allem deutsch. … Sensible Beobachter erkennen Nazis auch da, wo sie weder Glatzen tragen noch Springerstiefel oder Hakenkreuztatoos. („Nazis in Nadelstreifen“, „Latenznazis“, „also Leute, die rechtsextreme Positionen vertreten, ohne zu wissen oder wissen zu wollen, dass sie rechtsextrem sind.“) Allerdings spricht der Artikel auch von der wohlwollenden Arroganz, die Terroristen nicht als Täter zu nehmen, sondern zu Opfern (der Verhältnisse) zu erklären – die sind natürlich beides.

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