® „ISLAMISIERUNG“ I

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islamisierung_nein_dan7tydSpätestens seit dem Aufkommen von AfD und Pegida (Alternative für Deutschland und Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) wird die angebliche Islamisierung Deutschlands (worauf ich mich hier beschränken möchte) ausgesprochen kontrovers diskutiert. Es lohnt sich also, einmal einen unvoreingenommenen Blick darauf zu werfen, was sich hinter der Begrifflichkeit verbirgt und was von verschiedenen Seiten darunter verstanden wird.

 

ISLAMISIERUNG in der historischen Betrachtung

Klassisch betrachtet versteht man unter Islamisierung die Übernahme des Islams als Staatsreligion und die Anpassung der allgemeinen Gesetze im Zivil- und Strafrecht an die Vorschriften soweit sie in der Shari’ah niedergelegt (nicht kodifiziert) sind. Dies ist in der frühen Ausdehnungsphase des Islams in den ersten Jahrhunderten seines Bestehens in einer ganzen Reihe von Ländern eingetreten – in einigen (wie Spanien) auch wieder rückgängig gemacht worden.

Viele Rechtspopulisten sind nun der Meinung, dass diese Form von Islamisierung auch zwangsläufig in Deutschland eintreten werde, da ja die Moslems in Bälde die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen würden. In ihren einschlägigen Blogs liest sich das dann so: „Sobald Moslems in der Mehrheit sind, haben sie nichts anderes im Sinn, als die Shari’ah als grundlegendes Gesetz einzuführen“. Das Mittel zum Erreichen dieser Mehrheit seien der „Geburten-Jihad“ und eine zügellose Einwanderung von Moslems. In der Folge dürften die Anhänger der anderen „Buchreligionen“ nur noch ein Dasein als „Dhimmis“ fristen mit stark eingeschränkten Bürgerrechten. Was mit den echten Ungläubigen zu geschehen habe könne man sich vorstellen, wenn man sich die Aussagen des Qur’ans zum Apostatentum anschaue.

Betrachtet man allerdings die Fakten so sieht man leicht, dass diese Befürchtung gänzlich unbegründet ist – und zwar gleich in mehrfacher Hinsicht. Rund gerechnet haben wir in Deutschland einen Moslemanteil von ca. 5% an der Gesamtbevölkerung – überwiegend mit türkischem Migrationshintergrund. Der Wanderungssaldo ist seit Jahren negativ, d.h. es wandern mehr Türken ab als neue hereinkommen. Die Geburtenrate deutsch-türkischer Frauen gleicht sich beständig an die der deutschen an und liegt nach neuesten Erhebungen nur noch bei 1.7 gegenüber 1.3. Ein (selbst relatives) Anwachsen ist also aus diesem  Teil der Bevölkerung nur in homöopathischen Dosen zu erwarten. Bleibt die Zuwanderung: Nach den Zahlen des BAMF kommt der weit überwiegende Teil der Zuwanderer aus ost- und südeuropäischen Ländern (über 77%), die zumeist orthodoxe oder katholische Christen sind. Es böte sich hier sogar an, von einer christlich geprägten Ostisierung oder Südisierung zu reden (man verzeihe mir die Neologismen). Einwanderer aus Afrika – soweit sie aus dem Bereich der Subsahara kommen – sind ebenfalls überwiegend christlich geprägt. Bleibt also ein Rest von Nordafrikanern, die in Europa versuchen, ihre Lebensumstände zu verbessern. Das sind Moslems, über deren Ansichten aber im Einzelnen noch nicht viel erhoben werden konnte (alles konzentriert sich im Wesentlichen auf die türkische Gemeinde). Gänzlich außen vor lassen muss man wohl die aus den Kriegsgebieten wie Syrien und Irak stammenden echten Asylsuchenden, die einen rechtlichen Anspruch auf Schutz und Sicherheit haben. Wie viele von ihnen nach Beendigung der Feindseligkeiten tatsächlich im Lande verbleiben werden ist noch unklar und darf unsere Überlegungen nicht beeinflussen.

Es steht also außer Frage, dass es eine solche „klassische“ Islamisierung nicht, oder jedenfalls nicht in überschaubaren Zeiträumen geben wird. Doch gehen wir einmal als Hypothese davon aus, dass irgendwann Moslems tatsächlich eine Mehrheit in Deutschland hätten. Wäre die Einführung von Islam als Staatsreligion und Etablierung der Shari’ah als Rechtssystem wirklich die unabwendbare Folge? Schon ergäbe sich die Frage, welche Version des Islams denn dann wohl eingeführt würde. Die bei uns lebenden türkischstämmigen Moslems hängen in knapper Mehrheit der Hanafiyyah an, Aleviten (immerhin 800.000 in Deutschland) haben der Shari’ah endgültig abgeschworen und setzen sich für eine Trennung von Staat und Religion ein wie wir Humanisten auch. Kurden wiederum (bei uns statistisch immer den Türken zugerechnet!) können mit beidem nichts anfangen und die Nordafrikaner ebenso. Ähnlich wie die Aleviten argumentieren auch die noch kleinen aber beständig wachsenden Gemeinden der liberalen Muslime. Es bliebe also der „harte Kern“ der von den orthodoxen muslimischen Verbänden Repräsentierten (ca. 10-15% der Moslems in D., aber sehr lautstark). Wie soll da EIN Islam als Staatsreligion überhaupt möglich sein? Das gibt es aus den genannten Gründen auch in anderen zu über 90% moslemischen Ländern nicht, wie der Irak mit dem Nebeneinander von Sunna und Shia eindrücklich zeigt. Doch selbst wenn ein homogener Islam beherrschend ist wie zum Beispiel in Tunesien (mit stark sufistischen Einschlägen), so heißt dies noch lange nicht, dass nun archaisch-religiöses Recht (wie etwa in Saudi Arabien) etabliert werden könnte. Die nach den ersten freien Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung dominierende Ennahdha hat es in Teilen versucht, zumindest Elemente der Shari’ah in der Verfassung unterzubringen. Sie sind weitestgehend gescheitert. Ein Beispiel: Ennahdha schlug vor, die Formulierung „Die Frau ist die Gefährtin des Mannes“ verbindlich zu machen und damit die bereits vor langer Zeit erkämpften Frauenrechte quasi auszuhebeln. Am nächsten Tag lernten sie dann die geballte Frauen-Power kennen, als sich ein riesiger Demonstrationszug von Frauen (und Männern) über die Ave. Habib Bourguiba zog um lauthals gegen diesen Affront zu protestieren. Der Vorschlag blieb daher kläglich stecken und markierte eine der größeren Niederlagen dieser extremistischen Partei.

Nun ist Tunesien zugegenermaßen ein absoluter Sonderfall, der aufgrund einer breiten in den letzten Jahrzehnten gewachsenen Bildungs- und Mittelschicht nicht so ohne weiteres mit anderen Ländern der Region verglichen werden darf. Aber immerhin zeigt Tunesien als „Leuchtturm“ an, wohin auch die Fahrt anderer Länder eines Tages gehen könnte. Die Ansätze dazu gab es bereits selbst im Nachbarland Libyen, wo allerdings die demokratischen Versuche von marodierenden Islamisten-Banden zusammenkartätscht wurden mit dem Erfolg, dass wir es hier im Moment mit einem „failed state“ zu tun haben. Sehr viel besser sieht es derzeit in Algerien aus, unserem westlichen Nachbarn. Seit dort die Religionsfreiheit eingeführt wurde (und Autonomie für die Rif-Kabylen) geht es beständig voran. Man zählt immerhin über 100.000 Konvertierungen zum Christentum. Man kann nur hoffen, dass nach dem absehbaren Abgang des greisen Präsidenten Bouteflika dieser Prozess fortgesetzt werden kann und nicht etwa die Terrororganisation Al Qaida du Maghreb Islamique Oberwasser bekommt. Auch in Marokko stehen die Zeichen nicht schlecht. Der junge König, dem aufgrund seiner Ausbildung in England eine konstitutionelle Monarchie vorschwebt, arbeitet beständig daran, dem konservativen Klerus winzige Zugeständnisse abzuringen. Er war extra drei Tage in Tunesien zu Besuch um sich vor Ort zu informieren, was da alles so machbar ist.

Wer nun sagt, dass noch nichts gewonnen sei, dem muss man natürlich Recht geben – alles steht noch auf sehr wackeligen Beinen. Aber immerhin ist ein Anfang gemacht und mit einigem gesunden Optimismus kann man sich eine bessere Zukunft auch für die islamischen moderaten Staaten durchaus vorstellen. Gestützt werden solche Bemühungen durch eine ganze Reibe arabischer und islamischer Philosophen und Denker, die in letzter Zeit vermehrt in diese Richtung publizieren und auch gelesen werden. Selbst von der konservativen Universität Al-Azhar kommen schon gelegentlich moderate Töne, auf die sich auch der Islam-Reformer Mouhanad Khorchide in Deutschland beruft. Es ist nicht ausgeschlossen, dass diese Bewegungen auch in Europa einen immer größeren Einfluss bekommen werden. Je mehr die fundamentalischen Versionen (wie sie sich in Saudi-Arabien oder im Islamischen Staat präsentieren) ins Blickfeld auch der (entsetzten) muslimischen Öffentlichkeit geraten, umso besser stehen die Chancen auf eine Zunahme der gemäßigten (oder weichgespülten) Varianten des Islams auch in Deutschland.

Sollte ich Unrecht haben und alles kollabiert eines Tages in Richtung Fundamentalismus, dann könnte mein Optimismus sich natürlich wie eine Fatwa Morgana in der heißen Wüstensonne erweisen.

 

Frank Berghaus

(Dieser Artikel wurde zuerst am 3.2.15 publiziert. Er stellt den Stand von 2015 dar. Diesem ersten Teil des Kapitels Islamisierung folgt morgen, 1.10., ein zweiter, in dem Frank Berghaus sich mit den anderen Facetten des Begriffs der „schleichenden Islamisierung“ beschäftigt. Zusätzlich folgt ein weiterer Islamisierungs-Artikel von Wilfried Müller, in dem die aktuellen Zahlen vorgerechnet und extrapoliert werden, und der im Ergebnis eine andere Einschätzung abliefert.)

Link zu Islamisierung-Artikeln

 

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3 Antworten auf ® „ISLAMISIERUNG“ I

  1. Argutus sagt:

    Eine klassische Islamisierung ist in Deutschland in der Tat ein überaus unrealistisches Szenario. Ich bezweifle aber, daß all jene, die sich gegen die Islamisierung des Abendlandes aussprechen, diesen Begriff wirklich in seiner vollen historischen Strenge meinen. Für viele bedeutet das bloß eine ihnen unerträglich scheinende Rücksichtnahme des Staates auf moslemische Befindlichkeiten.

    Die wiederum ist nichts weiter als ein Teilaspekt einer generellen Verstärkung des Einflusses der Religion auf das öffentliche Leben, an dem dann auch Christen und andere nicht ungern mitnaschen werden.

    So gesehen ist das, was da beklagt wird, auch aus humanistischer Sicht nicht einfach vom Tisch zu wischen, denn die Gefahr, daß der Säkularismus Schaden nimmt, ist durchaus ernst zu nehmen.

  2. Auf die "unkorrekten" Verwendungen werde ich im 2. Teil eingehen.

  3. Wilfried Müller sagt:

    Vielleicht kannst Du dann auch auf die Wirkung oder Nichtwirkung der Indoktrinierung eingehen, angesprochen in Koranschulen gehören nicht zu Deutschland, und auf die befremdliche Lücke bei der Emanzipation, beklagt in Emanzipatorisches Zoffpotential liegt brach?

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