Algemeihnbilldunk oder was?

image_pdfimage_print

baby-84626_640Bei ZEIT ONLINE wurde wie in den anderen großen Zeitungen das Thema Allgemeinbildung diskutiert, unter besonderer Berücksichtigung des Lateins und der Überflüssigkeit manchen Stoffs. Die Zeit bildet das Pro und Kontra am schönsten ab, und wissenbloggt setzt noch eins drauf (Bild: PublicDomainPictures, pixabay).

Pro

Schulfächer – Schönheit muss man lernen, so heißt der Pro-Artikel der Zeit (7.2.). Es ist ein Plädoyer für die Künste und die alten Sprachen von Ulrich Greiner. Sollen nun in der Schule stärker Alltagsfähigkeiten vermittelt werden, wie unsere Bildungsministerin Wanka sagte? Was ist mit dem ewigen Vorwurf, dass die Schule nicht auf das Leben vorbereite, sondern die armen Kinder mit unnützen Gedichten behellige?

Nützlich ist doch nur, was anwendbar ist und ertüchtigt, oder? Greiner meint dazu, es gehe gar nicht um die Frage, ob die Lebenswelt tatsächlich immer komplexer wird. Allein das Gefühl, es sei so, bestimme das Aufgabenfeld der Schule. Neue Kulturtechniken wie Computern, Surfen und der sonstige Umgang mit Medien, Mode und Werbung bestimmten die Curricula. Schließlich sei die Schule Vorbereitung auf den Beruf, und die bezahlten Berufe erfordern technisch-ökonomische und kommunikative Fertigkeiten.

Greiners Frage dazu: Wo aber bleibt das Schöne? Heute sei das eine unverständliche Frage, früher gehörte das aber einfach dazu. Als zuständig werden die Autoren Homer, Shakespeare, Horaz, Molière, Schiller und Mörike genannt. Die Rede sei von der Nützlichkeit des Unnützen (Zitat von Nuccio Ordine). Das geht gegen das ökonomische Nützlichkeitsdenken und strebt einen viel universelleren Sinn an. Den Geisteswissenschaften, den alten Sprachen, der Fantasie und der Kunst dürfe nicht der Garaus gemacht werden.

Heute müssen sich die scheinbar nutzlosen Fächer schon mit unmittelbaren Zwecken rechtfertigen, Latein ist gut für Logik, Grammatik, Englischlernen usw. Solche Argumentation aber sei eine Begründungsfalle, denn letztlich ist Latein ein Umweg. Trotzdem herrsche diese Zweck-Denke in den Schulbehörden (die Rabulistik dazu liest man besser im Zeit-Artikel nach).

Statt den Unterricht pädagogisch zu verzwecken, ginge es doch nur ums Schöne, das sei Begründung genug. Aber das Gefällige ändert sich, das Schöne bleibt, so der 2. Teil des Artikels. Der geht mit dem schönen Argument los, das Schöne könne man nicht begründen, es sei evident. Man müsse aber was dafür tun, um es zu erkennen (ganz so evident isses dann doch nicht), historische Kenntnis erwerben, ein geübtes Auge und Ohr. Das sei der Job der guten Schulen.

Dann geht's noch um die Macht der Schönheit, für die der Autor unter Einsatz von allerlei Bildungselementen wirbt. Das geht bis zur Verklärung des Schönen als "göttliche, ursprüngliche Idee", während die Hölle nicht bloß eine religiös-ethische, sondern auch eine ästhetische sei. Himmel, Hölle und Idealismus werden bemüht, wobei letzterer abhandengekommen sei. Doch die Schönheit als Idee dauere fort, ihre Formgesetze bleiben dieselben und sollten in der Schule erlernt werden. Kathedralen statt Konsumwelt, Wahres statt Waren, so das Credo.

Aber alas! das Schöne ruft Aggressionen hervor, Vernichtungswünsche gar, und um das zu erläutern, wird eine Oper von Benjamin Britten zitiert: "O Schönheit, o Lieblichkeit, wäre ich dir doch nie begegnet! Hätte ich doch in meiner Welt bleiben dürfen, in der Erbärmlichkeit, aus der ich kam! … Ich bin dazu verurteilt, dich zu vernichten. Ich will dich ausradieren vom Antlitz der Erde."

Ins Prosaische übersetzt, wird dieser Schönheitshass zum Vandalismus der Sprayer, zur Wut der Fundamentalisten, womöglich habe es noch nie eine Zeit gegeben, in der das Schöne solcher Verachtung und Wut ausgesetzt sei. Dabei verlange die Schönheit, die Welt sei mit Ehrfurcht und Aufmerksamkeit zu betrachten, wenn nicht gar mit dem Impetus, bessere Menschen zu werden. Doch gewiss mache ihr Studium uns klüger – deshalb seien die scheinbar unnützen Schulfächer so wichtig. Den Rest vom Weltwissen lernt man dann schon.

Kontra

Schule – Allgemeinbildung ist überschätzt, lautet der Titel des Gegenentwurfs von Yascha Mounk (13.2.). Er wendet sich gegen die direkte Nützlichkeit (besser Gebrauchsanweisung schreiben lernen als Goethe-Gedichtsbesprechung = schlimm), aber auch gegen die orthodoxe Kulturhudelei (Schillergedicht auswendig lernen = schlimmer).

Es gebe zwei verkümmerte Vorstellungen vom Zweck von Schule und Universität, die er auf den Nenner modernes Business-Englisch vs. nostalgisches Altgriechisch bringt. Gar so gegensätzlich seien die Positionen aber nicht. Vielmehr verstünden beide das Lernen als passiven Prozess, reines Faktenlernen.

Die Banküberweisung oder die Schiller-Glocke zu beherrschen, laufe aufs selbe hinaus. Der Lernprozess werde zum vorgegebenen Algorithmus, die analytischen Fähigkeiten würden vernachlässigt.

Der Nützlichkeitswahn der Bildungspolitik sei natürlich zu kritisieren, es müsse schon Platz für die Schönheit geben. Aber nicht, weil das Schüler und Studenten berufstauglich mache, sondern weil es ihnen ein "reflektiertes, selbstbestimmtes Leben" ermögliche. Der Widerspruch schön und nützlich existiere nicht. Man solle keine künsliche Front zwischen Schönheit und Nützlichkeit errichten.

Latein sei wirklich ein Umweg beim modernen Sprachenlernen, aber deswegen solle man Latein und Altgriechisch nicht gleich abschaffen. Wen's freut, der mag das lernen – aber warum nicht Chinesisch statt Latein oder Altgriechisch?

Das fragt der 2. Teil. vom Thema Allgemeinbildung ist überschätzt. Weil ja die meisten Leute eben keine Freude dran haben und Latein nur als Paukfach sehen, so wie Mounk auch, sei es kontraproduktiv. Mehr ein Dressurakt, ein Ausleseverfahren für Folgsame. Deshalb sei Chinesisch die bessere Idee. Da stecke eine große intellektuelle Herausforderung drin, es gebe Einblicke in eine wichtige Zivilisation – und nützlich sei es obendrein.

Aber die konkrete Wahl der Fächer sei ohnehin nicht das Problem, sondern wie sie unterricht würden. Die Allgemeinbildung spiele nämlich in Deutschland eine zu große Rolle: im Schulwesen, an der Uni und überhaupt. Das Bildungsbürgertum missbrauche die Allgemeinbildung geradezu, es spiele "Pingpong mit philosophischen Begriffen und Autorennamen", um sich vom Pöbel abzugrenzen.

Fazit: Gilt die Allgemeinbildung weniger, steigt die Chancengleichheit. Studenten sind nicht bloß dazu da, um das alte Wissen bestaunen, zusammenfassen und zur Literaturschau zu arrangieren (=Hausarbeit). Vielen solchen Arbeiten fehlen laut Mounk erkennbare Argumente, von Struktur und klarer Sprache ganz zu schweigen. Die Unikarriere funktioniere auch originelle Einsichten, es reiche, "Experte" zu sein.

Folglich argumentiert Mounk gegen sinnentleertes Faktensammeln und für Fantasie und analytisches Denken. Der Betreff sei egal, Fakten über die ollen Dichter seien nicht wertvoller als Fakten über moderne Zusammenhänge, und der Sinn für Ästhetik sei auch optional. Gelerntes nachbeten sei generell nicht produktiv, man solle sich lieber mit der Welt auseinandersetzen und Soft Skills erwerben.

Am Beispiel England und USA wird das verdeutlicht. Da zähle nicht die ehrfürchtige Zusammengfassung, sondern die reflektierte Meinung. Eigene Argumente, Neugier und Intelligenz seien dort gefragt statt leerem Wissen. Solche Fähigkeiten seien bei vielen Arbeitgebern gefragt. Die Uni kann sowieso nicht auf die beruflichen Aufgaben vorbereiten, das machen die Firmen schon selber. Wichtiger sei die Fähigkeit, sich schnell in Neues einzuarbeiten und richtige Schlüsse zu ziehen.

Das leitet zum 3. Teil über, wo der Autor wiederholt, dass er seine Studenten nicht fürs Berufsleben trainiert, sondern ihnen eine aktive Teilhabe an der Welt der Ideen beibringe. Die wunderbare Schönheit von Greiner sei ihm egal. Die Schüler und Studenten sollen interessante Fragen stellen und Antworten dazu finden.

Also nochmal: analytische Fähigkeiten fördern statt Faktenwissen. Nützlichkeit ist schön, Schönheit ist nützlich, aber beides ist nicht wirklich maßgebend. Der Nutzen verfällt zu schnell, weil sich alles ändert, und die gutbürgerliche Verehrung von Kunst und Bildung greife zu kurz.

Da verkomme die Kunst bloß zum Klassenkonsens, die Bildung zum Statusmarker. Besser sei es, den Kanon kritisch zu analysieren, ihn an der gegenwärtigen Hoch- und Populärkultur zu messen und selber kreativ zu werden.

wissenbloggt

Als das Thema unter Humanisten diskutiert wurde, sprach einer in der Runde das kluge Wort, statt Latein wäre Statistik besser. Die meisten Leute hätten auf diesem Gebiet die größten Defizite, sie verfügten weder über die grundlegenden Daten, noch über die Fähigkeit, sie richtig in Relation zu setzen.

Das mache viele Leute unfähig, mit Fakten richtig umzugehen. Sie würden Zahlen, Daten, Prozente, Schaubilder und Diagramme unreflektiert aufnehmen, ohne selber nachrechnen zu können, was die eigentliche Aussage ist, ohne prüfen zu können, wie relevant sie sind, ohne eigentlich zu verstehen, was Sache ist.

Also nix O Schönheit, o Lieblichkeit, sondern Statistik! Fakten lernen und damit umgehen lernen. Richtige Schlüsse ziehen und das Rüstzeug dazu beherrschen. Das ist die beste Allgemeinbildung.

Zum Thema siehe auch Bildungslücken

Mehr zum Thema:
Dieser Beitrag wurde unter Wissenschaft veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar