Willkommenskultur der Computer

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man-475559_640In der Diskussion steht nur die "Willkommenskultur" für Einwanderer, nicht aber das, was die moderne Technik ihren Benutzern entgegenbringt. Dabei ist das durchaus eine Hinterfragung wert. Es ist nämlich eine Vereinnahmungs- und Ausforschungs-Kultur, wie es sie bisher noch nie gab (Bild: geralt, pixabay).

Neu ist vor allem, dass die Spracherkennung auf allen Gebieten eingesetzt wird. Das ist ein ganz heikles Projekt der Künstlichen Intelligenz, das nach mehr als 20 Jahren Entwicklung anscheinend fertig für den Massengebrauch geworden ist.

Damit befasst sich Michael Spehr in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Unterhaltungselektronik – Horchposten im Wohnzimmer (15.2.): Demnach können die internetfähigen Fernsehgeräte jetzt in den Raum hineinhören. Sie verstehen das gesprochene Wort und können es übertragen, was die neue Technik umstritten mache.

Der Artikel spricht vom früheren Idyll "Lagerfeuer Fernsehen": Alle hatten sich lieb, selbst der Guckkasten im Wohnzimmer war ein netter Kerl. Nun werde das ersetzt durch "Spionage in den eigenen vier Wänden". Aber die Smartphones, Computer und Tablets sind ja schon da, also wäre das nix Neues. Immerhin ist es doch ein beeindruckender Schritt in Richtung Big Brother.

Erwähnt werden speziell die Samsung-Fernseher, die mit einer Software der Firma Nuance bestückt sind, einem  Unternehmen für Spracherkennungssysteme in allen erdenklichen Anwendungsbereichen. Inzwischen ist die Software so ausgereift, dass Millionen von Ärzten und Anwälten mit diesem System direkt in den PC diktieren, wie die FAS schreibt. 

Weil die Technik der Spracherkennung extrem aufwendig ist, werden die Sprachpartikel nicht vor Ort analysiert, sondern auf den Servern in der Computerwolke. Die Rede ist von einem Mehrkernprozessor mit 4-8 GB Arbeitsspeicher, der für Vokabular und Sprachprofile nötig ist. Zudem kann der Server zentral gepflegt und aktualisiert werden, was in dieser Entwicklungsphase gewiss von Vorteil ist. Die Computer werden das allerdings bald auch alleine können, während Smartphones und Fernsehgeräte derzeit noch deutlich überfordert sind.

Was sich abzeichnet, ist der Gesamtverbund der Computerwelt im Hause, TV plus Receiver plus Recorder plus Streamingdienste plus Personalisierung. Das letztere macht die Sache für die Werbung interessant, denn alle persönlichen Vorlieben werden erkannt, gespeichert, verkauft und ausgenutzt.

Noch geht die vollautomatische Ausforschung abzuschalten, aber um die eigenen Daten zu löschen, muss man schon heute lange Wege gehen. Wenn die FAS Namedropping macht, wer alles auf dem Gebiet mitmischt, kommt eine umfassende Phalanx praktisch aller Anbieter raus. Für den Anwender heißt das, alle tun's, und alle müssen mitmachen.

Willkommen

Der aktuelle Zustand spricht für sich. Wer offenen Auges am Computer arbeitet, der fühlt sich herumgeschubst. Das Ding fährt sich hoch und schreibt erstmal Willkommen auf den Bildschirm. Die Machtverhältnisse sind damit abgesteckt. Man ist nur zu Gast auf seinem eigenen Computer. Wer einen da willkommen heißt, das sind die eigentlichen Machthaber – und sie liegen miteinander im Clinch.

Nur so erklärt sich die Nervware, von der man ständig drangsaliert wird. Alle Naselang pfuscht eine unbestellte Meldung in den Bildschirm rein. Ist heute Valentinstag? Dann beglückwünscht einen die Software dazu und will Aufmerksamkeit absaugen. Hat man eine zweifelhafte Datei erwischt? Dann kommt die Software schweifwedelnd an und verkleckert Eigenlob fürs Erkennen möglicher Gefahren von anderer Software.

Der Computer beträgt sich so, als ob man im Leben überall reinplatzen dürfte. Woanders gibt es Schamschranken, aber in der digitalen Welt sind sie weitgehend gefallen. Dauernd erwischt man den Rechner dabei, wie er Sachen runterlädt, auch wenn die automatischen Updates zehnmal abgeschaltet sind, und die Cookies verboten sind, und die Tasklist entstrubbelt ist.

Gnadenlos

Wie weit das heute schon geht, zeigt ein anderer FAS-Artikel von Michael Spehr, Samsung gnadenlos  (15.2., nicht online). Zu der ersten Schlagzeile (das ist der oben besprochene Artikel) machte Samsung demnach in der vergangenen Woche nochmal von sich reden. Die zweite Schlagzeile ist noch neu und ziemlich atemberaubend. Das "Smart TV" von Samsung blendet Werbefilme in unsere eigenen Inhalte ein!

Zum Beispiel eigene Videos, die von der eigenen Festplatte abgespielt werden, kriegen alle halbe Stunde von Samsung eine Pepsi-Reklame eingeblendet. Der Hersteller bezeichnet das laut FAS als "Fehler in der Voreinstellung", aber der Autor wundert sich bei Samsung über nichts mehr: Die smarten Fernsehempfänger mit Internetanschluss zwingen einem Apps auf, auch wenn man sie nicht will.

Sie seien genauso dreist wie die Samsung-Smartphones. Das Fazit der FAS: Auch wenn der Kunde das Gerät gekauft hat, gehört es Samsung. Die Firma legt Inhalte, Oberfläche, Dienste und Nervware fest. Man wird fortwährend zurechtgeschustert. Michael Spehr nennt das nicht nur dreist, sondern ein rigides Bevormundungssystem, dem jeder Respekt vor dem Kunden fehle. Er bezweifelt, ob das noch lange gutgehen kann – soweit die FAS.

Dreist

Tja, wenn's nicht weiter gutgeht, dann geht's eben schlecht weiter. Schließlich macht Apple genau dasselbe. Die Firmen haben ein dreistes und rigides Bevormundungssystem, das den Anwender an seine eigenen Daten kaum dran lässt und ihn mit ungewollten Dingen nervt.

Die Willkommenskultur der Computerwelt ist eine Unterwerfungskultur mit Aspekten von totaler Niederwerfung. Wenn die Hersteller frech genug sind, um so eine Nerverei zu veranstalten, sind sie dann nicht auch willens, die Erpresserei beliebig auszuweiten?

Heute sagt der Computer zu einem, Booten in 10 Minuten. Man kann einstellen 10 min, 1 std oder morgen, nur abschalten geht gar nicht. Wann wird er zu uns sagen, Platte formatieren in 10 Minuten, und man kann einstellen 10 Dollar von diesem Konto abbuchen, 10 Dollar vom anderen Konto abbuchen, 10 Dollar vom dritten Konto abbuchen, und keine andere Wahl ist möglich? Oder die automatisierte Erpressung anhand der Pornoseiten, die einer anschaut? Das Bild wird bei Deiner Freundin hochgeladen, oder 10 Dollar her?

Oder 100, 1000, sonstwieviel Dollar? Vielleicht auch erstmal nur 10 Cent, um die Opfer gefügig zu machen und die Sache ohne viel Sperenzchen in Schwung zu bringen? Skrupel braucht man bei den modernen Unternehmen nicht zu unterstellen. Die Gesetzeslage wird schon irgendwie hingepfuscht, und die Verlagerung ins Ausland hilft. Die globale Logik der Entskrupelung wirkt auch hier:

Wenn einer mit irgendwelchen Gemeinheiten anfängt, müssen alle anderen damit nachziehen, sonst werden sie aus dem Markt gedrängt.

Wir gehen sehenden Auges in eine Kultur, die Willkommen in der Computerhölle heißen könnte. Im Grunde gibt es nur ein Mittel gegen die dreisten Eroberer des digitalen Neulands, und das ist die Regulierung. Als erste Übung müsste die Nervware abschaltbar werden, und zwar muss das komplett abschaltbar sein, und nicht in 100 Programmen anders, falls es überhaupt geht.

Wenn nicht mal diese Minimalforderung durchsetzbar ist, dann dürfte der Kampf um die Macht im Computer verloren gehen. Das fighten dann die Anbieter unter sich aus, wer da die Oberhoheit gewinnt. Und für die Anwender heißt es Willkommen in der digitalen Sklaverei.

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Eine Antwort auf Willkommenskultur der Computer

  1. Wilfried Müller sagt:

    Dazu zwei Nachträge aus der SZ vom 18.2., wie sie weiter nicht auseinander sein könnten: Datenschutz – Privatsphäre kostet extra: Wer nicht zahlt, wird überwacht: Der US-Netzbetreiber AT&T speichert alles, was seine Kunden im Internet tun – wenn sie nicht für die Löschung bezahlen. Auch in Deutschland bitten Internet-Provider für Selbstverständlichkeiten zur Kasse.

    Zugleich macht man sich Gedanken, wie die Daten möglichst unendlich lange gespeichert bleiben können, zumal die moderne Software sie nicht mehr definiert dateiweise ablegt, sondern in allerlei Häufchen hier und da, Internet-Archivierung – Lang lebe die Datei: … mit jedem neuen Smartphone und jedem neuen Browser wächst das Risiko, dass viele Dateien nicht mehr lesbar sein können. Forscher suchen deshalb nach dem "digitalen Pergamentpapier", das viele Generationen überdauert.

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