Die Roboter sind schon da

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robot-161582_640Die Roboter kommen, heißt ein hochinteressanter Artikel der Süddeutschen Zeitung von diesem Wochenende (21.+22.2. im Wirtschaftsteil, Autor Varina Bernau, nicht online). Die SZ hat dem Thema fast eine ganze Seite gewidmet; es lohnt sich, das zu lesen (Bild: OpenClips, pixabay).

Aus dem Inhalt: Jetzt sind außer den Jobs in den Fabrikhallen auch die Jobs in den Büros gefährdet. Das gilt für fast alle Berufe; auch den smarten Business-School-Absolventen erwächst Konkurrenz in den Maschinen.

Investment-Programme agieren schneller und zuverlässiger auf dem Kapitalmarkt als menschliche Anleger, alles geht nach Kosten-Nutzen-Kalkulation und frei von Emotionen (hierbei wird die Tatsache ausgeblendet, dass es ohne Emotionen keine Wertungen gibt und ohne Wertungen keine Entscheidungen. Wenn die Automaten also Entscheidungen fällen, sind ihnen die Wertungen an irgendeiner Stelle einprogrammiert, z.B. die Bewertung von Kosten und Nutzen, siehe auch Nachgedanken zum Freien Willen).

Fakt ist, die Beschäftigten von heute sind bei allem Fachwissen und aller sozialen Intelligenz ohne Jobgarantie. Dafür sorgen u.a. die 290 Mio. Dollar Risikokapital, die 2014 an verschiedene Start-Ups in der Branche gingen (neben den Milliarden, die sonst noch dort investiert werden).

In der Schreibe der SZ heißt das, Anwälte konkurrieren mit Algorithmen, Controller mit schneller Software, Köche werden von Rezeptmaschinen herausgefordert, Journalisten von Maschinen, die auf ähnliche Weise Textbausteine zusammenrühren. Die Zeiten, wo die Roboter-Umwälzungen nur die gering Qualifizierten trafen, sind vorbei. Jetzt geht es auch gegen die gut Ausgebildeten.

Was wird dann aus dem Wert der Arbeit? heißt die Frage angesichts der neuen Automatisierungswellen. Und wie wird der Wohlstand verteilt, den diese neuen Wellen schaffen? Bernau greift zurück auf die industrielle Revolution, wo die Innovation allmählich bessere Jobs schuf. Allerdings profitierten anfangs nur die Fabrikbesitzer, und die Arbeitenden mussten erst Sozialreformen erkämpfen.

Die Teilhabe und das Zurückdrängen der Ungleichheit war keine Selbstverständlichkeit, so Bernau, sondern eine gesellschaftliche Errungenschaft – und nun kommen die Roboter. Sie haben eine atemberaubende Entwicklung genommen, wie der Artikel darlegt. Sie wurden leistungsfähiger, billiger, smarter. Die Entwicklung erinnert an den PC (Personal Computer), es könnte einen PR (Personal Roboter) geben (Ergänzung von wb). Roboter sind schon ab 25.000 Dollar zu haben (Computer damals 10.000 Dollar).

Die Crux ist, dass der neue Wohlstand wieder allen zugutekommt, ist keineswegs sicher. Die Lohnentwicklung in USA und Deutschland stagniert seit den 1980er Jahren, was mit dem Beginn des Computerzeitalters zusammenfällt. Es taucht wieder das Problem der wachsenden Ungleichheit auf, dem wissenbloggt so viele Artikel gewidmet hat, siehe z.B. 2014: Jahr der Ungleichheit).

Der Sz-Artikel findet es vordergründig absurd, wenn Menschen gegen Maschinen demonstrieren, die ihnen lästige und schwere Arbeit abnehmen. (Sind die Demos gegen Uber vielleicht die erste Welle?) Wo die Roboter aber gegen die Menschen arbeiten statt für sie, macht das durchaus Sinn. Was auch Sinn macht, ist der Ratschlag, Fähigkeiten zu erwerben, die in einer automatisierten Arbeitswelt noch gefragt sind.

Aber welche das seien, dazu sagt die Autorin was Sinnloses, nämlich dass Roboter wohl niemals was Kreatives und Neues schaffen können. Diese Aussage deutet darauf hin, dass die Autorin keine Programmiererin ist, sonst wüsste sie, dass Kreativität programmierbar ist. Es werden auch andere Quellen zitiert, die Architekten oder Künstler für unnachahmlich halten. Den Gegenbeweis sieht man, wenn man ein paar Mal umblättert, da ist dann die Rede von Roboterkunst (mit Bild).

Die SZ bringt eine Tabelle der Wahrscheinlichkeiten von Frey/Osborne, mit denen ausgesuchte Jobs verdrängt oder nicht verdrängt werden, dem stellt wb eigene Daumenpeilungen entgegen (plus Raum für Leser-Einschätzungen):

Job wird verdrängt SZ wb eigene
Schiedsrichter 99% 10%  
Kurier 94% 75%  
Modellbauer 93% 99%  
Bäcker 89% 80%  
Briefsortierer 79% 90%  
Tischler 72% 80%  
Busfahrer 67% 70%  
Programmierer 48% 50%  
Rettungsfahrer 25% 30%  
Fluglotse 11% 80%  
Reiseleiter 5,7% 10%  
Bauer 4,7% 50%  
Anwalt 3,5% 75%  
Grundschullehrer 0,4% 50%  
Chirurg, Zahnarzt 0,4% 50%  
Notaufnahme-Manager 0,3% 50%  

Bildung sei die beste Absicherung gegen sozialen Abstieg, wird nochmal betont. Ein Gegenargument steht aber auch drin, nämlich dass es Billigjobs gibt, die (noch) keine Automatisierung lohnen, so dass Aushilfskellner wohl immer gebraucht würden. Dass die Kunden keine Maschinen um sich herumsurren lassen wollen, dürfte aber zu optimistisch geschätzt sein, es gibt ja immer mehr Essensautomaten, und der Imperativ billig! ist überaus machtvoll.

Der Artikel endet mit den Fragen, die wissenbloggt seit jeher stellt, siehe z.B. die Schicksalsfragen in Das Ethosdefizit. Solche Fragen kann man heute auch in der SZ lesen: Wieso zahlen die Roboter keine Sozialabgaben? Wie realistisch ist es, dass sie's bald mal tun? Wo doch die Spitzenfirmen wie Amazon und Google (und Apple usw. usf.) die ärgsten Steuerflüchter und Billigmacher sind? Auf diese drängenden Fragen gilt es Antwort zu finden.

Wohl gesprochen, Varina Bernau! Und die Antwort drängt noch mehr, denn die Roboter kommen nicht nur, die sind schon da!

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