Religion als Rettung vor Robotern?

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education-381909_640In der New York Times vom 7.3. schreibt Ross Douthat über die Ängste vor den technischen Umwälzungen. The Case for Old Ideas heißt der Artikel, in dem es um die mögliche Übernahme der Roboter geht, die den Menschen überflüssig machen könnten – Zeit zur Rückbesinnung, meint der Autor (Bild: geralt, pixabay).

Inzwischen scheine es plausibel, dass unsere reiche Technokratie gewöhnliche Menschen ohne spezielle Begabungen nicht länger mit sinnvoller Arbeit versorgen kann, selbst wenn das System immer mehr Möglichkeiten und immer mehr Wohlstand generiert, und vielleicht sogar immer längeres Leben für die reiche Elite.

Damit zielt die NYT auf die Seite Edge.org, wo der Nobelpreisträger Daniel Kahneman und der israelische Geschichtsprofessor Yuval Noah Harari eine provokative Diskussion führten (Death is optional): Wenn Gehirne und Computer unmittelbar über eine Schnittstelle interagieren können, bedeute das das Ende der herkömmlichen Biologie. Niemand könne die Folgen davon absehen, wenn das Leben aus der Biosphäre in die Computersphäre ausgeweitet wird. Das Argument lautet, organische Gehirne könnten sich nicht vorstellen, zu was Computerhirne fähig sind (Anmerkung wissenbloggt: doch, können sie, die Literatur ist voll davon).

Singularität

Die Rede ist wieder von der Singularität, siehe dazu Nachdenken über Denkmaschinen und In der KI-Falle. Das ist der Punkt, wo der Knoten platzt und die Roboter sich selber besser weiterentwickeln können als der Mensch es könnte.

In die Edge-Diskussion geht es mit einem Lob hinein, Kahneman lobt das Buch von Harari, Sapiens: A Brief History Of Mankind, er habe es zweimal gelesen. Nicht gar so voll des Lobes ist eine Rezension von Galen Strawson in theguardian. Da wird auch gelobt, aber Hararis These von der Riesenlücke zwischen Menschenwissenschaften und "liberalem Humanismus" wird als Unsinn apostrophiert. Pikant ist das Ende: Harari habe wohl recht mit der Aussage, nur Kriminelle würden ein Haus mit Koffern voller Banknoten kaufen – genau das finde bei 35% des besseren Londoner Häusermarkts statt.

Die eigentliche These ist aber, dass die Umwälzungen unserer Zeit neue Klassen und neue Klassenkämpfe bringen werden, wie einst bei der  Industriellen Revolution.

Denn bald würden die Reichen imstande sein, Körper und Geist zu überarbeiten ("re-engineer", mit dem kessen Spruch Death is optional) und so die Gleichheit der Menschen ad absurdum führen. Derweil verlieren die Massen ihre Arbeitsplätze an die Maschinen. Sie verlieren ihren militärischen und ökonomischen Wert, sie sind nur noch Akklamateure für die neue Reichtumselite. Was ihnen bleibt, ist Brot und Zirkus wie bei den Römern. Der Artikel übersetzt das alternativ in Drogen und Videospiele und sieht die übersättigten, gelangweilten, abgestoßenen Djidadisten als Vorgeschmack auf diese Zukunft.

Szenario

Soweit das Szenario von Harari (und 1000 Science-Fiction-Schreibern vorher, wb). Man wisse nicht, ob die Technik so weit vordringt, aber die Anzeichen seien da. (Bezahlte) Arbeit wird knapper, die Reichen bleiben und heiraten zunehmend unter sich, die virtuelle Welt ersetzt überall die realweltlichen Umgangsformen.

Und nichts biete sich als Lösung an, so die weitere Kernaussage von Harari, und wie damals bei der Industriellen Revolution seien die alten Antworten irrelevant. Das zielt jetzt auf die Religion, speziell die religiösen "Reanimierungsbemühungen". Nicht das mittelalterliche Treiben des IS ist gemeint, sondern der Mainstream. In Bibel und Koran seien keine Antworten zu finden, um die Probleme der Globalisierung zu lösen. Da erscheint wieder die Parallele zu den Problemen der Industriellen Revolution, wo die Problemlösung "aus dem Studium von Technik und Wissenschaft hervorging".

Fehlargument

Wenn damit die Menschenrechte gemeint sind, könnte man das Argument anerkennen. Viele tun's anscheinend auch, aber der Kritiker Ross Douthat tut's nicht. Er sieht einen Fehler in Hararis Argumentation. Mag schon sein, dass neue Ideen aus der technischen und wissenschaftlichen Sphäre den Menschen durch die Turbulenzen der Industrialisierung halfen. Aber wer ging denn mitten hinein und arbeitete vor Ort? Wer bekämpfte die Grausamkeiten, setzte sich für soziale Reformen ein und baute die Gesellschaft neu auf? Wer kämpfte gegen die Neuauflage der Sklaverei, die mit der Industrialisierung aufkam?

Das Verdienst daran möchte der Kritiker vor allem den Religiösen zuschieben. Da mischt er die Einsätze für die Ausgebeuteten mit denen für die Vertriebenen, Entrechteten und sonstwie grausam Behandelten. Auch seien die harschen Innovationen oft durch uralte moralische und religiöse Politur verträglich gemacht worden. Er sieht das klassenkämpferische Geschehen durch die religiöse Brille. Nach seiner Ansicht hielten die religiösen Humanisten ("religious humanists") die Ideale der Gleichheit usw. hoch.

Alte Ideale

Diese alten Ideale – nenne man sie Religion oder Ethik – dürften nicht unterschätzt werden, religiöse Erneuerung und Mobilisierung seien seit 1950 gestaltende Elemente des Westens gewesen (das kommt etwas überraschend, wo sie doch seit der Zeit ihren Niedergang nehmen, wb). Mehr noch, die religiösen Ideen hätten auch in den Entwicklungsländern eine wichtige Rolle bei ihrem Aufschwung gespielt, und sogar die erfolgreiche Antwort auf den IS hieße Islam.

Dass nur die traditionellen Ideale den modernen Staaten durch die Umwälzungen hindurchhelfen könnten, sei aber gar nicht der Punkt. Auf diese Weise nehme z.B. der IS den Untergang vieler alter Regime vorweg, das sei also nicht der Weg. Vielmehr liege das Problem darin, dass unsere Intelligentia stets wissenschaftliche Lösungen suche anstelle der alten Wahrheiten, und dass das so oft schlechte Ergebnisse gebracht hätte. Die Ideen, die im 19. Jahrhundert neu und modern erschienen, hätten das 20. Jahrhundert zerstört und mit Faschismus und Kommunismus überzogen.

Also nicht Silicon Valley als neuer "techno-utopian, trans-humanist"-Religionsspender, denn wenn das kommt, werde man sich bald genug nach den alten Idealen und Religionen als Rettung sehnen – soweit der NYT-Artikel.

Fazit

Darin wird uns eine modernisierte Form des Kopf-in-den-Sand-Steckens vorgeführt. In aller Schärfe offenbart sich, dass die Religionen nichts anzubieten haben, mit dem die modernen Zeitläufte vernünftig steuern könnten, und dass manche sie trotzdem als Rettungsanker herbeisehnen.

Die Angst vor den neuen Umwälzungen lässt die Angst vor der Religion verblassen, und das trotz des IS-Beispiels. Im Grunde ist das ein Hilferuf nach einer Befreiung des Ethos' von der religiösen Vereinnahmung und einer Ertüchtigung der Menschen-, Arbeits- und Umweltrechte als übergeordnetes Prinzip, dem sich der globale Kommerz fügen müsste.

Dies Thema ist bei wb vielfach abgehandelt. Als direkte Antwort zu dem NYT-Artikel kann der Aufsatz Religion richtet schweren Schaden an gelten. Auch der Überbau zu den Schuldzuweisungen Emanzipation von der Religion weist auf die alten Ideale als Ursache der Probleme hin und nicht als Lösung.

Weitere Links zu dem Kahneman-Buch:

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