Neue Popo-Logik

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buttocks-161584__180Groß im Kommen heißt ein wunderbarer Artikel der Süddeutschen Zeitung von heute, 22.3., Autor Dennis Braatz. Der Untertitel des nicht onlinenen Textes spricht für sich: Oberweite? Egal! Stattdessen dreht sich beim neuen Schönheitsideal für Frauen jetzt alles ums pralle Hinterteil. Untersucht wird die Frage, woher kommt die neue Pop(o)-Kultur? (Bild: OpenClips, pixabay)

Gemäß Chauvi-Logik betrifft das exklusiv die Weiblichkeit. Wenn's um den weiblichen derrière geht, ist Madonna gern vorne dabei, wie die SZ am 9.2. ganz prosaisch schrieb: Madonna zeigt ihren Hintern. Kein Vergleich mit dem jetzigen Artikel, der sich geradezu lyrisch um den Allerwertesten bemüht. Der ist nämlich jetzt in.

Wer die Trends nicht mitbekommen hat, kann sich in der SZ informieren. Die 1980er-Jahre verlangten die V-Silhouette mit Schulter-Taille-Verhältnis von 2:1. Die 90er warben für die Eieruhr mit 90-60-90. Die Nullerjahre fingen mit der Größe Zero an, kein Busen, keine Taille, keine Hüften. 2010 war alles geplättet, aber 2015 rührt sich wieder was. Die neue magische Zahl heißt 45.

Und zwar soll nach dem unerfindlichen Beschluss des Modediktats ein Winkel von 45 Grad zwischen Rückgrat und Po-Ansatz liegen. Angeblich wurde das sogar wissenschaftlich als besonders sexy herausgetestet. Im Klartext: der dicke Hintern liegt wieder vorn.

Die Begeisterung führte zu lauter rückwärtigen Selfies, Belfies genannt (Kunstwort aus butt & selfie). Die Modemagazine haben es noch nicht geschafft, ihre Models so zu verdrehen, dass Gesicht und allerwertestes Sitzfleisch zusammen ins Bild kommen, und so werden die Topmodels nun von hinten auf die Titelseiten gedruckt. 

Warum? Warum zeigt z.B. Madonna ihren Hintern? Nun, wir leben im Zeitalter des Hinterns, oder nicht? wird sie in der SZ zitiert. Das ist gut zu wissen, und es erklärt auch einige der Probleme, die man als Humanist hat. Das menschliche Bewusstsein wird ja als Focus verstanden, und wenn nun der Focus auf den Popo gerichtet ist, stellt sich sozusagen ein Popo-Bewusstsein ein. Logo dass man da anders argumentieren muss als immer mit dieser langweiligen Methode, Logik heißt sie wohl.

Immerhin können sich die Hirnhälften doch sehr attraktiv in den Popo-Hälften spiegeln, und so mancher mag beim Focus-Wechsel eher gewinnen als verlieren … Doch weiter mit den hinterwärtigen SZ-Betrachtungen.

Der Popo wird nun von Stars wie Beyoncé, Shakira, Kim Kardashian und Jennifer Lopez betont. Der Artikel vertieft nicht, was für Töne das sind, und ob man sich auf eine audiovisuelle Ausprägung der neuen Präferenz gefasst machen muss. In gewisser Weise wohl schon, wie geraunt wird, denn z.B. die Rapperin Nicki Minaj hätte einen Hintern von surrealen Ausmaß (Angabe SZ), mit dem sie Kleider zum Platzen brachte.

Was ist nun von diesem Hintern-Hype zu halten? kalauert die SZ. Endlich sei wieder ein weiblicher Körper modisch legitim, der nicht auf KZ-Standard heruntergehungert ist. Die Frauen aus der Pop(o)-Szene haben die Deutungshoheit über ihren Körper zurückerobert. Die weibliche Form sei im Körperideal-Mainstream angekommen, die Musikvideos sind voll davon. 

"Booty" heißt das Teil neuerdings, unter diesem Namen macht es einen Siegeszug. Das geht bis zur chirurgischen Po-Vergrößerung nach dem slogan "butts are the new boobs", Pobacken sind die neuen Möpse. Die Fitness-Studios bieten Po-Programme an, der Po hat sich von der Po-Beine-Busen-Problemzone emanzipiert.

Neue Modelabels werden dem gerecht mit Ausschnitten bis ganz unten, die  einen schönen Popo-Focus gewähren. Das neue Decolleté liegt hinten unten. Ein ganz neues Popo-Verständnis breitet sich aus. Ob das wohl auf andere Bereiche übergreift? Eine moderne Popo-Politik vielleicht?

Da bleiben wir lieber beim bewährten und nennen das Verarsche.

Siehe auch Beschleunigter Stoffwechsel

Bild von eatliver.com

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