Zivilisationskrankheiten

image_pdfimage_print

teddy-562960_640Immer wieder stößt man auf Fassungslosigkeit, wo die Menschen mit den Auswüchsen der islamistischen Religionsausübung konfrontiert werden. Wie können sich junge Leute von sowas angezogen fühlen? Das ist eine  quälende Frage.

Anders herum muss man aber fragen, was stößt die Leute an unserer abendländischen Zivilisation ab? Leben wir denn nicht in der besten aller denkbaren Welten?

Die Antwort darauf ist ein klares Nein. Unser Zivilisationsmodell ist schwer beschädigt. Die Segnungen von Aufklärung, Demokratie, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit werden von schweren Fehlern beeinträchtigt. Unsere Zivilisation krankt an Missbrauch, Insuffizienzen, Systemfehlern, Heucheleien und anderen Defekten (Bid: condesign, pixabay). Grund genug für eine kritische Betrachtung:

 

Unsere schweren Fehler – woran unsere Zivilisation krankt

  1. Wissenschaft-Technik-Religion (="Gottesrecht") statt Wissenschaft-Technik-Menschenrecht – der Riesenerfolg der Wissenschaft hat Umwälzungen in der Technik hervorgebracht. Nur ließ sich das nicht mit einem modernen Ethos verknüpfen, das zu Wissenschaft und Technik passt. Die Religionen haben erfolgreich ihre vorwissenschaftlichen Irrtümer am modernen Erkenntnisstand vorbeigerettet und das Ethos weltweit gegen den Fortschritt abgeschottet. Der Mensch darf sich nicht zum Gott erheben, so das Dogma – obwohl er doch genau das tut. Dank der religiösen Bevormundung tut er es ohne die passenden Regeln, denn indem sie die alten Dogmen hochhalten, sorgen die Religionen für ein Ethosdefizit. Sie wollen den heiligen Büchern kein modernes Update verpassen, obwohl die nichts von Internet, Globalisierung, Computern und Robotern wissen. Wo kein Ethos den Weg weist, entsteht ein rechtsfreier Raum, der vom Kommerz erobert wird. Anstatt neue Regeln zu schaffen, damit sich die technischen Umwälzungen zugunsten der Allgemeinheit auswirken, wurde das Gegenteil getan, und der Protest dagegen blieb aus. Seit 40 Jahren wird dereguliert, mit schwerwiegenden Folgen.
  2. Finanzen – die Finanzwelt ist zu einer Karikatur ihrer eigentlichen Zwecke geworden. Die Banken sammeln nicht mehr das Geld der Sparer ein, um es gegen Zinsen der Wirtschaft verfügbar zu machen, sondern sie schöpen selber Geld. Die Börsen bieten den Anlegern  keine Plattform mehr, die für langfristige Investments ausgelegt ist. Stattdessen wird schwerster Missbrauch getrieben: Der alltägliche Bankenbetrieb wird von Gesetzesverstößen garniert, die Börsen sind zu Zockerbuden geworden, die Investments haben Halbwertszeiten im Millisekundenbereich, der Derivatehandel dient nicht mehr der Realwirtschaft, die unsauberen Geschäfte wandern in einen Schattenbereich ab. In der Folge akkumuliert eine Elite von Schmarotzern unverdienten Reichtum. Die gesamten Wohlstandsgewinne der Welt werden vom oberen 1% oder gar 0,1% abgesaugt. Die Macht von deren Lobby ist so groß, dass die Politik nicht dagegen ankommt. Die Steueroasen prosperieren seit 40 Jahren, und das Bankgeheimnis erlaubt Kleptomanen und -kraten weiterhin, ihre Beute zu verstecken – wenn nicht hier, dann eben da.
  3. Wirtschaft – die Globalisierung schafft weltweite Märkte, in denen nur bestehen kann, wer mit dem Outsourcen, Offshoren und Billigmachen vorangeht. Wer mehr als das absolute Minimum an Lohn zahlt und keinen Raubbau an der Umwelt treibt, ist nicht mehr konkurrenzfähig und wird von billigeren Anbietern verdrängt. Das Know-How steckt im Computer drin, es gehört den Firmen und ist weltweit gegen die Beschäftigten einsetzbar. Die Wirtschaft dient dem Kapital, nicht den Arbeitenden. Die werden billiggemacht oder von Robotern und Automaten verdrängt. Die Sozialabgaben werden größtenteils den Arbeitenden abverlangt, nur wenig den Besitzenden und gar nichts den Robotern. Das erfolgreichste Firmenmodell ist das der Agentur, die Anwälte und Lobbyisten beschäftigt, um die Regeln zu ihrem Nutzen zu verbiegen oder wenigstens mit Regelverstößen durchzukommen. Die Arbeit wird in Niedriglohnländer ausgelagert, die Gewinne werden in Niedrigsteuerländer verschoben. Unsere realen Arbeitslöhne stagnieren seit 40 Jahren, während unsere Staaten immer mehr Schulden für uns machen. Unterm Strich werden wir ärmer, und unsere Lebensperspektive wird immer prekärer.
  4. Bevölkerungsexplosion – wir haben all die Jahre zugeschaut, wie sich die Menschen weltweit unverantwortlich vermehrten. Kinder werden geboren, egal ob eine auskömmliche Lebensperspektive sie erwartet oder nicht. Wo der demokratische Wille die Geburtsquoten sinken lässt, bemüht sich die Politik um Bevölkerungsvermehrungsprogramme. Die Religion tut das seit jeher und trägt deshalb schwere Schuld an der Bevölkerungsexplosion. Ein menschengerechtes Ethos statt des religiös vereinnahmten hätte Grenzen aufgezeigt und weltweite Familienplanung ermöglicht. Bevölkerungsexplosion ist das Gegenteil von Nachhaltigkeit. Zusammen mit der Gier ist sie der maßgebliche Faktor für die Umweltschädigung.
  5. Zivilisation – unsere Zivilisation wurde autogerecht gestaltet statt menschengerecht. Vor allem die USA haben durch den American Dream mit Vorstadtwüsten und Shopping Malls schwere urbane Schäden erlitten. Europa hat durch den besseren öffentlichen Verkehr weniger Schaden genommen. Aber auch hier ist die Lügenmaschinerie von Werbung, Politik und Religion mächtig. Sie wirkt auf Verdummung hin mit ihrem Credo, jeder kann alles sofort haben (bei der Religion stehen allerdings Himmelsversprechungen gegen reale Leistungen). Duch den Mix der Rundum-Verdummung entsteht ein Informations- und Erziehungsdefizit, das sich rächt. Es nimmt vielen jungen Menschen den Antrieb, wenn sie meinen, der materielle Erfolg wäre selbstverständlich. Sie wissen nicht, dass er gegen die Abkassierer erkämpft werden muss, und sie haben keine realistische Vorstellung von den Lasten, die man ihnen auferlegt. Speziell die 1968er-Generation – die letzte Generation aus der "Heilen Welt" der allgemeinen Wohlstandserwartung -, hat da versagt. Anstatt gegen Deregulierung und kommerzielle Machtergreifung einzutreten, hat sie der Doofheit hofiert. Wir hatten eine schöne doofe Pop-Elite, die meistens zugeknallt war. Wir hatten eine hässliche doofe Protest-Elite, die so durchgeknallt war, das beste System aller Zeiten auf unserem Boden zu bekämpfen.
  6. Ausblick – die Wirtschaft arbeitet nicht für die Menschen, sondern die Menschen für die Wirtschaft. Auch der Euro dient nicht den Menschen, sondern die Menschen müssen ihm dienen. Und die Roboter und Computer arbeiten nicht für die Allgemeinheit, sondern dagegen. Sie sind Konkurrenten, hinter denen die ganze Macht von Wissenschaft, Technik und Kommerz steht. Sogar die Politik tritt gegen die Allgemeinheit ein, indem sie von unten nach oben umverteilt und Bankenbeglückung oder Reichtumspflege betreibt. Der Reichtum der Abkassierer ist mit der Armut der Staaten erkauft. Fast alle Staatskassen sind notleidend, immer mehr Menschen rutschen in prekäre Lohnverhältnisse ab, und südwärts steigt die Zahl der Arbeitslosen enorm. In der politischen Agenda tauchen die Probleme gar nicht auf, und jeglicher Protest wird als Majestätsbeleidigung verunglimpft. Schlechte Aussichten für eine  grundlegende Änderung.
  7. Fazit – der real existierende Kapitalismus ist mit schweren Fehlern behaftet, die geeignet sind, ideell denkende Menschen abzuschrecken. Wo Nestwärme vorgetäuscht wird, gibt's bloß Verdummungsbemühungen zwecks Abkassieren. Eine große Koalition von Werbung, Politik und Religion tut das ihrige, um die intellektuelle Entwicklung der Jugend zu behindern und um Dummheit in Form von Markenbewusstsein, Wahlwerbung, Glauben zu verbreiten statt Wissen. Oft sogar guten Willens und mit den besten Absichten, nur eben mit abstoßendem Erfolg. Unsere Zivilisation krankt, solange sie nicht durch die Verknüpfung Wissenschaft-Technik-Menschenrecht zukunftstauglich gemacht wird. Erst dann können die wahren Wunder der Wissenschaft die vermeintlichen Wunder der Religion ersetzen und einem menschengerechten Ethos aufhelfen anstelle eines göttergerechten.

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5 Antworten auf Zivilisationskrankheiten

  1. 1.: Der Mensch darf sich nicht zum Gott erheben, so das Dogma – obwohl er doch genau das tut.

    Wir Menschen erheben uns m.E. nicht zum Gott, sondern wir Menschen haben uns die Göttinnen und Götter teils als idealisierte Vorstellungen zum Vorbild geschaffen.

    2.: Die Banken … schöpfen selber Geld.

    Geld (also Münzen, ersatzweise auch Banknoten) ist nur ein Platzhalter, der den Wert des Erwirtschafteten widerspiegelt. Banken erwirtschaften jedoch nichts, da sie keine Produktionsbetriebe sind, sondern sie schieben das Geld nur hin und her, verteilen es nur ständig um. Dem Geld, das die Banken "schöpfen", stehen keine realen Werte gegenüber, folglich führt diese Art der Geldschöpfung nur zu einer Minderbewertung des Geldes — so wie z.B. der Wert eines Hauses nicht dadurch steigt, dass jemand mehr Geld dafür zu bezahlen bereit ist als ein anderer; dann sinkt nur der Wert des Geldes mit der Folge, dass man eine größere Geldmenge aufwenden muss, um den Wert des Hauses aufzuwiegen.

    3.: Die Wirtschaft dient dem Kapital, nicht den Arbeitenden.

    Nur solange, wie die sich das gefallen lassen. Dies ist z.B. solange der Fall, wie sie täglich genügend zu Essen haben …

    4.: wir haben all die Jahre zugeschaut, wie sich die Menschen weltweit unverantwortlich vermehrten.

    In der gesamten Natur vermehren sich Lebewesen "unverantwortlich" — es ist ein Grundprinzip alles Lebendigen. Wir Menschen verfügen zwar über einen Verstand und über das Wissen, um Zusammenhänge zu erkennen, aber z.B. in Zeiten bitterer Armut oder sonstiger Bedrängnis gelingt es uns nicht immer, davon hinreichend Gebrauch zu machen. Da dominieren dann schon mal Glaube und Hoffnung.

    5.: unsere Zivilisation wurde autogerecht gestaltet statt menschengerecht.

    Dies haben wir Menschen so gestaltet, denn die Autos sind dazu eigenständig nicht imstande. Also können wir Menschen es zu gegebener Zeit auch wieder ändern …

    6.: Der Reichtum der Abkassierer ist mit der Armut der Staaten erkauft.

    Frankreich, gegen Ende des 18. Jahrhunderts … Da war doch was, liebe Abkassierer. Wir Menschen sind durchaus zu vernunftgeleitetem Handeln und zur freiwilligen Selbstbeschränkung aus Eigeninteresse / Selbsterhaltungstrieb fähig.

    7.: Unsere Zivilisation krankt, […]

    Dank der Erlaubnis und Gewährleistung, öffentlich Kritik üben zu dürfen ohne Gefahr für Leib und Leben befürchten zu müssen, haben wir Menschen in den freiheitlichen, demokratischen Rechtsstaaten die Möglichkeit, auf Fehlentwicklungen hinzuweisen und diese in zivilisierten Verfahren statt in blutigen Revolutionen zu korrigieren. Dort, wo die Machthaber zu persönlichkeitsschwach sind, um den Menschen diese Rechte einzuräumen — also in Diktaturen –, nehmen die Krankheiten der Staaten und Gesellschaften bisweilen einen anderen Verlauf …

    Eckhardt Kiwitt, Freising

  2. Wenn der "Kapitalismus" wirklich so schlimm ist, wie es in dem von Wilfried Müller publizierten Beitrag (Autor?) gezeichnet wird, stellt sich die Frage, weshalb die Menschen massenhaft in die entwickelten kapitalistischen Staaten einströmen. So schlecht kann der Kapitalismus denn wohl doch nicht sein.

  3. Wilfried Müller sagt:

    Eckhardt Kiwitt zu 1.: wir Menschen haben uns die Göttinnen und Götter … zum Vorbild geschaffen. Das stimmt, und die Kritik der Göttergläubigen an den Handlungen der Menschen, die sie als Eingriffe in die gottgewollte Ordnung sehen (z. B. Genmanipulation) läuft demnach unter Der Mensch darf sich nicht zum Gott erheben. Zu 3.: Nur solange, wie die sich das gefallen lassen. Genauso isses! Zu 4.: Beim Menschen würde man doch mehr Einsicht erwarten als bei Ratten und Kaninchen, die sich extrem vermehren bis zum Kollaps (Pest oder Staupe).

    Kritischer Rationalist: wo ein anderer Autor schreibt, da wird das ausdrücklich erwähnt und mit Links belegt. Der Rest geht auf mich zurück. Das schreib ich nicht nochmal hin weil mein Name eh so oft auftaucht (macht das word press automatisch). Ich bin auch der Meinung, dass der real existierende Kapitalismus noch zu den besten Gesellschaftsformen gehört, habe aber große Bedenken ob das noch lange so bleibt. Die Krankheiten sind schlimm und greifen um sich. Dass es woanders noch schlimmer ist, muss kein Lob für unsere Gesellschaftsform sein, zumal sie über Steueroasen,  Waffenlieferungen und Dumpinglöhne viel zum Schlimmeren beiträgt.

  4. pinetop sagt:

    Die tschechoslowakischen Reformer von 1968 suchten nach dem Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Heute sind wir aufgefordert über Kapitalismus mit menschlichem Antlitz nachzudenken.

     

  5. Wilfried Müller sagt:

    Diese These von pinetop rahme ich mir ein!

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