Wie funktioniert die Naturwissenschaft? Teil 3

image_pdfimage_print

fairy-297367_640Wurde die Sonne so geschaffen, dass sie 5 Milliarden Jahre alt aussieht? Wie geht das überhaupt, wenn das Alter nur 6000 Jahre sein soll? Dr. Peter Hank klärt uns in seinen Vorträgen über diese Fragen auf. Das Thema Naturwissenschaft vs. Dogmen wird durch die Falsifizierbarkeit der Theorien für erstere entschieden: Wer sich nicht die Möglichkeit des Irrens erlauben will, der irrt sich – und das ist kein Spruch zum 1. April.

 

 

Kühne Theorien – Falsifizierbarkeit

Wie funktioniert die Naturwissenschaft? Teil 3

Kommen wir noch einmal auf die zentrale Aussage zur wissenschaftlichen Methodik, wie sie von Popper formuliert wurde, zurück:

Zitat Popper

Was macht nun eine Theorie im Popperschen Sinn kühn?

Kommt es darauf an,
dass man der vorherrschenden Lehrmeinung kühn widerspricht?

Da schlägt nur das gerne verkaufte Bild vom verkannten Genie durch. Auch wenn viele selbsternannte Genies (Perpetuum Mobile Bauer, Einsteinwiderleger, Quantenhomöopathen, Evolutionskritiker, Verschwörungstheoretiker, etc.)  ihre mehr oder weniger abstrusen Ideen gerne als kühne Ideen verkaufen, die den engstirnigen und dogmatischen Auffassungen der etablierten Wissenschaftler widersprechen, und sich in der Tradition von Galileo sehen –

nein, das ist von Popper nicht mit kühn gemeint.

Um das kühn hier richtig zu verstehen, muss man sich dessen Bedeutung in Zusammenhang mit dem zweiten Baustein der wissenschaftlichen Methodik ansehen, nämlich sich der schärfsten Kritik auszusetzen. Kühn ist es Vorhersagen zu machen, die unabhängig geprüft werden können. Damit setzt man sich nämlich dem Risiko aus, dass die Vorhersagen nicht eintreten und die Theorie widerlegt wird oder zumindest verbessert werden muss.

Eine Theorie muss falsifizierbar sein.

Damit wird auch klar, dass eine Theorie umso kühner, also mutiger ist, je mehr, je spezifischer und je genauer die Vorhersagen der Theorie sind.

Umgekehrt gilt, dass jeder Versuch, eine Theorie gegen eine mögliche Widerlegung zu wappnen – quasi sie zu immunisieren – immer dazu führt, dass die Vorhersagen unschärfer und damit nutzlos werden. Eine Theorie, die jedes neue Ergebnis oder Experiment erklären kann, ist wertlos, weil sie nicht zur Vorhersage taugt. Wer also stolz erklärt, dass seine Idee unwiderlegbar ist, der hat die wissenschaftliche Methode nicht verstanden.

Um das anschaulicher zu erklären, schauen wir uns hier zwei Beispiele zur Erklärung des Erdalters an:

800px-USA_June1997c_Grand-Canyon_Arizona[1] Grand Canyon

Eine Theorie zur Entstehung des Grand Canyons geht davon aus, dass sich hier ein Fluss im Laufe der Zeit sein Bett von der Oberkante des Canyons bis zum heutigen Niveau langsam hinuntergefräst hat. Man kann sich hier gut vorstellen, dass das eine ordentliche Zeit gedauert hat.

800px-Pitchblende_schlema-alberoda[2] Uranerz (Pechblende)

Im zweiten Bild ist ein Uranmineral abgebildet. Da Uran radioaktiv ist und mit der Zeit zu Blei zerfällt, kann man aus dem Verhältnis von Uran zu Blei zur Entstehungszeit des Gesteins zurückrechnen, zu dem nur Uran vorhanden war. Wäre beispielsweise das Verhältnis von Uran zu Blei 50:50  wäre genau eine Halbwertszeit (für Uran 235 sind das 700 Millionen Jahre) vergangen. Bei den ältesten Steinen ist der Uran 235 Anteil nur etwas über ein Prozent und man geht dementsprechend von einem Alter von etwa 4,5 Milliarden Jahre aus.

Uranzerfall[3] Uranzerfall

Aus diesen beiden und weiteren Erkenntnissen wie etwa dem Alter der Sonne, etc. geht die Wissenschaft derzeit von einem Alter der Erde von 4,5 Milliarden Jahren aus. Trotz dieser Belege glauben manche Leute         
(z. B:    http://www.evolutionsglaube.de/html/unser_erschaffenes_sonnensyste.html),
dass eine Schöpfung des Universums vor etwa 6000 Jahren stattfand. Daraus ergibt sich, dass die vorhandenen Hinweise auf ein älteres Universum, wie z. B. der Grand Canyon, alte Gesteine mit geringem Uran/Blei-Verhältnis etc. genauso erschaffen wurden, dass der Schöpfer wollte es, dass es so aussieht, als ob die Erde wesentlich älter sei.

Vergleichen wir nun die Falsifizierbarkeit der beiden Theorien. Was wäre wenn man z. B. feststellen würde, die Sonne könnte ihre Energieerzeugung nur für Tausende (mit chemischer Energie) oder Millionen Jahre (durch langsame Abkühlung) aufrechterhalten. Für die Theorie einer „alten“ Erde war das tatsächlich ein großes Problem, dass man einen Widerspruch zwischen dem hohen Alter der Erde und dem jüngeren Alter der Sonne erklären musste. Erst die Entdeckung der Kernenergie als Energiequelle der Sonne mit einer sich daraus ergebenden Lebensdauer von 10 Milliarden Jahren (von der bis jetzt etwa die Hälfte verbraucht wurde), hat diesen Widerspruch aufgelöst. Für eine Theorie der jungen Erde ergibt sich daraus kein Problem – die Sonne wurde halt so erschaffen, dass sie 5 Milliarden Jahre alt aussieht. Ebenso gilt das für jedes andere vorstellbare Experiment – eine junge Erde könnte auch mit 1000 Milliarden alten Steinen erschaffen worden sein, oder mit Menschen, die auf Dinosauriern geritten sind. Aber dadurch, dass die junge Erde keine Vorhersagen macht, kann sie auch keine Experimente bestehen – im Gegensatz zur wissenschaftlichen Theorie zum Erdalter. Hier zählt jedes Experiment, das auch anders ausgehen hätte können, als Beleg, dass die Theorie nicht ganz falsch sein kann.

Theorien Erdalter[4] Theorien zum Erdalter

Bildnachweis:

Weitere wissenbloggt-Artikel von Peter Hank unter Auswahl/Wissenschaft Kann ich meinem Hirn trauen 1…9 und Wie funktioniert die Naturwissenschaft?

 

Mehr zum Thema:
Dieser Beitrag wurde unter Wissenschaft veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten auf Wie funktioniert die Naturwissenschaft? Teil 3

  1. Saco sagt:

    Hier eine kühne Theorie

    Immerhin sollen 45 % der Nordamerikaner Kreationisten sein.Sie glauben die Bibel wörtlich. Inklusive Hölle. Eine These kann nun sein, dass ein Großteil der Bevölkerung eine manifeste oder larvierte Depression hat. Was macht ein Volk, das depressiv ist und Nahrungsmittel im Überfluss hat?

    Es ißt. Sehr Adipöse sind oft verkappte Psychotiker. Psychotiker sind Menschen mit einer sehr schweren Neurose. Die ein Medikament benötigen. Das Medikament ist das Essen. Besonders, wenn man in keiner Krankenkasse ist. Essen stabilisiert Patienten, sodass eine Psychose nicht evident wird. USA sind  ein Land des Diabetes, oft des Gestationsdiabetes. Erklären sich  die zur Depression führenden amerikanischen Ängste, die Adipositas und  die zunehmende Diabetes über die ekklesiogene Depression?

  2. Wenn man sich (nur) die Skizze ganz unten in dem Artikel anschaut und sieht "Erde wurde vor 6000 Jahren geschaffen" und "nicht falsifizierbar", dann könnte man – genügend Gedankenkleister vorausgesetzt – auf die Idee kommen zu behaupten:

    "Na also ! — wenn's nicht falsifizierbar ist, dann ist das doch der Beweis dafür, dass es stimmt."

    Ähnlich gedankenverkleistert verhält es mit der These, dass gewisse "heilige" Bücher von einem Gott stammen — es steht schließlich in diesen Büchern geschrieben, dass sie von diesem Gott stammen. Das kann man doch als "Beweis" dafür nehmen (gelten lassen), dass es so ist. Wenn das dann noch von ein paar Leuten aus dem Bekanntenkreis bestätigt wird, dann gibt's daran nix mehr zu rütteln …

    Eckhardt Kiwitt, Freising

  3. Peter H. sagt:

    @ Eckhardt Kiwitt:

    Sie haben damit recht, es wird nicht so selten damit argumentiert, dass die Wissenschaft fehlbar und damit einem "unfehlbaren" Glaubenssystem unterlegen ist.

    Hier dazu ein Beispiel http://www.bibel.com/jesus-forum/glaube-und-wissenschaft-ein-unvertraegliches-thema-t2827-229.html:

    Selbstverständnisse
    Bibel: zeitlos gültig, absolut korrekt
    Wissenschaft: nur zeitbedingt, fehlbar

    Du findest mit der Wissenschaft nie irgendetwas heraus, weil sich alles später als falsch erweisen kann, ja sogar soll diese Möglichkeit bei allem immer gegeben sein.

     

    Was dabei auch vergessen wird, ist das durch die neuen Erkenntnisse, die das vorhandene Wissen falsifizieren, dieses Wissen erweitert wird.
    Auch wenn die Relativitätstheorie die Newtonsche Mechanik widerlegt, werden die früher durchgeführten experimentellen Ergebnisse nicht falsch. Aber man weiß jetzt genauer, bis wie weit diese newtonschen Formeln korrekt sind und in welchen Situationen man die relativistischen Formeln anwenden muss.

  4. @ Peter H.: 3. April 2015 um 11:11

    […] es wird nicht so selten damit argumentiert, dass die Wissenschaft fehlbar und damit einem "unfehlbaren" Glaubenssystem unterlegen ist.

    Diese von mir als ein Beispiel angeführte Weise der "Argumentation", die ich – etwas abfällig – als "gedankenverkleistert" bezeichne, beobachte ich allerdings nicht nur bei (sehr) religiösen Menschen, sondern insgesamt bei ideologisierten Leuten, rechts wie links. Und sie ist m.E. "rechts" weitaus bedenklicher / gefährlicher als "links".

    Jemand hat's mal so formuliert:

    « Die Wahrheit mag da draußen sein, aber die Lügen sind in deinem Kopf. »
    (Terry Pratchett)

    Wenn man es schafft, ehrlich gegenüber sich selbst zu sein, und z.B. zu einem Sachverhalt mal das Gegenteil zu denken, dann hat man immerhin die Chance, die Lügen im eigenen Kopf zu erkennen.

    Eckhardt Kiwitt, Freising

    P.S.:

    Mit "Unfehlbarkeit" ist lediglich so etwas wie "das letzte Wort" gemeint; in diesem Sinne ist z.B. ein letztinstanzliches Gerichtsurteil (des BVerfG, des EuGH oder dgl.) "unfehlbar", weil auf dem Instanzenweg nicht mehr anfechtbar. Fehlerbehaftet / fehlerhaft kann es trotzdem sein.

  5. … sondern insgesamt bei ideologisierten Leuten …

    Hier möchte ich das Wort "dogmatisiert" ergänzen.

    Wohin sowas führen kann, hatte ich im Beitrag "Speaker’s Corner" – http://www.wissenbloggt.de/?p=25838 – aufgezeigt, zu dem mich insbesondere Aussagen aus dem Dunstkreis von "Politically Incompetent" (oder so ähnlich) angeregt hatten.

    Eckhardt Kiwitt, Freising

Schreibe einen Kommentar