Theologische Parallelwelten


enforce-46910_640Zu Ostern erfreute derStandart.at die humanistische Szene mit der Meldung Für 68 Prozent hat die Kirche keine Glaubwürdigkeit mehr (4.4.): Nur vier von zehn Österreichern bezeichnen sich selbst als gläubig, knapp gleich viele glauben an Tod und Auferstehung Jesu Christi. Es ging also nicht um bloß um Ostereier, sondern ums Große Ganze. Z.B. an den Himmel mögen 60% der ÖsterreicherInnen nicht glauben. Der umgekehrten Richtung mit dem Höllentrip für Sünder verweigern sogar 70% den Glauben, und das in einem Land, das katholischerseits gut beackert ist (Bild: Nemo, pixabay).

Österreich ist nicht Deutschland, aber beides ist Ostereierreich. Deshalb liegt es nah, diese Aufnahme des Realzustands für deutsche Gefilde entsprechend einzuschätzen. Man hat immer kleine Abweichungen, etwa findet der Report wenig Unglaubens-Unterschiede beim Alter, während die anderen Statistiken den Glauben als Alterserscheinung charakterisieren, s.u. die US-Werte und Religion als Alterserscheinung.

Wie immer werden die Absetzbewegungen von gegenteiligen Bestrebungen konterkariert. DER TAGESSPIEGEL gibt Heinz-Werner Kubitza am selben 4.4. Gelegenheit, das zu kommentieren. Hintergründig geht es um Kubitzas Buch, siehe  Rezension zu “Der Dogmenwahn” Oder Das Elend der Theologen. Vordergründig steht die Theologie als solche am Pranger.

Ist Theologie eine Wissenschaft? Lehre unter Denkmalschutz, heißt der Tagesspiegel-Artikel, und er besagt, eine „moderne“ Theologie könne es aus Prinzip nicht geben. Der Grund: Eine Theologie, die sich den wissenschaftlichen Fakten ehrlich stellen würde, müsste sich gemäß Kubitza wegen hinreichend belegter Gegenstandslosigkeit selbst auflösen.

Stattdessen tut man geschäftig und bastelt in den theologischen Parallelwelten weiter kreativ an Scheinlösungen für Scheinprobleme. Und unser Gemeinwesen leistet sich aus Tradition auch weiterhin für rund 280 Millionen Euro jährlich an staatlichen Universitäten gelehrte Mythologie, gläubiges Denken und konfessionell gebundene Wahrheiten. Ganz profan könnte man sagen, dort wird die oben abgebildete Tätigkeit ausgeübt und eintrainiert.

Die Schere öffnet sich dabei, denn die Kirchen kassieren mehr und mehr, während ihre Mitglieder weniger werden und ihre Reichweite wie auch ihr Durchdringungsgrad dramatisch schrumpfen. Das westliche Abendland ist von Europa bis Nordamerika – auch Australien darf man mitzählen – auf dem Weg in eine postchristliche Gesellschaft. Und die islamischen Länder?

Dazu hat die Neue Züricher Zeitung am 17.12.14 einen erhellenden Bericht gebracht, Atheismus im Mittleren Osten -Eine postislamistische Generation? Die arabischen Aufstände scheinen gescheitert – und die radikalen Islamisten die Gewinner. Tatsächlich aber haben die Revolten von 2011 eine Bewegung freigesetzt, die vielfach unbemerkt blieb: die Hinwendung zum Atheismus.

Das betrifft laut NZZ 10-20% der Bevölkerung, demnach wären die jungen Zweifler und Apostaten dem «Islamischen Staat» zahlenmässig überlegen. Sie ziehen die Logik der buchstabengetreuen Gottesfurcht und Blindgläubigkeit vor, sie wagen an Menschenrechte und persönliche Freiheit zu glauben.

Man hört immer nur von den Unvernünftigen, die ihre Religion als Waffe einsetzen. Die Atheisten setzen den Atheismus nicht so ein (Stalin & Co. ist lange vorbei), aber sie werden von der Verfassung kriminalisiert und bedroht.

Wie sich das äußern kann, steht in einem Artikel der Jungle World »Der Islam ist eine autoritäre Religion« (2.4., zuerst gesehen bei atheisten-info.at). Der palästinensische Blogger Waleed al-Husseini hat mit Nur al-Akel (Stimme der Vernunft) den ersten atheistischen Blog ins Netz gestellt. Er spricht über seine Trennung vom Islam, über die Meinungsfreiheit von Atheisten und den Kampf der Islamisten gegen den Liberalismus in säkularen Demokratien und wie er dabei gefoltert wurde.

Wer in den übertrieben muslimischen Ländern der Stimme der Vernunft folgen will, muss mit schweren Strafen rechnen. Wer in den freien Ländern der Stimme der Unvernunft folgen will, hat es leichter. Das ist wohl das Wesen von Freiheit und Demokratie, dass beides gegen sich selber eingesetzt werden kann.

Was aber nicht sein muss, ist die Belastung der wissenschaftlichen Hochschulen mit Theologie irgendwelcher Art, christlich, muslimisch, jüdisch, siehe auch Jüdische Theologie an der Uni Potsdam. Das hilft bloß der IS-Vorstellung, sie hätten immer noch eine Universität, nachdem sie alles außer Theologie verboten haben.

Warum macht man es der Stimme der Vernunft so schwer? Was sollen die Wahrheitssuchenden in den muslimischen Ländern denken, wenn sie unsere Unis mit theologischem Brimborium befrachtet sehen? Wozu haben wir das technisch-wissenschaftliche Weltbild erkämpft und lassen dann zu, dass es von den archaischen Mythenpflegern vereinnahmt wird?

 

milennials33