Zehn Thesen gegen klerikalen Allmachtsanspruch in der Schule

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Siegfried R. Krebs (Freigeist Weimar) überlässt wissenbloggt freundlicherweise seinen aktuellen Artikel vom 8.4.:

Zehn Thesen gegen klerikalen Allmachtsanspruch in der Schule

WEIMAR. (fgw) Die Medien der Zeitungsruppe Thüringen verbreiteten am 5. April ein überaus langes Interview über "Die Schule und die Religion" mit dem evangelischen Jenaer Theologen Michael Wermke. Dieser bekam damit zum wiederholten Male Gelegenheit zu kirchlicher Propaganda. Dies ganz im Gegensatz zu den Möglichkeiten von Organisationen und Personen aus dem säkularen Spektrum. Immerhin sind in Thüringen rund 70 Prozent aller Menschen religionsfrei. Aufgrund dieses Propaganda-Artikels verfaßte Maximilian Steinhaus, Sprecher der Regionalgruppe Mittelthüringen der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs), einen offenen Leserbief an die "Thüringer Allgemeine". Darin heißt es:
 

Im Folgenden sende ich Ihnen einen Leserbrief, der auf diesen Artikel bezugnimmt:

Die Antworten von Michael Wermke verdienen in vielerlei Hinsicht Widerspruch. Nimmt man sie jedoch ernst, liefert der Theologe selbst bereits gute Argumente, weshalb der Religionsunterricht (im Folgenden: RU) an den Schulen abzuschaffen ist.

  1. Wenn der RU nur dazu dient, die „Inanspruchnahme der Meinungs-und Glaubensfreiheit" zu erlernen und sichern, weshalb lehrt man den Schülern diese Verfassungsprinzipien dann nicht unmittelbar, statt mittelbar über den Umweg des RUs? Warum sitzen dann nicht alle Schüler in einem gemeinsamen, für alle Verpflichtenden Werteunterricht, in dessen Rahmen sie miteinander diskutieren, statt getrennt nach Taufschein übereinander?
  2. Wenn die „Spannbreite zwischen fromm und atheistisch" so sehr groß ist – wieso soll dann ausgerechnet ein Bekenntnisunterricht, in dem nur die jeweils eigene Religion als verbindliche Wahrheit präsentiert wird, die Lösung sein? Wäre da nicht ein Ethik- (oder besser: Philosophie-)Unterricht, in dem verschiedene Weltanschauungen – religiöse wie nichtreligiöse – vorgestellt werden, passender?
  3. Wenn es so „wichtig ist, dass der Religionsunterricht zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den in unserer Gesellschaft wirksamen Glaubens- und Wertvorstellungen [= Mehrzahl!] anleitet“, warum heißt es dann in den Leitlinien zum Evangelischen Religionsunterricht in der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland, dass Schüler „religiöse Traditionen und Lebensformen [nur!] aus der Perspektive des christlichen Glaubens" kennenlernen?
  4. Wenn religiöse Bildung nicht mit Mission verbunden werden darf und sie darüber hinaus Kinder dazu befähigen soll, nicht nur Religiosität, sondern auch Nichtreligiosität wahrzunehmen und beides darüber hinaus auch noch kritisch zu reflektieren, weshalb ist der RU dann immer noch als Bekenntnisunterricht ausgestaltet? Oder wie das Bundesverwaltungsgericht in einer Entscheidung aus dem Jahr 2014 den gegenwärtigen RU beschreibt: „Es sind [nur!] die Glaubenssätze der jeweiligen Religionsgemeinschaft als bestehende Wahrheit zu vermitteln. Der Religionsunterricht ist in konfessioneller Positivität und Gebundenheit zu erteilen. Er zielt nicht [!] auf eine überkonfessionelle vergleichende Betrachtung religiöser Lehren, ist nicht bloße Morallehre, Sittenunterricht, historisierende und relativierende Religionskunde, Religions- oder Bibelgeschichte."
  5. Wenn es einen „Anspruch des Kindes auf religiöse Bildung" tatsächlich geben würde, dann gäbe es umgekehrt auch einen Anspruch des Kindes auf weltanschauliche Bildung. Tatsächlich kennt das Recht aber nur die Befugnis der Eltern, über die religiöse bzw. weltanschauliche Erziehung zu bestimmen. Existierten beide Ansprüche des Kindes jedoch und würden sie auch (wie behauptet) „uneingeschränkt gelten", dann würde der nur auf eine Religion beschränkte Bekenntnisunterricht, von dem Eltern ihr Kind auch noch abmelden dürfen, diesen Ansprüchen gerade zuwiderlaufen.
  6. Wenn der RU der Vermittlung „religiöser Bildung" – und nicht der Religionsausübung -dient, warum würde dann ein verpflichtender Ethikunterricht das Recht auf Religionsausübung beschneiden? Und wenn der RU doch der Religionsausübung dienen soll, wie verträgt sich das mit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, wonach Folgendes gilt: „Der Gedanke der Fürsorge des Staates in Glaubensangelegenheiten ist dem Grundgesetz fremd." (Entscheidungen des BVerfG, Band 44, S. 37 [52 f.])
  7. Wenn der RU dazu dient, das Demokratieverständnis der Bürger zu stärken, warum soll der Staat sich dann ausgerechnet einer Organisation bedienen, die noch 2003 demokratisch beschlossene Gesetze als "Legalisierung des Bösen" bezeichnete, wenn sie homosexuelle Paare mit heterosexuellen gleichstellen?
  8. Wenn Michael Wermke es ablehnt, das eine Institution (z.B. der Staat) an den Schulen (z.B. per Ethikunterricht) den Schülern vermittelt, „nach welchen Grundvorstellungen unsere Gesellschaft zu leben habe", weshalb soll gerade dieses Recht dann der Kirche eingeräumt werden?
  9. Wenn für jeden vernünftigen Diskussionsteilnehmer klar ist, dass der staatliche Ethikunterricht selbstverständlich nicht eine bestimmte Ideologie propagieren soll und die Schüler auch nicht zu „strammen Atheisten" erzogen werden sollen, was sagt es dann über Michael Wermke aus, wenn er einen verpflichtenden Ethikunterricht für alle Schüler dennoch als „kurz vor dem Gesinnungsstaat" verbrämt?
  10. Thüringen hätte nach der Wiedervereinigung aufgrund der „Bremer Klausel" (Artikel 141 Grundgesetz) die Möglichkeit gehabt, anders als in den alten Bundesländern keinen Religionsunterricht einzuführen. Der Staat bezahlt den Religionsunterricht nicht deshalb, weil es im Interesse der Gesellschaft liegen würde (wie behauptet), sondern vielmehr aufgrund beständiger Lobbyarbeit der Kirchen.

Maximilian Steinhaus

Link zum Originalartikel bei Freigeist Weimar

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