Protestwillig oder -unwillig?

image_pdfimage_print

protest-464616_640Zu den ungelösten Rätseln der Menschheit gehört die Frage, wann wird gegen die da oben protestiert und wann nicht? Man erinnert sich: in den 1968er-Jahren war alles in Ordnung bis auf ein wenig Spießbürgertum. Aber es wurde heftigst gegen unser "Schweinesystem" protestiert, mit allen Schikanen bis zu Geiselmord und Bombenterror (Bild: niekverlaan, pixabay).

Jetzt, wo seit zig Jahren Ungerechtigkeit und Ungleichheit wachsen, wird nicht protestiert. Ein wenig Blockupy, Pegida und Je suis Charlie, eine Prise Stuttgart 21, TTIP und Atom, sozusagen für jeden eine bunte Gelegenheit, anders bunt zu sein als die anderen. Und damit hat es sich. In diesen unseren Landen wie auch in den USA war's das. Wieso? Warum nicht je ungleich desto Ramba-Zamba? Das diskutiert Neil Irwin in der New York Times vom 17.4. in Why Americans Don’t Want to Soak the Rich:

With rising income inequality in the United States, you might expect more and more people to conclude that it’s time to soak the rich. Here’s a puzzle, though: Over the last several decades, close to the opposite has happened.

Nachdem die Ungleichheit der Einkommen auch in den USA wächst, sollten die Leute eigentlich den Gedanken aufgreifen, den Geldfluss zu den Reichen zu drosseln. Merkwürdigerweise ist in den letzten Dekaden eher das Gegenteil passiert.

Stagnation

Der Autor beschreibt, was jeder wissenbloggt- und NYT-Leser weiß; seit den 1970ern stagnieren die inflationsbereinigten Mittelklasse-Arbeitseinkommen. Die wb-Leser wissen zusätzlich, dass die Normalverdiener ärmer geworden sind, weil ihnen seit zig Jahren höhere Lasten aufgebürdet werden, und dazu gehört nicht nur die Staatsschuld.

Das Geldgefälle geht verkehrt herum; nicht die Reichen werden zugunsten der Armen abkassiert, sondern die Armen zugunsten der Reichen.

Es prosperiert eine privilegierte Oberschicht von Geldabsaugern, zu denen  Der unverdiente Reichtum kanalisiert wird. In den letzten 40 Jahren hat sich das Einkommen enorm von der Allgemeinheit weg verlagert, aber aus den Umfragen  kann man keine entsprechende Meinungsbildung herauslesen.

Reichensteuer? Umverteilen? Die Wohlstandsgewinne in Richtung Allgemeinheit kanalisieren? Nein, solche Meinungen sind kaum im Schwange. Die Skepsis gegenüber Umverteilung in Richtung Allgemeinheit ist sogar gewachsen. In den Worten von Irwin heißt das Americans’ desire to soak the rich has diminished. Keine Umverteilungswünsche, obwohl immer mehr Anlass dafür da ist.

Was die Umfragen an Ignoranz zeigen, spiegelt sich in der Finanzpolitik. 1980 hatten die USA den Spitzensteuersatz von 70% für alle, die $215,400 oder mehr verdienten, oder als Paar das Doppelte. 2003 sorgte der Präsi George W. Bush für 35%, 2013 erhöhte Obama wieder auf 39,6%. Seither geht die Gerechtigkeitsdebatte um 35% hin und 39,6% her, während die Top-Einkommen sich vervielfachten.

Standpunkte

Der Standpunkt der Konservativen ist in etwa, die Americans wollen weniger (Zurück-)Umverteilung, weil die hohen Steuern von damals hohe ökonomische Kosten verursachten, während niedrige Spitzensteuern mehr Investitionen und mehr Unternehmereinsatz schaffen, mit der Wirkung, mehr Wachstum, mehr auf der Kralle für alle (Anmerkung wissenbloggt: obwohl erwiesenermaßen immer weniger auf der Kralle ist, Lasten eingerechnet).

Die Liberalen halten dem entgegen, die Konservativen hätten den Americans  Scheuklappen verpasst, so dass sie Umverteilung für ein Schimpfwort halten und nicht wissen, dass es zu ihren Gunsten wäre. Diese Fehlinformation mache ihnen alle Umverteilungsversuche suspekt. Sozialhilfe ist demnach was Schlechtes, zumal wenn sie an jemand anders geht, der womöglich eine andere Hautfarbe hat (eine Analyse, wie sie von Paul Krugman vertreten wird).

Aufschlüsse

Neuere Untersuchungen liefern neue Aufschlüsse dazu. Sie gehen am konservativen Modell genauso vorbei wie am liberalen. Die Haltung der Americans scheint komplexer zu sein als die Argumente der beiden Parteien. Ein Online-Experiment wird bemüht, um den Fall zu klären.

Zufällig ausgeguckte Americans wurden gefragt, welchen Steuersatz sie angemessen finden würden, wenn jemand sein Einkommen durch einen Glücksfall um $250,000 steigern könnte. Die Frage wurde in zwei Versionen gestellt:

  • Einmal kam der Einkommenssprung vor 5 Jahren, dann wurden höhere Steuern vorgeschlagen
  • Wenn der Sprung in diesem Jahren erfolgte, wurden noch 1,7% mehr Steuern verlangt

Der Unterschied klingt nicht nach viel, ist aber mehr als die Hälfte vom Unterschied zwischen den Demokraten-Wählern und den Konservativen-Wählern. Aber warum sollen die Glücklichen von vor 5 Jahren überhaupt weniger Steuern zahlen als die Glücklichen von diesem Jahr? Weil sie sich ans höhere Einkommen gewöhnt haben?

Die Psychologie scheint tatsächlich so zu gehen: Je länger jemand reich ist, desto unfairer scheint es, ihn hoch zu besteuern. Die Neureichen dagegen sollen mehr bezahlen, denen tut's nicht so weh. (Anmerkung wb: die Befragten identifizieren sich anscheinend mit den Falschen).

Alter

Noch ein Untersuchungsergebnis, das sich auch in den politischen Debatten widerspiegelte, besagt etwas über die Altersverteilung bei den Meinungen zur Umverteilung. Da sticht die Aussage hervor, die Bewegung weg von der Umverteilung betrifft die Älteren stärker als die Jüngeren. Vielleicht weil sie generell konservativer denken? Das schließt die Studie laut Irwin aus.

Ein andere Ursache scheint viel schwerer zu wiegen, nämlich dass die Älteren mehr vom sozialen Sicherungssystem abhängen. Und Umverteilung heißt für die, es wird ihnen was weggenommen und woandershin kanalisiert. (Anmerkung wb: das ist Krugmans Analyse, und wieder wird sich mit den Falschen identifiziert).

Die Studien zeigen, wie komplex das Problem ist. Die Einschätzung des richtigen Steuerniveaus ist von Faktoren beeinflusst, die gar nicht dazugehören sollten. Dazu stelt sich ann auch die Frage, wer ist eigentlich reich? Und wer soll von der Umverteilung profitieren? Soweit der Artikel von Irwin.

Gehirnwäsche

Aus der Sicht von wb bestätigt das eigentlich die Aussage von Paul Krugman, siehe Ökonomischer Aberglaube im Visier. Es scheint tatsächlich so zu sein, dass die konservative Gehirnwäsche den Leuten eingeimpft hat, Umverteilung ist per se böse. Insofern ist das vielleicht ein typisches US-Problem.

Was aber hält die Leute in Deutschland vom Protest ab? Schnauze voll von Schnauze voll? Nein, protestwillig sind sie, wie man bei diversen Gelegenheiten sieht. Die Unzufriedenheit ist da. Aber sie fokussiert sich nicht auf das wichtigste Problem von Ungerechtigkeit und Ungleichheit.

Also bitte, wo kommt die deutsche Gehirnwäsche her? Mediale Desinformation? Merkelsche Einlullung? Zuwenig Jod-Körnchen fürs Hirn? Das wenn man wüsste …

Siehe auch Keine Chancengleichheit, kein Wohlstand für alle und Der unverdiente Reichtum

Mehr zum Thema:
Dieser Beitrag wurde unter Wirtschaft, Wissenschaft veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar