Multikulti angezählt

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smiley-432563_640Beim hpd (Humanistischer Pressedienst Deutschlands) wird Multikulti angezählt. Die Artikel heißen Der Multikulturalismus am Ende? (1) und Der Multikulturalismus am Ende? (2). Wird Multikulti nun ausgezählt, bis (8), (9), (aus)? (Bild: geralt, pixabay)

Bei atheisten-info.at sind die hpd-Texte schön zusammengefasst zu einem Artikel Der Multikulturalismus am Ende? Darin warnt der Autor Ralph Ghadban (Politik- und Islamwissenschaftler) vor der Multikulti-Politik, die "universelle Wertmaßstäbe" leugnet, die die Gleichwertigkeit verschiedener Kulturen und Lebensweisen behauptet, auch wenn diese die Menschenrechte verachten und die Demokratie nicht akzeptieren.

Die Wertigkeit von Kulturen zu bestimmen, das galt außerhalb populistischer Kreise als tabu. Dass der hpd sich daran wagt, ist erstaunlich. Aber seit der Ex-Chefredakteur Carsten Frerk dem Vernehmen nach auf Distanz zum hpd gegangen ist, scheinen auch provokante Aussagen möglich. Wir wagen eine kleine inhaltliche Würdigung.

Frankreich

Dort unterscheidet Ghadban die Zeit vor dem Anschlag auf Charlie Hebdo und danach. Die Linke habe einen "Kommunitarismus der Migranten" vorgezogen statt der Assimilationspolitik. Demnach seien alle kulturellen und religiösen rituellen Handlungen respektabel und müssten trotz fundamentalistischer Inhalte respektiert werden. Die Kritiker wurden als islamophob abgestempelt.

Nun sei der Begriff Assimilation längst durch Integration abgelöst, und der solle jetzt durch Inklusion ersetzt werden. Soll heißen gegenseitigen Anerkennung als gleichwertige Kulturen, die Migration ist keine Bedrohung, sondern ein Gewinn. Die Migration sei ohnehin nicht mehr einschränkbar, weil sie nicht mehr aus Anwerbung von Arbeitskräften bestehe, sondern aus Flüchtlingen und Familienzusammenführung. Stichwort Willkommenskultur: Einbürgerung und Einwanderung müssten erleichtert werden, postkoloniale Haltungen aufgeben und an den Gymnasien solle Arabisch gelehrt werden.

Mit diesen Vorstellungen habe die Linke in Frankreich eine Welle der öffentlichen Empörung ausgelöst; sie verschwanden schnell in den Schublade. Also kein Multikulti-Umgestaltungserfolg für die Linke.

USA, Deutschland

Multikulti sei eine Idee der amerikanischen Politik, die mit der Arbeitsmigration einherging. In den 1980er und 1990er Jahren gelangte die Vorstellung nach Europa und bestimmte auch in Deutschland die Politik. Damals herrschte ja noch die Vorstellung, die Arbeitsimmigranten würden zurückkehren oder aber sich assimilieren. In jedem Fall schien eine Integrationspoolitik überflüssig.

Der Westen verrkörpere ohnehin nicht die höchste Stufe von Zivilisation und Fortschritt, sein Wertesystem sei nicht besser als das anderer Kulturen. Dieser
Kulturrelativismus wurde verteidigt und der amerikanisch/europäische Ethnozentrismus bekämpft.

Da prallten die Vorstellungen der Aufklärung auf die multikulturellen Ideen, die bis zur Gutheißung von Parallelgesellschaften gingen. Multikulti wurde offizielle Politik in einigen EU-Ländern, de facto auch in Deutschland. Die multikulturellen Gesellschaften griffen um sich.

Gegenbewegung

Mit der zunehmenden Globalisierung auch der Migrantenströme stieß die Idee des Multikulti auf mehr Widerstand. Die Rechtspolitiker in Holland, Frankreich und Deutschland distanzierten sich. Die Stimmungsumschwung kam nach dem Terroranschlag von 9/11.

Dass viele dieser Kulturen und Lebensweisen die Menschenrechte verachten und die Demokratie nicht akzeptieren, habe die meisten Multikulti-Anhänger nicht
interessiert, bis der Terrorismus hochkam. Erst seither werde nicht mehr die Toleranz für Lebensweisen, die man für 'falsch' hält", gefordert.

Heute sieht Ghadban die Einwanderung als muslimisch dominiert. Die Muslime stellen in allen europäischen Ländern die Mehrheit der Immigranten. Und zwar aus Ländern, wo sich die Demokratie nicht durchsetzen konnte, und die Menschen von dort stellten ihre Religion über alles andere, über Staat, Nichtmuslime, Demokratie und Menschenrechte. Reformversuche am Islam seien bisher generell misslungen.

Es gehe heute nicht nur darum, das globale Finanzkapital unter Kontrolle zu halten. Die Sicherheit des Einzelnen vor dem Weltterrorismus müsse gewährleistet werden und die Zersplitterung der Gesellschaften müsse gestoppt werden. Mit der Demontage und Relativierung der universalen Menschenrechte sei ein Ende zu machen; sie sollen nun verteidigt werden. Im Vordergrund sollen die Gemeinsamkeiten und nicht die Unterschiede stehen, um den Zusammenhalt der Gesellschaften zu erreichen. Der Slogan "Vive la différence!" habe anscheinend ausgedient – soweit das Referat zum hdp-Artikel.

Würdigung

Die Entstehung und Verbreitung der Multikulti-Idee wird dort interessant geschildert. Die Gegenbewegung ist nachvollziehbar beschrieben, wenn sie auch ohne Erwähnung der rechtsgerichteten Politik auskommt, die dahinter steht. Der Gegensatz Multikulti und Menschenrechte wird richtig dargestellt. Jeder muss sich selber überlegen, was den höheren Stellenwert einnimmt, die Freiheit zur Religionsausübung bis in den zivilisatorischen Rückschritt hinein oder die westliche Kultur der Menschenrechte.

Was ganz aus der Agenda rausfällt, ist Kritik an unserm real existierenden System, wie sie in Zivilisationskrankheiten als Abwägung der Kulturen dargestellt ist. Die "universellen Wertmaßstäbe" sind hierzulande oft nur bescheiden umgesetzt. Und der internationale Terror ist keine Domäne der Islamisten, solange die USA mit ihren Killerdrohnen mitmischen, siehe Wenn der Himmel voller Drohnen hängt. Die US-Politik hat viele Staaten mit Krieg überzogen, die heute failed states (gescheiterte Staaten) sind, Irak, Afghanistan, Libyen usw. Die Urheberschaft an Terror und Völkerwanderung weg von den failed states dürfen sich die USA mit den lokalen Machthabern teilen.

Andererseits ist die Attraktion der EU trotz der Mega-Abzocke durchs Finanzkapital ungebrochen. Die Menschen, "die ihre Religion über alles andere stelllen", wissen die Vorteile der funktionierenden Demokratie sehr wohl zu schätzen. Inwieweit das nur aus Gründen des Selbsterhalts oder des wirtschaftlichen Profits erfolgt, soll hier nicht diskutiert werden.

Es fehlt aber an Differenzierung. Viele Immigranten sind nicht religiös, oder sie haben Minderheits-Religionen. Viele Muslime pflegen ihre eigene Version des Islam, die kompatibel mit dem Grundgesetz ist. Das soll nicht davon ablenken, dass es wirklich schwere Integrationsdefizite gibt, siehe Koranschulen gehören nicht zu Deutschland.

Man darf auch nicht die Augen davor verschließen, dass sich weltweit neue Völkerwanderungen anbahnen, weg von den failed states. Es ist keine gute Lösung, wenn die Menschen dort zu Millionen flüchten. Ihnen muss vor Ort geholfen werden, funktionierende Staatswesen und Arbeitsplätze aufzubauen, siehe Risiko und Chance der Massenmigration.

Gewiss ist es hilfreich, am Dogma Multikulti zu kratzen. Buntheit ja, aber nicht um jeden Preis. Die Lösung der Probleme liegt aber in den Quellenländern der Emigration und nicht hier.

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