Drohnentote aus Versehen

image_pdfimage_print

harmony-560630_640Man nennt das Kollateralschaden. Dieser Euphemismus begleitet die Drohnenkillerei seit jeher, und er verdeckt einen Zustand, der schlimmer ist als die Definition bei wiki.

Dort wird nämlich nach Hauptschaden und Begleitschaden unterschieden, welch letzterer der kollaterale ist. In Wirklichkeit ist der Begleitschaden viel schlimmer als der angestrebte Hauptschaden. In Wenn der Himmel voller Drohnen hängt wird Faktor 10 geschätzt – die Killerdrohnen töten 10 Unschuldige pro "Zielperson". Und die Zielpersonen werden ohne Prozess nach Listen vom CIA und den US-Militärdiensten ausgewählt (Bild: geralt, pixabay).

Um dem Skandal ein Highlight aufzusetzen, hat es jetzt mal ein paar westliche Kollaterale erwischt. Die New York Times vom 23.4. berichtet in Obama Apologizes – After Drone Kills American and Italian Held by Al Qaeda: Ein Drohnenanschlag vom Januar tötete eine amerikanische und eine italienische Geisel, die in dem "al Qaida Heiligtum" in Pakistan gefangengehalten wurden. Das eigentliche Ziel ist unbekannt, getroffen wurde auch ein Amerikaner "affiliated with Al Qaeda" ("nahestehend"). Den hat es zufällig erwischt, wie hinterher rauskam. Ein paar Tage später war am selben Ort ein richtiges Mitglied der Terrortruppe dran, auch zufällig und erst hinterher festgestellt. Wie viele lokale Unbeteiligte getötet wurden, ist nicht verbürgt.

Bedenken

Diese Zustände schlagen sich in einer aktuellen Topmeldung der NYT nieder: Drone Strikes Reveal Uncomfortable Truth: U.S. Is Often Unsure About Who Will Die. Die Drohnen-Attacken decken eine unbequeme Wahrheit auf: Das US-Militär ist oft unsicher, wer dabei sterben muss. Aus dem Inhalt:

Der US-Präsi hat nicht nur die üblen Kriege im Irak und in Afghanistan von seinen Vorgängern geerbt, sondern auch den verdeckten Drohnenkrieg. Den hat er zu seinem eigenen Anliegen gemacht und ihn von Pakistan in den Yemen und nach Somalia ausgeweitet.

Anscheinend glaubt er an die Fähigkeit der neuen Technik zur Präzisionskillerei. Der NYT nach liebte Obama die Idee, gefährliche Terroristen aus der Menge heraus gezielt zu eliminieren, ohne den Blutzoll des konventionellen Kriegs. Ganz nach dem Motto Let’s kill the people who are trying to kill us.

Lasst uns die Leute killen, die uns killen wollen – das wird in den USA anscheinend für ein demokratisch legitimiertes Prinzip gehalten; und das in Friedenszeiten. Wer sterben soll, wird in "Todeslisten" festgehalten, die kein Richter jemals sieht.

Der Erfolg waren hunderte von Drohnentoten (andere Quellen sprechen von tausenden), unter denen tatsächlich ein paar hochrangige Terroristen waren. Die meisten sind aber Leute, deren Namen niemand kennt, und die in keiner Liste auftauchen. Seit 6 Jahren wurde der dichte Schleier der Geheimniskrämerei ein wenig geöffnet, und was da zutage kam, war beängstigend (nach Einschätzung wissenbloggt: skandalös).

Mehr Tote

Jede unabhängige Untersuchung zählte viel mehr kollaterale Tote, als das US-Militär zugeben will, und viel mehr als die Zielpersonen auf den Todeslisten. Nach und nach kam es raus, dass die Operatoren in Nevada (und Deutschland/Ramstein) gar nicht wissen, wen sie da in den entlegenen Stammesgebieten töten. Die gehen bei ihrem blutigen Geschäft  nach Daumenpeilung vor ("imperfect best guess" und "signature strikes").

Da trifft es dann eben auch die Geiseln, wie oben erwähnt. Es brauchte Wochen der Untersuchung, um die Sache zu bestätigen. Ebenso bei den beiden erwähnten Terroristen, die es erwischte – bloß dass man vorher nix von denen wusste und sie nicht als Ziel genommen hatte.

Jetzt scheint sich endlich eine öffentliche Diskussion anzubahnen, die sich mit dieser fehlgeleiteten Killerei befasst. Nach mehr als 400 Drohnen-Attacken seit 2004 allein in den pakistanischen Stammesgebieten ist die Geheimhaltung  löcherig geworden.

Obama entschuldigt sich (aber nur für die getöteten Geiseln, nicht für die anderen Kollateraltoten). Sogar in der Obama-Administration werden Zweifel laut. Zumal die Drohnenkillerei logischerweise Gegenattacken auslöst. Nun soll die Sache auf den Prüfstand, allerdings immer noch mit der Vorstellung, das wären präzise Waffen, es hapere nur an der Kontrolle, wer da gerade gekillt würde. Tranzparenz wird gefordert.

Offenheit

Aber von Offenheit wird beim "Drohnenprogramm" schon lage geredet. Getan hat sich nix, außer dass Obama viel tat, um die Informationen unter Verschluss zu halten. Dafür lieferte er Beschwichtigung. Obama 2013: "Wir schlagen nur bei nahezu voller Gewissheit zu, dass keine Zivilisten dran glauben müssen." Na, und die vielen Zivilisten, die es trotzdem erwischte, "die werden uns in unseren Träumen verfolgen, solange wir leben."

Und jetzt kondoliert der US-Präsi den Angehörigen der getöteten Geiseln. Für wissenbloggt ist das nichts als Heuchelei. Wieso wird nur bei amerikanischen Opfern der Schleier gehoben? Was ist mit den vielen unbekannten Toten?

Damit die schmutzige Killerei "sauberer" wird, soll eine besondere rechtliche Untersuchung (special legal review) gemacht werden, ehe die Drohnen losgeschickt werden. Unter amerikanischen Wissenschaftlern wird die Verfassungskonformität trotzdem angezweifelt.

Wie soll das auch gehen, wenn man nicht genau wissen kann, wer gerade am Zielort ist? Die Behauptung der Militärs, sie wüssten das, ist auch Heuchelei. Auch wenn die Szenerie für Stunden und Tage überwacht wird, ist keine exakte Tötung der Zielpersonen gewährleistet. Die Theorie besagt, mit genauer vor-Ort-Überwachung könnte die nötige Präzision erreicht werden. Aber meistens sind die zivilen Kollateralschäden in der Mehrheit.

Quasioffizielle Zahlen dazu (New America Foundation, Bureau of Investigative Journalism, The Long War Journal): 522 Attacken, 3.852 Tote, davon 476 Zivilisten. In Wirklichkeit sind das grobe Schätzungen. Das Verhältnis von Kollateralschäden zu Zielen dürfte genau umgekehrt sein.

Konsequenzen

Und noch mehr Schaden: In Pakistan und im Yemen hat die Drohnenkillerei eine starke antiamerikanische Bewegung hervorgebracht. Die Be- und Getroffenen mögen es komischerweise nicht haben, dass die ferngeleiteten Bomben unter ihnen aufräumen. Für sie haben die USA ihr Bild als großer Teufel bestätigt (der kleine Teufel ist Israel).

In den USA sind die Drohnenattacken immer noch populär. Bei Befragungen äußern sich 2/3 der Leute dafür. Im Kongress stimmen Demokraten und Konservative gleichermaßen zu. Man glaubt, der Drohnenterror würde die Gefahr von anti-amerikanischen Terrorattacken dämpfen. Und die Untersuchungen, die jetzt gefordert werden? Bei all der Zustimmung wird nicht viel davon werden, schätzt der NYT-Artikel abschließend.

Mal sehen, was die Leute sagen, wenn die Killerdrohnen anfangen, in der anderen Richtung zu fliegen. So untüchtig sind die Islamisten ja nicht, dass sie keine handelsüblichen Drohnen in die Luft bringen können. Was eine Kamera trägt, kann auch eine Bombe tragen. Das Ziel des Terrors ist meistens der totale Kollateralschaden, und das können die Drohnen ja besonders gut. Aber wer weiß, vielleicht wird die Treffsicherheit doch besser. Dann sollte der US-Präsi den Kopf einziehen.

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Eine Antwort auf Drohnentote aus Versehen

  1. Wilfried Müller sagt:

    Dazu eine Infografik von Ammo.com, der Begleittext (20.7.):

    President Barack Obama has received much credit for drawing down American involvement in Iraq and Afghanistan, but less attention has been paid to his administration's embrace of armed drones.
    Under orders from the White House, the military and the CIA hunt down and kill people who have been deemed – through secretive processes, hidden from the press and the American public – worthy of execution.
    These remote strikes tend to take place in foreign countries which are not declared war zones. The number of civilians killed is purposely withheld. And they are all carried out from afar by armed drones, which have become President Obama’s weapon of choice.
    While there has been intense focus on the technology of remote killing, that serves as a red herring for something far more important: The U.S. government’s exercise of worldwide power over life and death. After all, armed drones are a tool, not a policy. The policy is assassination.
    Please have a look at our new infographic, and share it with your fans if you think they would find it informative.

    http://ammo.com/articles/armed-drones-obamas-weapon-of-choice-infographic

    Armed Drones: President Obama's Weapon of Choice [INFOGRAPHIC]
    Via: Ammo.com

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