Neuauflage vom Bologna-Bashing

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male-213729_640Nicht zum ersten Mal ist die Bologna-Reform (1999) der Hochschulen in die Kritik geraten. Ein wissenbloggt-Eigenzitat dazu (Bild: PublicDomainPictures, pixabay):

Wer heute studiert, lehrt oder wirtschaftet, sieht sich einem Bombast an Kontrollen gegenüber, die längst außer Rand und Band geraten sind. Die Unis haben keine neuen Professoren gekriegt, und das akademische Proletariat wird nach wie vor niedergehalten. Aber dafür gibt es Akkreditierungsverfahren  durch Akkreditierungsräte mit Vertretern von außenstehenden Akkreditierungsagenturen. Weil das die Qualität nicht gerade steigerte, gibt es Exzellenzinitiativen. Diese Exzellenz hätte es umsonst gegeben, wenn man den  Diplomingenieur nicht (weitestgehend) abgeschafft hätte, eine weltweit etablierte Marke von Milliardenwert, die einfach weggeschmissen wurde.

Das Problem der Betteldozenten gibt es allerdings schon seit zig Jahren vor Bologna. Gegen die Billigmacherei der Uni-Lehrkräfte wäre vor 30 Jahren eine Reform nötig gewesen, aber die Zustände haben sich anscheinend erst jetzt bis ins Bildungsministerium herumgesprochen. Als Bundesbildungsministerin fungiert nach der Bibelfürstin Dr. Schavan nun eine Fachfrau namens Prof. Dr. Wanka. Und die hat Abhilfe versprochen, auf die nun gewartet wird.

Anders sieht es auf der Bologna-Seite aus. ZEIT ONLINE schreibt am 23.4. in Bachelor – Bologna, Geschichte einer Enttäuschung: Sie wollten unbedingt jüngere Absolventen, nun sind selbst Unternehmen unzufrieden mit dem Bachelor. Der Artikel von Lena Klimkeit liefert eine Übersicht der Frustrierten, und das sind so ziemlich alle. Motto: Die Reihen der Bologna-Fans lichten sich. 

Wirtschaft

Die Wirtschaft verlangte jüngere Absolventen mit langjähriger internationaler Erfahrung und praxistauglichen Kenntnissen. Also verkürzte der Bologna-Prozess die Studienzeit und verschulte das Uni-Wesen, um die Studenten im Schnellgang  für den Arbeitsmarkt fit zu machen. Doch nun bemängelt eine Befragung des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) den Ausbildungsstand der Bachelor-Absolventen.

Nur 47% der Firmen sahen ihre Erwartungen 2015 erfüllt, nach 63% im Jahr 2011 und 67% im Jahr 2007. Zudem mangele es immer noch an der Praxisorientierung der Studiengänge. Sind die Bachelors zu jung? Mit den Master-Studenten sind die Betriebe eher zufrieden, aber die Bachelors haben keine Garantie auf dies Aufbaustudium, das sie zu Mastern macht.

Studenten

Die Zeit schreibt vom Leid der Studenten: starre Modulpläne, ausufernde Prüfungsleistungen, gefrustete Professoren und unzureichende Abschlüsse. Die Studenten sollen ins Ausland gehen, doch der Lehrplan lässt es nicht zu. Sie sollen Persönlichkeit entwickeln, werden aber nach vorgegebenem Muster beschult. Anwesenheitspflicht geht vor Interesse. Dabei zählt der Bachelor-Abschluss gar nicht so viel. Lehramtsstudenten brauchen den Master, und Psychologie-Bachelors dürfen sich nicht Psychologen nennen.

Politiker

Die Leute, die das Bologna-Ei gelegt haben, gackern immer noch zur Verteidigung ihres Werks. Schuld sind die anderen. Nachdem die Unis bolognamäßig verschult wurden, bemängelte die Bundesbildungsministerin letzthin, dass die Studenten so unpolitisch seien wie lange nicht. (Kommentar wb: Wow, die Frau hat Mut. Wenn die Studenten politisch wären, würde sich allerhand in der politischen Szene ändern müssen, und nicht nur an den Unis.)

Ein studentischer Kommentar, wie der von der Zeit wiedergegeben wird: "Es ist schwierig, Menschen in einem so durchstrukturierten Studium für Politik zu begeistern. Wenn man mal ein anderes Buch als das Chemiebuch in die Hand nahm, dann musste man Angst haben, etwas zu verpassen." Immerhin gab es in den letzten Jahren doch einigen Studentenprotest gegen die Bologna-Reform.

Profs

Die Professorenschaft sieht die verschlechterten Arbeitsbedingungen und die Verschulung kritisch, damit fühlt sie sich laut Zeit in ihrer akademischen Freiheit eingeschränkt. Immerhin unterstützte gemäß einer Umfrage 2013 die Mehrheit der Lehrenden die Ziele der Bologna-Reform prinzipiell.

Als da wäre mehr internationale Mobilität, mehr Praxisrelevanz, bessere Lehre – nur dass diese Ziele eher nicht erfüllt wurden. Stattdessen bekamen die Lehrenden mehr Bürokratie und Prüflingsbetreuung aufgebürdet, und dafür hatten sie weniger Zeit für Wissenschaft und Forschung.

Drumrum

Flankierende Links von der Zeit inclusive einer Kontroverse mit der Frankruter Allgemeinen Zeitung:

  • Viele Unternehmen mit Bachelor-Absolventen unzufrieden (23.4.): Viele Bachelor-Absolventen enttäuschen die Erwartungen der Unternehmen. Der Inhalt ist etwa der o.a. Außerdem sei die Abbruchquote mit 30% zu hoch, und überhaupt hätten wir eine Überakademisierung, man brauche wieder Zulassungsbeschränkungen.
  • Arbeitsmoral an Hochschulen – Ehre und Ehrlichkeit der Studenten (FAZ 16.4.): Mein Büro wird aufgebrochen, bei den Prüfungen wird skrupellos betrogen und stolz auf das Erlernte ist eh keiner mehr. Was ist nur an den deutschen Universitäten los? Das Büro durfte nicht videoüberwacht werden, und so wurde das Klausurthema geklaut. Überhaupt haben die Studenten 2-3 Chancen, incl. Nachklausur und mündlicher Prüfung bei entsprechendem  ärztlichen Attest. Geschummelt wird ohne Ende, Atteste für 20% der Prüflinge und Stellvertreter bei der Prüfung.
  • Bologna – Droht der Untergang des Unilandes? Nein. (21.4.): In der "FAZ" stänkert ein Dozent über seine faulen und kriminellen Studenten. Was ist nur mit den Professoren los? Dabei sei das Uniland nicht untergegangen, es erhole sich langsam von der Bologna-Krankheit. Und Studenten seien nicht fauler als die Profs, welche die Studenten so lange auf Korrekturen/Beurteilungen warten ließen.
  • Bologna: Studenten, bleibt zu Hause! (29.1.) In NRW tobt ein Streit über die Anwesenheitspflicht. Die Lösung ist einfach: Schafft das Konzept endlich ab. Die Argumente streiten wider das Chaos von Pflicht hier und keine Pflicht da. Die Anwesenheitspflicht sei ein Relikt aus der Zeit, wo Bologna noch für gut gehalten wurde.

Weitere wb-Links:

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Eine Antwort auf Neuauflage vom Bologna-Bashing

  1. Wilfried Müller sagt:

    Tut sich was? Nein, es tut sich nix: Forschung – Zeitverträge treiben die Wissenschaft ins Verderben (SZ 9.6.): Die große Koalition wollte die Perspektive junger Wissenschaftler verbessern – geschehen ist nichts. Forscher müssen sich weiter nach der Laufzeit von Forschungsprojekten richten. Das ist unwürdig

     

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